359
(Ein Mummenschanz
am Hose Gnsicm Adolfs von Schweden.
'Nachdruck verboten.
In „M. Johann Daniel Mincks Chronik über den 30 jährigen Krieg" findet sich über das Jahr 1631 folgender Eintrag zur Charakteristik Gustav Adolfs, dessen Eingreifen in die deutsche Geschichte vorher gewürdigt worden ist:
„Eben in dießem Jahr (1631), als die Königin (von Schweden) auch gehn Francksurth kommen, stellt der König ein groß panquet oder Wirtschaft an — tote wir gemeine Leute dagegen etwa Königreich halten*) — darbet dann sehr viel Fürsten und Herrn zugegen, verloßeten die Aempter, einer bekam dies der andere ein ander Ampt, besonders fiel dem Könige das loos, daß er Wirt wer (war), die Königin Kammermagd, Herzog Bernhard (teil Weimar) Keller, eine gräffin von Solms Kelkerin (Kell- n e r i n), der Graff von Hanau Narr (H o f n a r r), ein F r ä w l i n v o n S o l m s N ä r r i n, der Pfaltzgraff 'Friedrich V, gewesener König von Böhmen, ward ein Jesuit, nsw.: und ein jeder hatte seinen gepührlichen Habit (Kleid) an, nachdem daß Zugefallene Ampt erforderte: der König eines bürgers Kleid von Herrn seid und ausgestochenem Kragen, samt einem großen Klopf- schlüßel an der Seiten.
Tie Königin ihrer Magd Klehd, der pfaltzgraff einen Je- suitenrock und Haube, welcher dan wegen seiner langen schwanken statur und schwartzen Farbe einem Jesuiten gar ähnlich sähe, also daß auch der König sein selbsten lachete und zuut Herzog von Lautereck sagte: Es ist keiner, der sein Person naturaler präsentiert als der König in Böhmen.
Aber disch wie auch sonsten tourt) dem König dismal kein Vorzug! geben, er muste unden an sitzen tote auch die Königin, und erzeigte sich sehr fröhlich, da waren auch treffliche musicanten bestellt, so musicirten, da sie Eßens satt, stunden sie auff zum Tantz und ließ ihm (sich) der König den Westerwälder spielen, den er dan mit der Närrin in hohen lustigen Sprüngen uff bäuerische (bäuerische) monier tantzte."
Zum Ausweis, daß er nur Tatsächliches, nicht Erfun- denes -erzählt, fügt der Chronist seinem Bericht hinzu:
„Was nun bisher Zeitt aufshaltens deß Königs in Franck- furth berichtet, hab ich, nach deine ich mich damalen eben in 3 Viertel Jahr lang bey denen von Crohnenbergk alß ein Prae- ceptor (Lehrer) zu Francksurth auffgehalten, selbsten gesehen und gehört, gestalt ich sehr offt mit meinen Junckhern in deß Königs Eß-saal im großen Braunselß auffgeivartet, und was ich allda observiert, dem frommen König zu Ehren hierher auff- zeichnen wollen."
Der vorstehend wiedergegebene Auszug ist allerdings weniger ein Beleg für des Königs Frömmigkeit, als für seine menschliche Fröhlichkeit. Es handelt sich indessen auch nur um einen Auszug. Des weiteren wird in der Schilderung gehandelt von den „Gaben des Königs" und von seiner „Andacht"
Die Chronik findet sich in Handschrift im Original im Pfarrarchiv zu Großbieberäu im Odenwald, wo der Chronist Minck von 1636—1654 Pfarrer war. Geboren ist er 1611 zu Gießen. 1664 starb er als Pfarrer zu Groß- Gerau. ' Fr. Germer.
*) Ter Ausdruck „Königreich halten" bezeichnet ein Treiben der geschilderten Art, tote es zum Beispiel am Ku rfürstenHof zu Mainz jedes Jahr um Fastnacht aufgeführt wurde. Tie Aemter, vom Kurfürsten abwärts bis zum Küchenjungen werden vertauscht, und jeder muß die ihm zugewiesene Rolle spielen ohne Rücksicht auf sonstigen Stand und Stellung.
Neue Salsnwagen für den Aaifer.
Nach dem Vorbilde der neuen Hofwagen für Kaiser Franz Josef und König Eduard werden demnächst neue Wagen in dem Eisenbahnpark des Kaisers Aufnahme finden.
Der Grundsatz der Eisenbahndirekiionen, die Unannehmlichkeiten einer Fahrt durch Anwendung aller modernen Fortschritte der Eisenbahntechnik nach Tunlichkeit zu mildern, findet besonders bei kaiserlichen Hofreisen volle An- wendung, da der Kaiser bei Ankunft in einer Stadt selten Gelegenheit zur sofortigen Ruhe findet, sondern meist erst einem langen Programm von allerlei Repräsentationen entgegengeht und daher während der Fahrt — die meist nachts erfolgt — dringend des Schlafes bedarf. Die Tageswagen sind alle zimmerartig möbliert, doch befinden sich die Stühle und Tische meist an den Wänden, um eine möglichst breite Passage zu erzielen. Bei den neuen Wagen werden nach Tunlichkeit Klappsitze angebracht werden, um den Raum möglichst wenig zu beschränken. Die Fenster sind größer als bei den gewöhnlichen Wagen und können durch Vorhänge und Rollbleche abgeschlossen werden.
