Ausgabe 
11.4.1908
 
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Jiiib sogleich in einen Strudel geselliger Vergnügungen. Das Mittel hals scheinbar. Man ist doch nicht umsonst jung, hübsch und vom brennenden Wunsch glücklich -u sein, beseelt. Meine Cousine verstand es auch ein junges MÄdchen efsektvoll zu lan- eieren. Man machte mir den Hof, ich wurde umworben. Nahe lag Dvbrau und Edmund Twß war der Lowe des Tages. Er Kickte sich als solcher schon lange behauptet. Auf einer Parforce­jagd lernte ich ihn kennen und er zeichnete mich vorn ersten Augen­blick an aus. Das war mir sehr willkommen. Wie er war und was er war, das ahnte meine Unerfahrenheit ja nicht, ich sah nur, dass er, der Verwöhnte, bald mein gehorsamer Sklave wurde und das berauschte mich geradezu. Ich ivollte ja vergessen und glücklich sein, und so habe ich in meiner' jungen Dummheit vhne Zögern Ja gesagt. Ein Mädchen, das sich .verschmäht glaubt, ist stets in Gefahr, den ersten besten zu nehmen. Ich hatte eine Niete gezogen aber das gehört nicht hierher. Ja, besser vielleicht so, als wenn ich einem guten, braven Mann mein leeres Herz dargebracht hätte! Erst in den Jahren, da aus dem törichten Mädchen die Fran wurde, die durch manches Fegefeuer der Enttäuschung hindurchging, schärfte sich mein Blick und ich lernte nachträglich erkennen, daß ich Ihre Liebe besessen und daß Sie gekämpft und entsagt hatten. Ich begriff ja nun auch Ihre edlen, wohlerwogenen und grausam vernünftigen Motive. Sie wollten mich nicht an Ihr schmerzensreiches, gehemmtes Da­sein ketten. Sie meinten, ich könne bereuen und unglücklich werden. Heute frage ich aber: Glauben Sie wirklich, daß ich eben vor Ihnen stände als eine frühgealterte, müde, vom Leben zerquälte Frau, wenn Sic mir damals.gesagt hätten:Bleib, Anne Marie?"

Jetzt aber fuhr er auf:

Und das sagen Sie alles so ruhig, während ich" Während Sie erregt sind, lieber Freund? Das kommt da­her, weil ich alt geworden bin und Sie jung geblieben sind."

Weil ich nie, vergessen habe, Anne, wie Sie cs anzunehmen scheinen. Weil mir jene liebe Zeit immer lebendig in Erinnerung steht, als ein köstliches Kleinod, mit tausend Schmerzen erkauft. Heute möchte ich fast sagen: Verzeihen Sie mir, daß ich Ihr Bestes wollte! aber damals konnte und durfte ich nicht anders handeln. Doch wenn Sie wüßten, wie ich gelitten habe.... nicht erst als Sic gingen, nein, schon damals, als Sie noch zu­gegen waren und mich mit , Ihrer Mrsorgenden Freundlichkeit umgaben. Das Ende dieser schönen Zeit stand immer vor mir. JDft, wenn Sic dachten, körperlicher Schmerz mache mich stumm, hielt ich die Worte nur zurück, um mich nicht zu verraten, und die Augen geschlossen, um die anfsteigenden Tränen zu verbergen. Wenn je, so habe ich damals Gott angefleht, mein Kreuz von Mir zu nehmen, und wenn je, so habe ich damals daran gezweifelt, daß er mein Bestes wolle, indem er mir dies Opfer abverlangte aber daß er cs mir abverlangte, daran, Anne Marie, habe ich «« gezweifelt!"

Da er schwieg, sagte sie, nur:Weiter! weiter!" und faß dann lauschend zusamineilgeschmiegt, ivie ein grauer Schatten, Wgungslos.

Er sprach weiter, immer wärmer, leise, zuletzt leidenschaftlich, wie ihn, noch nie jemand hatte reden hören, llnzählige kleine, unvergessene Erinnerungen holte er hervor, und alles, was er damals empfunden hatte, legte er ihr gleichsam zu Füßen und sie stumm und lauschte, luie man einer bewegten, ergreifenden Musik lauscht, uitb wenn er stockte, fragte sie: Haben Sie mir nichts mehr zu sagen? Und dann sprach er weiter. Oh ja, er hatte ihr viel mehr noch zu sagen, und nun, da er einmal aus imer Ruhe gerissen war, fand er sich im Ueberschwang seiner Gefühle selbst nicht wirb er. Endlich schwieg er und sah sie nur bettend an.

Anne Marie sprang auf.

Ah!" sagte sie und streckte sich tiefaufatmenddas lat gut! Es kommt um siebzehn Jahre zu spat, aber es tat doch gut. Ich möchte Ihnen für diese Wegzehrung danken, nur ver­steh ich's schlecht!"

Sie nahm seine Hand und drückte sie fest.

Sie sind doch ein lieber Mensch, Wilhelm, ivie Sie das so verstehen, aus der Seele anderer das Bittere und Häßliche wegzuwaschen durch Ihre Worte und Ihre Stimme. So. llud nun leben Sie wohl und nennen Sie fortan nicht nur Helnruth, auch mich Ihren Freund!"

wollte sich losmachen und die Halle verlassen, aber sein elrm hreck sie zurück und seine Astgen leuchteten sie an, >vährend tr sie an sich zog:

,Liebe, liebste Frau, denkeii Sie ernstlich, ich ließe Sie jetzt "^.^blteres {ort? Weshalb sind Sie denn gekommen, wes­halb habeir Sie mir de:m all das Liebe, Vorwurfsvolle gesagt wenn nicht, um hinzuzufügen: Ich verzeihe dir und hab dich beute noch lieb?"

