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das gemein, das; cs das Ziel deS Männchens ist, seine Gewandtheit und seine Schönheit zur besten Geltung zu bringen.
Allerdings gibt es auch bei den Naturvölkern, so bei einigen Stämmen an der Torresstraße, schon Tanze, die rein als Lustbarkeit an sich anzusehen sind. Sie bedeuten nur eine schickliche Gelegenheit zum geselligen Verkehr zwischen Jünglingen nnd Mädchen. Aber auch hier handelt es sich im Grunde genommen, genau wie heute noch bei uns, ebenfalls um eine Art Bewerbunas- knnst, wenn sie auch äußerlich verfeinert erscheint. Der Zweck der Veranstaltung ist eben, man verzeihe das harte Wort, eine Ausstellung von Mädchen, um sie im wahrsten Sinne des Wortes an den Mann zu bringen.
Das hat nun eigentlich mit der Tanzkunst nichts zu tun, denn sie ist hier nur Mittel zum Zweck nicht Zweck. Aber bei diesen Festlichkeiten treten gewöhnlich die Tanzmeister des Landes mit neuen Tänzen hervor, und ihre technische Vollkommenheit bildet in Gemeinschaft mit ihrer individuellen Erfindung : Tanzkunst, der ihre Aufführung und Darstellung Endzweck ist. Daß diese Kunst nach Brot geht, tut ihr keinen Abbruch.
Hier haben wir also ursprüngliche Tanzkunst: persönliche Darstellung einer Idee in Verbindung mit tüchtiger technischer Ausbildung. Nun gibt cs ja keinen bedingungslosen Unterschied zwischen primitiven Tänzen und anderen, denn das Verharren im Althergebrachten und das Suchen nach Neuem verbindet sich hier immer und überall, so daß sich manchmal gar keine Beziehungen zum wirklichen Leben mehr Nachweisen lassen. Der weitaus größere Teil hat jedoch Beziehungen zur Umgebung und zum wirklichen Leben, wie Tier- und Kriegstanze der Indianer u. v. a. Allen diesen Tänzen ist nun das gemeinsam, daß sie sich um einen wirklichen Mittelpunkt, wie z. B. den Marterpfahl oder dessen Phantom, um den Altar oder Tempel oder nm die Weiber herum- bewegen, «der auch um einen, bloß gedachten Mittelpunkt, wie. wir es bei den Reigen und Spielen unserer Kinder sehen können.
Große und fördernde Pflege hat der Tanz im Mit gefunden. Dnrch die bei seiner Ausführung auftretende Extase — ich erinnere nur an die bekannten Derwischtänze, wo sie bewußte Absicht ist — erhielt er eine mysthische Färbung, die ihn zu etwas licberirdischem, den Göttern Wohlgefälligem machte. So betrachtet ihn nicht nur Plato, sondern auch der heilige Basilius als ein Geschenk des Himmels, und der Kirchenvater rät den Gläubigen, diese Kunst.zur Ehre Gottes recht eifrig zu pflegen. Das hinderte nieyt, daß spätere Kirchenväter ihn als Höllenwerk brandmarkten, obgleich er in der römisch-katholischen Kirche heute noch herrscht. Der Gesang und die Schreitbewegungen der Priester und der Meßdiener ist nichts anderes als ein letzter Rest der gottesdienstlichen Tänze, die int Christentnme auf jüdisch-griechische Einwirkung znrückznftihren sind. Auch die Echternacher Spriug- prozession gehört hierher.
