Ausgabe 
11.4.1908
 
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Samstag oen ft. April

1908

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Kelmuth von Lovlen.

Roman bon Ursula Zöge von Manteuffel. lNachdruck verboten.)

< Fortsetzung.)

Sie lehnte siH zurück und sprach vvr sich hin:

Wie gern Helmuth und ich schon als Kinder hier waren, wissen Sie.Der lahme Willy" übte eine unwiderstehliche An­ziehungskraft aus. Ich beneidete Helmuth, weil er in den Ferien öfter mitgenommen wurde, wie ich. Dann kamen Jahre, in denen tvir Mädchen unsere Ferien bei der Tante in Berlin verbringen mußten, weil es nicht nteljr schicklich gewesen wäre für die Heran­wachsenden, den Vormund Hagestolz zu besuchen. Dann kam Marie Annens Verlobung und Hochzeit mit dem Vormund. Das junge Paar machte die Hochzeitsreise, und da die Tante inzwischen gestorben war, sollte ich fortan mit in Bardes leben. Wahrend der Hochzeitsreise brachte man mich in Jarowitz unter, die Wahren­dorfs hatten mich sehr liebenswürdig eingeladen. Das war eine goldene Zeit. Es Ivar der Frühling meines Lebens. Wundern Sie sich nur, ich bin nun mal so beschaffen! Gusichen und Leuchen Wahrendorf hatten eine kleiile Eselequipage und ihre Uebsk Freundin war Trautchen Haide. Natürlich fuhr ich mit. Rothaide war ja so nah, zum Greifen nah! AuS dem Fenster meines hochgelegenett Gaststübchens sah ich den Kirchturm und die Dächer des im Grün versteckten Dorfes, auch zwei riesenhohe italienische Pappeln, von denen ich wußte, baß sie am Herrenhaus standen. Diesem Ziel ging's bald täglich entgegen. Ich war sieb­zehn Jahre, aber in vielem ein Kind, und so folgte ich unüberlegt dem Zuge dcS Herzens. Da ivar auch niemand, der mich kon­trolliert oder sich im geringsten über diese täglichen Besuche ge­wundert hätte. Der lahme Willy ivar inzwischen ein junger Mann geworden, ein blonder Schnurrbart zierte seine Oberlippe ; aber er blieb nach wie vvr eine Ausnahmeperson. So wieder­holte sich's denn jeden Nachmittag, das liebe Bild: die drei kleinen Mädchen spielten glückselig auf dem Rasenplatz, und viel glücklicher fast Annchen in der Halle auf denr Bänkchen neben dem Krankenstuhl, oder an guten Tagen neben der Staffelei. Litt er Schmerzen, so tat sie alles, was zu deren Linderungi vorgesch-rieben war, fühlte er sich gesund und säst malend vor dem Bilde, so plauderte sie unablässig, ich glaube, ihr ganzes argloses Herz hat sie ihm ausgeschüttet. Ost las er ihr: vor, dann sah sie mäuschenstill mtb horchte auf den Klang seinen Stimme. Er aber blieb sich immer gleich in herzlicher Rücksicht und heiterer Ruhe.

Manchmal freilich wollte es ihr scheinen, als hielte er ein wärmeres Wort, eine Liebkosung zurück, und das tat ihr leid. Weshalb? Es wäre doch so einfach gewesen, zu sagen: Ann­chen, ich habe dich lieb! Daß er sie lieb hatte, daran zweifelte sie gar nicht. Den Blick, der ihr entgegencilte, den langen Hände­druck, den unendlich liebevollen Ton seiner Stimme, alles deutete sie sich, wie ihr Herz es wünschte."

Die Specherin schwieg und sah von de« Seite aus ihren stummen Zuhörer. Er hatte den Kopf weggewandt und die Hand über die Augen gelegt.

!Danil kaui der Abschied. Vier Wochen waren vergangen', Konrad und Marie wurden in BardeS erwartet und ich sollte sie dort empfangen. Bardes liegt weit häufige Besuche waren fortan mtsgeschlossett. Austerdem sollte ja ich nun in die Welt treten, Bälle und Gesellschaften mitmachen und der Nachbarschaft als erwachsene Dame vorgestellf werden. Also lvar diese letzte Fahrt in der Eseleguipage so viel tote ein Lebensabschnitt. Das fühlte ich. Das Herz klopfte mir während der Fahrt zum Zer­springen. Die Kinder hatte ich nicht mitgenommen, beim ich fuhr am Morgen und sie waren daher in der Schulstube. So ging ich ganz allein durch den Garten, ungewiß, ob ich den Freund auch in der Halle treffen würde. Nein, er war nicht in der Halle. Er sei in seinem Zimmer, sagte der Gärtner, und Trautchen habe bei ihm Rechenstunde. Da habe ich nun gesessen und gewartet/ bis meine Zeit fast um war, und als ich endlich den Rollstuhl über den Kies knirschen hörte, als ich dann endlich mit Ihne»' allein war, da hatte ich nur iwch so viel Zeit, Ihnen Lebewohl zu sagen. Und nun, so meinte ich, müsse der Augenblick kommen, da Sie mir sagen toitoen: Bleibe, denn ich kann nicht leben ohne dich!

Aber Sie sagten nichts.. Etwas länge« iwch als sonst hielten Sie meine Hand, noch wärmer als sonst, ein wenig weh­mütig und betrübt sahen Sie mir in die Augen und baten mich, in der grosten Welt dem lahmen Willy ein freundliches Andenken; zu bewahren. Uitd dann hofften Sie, ich möge recht, recht glück­lich werden da draußen in der Welt! Das war alles. Wie ich damals von Ihnen ging, tote soll ich das beschreiben! Gedemütigt, zerschlagen, außer mir. Ich fühlte, es ivar alles ans, und Ihr Wille toar, daß es aus sein solle. Wilhelm bleibt hie« und malt seine hübschen Bilder weiter in heiterer Zufrieden­heit, erzieht Schwesterchen und findet darin Glückes genug. Ich aber hatte mich ttttgerufen aufgedrängt, ich liebte einen, der mich gar nicht wieder liebte, wenigstens nicht mit jener Liebe, dir aller Bedenken spottet. Eine angenehme Unterbrechung langer Schmerzensstunden war ich ihm gewesen, sonst nichts!"

Er nahm ihre beiden Hände und führte sie an die Lippen, immer wieder und wieder:Anne, liebe, liebe Anne!" rief er, aauz außer sichvergeben Sie mir- lassen Sie auch mich sagen"

Sie zog ihre Hände fort.

Später, jetzt nicht. Ich will zu Ende kommen. Ja, ich war damals dumm und unerfahren. Der Stachel im Herzen schmerzte und ich wollte ihn ausreisten um jedeit Preis. Doch daß ich auch das noch bekenne: Zuerst habe ich gewartet, in Bardes, acht Tage, vierzehn Tage, ob nicht ein Brief käme. Aber es kam kein Brief! Da geriet ich in einen schrecklichen Zustand und aus dev Zeit datiert meine Abneigung gegen Bardes. Ich konnte weder die Nähe von Rothaide noch das Flitterwochenglück meiner Schwester ertrugen, ich mußte fort. Zum Erstaunen meiner Schwester erinnerte ich mich Plötzlich einer Cousine, die fern in Preußen, in Klippingen, wohnte, die lebenslustige Frau eines Mrastierrittmeisters. Ich schrieb ihr und sie lud mich dringend ein, sie zu besuchen. Das setzte ich durch, zum großen Mißver­gnügen der Reckmtze. So kam ich nach Nippingen, nach Berlin,