Ausgabe 
11.6.1908
 
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Donnerstag den

I)

M8 Ur. 90

Wirket, so lange es Tag ist.

SHonian. von Maximilian Bott ch e r.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

>,Sagen Sie mal, Herr Hülfsprcdiger", wandte sich der Forstmeister eben in scheinbar sehr interessiertem Ton an ihn, 'was lernen denn die Kindr eigentlich so hauptsächlich in Ihrer Abendschule?"

Heinz begegnete dem forschenden, auch jetzt von Hochmut Nicht ganz freien Blick mit prüfendem Ausdruck.

Spiele n, Herr von Bannemann", antwortete er mit er­zwungener Gelassenheit,sich des Lebens freuen, ein Ge­ringes von der schweren Kunst, in der andere, Glücklichere, lote Sie zum Beispiel, die Meisterschaft schon mit auf die Welt bringen."

Hm", machte der Forstmeister und schob, die Nüstern blähend, mit den hageren Spinnenfingern sein Weinglas zurück;auf dem Gesellschaftsabend beim Grafen Voß, gestern wurde die ein­stimmige Meinung laut, daß Sie eigentlich nicht gut daran täten, die Leute aus dem geistigen Niveau, auf dem sie von Alters her stehen, sozusagen Par force herauszuheben. Das Bildungs­maß, das heutzutage die Schule böte, wäre schon überreich bemessen für die vierte Klasse, ja, man könnte getrost sagen: dieses, in den wenigsten Fällen verdaute Bildungsmaß sei geradezu eine der Hauptursachen für das unheimliche Anwachsen der Umsturz­partei und..."

O", unterbrach Vollrath mit Lächeln,ich kenne den Stand­punkt der Nietzscheschen Herrenmoral wohl: Wenn du Sklaven willst, bist du ein Narr, freie Menschen zu erziehen. Graf Boß speziell hat einst zu meinem Onkel, dem Kantor Nagel, gesagt: Wenn die Jungens einen ordentlichen Diener machen können, so ist das Bildung genug. Doch wird mich das nicht hindern, weiterzugehen auf dem Wege, den ich für den rechten halte."

Sie werden fich dann aber auch nicht wundern dürfen, wenn Leute, die sich durch Ihr Wirken in ihren altangestammten Rechten bedroht sehen, eines schönen Tages energisch Front gegen Sie Machen."

Nein . . darüber werde ich mich in der Tat nicht im geringsten wundern. Nur hätten Sie nach meiner Meinung für Rechte Vorrechte sagen müssen. Angestammte Rechte gibt es wohl kaum. Die gestern galten, gelten heute nicht mehr; und die heute gelten, werden vielleicht schon morgen durch neue ersetzt werden. Nur die Sehnsucht nach Gerechtigkeit bleibt ewig."

Friedhcim neigte fast unmerklich den kahlen Kopf und zerrte wieder, den Blick seiner klugen Augen ins Leere gerichtet, an feinem Schnurrbart.

Isabellas linke Hand trieb unterdes ein nervöses Spiel mit dem Dcssertmesser. Sie spürte Verlangen, Heinzdie Schmach der Zurückweisung", die er ihr trotz ihres verzweifelten Liebes- werbens heute wieder angetan hatte,mit Zinsen heimzuzahlen". Und sie zögerte und wählte nicht lange.

Mein Gott", Hub sie an, ohne sich dabei an jemand Be- stimmtes zu toenden, gleichsam ins Leere sprechend,die Sehnsucht nach Gerechtigkeit... das scheint mir ein sehr dehnbarer Be­griff. Und überhaupt uni es offen zu sagen Herr Boll-, rath geht wohl wirklich etwas zu weit." Sie hielt einen Augen­blick inne, Heinz mit dem Ausdruck höhnischer Herausforderung atiblitzend.Ich habe mich ja auch eine Zeitlang unter des Herrn Hülfspredigers Einfluß für die Werktätige Nächstenliebe, lebhaft interessiert", fuhr sie dann im. Ton der Selbstironie fort. Aber ich bin doch, zwar langsam, aber sicher, dahinter gekommen, daß man seine Hände besser davon läßt. Gibt man den Leuten heute Brot, so wollen sie morgen Kuchen. Und schafft mast ihnen heute eine leidliche Wohnung, so möchten sie morgen, daß wir unsere Schlösser mit ihnen teilen. Herr von Bannemann hat recht. Und ich für meine Person habe mich entschlossen, in Zukünft höchstens noch eine mäßige Wohltätigkeit per distance zu üben. Man erntet doch nur Undank für seinen guten Willen,"

Wieder zuckte ihr Blick mit Hohn zu Heinz hinüber.

Dem !var es, als hätte er einen Schlag erhalten. Er sah den Triumph, den Bannemann enipfand, den Triumph, der so groß >var, daß er sich sogar in den Augen widerspiegelte. Seiner- Sinne nicht mächtig, knüllte er seine Serviette zusammen und legte sie auf den Tisch.

Aber, lieber Freund", suchte ihn der Kommerzienrat zu beschtvichtigen und drückte ihm die Hand auf den Arm.Ich bitte Sie. Sie müßten meine Tochter doch besser kennen", be­tonte er.Sie müßten doch wissen, daß das, was sie da sagt, nun rind nimmermehr ihre ernsthafte Meinung sein kann. Sie wollte offenbar dem drohenden Konflikt zwischen Ihnen und Herrn von Bannemann die Spitze abbrechen und hat sich dabei von ihrer Gutmütigkeit zur Unüberlegtheit hinreißen lassen. Ver­lassen Sie sich darauf. Ich werde doch meine Kinder kennen, ich werde doch wissen, wie cs in der Seele meiner Isa aus­sieht. Ist meine Isa doch seit Monaten treu und hingehend bemüht gewesen, mein im gefühllosen Geschäftsleben verknöchertes Herz dem belebenden Hauch Ihrer Weltanschauung zugänglich zu machen." Er strich seinen Schnurrbart und wandte sich dann mit einem1 seltsamen Lächeln an den Forstmeister:Sehen Sie, Herr Baron, wir leben in einer wirtschaftlichen Konfliktszeit. Vom Konflikt zum Delikt aber kostet cs immer nur einen Schritt, und so liegt es doch wohl ein wenig an uns, wenn unsere Zwangs­anstalten aller Art bevölkert find von Leuten, die gewiß von Natur nicht schlechter sind als ivir. Und so habe ich mich entschlossen, im Oktober, wo ich meinen sechzigsten Geburtstag feiern kann, zwei Millionen zu spenden für verschiedene Kassen und Wohltätigkeitsanstalten. Ich wollte über meine Absicht eigent­lich kein Wort verlieren, sie an meinem Geburtstage stillschweigend zur Tat werden lassen. Wenn ich nun doch geplaudert habe" er sah Vollrath an und verneigte sich leicht vor ihm so deshalb, lieber Freund, weil ich Ihnen für die unüberlegten Worte meiner Tochter eine kleine Genugtuung schuldig zu sein glaubte."

Er schwieg, trank sein Glas Wein ans und blickte lächeln« vor sich hin,