Die ursprünglichen Tänze werden alle mit einfacher Musikbegleitung ausgeführt, Harfe, Flöte, Pauke, Zimbeln. Das erhellt nicht nur aus Homer, sondern auch ans der Bibel. Die Musik hielt nur den Takt. Allmählich aber macht sie sich frei nnd saugte schließlich den Tanz ganz in sich auf. Sie ist dem Tondichter Hauptzweck geworden. Das ist vom Standpunkt der Musik aus, natürlich nur erfreulich. Aber selbst da, wo der Gedanke an die tänzerische Aufführung deutlich vorhanden ist, wie bei Lanner nnd den Straußen, erdrückt die Musik die Darstellung, ist die Musik schon Tanz, ist alle tänzerische Ausführung schon vollständig in Musik aufgelöst. So geschah es, daß der Tanz- künstler nicht mehr schöpferisch tätig sein fonntc, sondern daß er sich damit begnügen mußte, den musikalischen Tanz zu illustrieren. Unser Tanz soll aber soweit selbständige Kirnst sein, wie es etwa die Schauspielkunst ist, die ja auch mit gegebenen Werkelt rechnen Mitß und trotzdem ober gerade deshalb schöpferisch tätig ist. Mach dieser Selbständigkeit suchen wir jetzt wieder. Wir sind in dieser Beziehung genau so auf einem toten Gekeife, wie wir es nm die Mitte des vorigen Jahrhunderts mit der Baukunst waren. Weil uns die große Freude verloren gegangen ist, darum sind wir festgefahren. Weil wir anstatt der großen Freude nur das Vergnügen kennen. Wir haben fein Olympia. Wir haben auch keine Nationalfeste, die eine große Freudenfackel entflammen im 'ganzen Reich — wir haben Kirchweihen, Schützenfeste in Krähwinkel und Kuckucksheim, ein wirtliches Freudenfest fehlt uns. Wir „amüsieren" uns im engen und engsten Kreis. Wir haben noch keine Weite. Und nun müssen wir da aitfcmgen, wo frühere, freudigere Geschlechter aufgehört haben. Unser Tanz muß wieder Kunst werden, wie es' vor ein paar Jahren bei unserem Handwerk der Fall gewesen ist. Die wesenlose Schablone muß der Kunst weichen. So auch im Taitz.
Die Versuche der Isidora Dunkan — Madame Madeleine scheidet von selbst aus — sind für uns nur Ausnahmen, gute zwar, wertvolle, für die wir ihr herzlich danken, aber doch nur -Ausnahmen. Ihrem Taitz als Unterricht fehlt die Freude, der Trieb, der lebendige. Er ist mehr Schule. Wenn es ihr Ziel geblieben wäre, uns zu zeigen, was die Griechen geleistet haben, mir dürften nur bewundern; nun sie aber eine Schule gegründet hat nnd darin d-cn griechischen Tanz zu unserem machen will, müssen wir uns verwahren. Wir greifen damit nicht ihre Kunst an sich an, die tu hohem! Grade schön nnd anmutig ist, sondern nur ihre Absicht, den griechischen. Tanr, zu unterem zu machen.
Mit Archaismus ist uns nicht geholfen. Der griechische Tanz darf uns nur als Vorbtld dienen. Wir können daran lernen, wie Körper unb Geist ganz zusammen wirk«,! können, wenn sie zur Anmut, zur rhythmischen und metrischen Beherrschung aller Glieder erzogen sind, können uns daran sckuleu, aber unserer Eigenart müssen wir auch einen eigenartigen Tanz erfinden.
Aber das eingehendste Studium kann nicht die Seele ersetzen, und die Tanzkunst der Dunkan ist nicht von Seele erfüllt ' Sie ift eine Mischung aus getanzter Wissenschaft und getanzter Bildhauerei, ein Tanz, dem der T rieb fehlt, der ihn einst geboren har. So ist ihr Tanz nur eine Nachahmung, und das darf unser Tanz nun mich wieder nicht sein. Deshalb ist der nanz der Dnnkan nur. eine Ausnahme, wie es der Tanz der Marte Taglioiti war, die int Jahre 1842 in Polladios „Antikem Theater" zu Vicenza Goethe, Sappho, Anakreon und Catull ge-- U 15t hat, wie Isidora Chopin tanzte.
„ , DaS ist mm an sich gewiß kein Unding, denn wie Wagner se.tne Poesie in Musik anflößt, wie Klinger Beethoven plastisch oarstellt, so ist auch Chopin tänzerisch äusgeführt denkbar, nur darf dabei die Musik nicht entwertet werden; aber der Tanz darf auch nicht illustrieren.
Ein großes Verdienst aber bleibt der Amerikanerin unbestritten. Sie hat uns wieder nachhaltig darauf hingewiesen, daß zum Tanz nicht nur die Beine gehören, sondern der ganze Körper und die ganze Hingabe des Tänzers. Sie hat wieder darauf hin- gcwiesen, daß der Tanzkünstler ebenso gehaltvoll sein kamt, wie wir es von jedem anderen Künstler fordern. Deshalb ist auch unser heutiges Ballett ein Unsinn. 'Auch ihm fehlt der Trieb, das individuelle Schaffen. Es ist Schablone, Gliedervcrrenkung — int besten Falle Gymnastik. Die Kunst ist zum Kunststückchen geworden. Auch hier „reden" nur noch die Beine. Wo die Arme Mitarbeiten, „plappern" sie nur hohle Phrasen; leere, eingelernte Gesten ersetzen anmutige Natürlichkeit. Das Gesicht zeigt ein erstarrtes Lächeln; wahrhaftig, man möchte die Gesichtsmaske fast wieder wünschen, die Maximilian Gardel, der Tanzmeister der Pariser Oper glücklicherweise beseitigt hat.
