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dumme Tier, wie man zu sagen Pflegt? Und wenn es denken kann, ja, wird es dann vielleicht nicht innerlich lachen über unsere Dummheit, wird es dann nicht mit Absicht so maschinenmäßig dahinleben? Denn dieses Pferd war doch auch einmal ein flinkes, lustiges Füllen, das in munteren Sprüngen um eine Mutterstute tollte, das mit anderen Gefährten auf der Wiese in raschem Spiel sich ergötzte.
Wir Menschen, d. h. wir Menschen, die wir denken, nicht etwa jene größere Hälfte, die eigentlich auch nichts Besseres als eine' Maschine ist, getrieben durch Gesetze und Reglements, wir, sage ich, dünken uns mit Recht mehr als dieses Pferd, weil wir von Natur aus seine Beherrscher sind. Aber das kann uns nicht hindern, Parallelen zu ziehen. Jenes Pferd, nach seiner sorglosen Füllenzeit, mag manchen schmucken Reiter getragen haben, vor manche elegante Equipage gespannt gewesen sein. Dann kam wohl die Droschkenzeit, und schließlich winkte der Lastwagen und damit eine lange Zeit des monotonen Einerlei. Am Ende wird man dann sagen, daß es zu nichts mehr nütze sei, und niemand wird für den Gaul mehr etwas übrig haben.
Jawohl, du, o Mensch, dünkst dich mehr und bist auch mehr. Aber sei offen: Ist jenes Pferdeschicksal nicht eine Art Abbild deines eigenen Lebens? Du hattest auch eine sorgenfreie Zeit, hast auch eine Jugend hinter dir, wo du dich mit Spiel und Speise zufrieden gäbest, wo das Leben dir nichts als ein Spiel war, wo du noch nicht zu denken brauchtest. Und als du ins Leben hinaustratest, lag da die Welt nicht auch rosig vor dir? Und dann ging eins der schönen Bilder nach dem andern fort, und nach Wanderungen lenktest du auch in eine so ruhige Bahn ein, wo du dein Pensum abarbeitest, ganz einer bestimmten Gesetzmäßigkeit nach lebst und äußerlich scheinst, als wolltest du, mit Verlaub, sagen: mir ist alles Wurst. Wie es in dir aussieht freilich, das mußt du ja selber am besten wissen, und das geht auch die Leute da draußen nichts an. Bist du mit dir selbst zufrieden, gut; bist du es nicht, können Aeußerlichkeiten dich auch nicht so machen. Denke aber immer daran, daß du wie jenes Pferd einmal nichts mehr nütze fein wirst!
Aber mittlerweile sind wir in den Wald gelangt, und hier umgeben uns mancherlei Bäume. Da ist die neue Anpflanzung, wo die jungen Stämmchen sich vor dem Winde hin- und herbiegen, aber lange nicht brechen. Daneben erheben sich, pfeilgerade aufstrebend, schlanke, schon ältere Bäume. Aber diese alle, so schön sie auch dastehen, so grün ihr Laubwerk auch schimmert, erscheinen doch nur als Beiwerk, als Schmuck zu jenen, die das Mark des Waldes bilden, den uralten, knorrigen Eichen, die keinen Ästhetischen Eindruck mehr machen, die von keinem Winde mehr inS Schwanken gebracht werben, die jedes Jahr von neuem grünen und jeden Herbst die Blätter welken lassen.
Auch hier immer dasselbe — alles Gesetz oder mich wohl in gewissem Sinne alles eine Maschine, sei es Mensch, sei es Tier, fei es Pflanze. Ja, man könnte wohl auch noch iveiter gehen in dem Vergleich, doch müßten wir alles auf seine Verhältnisse reduzieren. Alles wird, alles schießt -üppig hinein ins Leben, nm dann auszubrausen und im engen Pflichtkreise jedes ein Dasein zu führen, gesetzlich geregelt. Der Mensch ist nur die freiere Stufe, unter ihm geht es allmählich abwärts bis zum scheinbar toten Stein. Sogar das haben alle gemeinsam, daß die Gesetzmäßigkeit ein vorzeitiges Ende nehmen kann mit einem vorzeitigen Ende des Subjektes selbst. Mensch und Tier ist vor Tod, der Baum vor Sturm und Blitz nicht sicher.
Ja, nun ist es wohl Zeit zur Heimkehr. Weißt du 'auch, was wir gefunden haben unterwegs? Die eine große Verwandtschaft in der Natur, die Gewißheit: alles, was uns umgibt, gehört §u uns und wir zu unserer Umgebung. Es geht doch ein einziger großer Zug durch die Welt. Eine einzige Weltordnnng, daraus bauten die Pythagoreer und die Eleaten und Heraklit. Auf dieser einzigen Weltordmmg, die freilich überall in anderer Gestalt erscheint, baut auch die gesamte Welt,
II.
