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Meine Nachforschungen ans dem Schauplatz be3' Mordes, sagte der Richter zu ihm, bestätigen mich tu der Ansicht, dass Sie richtig gesehen haben. Ist etwas Neues cingctreten?
Ja, Herr Richter, eine anscheinend unbedeutende Tatsache, die aber . . .
Gur, gut! unterbrach der Richter ihn. Sie werden mir gleich im Augenblick Bericht darüber geben. Ich will vorher die Verhafteten summarisch vernehmen. . . eine reine Formsache für heute. Warten Sie also hier ans mich.
Obwohl der Richter versprochen hatte, sich zu beeilen, rechnete Lccog doch darauf, mindestens eine Stunde warten zu müssen. Er hatte sich geirrt. Es waren noch keine zwanzig Minuten verstrichen, als d'Escorval wieder erschien — jedoch ohne seinen Sekretär. Er ging sehr schnell und rief schon von weitem dem jungen Beamten zu:
Ich muss nach Hause, und zwar sofort. Ich kann Sie nicht anhören.
Indessen, Herr Richter . . .
Genug! man hat die Leichen der Opfer nach der Morgue gebracht. Passen Sie dort auf. Und: dann, für heute abend . . . ach, machen Sie, was Sic für gut halten.
Aber, Herr Richter, ich müßte...
Morgen, morgen! Um neun Uhr, in meinem Amtszimmer int Justizpalast.
Lecog wollte noch etwas sagen, aber d'Escorval war schon in seinen Wagen gestiegen, hatte sich vielmehr hineingcworfen, und der Kutscher schlug auf das Pferd los.
Tas ist einmal ein Richter! murmelte Lecog, der ganz verblüfft auf dem Quai stehen geblieben war; ist er denn verrückt geworden?
Ta schoß ihm ein argwöhnischer Gedanke dnrch den Kopf: Oder sollte er vielleicht des Rätsels Lösung in der Hand halten, sich deshalb meiner Dienste entledigen wollen?
Tiefer Gedanke war ihm so qualvoll, daß er eiligst wieder in das Gefängnisgebäude lief, in der Hoffnung, aus der Haltung des Mörders einige Anhaltspunkte gewinnen zu können. Er !eilte an dessen Zelle und legte sein Auge an das in der dicken Tür angebrachte Guckloch. Der Mörder lag auf der der Tür gegenüber an der Wand angebrachten Pritsche, das Gesicht nach der Wand gekehrt rind bis über die Ohren in die Decke cinge- wickelt.
Schlief er? Nein; denn Lecoq beobachtete eine eigentümliche Bewegung, die er sich nicht erklären konnte, und die ihn daher beunruhigte. Er legte daher sein Ohr an die Ocssnnng und unterschied einen Ton, wie cht unterdrücktes Stöhnen. Kein Zweifel mehr! Der Mörder röchelte!
Hierher! schrie Lecoq entsetzt. Zn Hilfe! Zehn Wärter eilten herbei.
Mas ist los!
Der Mörder da drinnen! Er bringt sich um!
Man öffnete. Es' war Hohe Zeit.
Der Elende hatte einen Zeugstreifen von seinen Kleidern abgerissen, um seinen Hals geschlungen, und erdrosselte sich mit Hilfe .eines ihm zugleich mit seiner Essenpurtion gebrachten Blcilöffels.
Man holte den Gefäugnisarzt; dieser ließ dem Mörder zur Ader und erklärte, in zehn Minuten wäre es um den Mann geschehen gewesen, da die Erstickung schon fast vollständig gewesen sei.
Als der Mörder wieder zum Bewußtsein kam,' sah er sich wie ein Wahnsinniger in seiner Zelle um, als sei er erstaunt, sich noch am Leben zu finden. Dann drang eine dicke Träne zwischen seinen angeschwollenen Augenlidern hervor und rollte über die Wange in seinen Bart hinunter.
Man drang mit Fragen in ihn. Kein Wort.
Da er nun ntat in E.inzelzelle gehalten werden soll, sagte schließlich der Arzt, und man ihm also keinen Gesellschafter geben darf, so muß ihm die Zwangsjacke angelegt werden.
Nachdem er bei der Anlegung derselben geholfen hätte, zog Lecoq sich sehr nachdenklich und ganz schmerzlich bewegt zurück. Er ahnte hinter dem geheimnisvollen Schleier dieses Falles irgend ein furchtbares Trama.
Aber was ist denn vorgefallen? murmelte er. Hat der Unglückliche geschwiegen, hat er dem Richter alles gestanden? . , . Warum diese Verzweiflungstat? . . .
13. Käpitei.
Seeon schlief diese Nacht nicht, obwohl er seit mehr als vierzig Stunden fortwährend auf den Beinen war und sozusagen weder gegessen noch getrunken hatte.
Was war der Mörder? Dieser Gedanke ließ ihn nicht zur ,iuhe kommen. Wer hatte recht oder unrecht: Gevrol, dem alle
Beamten des Untersuchungsgefängnisses beistimmten, oder ttecoq, der mit seiner Meinung ganz allein stand? Gsvrols Ansicht gründete sich auf einen mächtigen Beweis: auf den Augenschein, der den Geist beeinflußt. Die Hypothese des jungen Polizei- manns beruhte nur aus einer Reihe von seinen Beobachtungen und Vernunftschlüssen, deren Ausgangspunkt ein einziger vom Mörder ausgesprochener Satz war.
