„Sehe ich nicht ein/'
„Sollen wir ausstehen? Du rauchst Vielleicht eine Zigarre in Edmunds Zimmer?"
„Tanke ja. Und du?" —
Sie verließen das Eßzimmer. Tie junge Fran holte ein fein goldenes Zigarrenetui aus der Tasche.
„Eine kleine russische Papiros wird genehmigt/' — sagte sie dabei. Sie trat vor ihm in ein geräumiges mit großem Geschmack ausgestattetes Herrenzimmer, zog sich einen Schaukelstnhl an ein kleines mit Rauchutensilien und Likörflaschen bedecktes Tischchen. Zuerst richtete sie dem Bruder eine Havanna kunstgerecht her und hielt ihm das Schwefelhölzchen, dann zündete sie sich eine Zigarette an. Sie rauchte mit großer Anmut. Auch das war ihm nichts neues. Durch den zarten, lichtgrauen Rauch. schimmerte ihr bleiches, fast ausdrucksloses Gesicht. Sie toter kaum dreißig Jahre alt, aber sie sah älter aus. Etws Müdes, Resigniertes smarte sich ini ihr seltsam mit jenem überlegen ironischen Spottlächeln.
„Wie kommt es nur, daß ihr noch hier seid?" — fragte Loysen, „sonst seid ihr um diese Zeit doch längst in Monte Carlo?"
„Dies Jahr geschieht dies nicht. Wir werden wahrscheinlich im Mai nach Tobrau kommen."
„Tvs ist ja famos! — Aber wie kommt denn Troß auf die Idee? Ich wundere mich, daß er das tut."
„Ich wundere mich gar nicht."
Ter Brüder sah sie betroffen und forschend an — wieder slog ihm das Erröten über die Stirn, bis unter das blonde Haar.
„Hängt — hängt das mit Wendtleben zusammen — ich meine mit eurer — Nachbarschaft?"
„Lieber Junge, es ist ein so öffentliches Geheimnis, daß es komisch wirken würde, wollte ich es vor dir leugnen. Die schöne Gräfin Flavie Wendtleben, geborene Miß Snob, aus Chicago ist augenblicklich Mode und Edmund betete von jeher die Mode- königin an. Daß sie überhaupt möglich wurde, diese halbwilde, verdankt sie ihm- allein, — er ist der Mann, um eine Dame in die Gesellschaft zu lancieren. Er hat dieser schönen und lohnenden Aufgabe die ganze Saison geweiht und wird Berlin nicht verlassen, so lange die Wendtlebens hier sind. Im Mai gedenkt der alte Graf und junge Ehemann seine schöne Frau als Herrin in Wendtleben einzuführen und da ist es selbstverständlich, daß wir dann nach Tobrau kommen."
Loysen sah ärgerlich aus.
„Sag mal, findest du diese Gräfin Flavie wirklich so schön?" „Gewiß, wer wollte das bestreiten?"
„Aber sie hat doch so etwas — sagen wir Abenteuerliches, um nicht zu sagen Brutales in ihrem Ausdruck. Ist das nicht wahr?"
Baronin Troß strich die Asche von ihrer Zigarette und neigte den Kopf ein wenig zur Seite, wie erwägend.
„Ja, darin aber liegt wahrscheinlich ihr Reiz für gewisse Männerherzen, wie Edmunds zum Beispiel. An ihm ist alles so abgeschlisfen, glatt poliert und comnte il saut, daß ihn naturwüchsige Roheit anzieht."
Loysen malträtierte seinen blonden Schnurrbart und klopfte mit der Fußspitze den Boden. Seine Schwester sah ihn flüchtig von der Seite an.
„Wie nervös du bist, lieber Junge. Folge des Armbruchs?"
„Hör' mal, Anne Marie, ich bin doch dein Bruder — dein Nächster — ich kann diese endlose Courmacherei einfach nicht länger mit ansehen."
„Halt, mein Guter! Alles, nur keine Theaterszene. Lassen wir ihm sein Vergnügen. Bewunderung ist auch schließlich statthaft. Es ist ja nicht besonders männlich, sich vor einen Sieges- Wagen spannen zu lassen, gewissermaßen mit einem Stasenring, an dem das Leitseil hängt — aber mir schadet das nichts. Reden Wir doch von anderen Dingen. Hier kommt der Kaffee. Du nimmst doch ein Täßchen?" — Sie schenkte ihm ein und reichte ihm den duftenden Trank. Er dankte zerstreut und sah noch verstimmt ans. Es herrschte Schweigen, in welches nur das langsame Ticken eines Chronometers klang. Anne Marie wandte den Kopf nach der Tür.
„Troß ist gekommen", sagte sie, „ich höre seinen Schritt im Vorsaalc"
„Ich höre gar nichts."
„Tas ist eben sein Schritt", sagte sie mit (eifern Lachen. Gleich darauf öffnete sich die Tür und der Baron trat ein. „Ach!" — rief er, sein Monokel ins Auge werfend, mit scherzhaftem Staunen, „von allen Verehrern meiner Frau hatte ich diesen am wenigsten erwartet. Servus, lieber Freunds Wie
geht's? Riesiges Pech geerbt? Bedauere deinen! Unfall, obwohl er uns das Vergnügen deiner Gegenwart schafft."
Er reichte Loysen zwei Finger, trat dann zum Schaukel- stuhl seiner Frau, beugte sich herab und streifte ihre Stirn mit den Spitzen seiner Barthaare, was einem Kuß sehr ähnlich sah. Sie, ohne davon Notiz zu nehmen, bemerkte gleichmütig:
„Du kommst früher wie ich erwartete."