Das war in gewissem Sinne doch ein beschämender? Gedanke für uns, der auf dem letzten Spaziergange uns! in den Kopf kam. Der Mensch nur ein Teil der Natur so gut wie das Tier, wie die Pflanze? Nur eine Maschine?!
Ja, du hast recht, so ohne weiteres dürfen wir das nicht allgemein behaupten. Aber du gibst ja selbst zu, daß jener größere Prozentsatz von Menschen, der nicht denkt, der nur ißt, trinkt, arbeitet, schlaft unb in der noch bleibenden Zeit sich amüsiert, was meist wieder aus Essen oder Trinken besteht, daß jener Prozentsatz schon mit einer Maschine verglichen werden darf. Er arbeitet, weil er arbeiten muß, weil er es so kennt, weil irgend etwas ihn! zur Arbeit zwingt, und wie er arbeitet, das hängt eben von irgend einer Gesetzmäßigkeit ab. Solcher Gesetzmäßigkeit unterliegt schließlich auch das Essen und Trinken/ denn so wenig man dieses in eins fort betreiben kann, so! sehr gehört es doch zum Leben.
Dieser Gesetzmäßigkeit, die den nicht denkenden Mensches zur Maschine (Maschine ist eben ein Ausdruck) macht, ist auch der Denkende unterworfen. Er arbeitet auch nach bestimmtem Reglement, manchmal oder sehr oft mit Unlust, er ißt auch, schläft auch in der Regel jede Nacht. DU siehst also, int eigentlichen Sinne bist bu auch — verzeihtz das böse Wort! - eine Maschine!
Aber gib bich zufrieden, in physikalychem Sinne bist du jedenfalls eine Maschine, sogar eine äußerst komplizierte. Es fragt sich bloß, ob der Mensch eine solche bleibt oder! ob er aus sich selbst heraus sich zu etwas Besserem macht« Arußerlich bleibt er es, das ist keine Frage, er ist immer an Gesetze gebunden, und wo ein Gegenstand (und das ,ist doch der menschliche Körper) in Bewegung ist, da ist emtz Maschine in Tätigkeit. t .
Nun sieh einmal jenen Vogel, der da so fröhlich zwib< schernd durch die Lüfte kreist! Nicht wahr, der ist freier als du, der ist nicht an die Erde gebunden?, Aber sein Jluci ist doch schon weiter nichts als die Tätigkeit einer Maschine. Und nun sieh, wie er zur Erde zurückkehrt und! dort ein Würmlein aufpickt. Ja, leben muß er, Nahrung muß er haben, und darum läßt ihn Mutter Erde nicht lo^
Und dort am Bache das Vergißmeinnicht! Nimm es aus der Umgebung heraus, pflanze es auf Felsboden. Dai wird es zu Grunde "gehen, denn es ist an die Gegend des Baches gebunden. Gebunden, hörst du? Gebunden ist alles/ auch du? , _
" Wenn dem so ist, toarum man dann noch von Freiheit überhaupt redet? O es gibt eine Freiheit, aber man nmst sie auch verstehen und dann lernen, sie §u erringen. Ditz Freiheit, daß man tun und lassen kann, was man will, das ist doch eine halbe Freiheit und damit gar keine. Denn! solche gar nicht, oder sie verdient wenigstens den Namen es ist eine äußere Freiheit. Ja, es gibt eigentlich eine! nicht, denn wenn du tust, was du willst, so bist du der Sklave deines Willens, deines Begehrens, bist also unsrer«
So unfrei sind alle, die nicht denken. Sie vegetieren dahin, abgeschlossen für sich, denn sie sehen nur auf ihr eigenes Bestes. Sie sind also zweifache Maschinen, diö eine getrieben von einem Gesetz, einer Pflicht, die Zanders von ihrem Willen. Das Seltsame ist nur, daß diese beiden Maschinen wie mit Zahnrädern ineinander uber- greifen und sich' gegenseitig verbinden in schönster Har- monie — ans dem einfachen Grunde, weil es für jene Menschen nicht anders sein kann und so auch das
An^ die Stelle jener zweiten „Maschine" muß bei den Denkenden natürlich ein Ersatz treten, der mit der Maschine der Gesetzmäßigkeit nicht harmoniert. Dieser Ersatz eben die wahre Freiheit, wie sie sich nach dem Vorigen ergibt. Frei mußt du dich selber machen, frei vor allein von deinem eigenen Ich. Dein Geist muß frei werden/ frei von allen eingeimpften Traditionen, von allen ^deen« Deine Seele muß frei schweben, an nichts gebunden sein und so alles wirklich frei von allen Seiten betrachten