Trotzdem hatte Lecoq nach einem kurzen Gespräch mit dem! Sekretär des Untersuchungsrichters nicht den geringsten Zweifel mehr. Er hatte ihn am Ausgang des Untersuchungsgefängnisses getroffen, geschickt ausgefragt, und der brave Mann hatte ihm ganz harmlos alles erzählt, was in der Zelle zwischen dem Angeschuldigten und dem Richter vorgcgangen war.
Dieses war sozusagen nichts.
Ter Mörder hatte .Herrn d'Escorval nicht nur nichts gestanden, sondern er hatte alle Fragen auf die ausweichendste Art und mehrere gar nicht beantwortet. Der Richter hatte auch nicht darauf bestanden, ivcil dieses erste Verhör mir eine Formsache war.
Was sollte man dann also von dem Verzweiflungsakt des Mannes denken?
Aus der Gefäugnisstatistik geht klar hervor, daß „Gewohnheitsverbrecher" — wie der Fachausdruck lautet •— nicht Selbstmord begehen. Sie halten auf ihre Haut, sic sind feige, sogar weichlich.. Tas Scheusal Pullmann konnte sich während seiner! Haft nicht entschließen, sich einen Zahn ausziehen zu lassen, obwohl er solche Schmerzen darin hatte, daß er laut heulte und schrie.
Der Unglückliche dagegen, der in einer augenblicklichen Verirrung ein schweres Verbrechen begangen hat, sucht fast immer! durch einen freiwilligen Tod den Folgen seiner Tat sich zu entziehen. Der mißlungene Selbstmordversuch sprach also sehr zugunsten von Lecoqs Annahme.
Tas Geheimnis des Unglücklichen nmß furchtbar sein, sagte er sich, weil es ihm mehr wert ist als sein Leben, weil er versucht hat, sich zu erdrosseln, um dieses Geheimnis mit ins Grab zu nehmen. . . .
(Fortsetzung folgt.)
Arber CanMnst.
Bon Karl Neurath.*)
Der Tanz ist wie jede Aenßerung eines gesteigerten Lebens ein Ausdruck und ein Symbol der Freude, die in unserem rhythmisch bewegten Blute sitzt, um wie eine lauernde Katze ungestüm hcrvortzubrcchen, und wie ein Wirbelwind dahiuzurnsen in toller Gewalt. Denn das ist die Freude: eine Gewalt von unwiderstehlicher Wucht; sie ist Lebenstrieb, und all unser Arbeiten, all unser Mühen hat die Freude entweder als. Ursache oder als Zweck. Daher ist die Freude so alt wie die Welt; und so alt wie das lebendige Leben ist das innerlichste, naivste Ausdruck der künstlerischen Freude: der Tanz.
Es wäre nun allerdings verkehrt, jeden Freudensprung gleich als Tanz zu bezeichnen, denn dazu macht ihn erst der Rhythmus der fortlaufenden Darstellung und die Freude am Ursachesein. Aber dieses impulsive Hüpfen aus der Freudeustimmnug des' Augenblickes heraus ist die Grundlage des Tanzes, den das erotische Element ausgestaltet und zur künstlerischen Höhe erhebt. Wir sehen das bei Tänzen der Naturvölker sowohl, als auch bei den gottesdienstlichen Tänzen der Negypter (Apistanz), der Inden (Tanz um das goldene Kalb), der Griechen (Dionysiest und Mhstherien) und auch bei unseren Gesellschaftstänzen. Bost den heutigen Tänzen, die ja noch teilweise symbolische. Bedeutung haben, kommt vor allem die beliebte Franyaise in diese Betrachtung, aber auch unser Walzer mit dem lüsternen wechsel- weisen Herausbiegen der Hüften, auf das K. Groos in feinest - „Spielen der Tiere" aufmerksam macht. Tanz. ist Gefühl, ist Lust. Tanz ist gesunde, frische Sinnlichkeit. Tanz ist plastische Umwertung und Darstellung der Freude. Denn auch das ist der Tanz: ein Rausch, der Schöpferkraft in sich trägt, wie alles andere künstlerische Schaffen.
Schon vor dem Erscheinen des Menschen auf der Erde war der Tanz bei den Tieren zu einem hohen Grade von Vollkommenheit gediehen und ist hier, wie viele Tänze deü Naturvölker, als Bewerbungskunst anzusehen. Aus den über die Vogeltänzc angestellten Untersuchungen geht hervor, daß diese „tanzartigest Bewegungen" nicht nur „untergeordnete Mittel zum Zeigest schöner oder auffälliger Farben und Formen" sind, sondern daß ihnen auch eine selbständige erregende Wirkung zukommt.
Der Tanz tritt uns hier also zweifelsohne als eine der vielen Bewerbungskünste der Vögel entgegen und hat mit dest Tänzen der Naturvölker, oder wenigstens mit ihrem größten Teile,
*) Dieser Aufsatz ist ein knapper Auszug aus dem Schluß!- kapitel der seit Februar in der „Schönheit" erscheinenden „Kultur g e s ch r cht e des Tanze s" vom selben Verfasser. D. Red.