Für den Privaigebräuch des Kaisers ist in einem eigenen Wagen ein Schreibzimmer mit umfangreichem Schreibtische und eine Miniaturbibliothek eingerichtet. Zwei große Salonräume, Schlafzimmer und gesonderte Abteilungen für die Begleitung vervollständigen die fahrende Residenz. Alle Wagen sind mit elektrischer Beleuchtung versehen, die durch Akkumulatoren gespeist wird. Die Tische lausen aus Schienen.
Da der Kaiser oft die Nacht auf der Reise verbringt, dürfte es nicht uninteressant sein, zu bemerken, daß er nicht etwa während der Fahrt schläft, sondern daß zu diesen! Zwecke der Hofzug auf ein totes Gleis geschoben wird, wo er 4—6 Stunden — so lange pflegt der Kaiser zu ruhen — lagert, um dann die Weiterreise anzutreten. So kommt es, daß oft zu einer Fahrt von acht Stunden deren 13—14 gebraucht werden. Selbstverständlich muß der Hofzug, wenn es auch für ihn keinen Fahrplan gibt, seine vorgeschriebene Fahrzeit einhalten, damit Zusammenstöße vermieden werden. Zur größeren Sicherheit wird jedoch sein Passieren von jedem Wärterhaus telegraphisch der nächsten Station gemeldet.
Der Eisenbahnpark des Kaisers umfaßt etwa 60 Wagen, von denen jedoch nur die neuesten in Verwendung sind, die genügen, um zwei vollständige Hofzüge herzustellen. Die Konstruktion der Wagen selbst zweigt von der der übrigen Schnellzugswagen nicht wesentlich ab; sie weisen eine viel stärkere Federung auf, die bei den gewöhnlichen Gebrauchstypen nicht anwendbar ist, weil sie eine allzuhäufige Beanspruchung nicht verträgt und dauernder Auswechselung der am stärksten belasteten Teile bedarf. Die dicken Teppiche, mit denen der Boden bedeckt ist, sind dazu angetan, das typische Rütteln fast unmerkbar zu machen. Die Akkumulatoren betreiben auch mechanische Ventile, die jeder Wagen an der Decke enthält, und speisen die Oefen, die durch eine sinnreiche Konstruktion unsichtbar in den .Wänden angebracht sind,
vermidchSs».
* Französische Studenten von einst und jetzt. Alfred Capus, der feine Schilderer des Pariser Lebens, hat in einer Conference ein lebendiges Bild des französischen Stu- deuten von 1830 bem von 1908 gegenübergestellt, und diese Kontrastiernng wird auch bei uns Interesse erregen, zumal kürzlich erst französische Studenten Deutschland besucht haben. „Die Studenten von 1830 lebten lustig und ihr Vergnügen äußerte sich mit Geräusch und in Ausbrüchen wilder Laune. Sie verachteten die Bürger und die friedlichen Leute; sie führten, ohne sich um den morgigen Tag zu kümmern, ein Leben voller Wonne. Es war die berühmte Zeit der Bo Home. Von großen Dichtern und Künstlern ist sie gefeiert worden; sie hat eine Rolle gespielt in der Geschichte unserer Sitten. Die lieben Geschichten, die emporstiegen aus dieser Epoche der Schwärnierei und Tollheit, sie entzücken uns noch heute. Die schweren Zecken, die sie überdeckt haben, vermochten ihnen nicht all ihre Grazie und all ihren Duft zu rauben. Mögen wir auch empfinden, daß wir unfähig' geworden find, ähnliche Stunden wieder zu erleben, sie verfolgen uns doch mit ihrem Lächeln und ihrer Phantastik. Wir hegen noch die gleiche Zärtlichkeck für diese jungen, Vogelhasten Frauen, die unsere Großväter geliebt haben, für dies« Musettes und Mimis, mit denen zusammen sie die Tage ihrer Studien verbrachten. Entzückende Geschöpfe müssen sie gewesen sein, einfach Und selbstlos. Glauben wir denen aufs Wort, die sie uns in so zärtlicher Erinnerung gelassen haben, versuchen wir nicht, die Wahrheit hinter diesen so fernen Abenteuern zu suchen und genießen wir nur ihre Poesie! Die Grisette und der Student! Es ist vielleicht nur eine Fabel, aber sie ist unsterblich. . . Wenn unsere Studenten von heute von denen, die Musette liebten und auf den Barrikaden fangen, tausendfach verschieden sind, so wäre eS kindisch, darüber zu jammern oder zu zetern. Wie ihre Vorfahren find auch sie junge Franzosen, verliebt in das Leben, aber sic lieben es anders. Und das Leben selbst hat so völlig Reiz, Aussehen und Sinn geändert! Es ist so kompliziert geworden, so gewaltsam, daß die Jugend unserer Schulen notwendig seinem Andringen sich hingeben und in der Berührung mit ihm sich umformen mußte. Denn wie ihre Vorfahren haben sich auch die Studenten von 1908 der Umarmung ihrer Zeit hingegeben, und wenn das gegenwärtige Leben selbst für junge Leute nicht mehr soviel Phantastik und heiteres Sichgehenlafsen ein- schließt, wie ehemals, ist das ihr Fehler? Anstatt eines malerisch winkligen Quartier Latin haben sie eine weite und luftige Stadt gefunden: man kann nicht mehr dieses fröhliche Bohömeleben führen in dem neuen Stadtviertel zwischen den fünfstöckigen, Häusern und in den breiten Straßen, in denen die Automobile pfeifen. Dazu braucht man enge Trottoirs, viele Bekannte, Gemütlichkeit: die gibt es nicht mehr. So sind unsere Studenten keine Zigeuner' mebr, keine lustigen Zeitverichwender, obwohl sie sich


