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wissenswert erscheinen; manche der Ausstellungsgegenstände und Wiederherstellungen sind geradezu künstlerisch schön zu nennen. Die Hauptzierde und der wertvollste Schmuck des Römisch-Germanischen Zentral-Museums in Mainz wird allerdings immer die gigantische, sigurenreiche Jupitersäule bleiben, das bedeutendste Denkmal römischer Skulptur diesseits der Alpen.
Vorstand und Beamte des Mainzer Museums führten mit der größten Bereitwilligkeit die Gießener Studenten durch die Sammlungen und gaben in dankenswertester Weise eingehende Belehrung über alles Wissenswerte dieses bedeutenden Museums. Mit der gleichen Liebenswürdigkeit übernahmen die ersten Autoritäten die Führung durch die Stadt, die so reich ist an schönen alten Kirchen und anderen Kunstdenkmälern aller Zeiten, und zu den Resten römischer Kultur in der nächsten Umgebung der alten Römerfestung, der Stadtmauer und den malerisch gelegenen Resten der römischen Wasserleitung.
Der Wert derartiger Exkursionen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Einerseits tragen sie zur notwendigen Bereicherung des Studiums bei durch die Anschauung und Erkenntnis dessen, was an alter Kultur in unserer Nähe erhalten ist, Dann , aber wird der Blick des Einzelnen geschärft und sein Sinn dafür geweckt, daß er aufmerksam wird auf die Reste alter Kultur an jedem Orte seines Wirkens. Wer derartige Belehrung und Anregung in sich ausgenommen, wird immer dafür tätig sein, daß alles, was irgendwo an wertvollem Gute alter Kultur zu Tage tritt, sorgfältig geborgen und dem Studium zugänglich gemacht wird. Es ist daher mit Anerkennung zu begrüßen, daß dieses Jahr zum ersten Male staatliche Beihilfe die bedeutenden Kosten der Exkursion mittrug. Seit einer langen Reihe von Jahren konnten diese Exkursionen nur dadurch ermöglicht werden, daß durch Vorträge der hiesigen Professoren der Altertumswissenschaft, Aufführungen der Studenten und freiwillige Beiträge ein einigermaßen genügender Fonds geschaffen wurde. Die dabei austretenden Schwierigkeiten stellten die Möglichkeit solcher Exkursionen ernstlich in Frage. So besteht nunmehr die Hoffnung, daß durch alljährliche Einstellung einer genügenden Summe in das Budget der Staat das Bestehen dieser verdienstlichen Einrichtung gewährlleistet wird, die eine Ergänzung der Universitäts-Institute und des Studiums darstellt; an den meisten deutschen Universitäten erfreuen sich denn auch diese Exkursionen ganz bedeutender staatlicher Unterstützung. Für- Altertumswissenschaft aber können solche Exkursionen mindestens benfelbeit wissenschaftlichen Wert und dieselbe Not- wendigkeit in Anspruch nehmen, wie die schon seit langem staatlich subventionierten Unternehmungen anderer Fächer an der hiesigen Universität.
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Die seit 2 Jahren durch das löbliche Vorgehen der Gießener Kreisbehörde ins Leben gerufenen Haushaltungs- Kochkurse finden überall großen Beifall, so daß auch andere Kreise bald nachfolgen werden.
Noch mehr als in bcn ausgesprochenen Bauerndörfern sollten die Kochkurse namentlich in den Industrie orten Eingang finden. Hier tuts am meisten not, daß Mädchen und junge Frauen in der Kochkunst mehr Uebung und Erfahrung bekommen, als dies nach Lage der Umstände seither möglich war. Die jungen Mädchen besuchen, soweit sie im Hause entbehrlich sind, nach ihrer Konfirmation die Fabrik und bleiben in dieser Beschäftigung bis zu ihrer Verheiratung. Von einer Beteiligung an der Führung des Haushaltes kann kaum die Rede sein, noch viel weniger non der Erlernung der Kochkunst. Bei den jehigeir Teuerungsverhältnisseil kann sich die Familie glücklich preiseir, in der eine tüchtige Hausfrau mit wenig Mitteln eilt nahrhaftes und wohlschmeckendes Essen bereiten kann, und wo dies nicht der Fall ist, da geht der Haushalt doch rückwärts, auch wenn die Löhne steigen. Es sollte darum namentlich in den Jndustrieorten von den Ortsbehörden die Abhaltung solcher Kochkurse nicht verzögert, oder gar versäumt werden.
Der Gedanke, den erwachsenen Mädchen auf dem Lande in Führung des Haushaltes schulmäßige Unterweisung zu geben, ist schon früher ausgetaucht ■ und von
dem Geh. Oberforstrat Zaminer in Nr. 40 der Landwirtschaftlichen Zeitschrift vom Jahre 1839 ausgesprochen worden.