„Ja, ja. Schauderhafte Kvnfusioiit Freunde verfehlt. Allein gefrühstückt. Pyramidal öde, natürlich"
Baron Troß war etwa zehn Jahre älter wie seine Frau, sehr lang, sehr schmächtig und flach gebaut. Er trug spitze gelbe Schuhe von unnatürlicher Länge, in denen er lautlos über das Parkett glitt. Sein Kopf war blank wie eine Billardkugel, nur um das Hinterhaupt zog sich ein schmaler dunkler Streifen. Desto Üppiger und gepflegter war sein kastanienbrauner, zugespitzter Bart, welcher gleichsam den Rahmen bildete für ein Gebiß von blendender Regelmäßigkeit. Alles an dem Mann mit den sorgfältig polierten rosenfarbcnen Fingernägeln war so gepflegt und in das beste Licht gesetzt, daß er seinen Bekannten als Vorbild galt in allem was schick hieß. Käm er nach längerer Abwesenheit in die Reichshauptstadt zurück, so sah man mit Spannung etwaigen Neueriingen entgegen. Wie wird er beim Gruß den Hut heben, welche Blume wird durch ihn in dieser Saison zur Knopfkönigin erhoben werden, toddj-e neue Erfindung in Bezug auf Mauschcttenküöpfe wird er mitbringen? Ungern mißte man ihn bei Rennen, Jagden und Diners. Seine Gegenwart verlieh der Sache einen gewissen Nimbus. Er galt für den liebenswürdigsten Courmacher und für den aufmerksamsten Ehemann und glaubte selbst an seine Unwiderstehlichkeit. Als Erbe eines großen Vermögens von Kein auf zu elegantem Müßiggang erzogen, war ihm der Sport in jeder Gestalt zum Lebenszweck geworden und er zählte zu jenen, die immer alle Hände voll zu tun haben und dabei noch nie etwas getan haben. (Fortsetzung folgt.)
Was mich Betritt.*)
Von Wilhelm Busch f.
Es scheint wunderlich; aber weil Andere über mich geschrieben, muß ich's auch einmal tun. Daß es ungern geschähe, kann ich dem Leser, einem tiefen Kenner auch des eigenen Herzens, nicht weiß machen, daß es kurz geschieht, wird ihm eine angenehme Enttäuschung sein.
Ich bin geboren am 15. April 1832 zu Wiedensahl als der Erste von Sieben.
Mein Vater war Krämer, Kein, kraus, rührig, mäßig und gewissenhaft; stets besorgt, nie zärtlich; zum Spaß geneigt, aber ernst gegen Dummheiten. Er r auchte beständig Pfeifen, aber, als Feind aller Neuerungen, niemals Zigarren, nahm daher auch niemals Reibhölzer, sondern blieb bei Zunder, Stahl und Stein, oder Fidibus. Jeden Abend spazierte er allem durch's Dorf; zur Nachtigallenzeit in den Wald. Meine Mutter, still, fleißig, fromm, pflegte nach dem Abendessen zu lesen. Betde lebten einträchtig und so hänslich, daß einst über zwanzig Jahre vergingen, ohne daß sie zusammen ausfuhren.
Was weiß ich denn noch aus meinem dritten Jahr? Knecht Heinrich macht schöne Flöten für mich und spielt selber auf der Maultrommel, und im Garten ist das Gras so hoch und die Erbsen sind noch , höher; und hinter dem strohgedeckten Hause, neben dem Baume, stand ein Kübel voll Wasser, und ich sah mein Schwesterchen drin liegen, wie ein Bild unter Glas und Rahmen, und als die Mutter kam, war fie kaum noch ins Leben zu bringen. Heute (1886) wohne ich bei ihr.
Gesangbuchverse, biblische Geschichten und eine Auswahl der Märchen von Andersen waren meine früheste Lektüre.
Als ich neun Jahre alt geworden, beschloß man, mich dem Bruder meiner Mutter in Ebergötzen zu übergeben. Ist freute r. ich darauf; nicht ohne Wehmut. Am Abend vor der Abreise plätscherte ich mit der Hand in ter Regentonne, über dir ein Strauch von weißen Rysen hing, und sang Christine! Christine! versimpelt für mich hin. Früh vor Tag wurde das dicke Pommerchen m die Scheerdeichsel des Leiterwagens gedrängt. Tas Gepäck ist aufgelaoen; als ein Hauptstück der wohlverwahrte Leib eines alten Zinkedings von Klavier, dessen lästig gespreiztes Beingestell in der Heimat blieb; ein ahnungsvolles Symbol meiner musikalischen Zukunft. Die Reisenden stiegen aus; Großmutter, Mutter, vier Kinder und ein Kindermädchen; Knecht Heinrich zuletzt. Fort rumpelt's durch den Schauinburger Wald. Ein Rudel Hirsche springt über den Weg; oben ziehen die Sterne; im Klavierkasten tunkt es. Nach zweimaligem Uebernachten bei Verwandten wurde das Ebergötzener Pfarrhaus erreicht.
Ter Onkel, jetzt (d. h. 1886), über 80 und frisch, war em stattlicher Mann, ein ruhiger Naturbeobachter und äußerst milde; nur ein
*) Der nun verstorbene, im Leben so vielheitere Wilhelm Busch erfreute vor 22 Jahren die große Gemeinde seiner Verehrer durch dieses autobiographische Albumblatt.