Sie lächelte ein wenig und strich ihm liebkosend mit der kühleii Hand über die Stirn.

Zugegeben. Es kommt ja so wenig darauf au! Das Ber- steckensspielen verstand ich nie und weshalb soll ich Ihnen nicht sagen: Ja, ich hab dich lieb, wenn ich dir auch lange bitte« zürnte.... heute ward's vergessen!"

Da schloß er sie in die Arme.

Also bist du mein!" sagte er mit vor Bewegung zittern- der, frohlockender Stimme.

Sic ließ ihn gewähret!. Ein'ganz schwaches Rot stieg in chre Wangen und einen Augenblick lag ihr Kopf an seiner Schulter. Amr bann machte sie sich los, seufzte auf und lächelte trübe:

Dem? Oh nein, lieber Freund! Das Blättchen hat sich gewandt. Jetzt bin ich es, der Bermmft und Rücksicht gebietet, tru) ntcht <v>hr harnwnisches, schönes Leben zu t>rängen, welches gar kerne» Ergänzung mehr bedarf. Sagen Sie selbst, !vo wäre neben stirer Schwester noch Raum für die alternde, nervöse Frau? Und ich bin beides. Was sollte ich hier? Ihr inniges Zusaimnen- kben stören? Nichts liegt mir ferner. Man sagt, Ihre Schwester wolle nie heiraten. Das finde ich so begreiflich. Wären Sie mein Bruder, ich Würbe mich nie heiraten. Lassen Sie uns Freunde bleiben, darum bitte ich. Lassen Sie uns die Zeit meines Hierseins ausnutzen, besuchen Sie mich in Bardes, Adieu!"

Ehe er ihr folgen konnte, war sie verschwunden.

(Fortsetzung folgt.)

Pa!mfonntag.

Bott Heribert v. Hiller-Sternberg.

(Nachdruck verboten.)

Stes Lärm des Karnevals ist längst verhallt imb ver­stummt ist der geräuschvolle Jubel des Faschings. Hier und da, wo man an der ehemaligen strengen Heiligung der Fastenzeit nicht mehr so peinlich genau ivie früher festhält, wagt man noch ein Tänzchen oder eine sonstige lustige Unter­haltung, die in der langen Reihe der Vergnügungen vom Tage der heiligen drei Könige bis Aschermittwoch keinen Platz mehr fanden. Allgemach wird es aber immer stiller, bis nach dem Palmsonntag das profane Vergnügen der Welt­kinder gänzlich erstirbt. In den Ländern der romanischen Sprachen, namentlich in Italien, geht es da besonders still zu, rrnd die Landessitte und Volksgewohnheit verwehrt es sogar, in der zweiten Hälfte der Passionszeit, nach Mittfasten nämlich, eine Hochzeit zu halten.

Kur in den Palmengärten von San Remo, vor allem in den weiten Hainen der Familie Brasca, geht es zu, als oh man sich zu einem großen Feste rüstete, und das ganze leb­hafte Treiben gilt in der Tat auch der Feier eines Festes, und zwar der kirchlichen Feier zur Erinnerung an jenen Tag, da Christus auf einer Eselin in Jerusalem einzvg und das Volk ihm kaumzweige aus den Weg streute.

Schon seit dem vierten Jahrhundert unserer Zeitrech­nung feierte die griechische Kirche den Tag dadurch, daß Palmen nnb andere Backmzweige bei feierlichem Gottesdienst mit geweihtem Wasser besprengt und dreimal geräuchert wurden, worauf man sie unter das Volk verteilte. Viel später reihte auch die römische Kirche den aus dem Orient herüber- gekommenen Brauch m den Zyklus ihres festlichen Jahres ein und schloß die Feier seit Gregors VII. Zeiten mit einer großen Prozession, bei welcher echte Palmzweige zur Ver­wendung kamen, die nach einer späteren Verordnung des Papstes Sixtus V. nur ans den Gärten der vorgenanntes Familie Brasca in Sau Remo entnommen werden sollten.

Zn vergangenen Jahrhunderten vollzog sich dieser Akt der Palmenweihe in dem Sanktuarium der Träger der dreifachen Krone, der sixtinischen Kapelle, in deren beschränk­tem Räume nur eine kleinere Anzahl Personen der feierlichen Handlung beiwohnen konnte. Pius IX. verlegte daher diese, nm sie allen zugänglich zu machen, in die Peterskirche, und seitdem gehört die Weihe der Palme zu bett Kirchenfeierlich­keiten, welchen jeder um diese Zeit in Rom anwesende Fremde beizuwohnen pflegt.

Zn nördlicher gelegenen Ländern es sei hierbei be­merkt, daß ja auch in protestantischen Ländern die Erinnerung an die Palmenweihe noch nicht ganz verschollen ist in denen die Natur überhaupt keine Palmen hervorbringt, er- St man den Palmenwedel durch Zweige der Olive, des lbaumes und anderer Laubbäume, wogegen man in Deutschland, wo der oft genug noch in den März fallende Palmsonntag erst die frühesten Keime der Vegetation findet, die sich schüchtern und mühsam aus beut Schnee ber Felder