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Werner sprang auf.
„Bester Vater! Erst heute weist ich, wie lieb ich dich habe!" Heinz sah und hörte alles wie int Traum. In seinem Herzen brannten die Worte, mit denen Isabella sich von ihm losgesagt, ihn verleugnet, sich auf die Seite seines Widersachers geschlagen hatte, wie Schwcrtspitzen. „Vorbei", schrie es in seiner Brust. Alles andere . . . was flimmerte es ihn noch? Lag nicht sein Hoffen und Sehnen, seine Welt und seine Zukunft in Trümmern? . . . Nachdem der Kommerzienrat die Tafel aufgehoben hatte, entfernte er sich rasch, nur von Werner Abschied nehmend.
Herr von Bannemann aber blieb. Er dachte nicht daran, das Feld zu räumen.
16. Kapitel.
„Vorbei!"
Wohl kam Heinz öfters der Gedanke, daß Isabella am Abend vor ihrer Abreise nicht aus innerer Ueberzeugnng gegen ihn Partei genommen hatte, sondern aus loderndem, ihrer gekränkten Eiwlkeit entsprungenem Zorn. Doch was änderte das? Daß sie sich von einem ebenso zügellosen wie kindischen Bergeltungstrieb hatte hmreißen lassen, sich in Gegenwart seines Widersachers auch nur den Anschein zu geben, als hätte sie sich von seinen Idealen und damit auch von ihm selbst losgesMS -denn das war kein Unter]cyteb —, bsvies den Mangel jeglicher Selbstzucht, ihre Lügenhaftigkeit, die Haltlosigkeit und Schwäche ihres Charakters, und gewiß: niemals hatte sie an seiner Arbeit mit heiligem Ernstterlgcnommcn, denn seine Heiligtümer verleugnet mntt auch ttn to’Jbeiten Zorn nicht. Spiel, müßiger Zeitvertrieb ivar ihr Krankenpflege, Armenhüsie nnb Abendschule gewesen, gleich ihrer Konzerttournee im Winter, gleich Reiten und Jagen. Und auch rn ihrer ,,-Jeöe" zu ihm hatte sie wohl nichts gesehen als «« Sp-el und einen Zeitvertreib. Ihr Werben um seine Gunst, ihre kindlich-sanfte Ergebenheit, das Fügen in seine Wünsche . . .
,uc^t irt 'brer Natur, war nur eine Reihe künst- ?bwe]en, die Herrschaft über ihn zu erlangen. Denn Feele Wummerten Tyrannengelüste, schlummerte die ^f/®et6eS' den Mann zu unterjochen, ihn sich zum Sklaven, zum Spielzeug zu machen ...
Vorbei!
gemartert hatte, sänstigte sich bald; denn Mit scharfer Sotioe durchgruo er sein Herz und riß in Selbst- m£X9 6nQsd' toClä an Eifersucht und gekränkter Eitelkeit darin scherte Und wie er dabei von Tag zu Tag deutlicher erkannte daß von ferner seele zu Isabellas Seele sich keine Fäden innige-c A mnmengehongkeU geipo.men hatten, daß einzig ihre Schön- he,t, die sie so meisterhaft ins blendendste Licht zu sehen ver- stand, ihn betört hatte, kam es wie Erleichterung über ihn.
< m. nic^ mQn4e Stunde in Liebesgetändel vertrödelt manche kostbare, unwiederbringliche Stunde, die seinem Beruf gehörte? War in' dem immerwährenden Schwanken zwischen Hoffen
rnWf>t fe-rt ®cnfen und Empfinden hundertmal bei Ä? nn,rat? bei seinen Pflichten und Zielen, —
^rfuhrerischen Atmosphäre des Friedheimschen **'*■* * *•**• “•™- di-
Zwei Wochen ins Land gegangen waren — Wochen, er, 1etncr Leiden,chaft völlig Herr geworden zu sein kEbin Brief von Isabella. Vorwürfe über seinen mit 33,ttert um Vergebung für ihr eigenes ^b 'ches Benehmen , Versicherungen unwandelbarer Liebe und Mttteil.!na"^^b -^^mchtsseufzer und zuletzt die triumphierende E^ilung, daß ste Bannemann zum zwettenmal einen Korb worden" märe fte benrt "den Versucher glücklich losge-
m...,®1« sHwüler Duft von Nelken wehte aus den rosenfarbenen Blattern ihres acht Seiten langen Schreibens und legte sich Heinz bEernmend auf die Brust. Er erinnerte sich, daß sie S b^ues. Mit dem Geruch der Veilchen parfümiertes feifChaAtCr benutzt hatte, und in einem Gefühl ungerechter Bitterkeit dachte er: nicht einmal hierin ist sie beständig!
wideruna $^cfz Bi? cr M über den Wortlaut der Er-
Ab^r wie -löT Ul '««en Schreibtisch schließen,
möchte f 8 ? uVbm öl‘-r, daß er sich verlocken lassen
rLS dr^l zu lewn, und daß die süßen Liebeslaute, Mngen wei^ «berstrchnten, zu seinem Herzen
Da zündete^Ä^^N?m verlangend entgegenstrecken würden.
v beä ^stbaren Siegelgerätes an, das ihm Geschenk gemacht hatte, und ver- orannte den Brief. Trüber Gedanken voll, starrte er dabei ht hie Flamme, und hernach, als Nelkenduft und Sehnjuchts'eufzer Mit dem rosenroten Briefpapier in Rauch und Asche aufgeganaen WEN' war es ihm, als' ob Isabellas dunkle Augen ihn von Een Wanden, Ms allen Winkeln seines Stübchens grüßten.