Bon der einstmals vielgerühmten Künst ist nichts übrig geblieben, was au Knust erinnert; das technische Köiinen steht ganz allein da, in Pose, erhobenen Hauptes. . . ein Gefäß ohne Inhalt. Das, was den Tanz der Dunkan auszeichnet, das Sprechen aller Glie-der, aller Muskeln und Sehnen, das ist hier teils überhaupt nicht vorhanden oder es ist durch plumpe, ja häßliche Schuhe und lächerliche Trikots verdeckt. Der Tanz der Dunkan ist sinnlich, gewiß, im besten Sinne des Wortes, wies jede Kunst sinnlich ist, aber der Tanz des Balletts ist Nur lüstern, nur reizend. Er rechnet ganz beivußt ans die niederen Instinkte, die Jsidorens Tanz gav nicht aufkommeit läßt — weil er so urspriitglich, harmlos sinnlich ist. — Das Ballett ist das schlimme Gegenteil.
Daß das Spiel der Spitzen unb Rüschen und Bänder seinen Reiz hat, iver ivollte das leugnen. Ebenso bei den Serpentintänzen! das Flattern, Fliegen, Bauschen der Gewänder, es ist nicht von der Hand zu weisen, aber das dürfte nur eine schöne Begleiterscheinung sein, nicht zur Hauptsache erhoben, nicht zu unlaiiteren' Spekulationen mißbraucht werben.
So gehören denn auch die Serpentintänze einer Lose Fuller, die jetzt Salome tanzt, eigentlich gar nicht in diese Reihe, denn eS sind Tänze, die im Spiel von Gewändern, Schleiern und Licht- effekten ihre Aufgabe sehen und suchen. Aber die Sada Jacco gehört hierher mit ihrer Ausdrucksfä.higkeit, mit ihrer großen Linie, mit ihrer Konsegucnz und ihrer Selbständigkeit, die stark an den griechischen Tanz gemahnt, zumal beide mit nur geringem musikalischem Aufwand getanzt Würben. Und Irene Sanden und Rita Sacchetto gehören hierher und die drei Geschwister Mesental und die junge Olga Desmond, die aus dem Beginnet» der Dunkan die Folgest zieht und nackt auftritt.
Die Amerikanerin und die Japanerin stehen sich eigentlich gegenüber. Hier eine äußerst gehaltvolle Musik mit plastischem; Tanz, ich möchte fast sagen mit aneinandergerwhlcn Skulpturen, dort einfache, primitive Musik mit einem malerischen Tanz; hier Stellungen, dort Fluß. Aber bei der Dunkan ist der Tanz mehr Selbstzweck, während er bei der Sada Jacco das weniger zu seist scheint.
Die Saharet und die Guerrero endlich wollen in diesen Rahmen kaum noch passen. Es sind mehr AuSnahmefälle, bei denen das Künstliche, Gemachte so sehr mit Eigenart durchtränkt ist, daß es fast wie Natürlichkeit aussieht. Dabei ist ihr Tanz so übermächtig in seinem Temperament, daß er sich fast als eine Vollendung darstellt.
Ein ganz anderer Typus scheint mir Freue Sanden zu sein. Sie tanzt zwar nicht mit primitiver Musik und tanzt auch iticht Chosnn, sie tanzt ihre Eigenart. Mit der Dnnkan hat sie gar nichts gemein. Sie lebt ihre eigene 'Seele in ihrem eigenen Tanze ans, so verschmilzt Musik und Tanz bei ihr in Eins. Und genau so ist es bei der Sacchetto und bei den Wiesental.
Bei der Sacchetto, die ihre Tänze mit einer sehr gehaltvollen Musik begleiten läßt, kommt noch die stimmungsvolle Bühnenausstattung hinzu, um ihre tänzerischen Darbietungen zu einem! wahren Schönheitskultus -n. gestalten. Dabei führt sie die must- kalischen Absichten zu selbständigen Erlebnissen durch und ge-