Welchen Anklang die Anregung „für eine Unterweisung der Bauerntöchter in den zu ihrem künftigen Berufe gehörigen Haushaltungsgeschäften" bei der Landbevölkerung fand, geht aus einem Berichte hervor, der im Jahre 1844 auf eine Verfügung des Kreisamtes Gießen von dem damaligen Bürgermeister W. in K. abgefaßt wurde und der uns im Konzepte vorliegt.
Der Bericht lautet:
„Die Verfügung vom Großherzogl. Kreisrat zu Gießen wegen rubrizierten Gegenstandes ist mir zugekommen. Es ist nicht zu verkennen, daß der Wohlstand der Familie wesentlich von der Haus- srau abhangt, und es wird auch zum wahren Wohle führen, wenn alle Bauerntöchter in aller bäuerlichen Wirtschaft vorkommenden Arbeiten zur Tätigkeit, Ordnung, Reinlichkeit und Sparsamkeit angeloitet werden. Dies aber zur Ausführung zu bringen, scheint mir mit vielen Schwierigkeiten verbunden zu sein, wie Widerspruch, Eigensinn und Neid.' Wenn auch in jedem Ort, woran ich nicht zweifle, solche Frauen sein werden, die den guten Rus einer tüchtigen Hausiran haben, und die auch geneigt sind, die der Schule entlassenen Mädchen in der Haushaltung zu unterweisen, so möchten doch auch auf der anderen Seite Neid und Mißgunst es nicht zugeben, ihre Töchter einer anderen Frau aus dein Dors in die Lehre nnb Unterweisung zu geben. Indessen wäre meine Ansicht, für solche Mädchen, die im Alter von 16 Jahren und darüber sind und sich in Beziehung zum rubrizierten Gegenstand fleißig, reinlich, sparsam und sittsam zeigen, durch Belobigung oder ausgesetzte,Prämien aufgemnntert und ausgezeichnet werden, was andere wieder zur Nacheiferung antreiben soll." ,
Durch die treffliche Organisation der heutigen Kochkurse sind alle Schwierigkeiten, die Bürgermeister W. in seinem Berichte ins Feld führte, überwunden. Nicht Neid und Mißgunst können heute als Ablehnungsgrund ins Feld geführt werden, wohl aber mag es hier und da noch am guten Willen fehlen, die Hand zu reichen, wenn bessere Verhältnisse herbeigeführt werden sollen.
* Aberglaube im kaiserlichen Hause. In welch lächerlicher Weise ausländische Zeitungen die gerrng- fügigsten Tatsachen ausbeuten, beweist eine Notiz des „Echo de Paris", die augenblicklich die Runde durch die Welt macht und angeblich von einem Mitglieds der Umgebung Kaiser Franz Josephs herstammen soll. Es soll in öftere. Hofkreisen bekannt sein, daß Kaiser Wilhelm II. einen Krieg deshalb unter allen Umständen zu vermeiden wünsche, weil zwei alte Prophezeiungen besagen, baß er der letzte Herrscher aus dem Hohenzollern-Geschlechte sein werde und ein Krieg seinem Ende gleichbedeutend sei. Die erste dieser Prophezeiungen sei in der Lehninschen Weissagung enthalten, die angeblich aus dein 13. Jahrhundert stammelt soll, von den Gelehrten aber fiir eine Fälschung aus dem 17. Jahrhundert angesehen wird. Sie wurde un Kloster Lehnin ausgesunden. Die zweite Prophezeiung^ die der ersten ähnlich lautet, soll in einem Mainzer Kloster entdeckt worden sein. Das französische Hetzblatt erzählt weiter, daß die Kaiserin von der Wahrheit differ Prophezeiungen überzeugt sei und daher aufs ängstlichste besorgt ist, dem Kaiser von jedem kriegerischen Vorhaben abzu- raten Auch sonst wäre die Umgebung des Kaisers bemüht, bei ihin den Glauben in diese Prophezeiung mit Eifer lebendig zu erhalten.
* Ein Arzt, der 17000 Operationen a u - führte. In Battersea in England lebt ein Arzt, Eolmn Arthur Peters, der einen bemerkenswerten Rekord au Nationen aufgestellt hat. Diese Operationen waren durcyaus nicht einfacher, sondern größtenteils recht komplizierter Art und endeten, o Wunder, bis aus zwei Falle, in eenen die Patienten starben, äußerst glücklich. Londoner Blätter wissen nicht genug die geschickte und sichere Hand des Arztrs zu rühmen, umsomehr, als eine große Anzahl von ^ode^sacken narkotisierter Kranker in den Londoner Hospitälern in letzter Zeit Anlaß zu erregten Erörterungen gegeben hat. Infolgedessen wird jetzt eine schärfere Kontrolle in den Hospitälern ausgeübt, und auch gegen Peters wurde auf Grund einer unglücklich verlaufenen Operation eine Untersuchung em- aeleitet. Es handelte sich um einen, dreijährigen Knaben, der an Mandelanschwellung litt, und für die Operation nut Aethyl-Chlorid betäubt wurde. Die Operation hatte einen


