Ausgabe 
11.7.1908
 
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John Darrows Tod.

Roman von M e l v i n L. S e v e r y.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Doch ich will hier nur Tatsachen berichten, ohne nach ihren Folgen zu fragen. Ein Schimmer von weißem . Musselin war alles, was ich von der Flüchtigen bemerkte, als ich mich mechanisch in Bewegung setzte, und ihr ohne eine besondere Absicht folgte. Da trat plötzlich ein Mann hinter einem Gesträuch zur Seite her» vor und versperrte mir den Weg. Seine riesige Gestalt hob sich unheimlich von der düsteren Felsenmasse ab, in welche die kleine obenerwähnte Höhle führte. Der volle Mondschein beleuchtete das finstere Antlitz; es war Rama Ragobah! Eine Minute standen wir uns schweigend Ange in Ange gegenüber und erwarteten jeder den Angriff des anderen. Ragobah redete zuerst.Sie ist mein mit Leib und Seele, und der englische Hund mag sich aus der eigenen Brut eine Genossin suchen!" Er neigte sich gegen mich und zischte mir die Worte ins Gesicht; sein heißer Atem kam mir wie Gift vor. Ich ivar außer mir vor Wut. Aus dem scharfen Blick, den er nicht von meinem schweren Spazier­stock wegwandte, ersah ich, daß er von seiner überlegenen Kör- perkraft Gebrauch machen und mich angreifen wollte. Er hatte offenbar erwartet, ich würde mit dem Stocke auf ihn losschlagen, jedoch meine große Uebung im Boxen machte meine Fäuste zu meiner natürlichsten Waffe, und da er mir gerade gute Gelegenheit zu einemUnterstoß" gab, io versetzte- ich ihm diesen wirkungs- vollsten Schlag unter den Unterkiefer. Wenn ich ihn aber da­mit auch zu Boden brachte,, so machte ich ihn doch nicht kampf­unfähig. Der Stoß saß leider nicht so, wie ich ihn hatte anbringen wollen. In einem Augenblick tvar Ragobah wieder auf den Füßen und zog schäumend vor Wut ein langes Messer. Ich wußte nun, daß ich verloren tvar, wenn cS ihm gelang, nahe heranzukommen. Um Hilfe zu rufen war nutzlos, denn damals war dieser Teil des Malabarhügels, der jetzt völlig bebaut ist, noch so menschenleer wie eine Wildnis.

Ragobah schien keine Eile mit der Ausführung seiner Rache- tat zu haben; er entblößte kühl seinen rechten Arm bis zum Ellenbogen und schien mit seinen absichtlich langsamen Bewegungen sagen zu tvollen:Ich kann mir Zeit nehmen, du entgehst mir doch Nicht!" Ich umfaßte krampfhaft meinen Stock Äs meine letzte .Hoffnung und erwartete seinen Angriff. .Hätte ich nicht Degenfechten gelernt, so würde ich zweifellos versucht haben, sihm einen kräftigen Schlag über den Kopf zu versetzen. 1P<1Y es auch, worauf er tvartete, aber es hätte mich mein Leben ge­kostet. Er brauchte nur feinen linken Arm zur Abwehr des Schlages aufzuhebcn und mir mit der Rechten das Messer ins Herz zu stoßen. Da ich aus Erfahrung wußte,, wieviel leichter man einen Hieb als einen Stoß parieren kann, beschloß ich schnell, mit dem letzteren mein Heil zu versuchen. Ragobah kam langsam auf mich zu wie eine Katze auf den wehrlosen Bogel, ^ch hob meinen Stock wie zum Schlage, und unwillkürlich hob auch er die linke .Hand empor und näherte sich mir. Jetzt war der .lugen­blick gekommen; ich senkte meinen Stock bis zur -Höhe seines

Gesichtes und machte einen kräftigen Ausfall nach vorn, iit< dem ich mich mit meinem ganzen Gewicht vorwärts warf. Die eiserne Spitze meines Stockes traf ihn, wie er sich vorwärts­bewegte, in die linke Augenhöhle und warf ihn geblendet und betäubt zurück. Ehe er sich so weit erholt hatte,

daß er sich wieder zur Wehre setzen konnte, ver­

setzte ich ihm einen Schlag über den Kopf, der ihn zu Boden streckte. Ohne mir die Zeit zu nehmen, mich zu überzeugen, ob ich ihn getötet hätte oder nicht, floh ich darauf Hals über Kopf in meine Wohnung. Worte vermögen nicht zu beschreiben, welche Seelenpein ich in dieser Nacht empfand. Zum erstenmal seit der schrecklichen Katastrophe hatte ict), Zeit, nachzudenken, wenn man den beständig sich erneuernden Andrang eines über­mächtigen Schmerzes so nennen rann. Wahrhaftig, ich wundere mich, daß ich dabei nicht den Verstand verloren habe. Doch hielt mich der Gedanke aufrecht, daß ich versuchen müsse, Lona auf­zuklären und zurückzugewinncn. Ich schrieb ihr einen Brief in den zärtlichsten Ausdrücken. Alle meine bisherigen Briefe hatten sie erreicht, jetzt kam keine Antwort. Ich schrieb nach einer Pause zum zweiten-, dann zum drittenmal, doch keine Silbe von Lona gab mir Nachricht, ob die Briefe in ihre Hände gelangt waren. Statt dessen erhielt ich durch einen Freund die Kunde von ihrer Vermählung mit Rama Ragobah!

Nun war cs zu Ende für mich mit Lebensglück und Lebens- Hoffnung. Eine völlige Gleichgültigkeit hatte sich meiner be­mächtigt, und cs war mir ganz gleich, ob ich noch länger auf der Erde weilen follte oder nicht. Liebe und Interesse für eine Person oder einen Gegenstand zu empfinden, war ich nicht mehr imstande, und wenn ich mir bewußt wurde, mit welcher kalten Teilnahmlosigkeit ich selbst an meinen Vater und an meine Mutter dachte, so kam ich mir wie ein fühlloses Ungeheuer vor. Ich suchte meinen Mangel an Zuneigung durch um so größere Rück­sicht auf ihre Wünsche zu verbergen und gutzumachen, und so kam es, daß ich jetzt ohne Widerstreben ihren Heiratsplänen für mich nachgab. Ich war das einzige Kind, und !vie das in solchen Fällen oft geschieht, konnte mein Vater sich niemals an den Gedanken gewöhnen, daß ich schon seit längerer Zeit das Aller der Mündigkeit erreicht hatte. Seit meiner Knabenzeit ivar es sein Wunsch gewesen, ich sollte deine Mutter heiraten, und schließlich, als ich fast vierzig Jahre alt war, ging nun dieser Wunsch infolge meiner Gleichgültigkeit gegen alles, was mit mir geschah, in Erfüllung. Ich hatte deiner Mutter selbst offen erklärt, daß ich für niemanden auf der Welt eine warme Zuneigung empfände, aber das schien sie nur zu reizen, und ich glaube, sie beschloß, für ihre Person eine Ausnahme von dieser Regel zn werden. Unsere Heirat vollzog sich also, aber nur, um bald wieder aufgelöst zu werden. Wir trennten uns ohne Groll und sind, wie du weißt, bis zu ihrem Tode gute Freunde ge­blieben.

Erst ein Jahr nach den Ereignissen auf dem Malabarhügel gewann ich es über mich, mit Deiner Mutter nach Bombay zurück- znkehren. Ich hatte gedacht, alles Feuer sei in mir auf immer erloschen, aber ach, wie tvenig kennen wir uns selbst! Noch waren keine zwölf Monate vorüber, und schon empfand ich ein unbe-