Die Sage vom Wildfr-m-Loch bei Groß-Felda.
(Nachdruck verboten.)
An der Straße von Ermenrod nach Groß-Felda liegt — ,o sll)reibt man uns — rechts der Lohberg, eine terrassen- so^rrig angebaute Anhöhe, von der man einen herrlichen Blick auf Groß-Felda, Ermenrod, Schellnhausen und Windhausen hat. _ Gttva in halber Höhe des Berges ist eine Somurerwirtschaft erbaut, in der an Sonntagen die Jugend beim Klange der Ziehharmonika sich zum fröhlichen Tanze versammelt. Wohl 200 Schritte hinter der Wirtschaft tut sich ein o-elsspalt auf, und ein kellerartiges Gewölbe, das sogen.' Wildsrau-Loch, liegt vor uns. Die Alten in Groß-Felda erzählen von einer wilden Frauj die in dem Loche ihre hctt' erscheint am Abend mit einem Korbe voll Lernen, das sie im Ententeich bei Klein-Felda auswäscht. Kleine Kinder, die sich noch spät abends auf der Straße oder int Felde aufhalten, lockt sie mit allerhand schönen Versprechungen an sich, und wenn sich die Kinder ihr nähern, dann stoßt sie sie in den Teich!, oder sie nimmt sie mit ins Loch auf Nimmerwiedersehen.
Erst am dritten Tage beantwortete er Isabellas Brief.
batten mich nicht um Verzeihung Bitten sollen; denn ?U öer3«r'sn- Sie sind die Herrin Ihres Es und ^hrer Worte gewe,en, und Sie werden diese Herrin bleiben. Las Recht, das ich an Sie zu haben glaubte, war Ein- bi.dung Traum. Was ich Uon Anfang an dumpf fürchtete, ist nur wtzt sichere Klarheit geworden: die Kluft zwischen uns ist zu groß, als daß ste ftch jemals überbrücken ließe. Sie müssen drüben ^;hren Weg durchs Leben gehen — ich hüben. Ohne den Hauch eines Vorwurfs gegen Sie zu erheben und mit allen üuteu Wünschen für ^zhre Zukunft gebe ich Sie frei -— ob» Ss«w auch das nach dem zwischen uns geschloffenen Vertrage ja eigentlich eine leere Formel ist."
Vorbei! . . .
e. ~®tc Wochen gingen ihren Lauf; die Getreideernte auf den Feldern wurde durch anhaltende Regengüsse im August stark verzögert, und die zweite Wiesenmahd begann erst im September der mit ungewöhnlicher Hitze einsetzte, die das Gras verdorren ließ, ehe noch die Senfe des Schnitters es niedergemäht, einer ?InL««to bcr Menschen und Tiere furchtbar litten; denn selbst die Nachte vermochten den versengenden Hauch, der die Erde zu emem Backosey machte, nicht abzulühlen.
Wohin Heinz auch kam — nichts hörte er als Keuchen und Seulzeu; nur für eine schien es nicht Müdigkeit noch Erschlaffung zu geben, nur eme klagte nie: Martha Bartikow. Mit ihrem raschen, federnden Schritt ging sie durch Hof und Garten, über me Straße und über das Feld vom frühen Morgen bis zum spaten Aoend, immer die festen Hände voller Arbeit, immer den llugen Kopf voller Sorgen — und immer die hohe Gestalt kerzengerade, den blonden Kops stolz und steil im Nacken — alles Kraft und Leben.
Hemz sah sie jeden Tag', oft sogar zu verschiedenen Malen, 7. d/r ihre Begegnungen waren fast immer kurz; denn nur selten tteß Martha sich in ein Gespräch mit ihm ein. Ein flüchtiger Iruß, eine knappe, wenn auch freundliche Antwort auf feine Frage, und sie schritt weiter. Gewiß, sie war in dieser Zeit mehr denn je von Eile getrieben; aber dennoch, Heinz hatte es langet gemerkt: feit jenem Tage, an welchem sie an fein ent Krankenbett mit Isabella Friedhelm znfanimengetroffen war, wich sie jebem Gedankenaustausch, jeder näheren Berührung mit ihm planmäßig aus.
Aber er sah sie doch, konnte sich ihrer elastischen Bewegungen/ ihrer reinen, seelenvollen Züge freuen und ihren Bienenfleiß, ihre Anstelligkeit, ihre Tatkraft bewundern. Schon während her verregneten Getreidemahd, in der man jede trockene, vom frischen Windhauch durchwehte Stunde hatte wahrnehmen müssen, war Martha oft genug selbst auf einen der hohen Leiterwagen gesprungen und, die Seine des Vierergespannes fest in den Händen/ was die Pferde laufen wollten, hinausgerafselt aufs Feld, uni so viel des kostbaren Erittegutes unter Dach und Fach zu bringen, wie sich die launische Witterung irgend hatte abstehlen lassen. Und jetzt, in der sonnendurchglühten Heuernte, in der jeder Männerarm die Sense schwingen mußte, um das Gras zu mähen, ehe es auf der Wurzel vertrocknete, lenkte sie eines her Gespanne in ununterbrochener Folge vom Gehöft zu den Wiesen, von den Wiesen zum Gehöft; und es gab nicht wenige, die da fagten; »An Martha Bartikow ist ein Mann verloren gegangen,"
(Fortsetzung folgt.)


