1908
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Herr Lecoq.
Kyimiiral-Roman von E. Gabor!au.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Er unterbrach sich. Ein genialer Gedanke schoß ihm plötzlich durch den Kopf. Er rückte schnell einen Stuhl heran, legte eilt Zcitungsblatt darauf und sagte zum Mörder:
Wollen Sie gefälligst; Ihre Füße darauf legen!
Ter Mann versuchte sich zu strauben, aber der Direktor sagte
mit Nachdruck:
Oh! versuchen Sie keinen Widerstand. Hier haben wir die Gewalt!
Ter Angeschuldigte gab sich zufrieden, legte seine Füße auf das Papier, wie Lecoq befohlen hatte, und dieser nahm ein Messer zur Hand und begann geschickt die Schmutzklumpen ab- gulösen, die an der Haut hafteten. An jedem anderen Ort, als in einem solchen Protokollzimmer hätte man ohne Zweifel über Lecoqs geheimnisvolles, sonderbares und zugleich groteskes Beginnen gelacht. Aber in diesem Vorzimmer des Schwurgerichts nehmen die unbedeutendsten Handlungen eine düstere Färbung an, das Lächeln erstarrt einem auf den Lippen, und man wundert sich über nichts. Uebcrdcm hatten alle Anwesenden, vont Direktor bis herab zum jüngsten Wärter, schon ganz andere Sachen gesehen. Es fiel keinem auch nur ein, Lecoq zu fragen, was er bezweckte. Es war klar, das; der Angcschuldigte vor der Gerichtsbehörde seine Identität zu verbergen suchte; wahrscheinlich hatte Lecoq ein Mittel ausgedacht, um dieselbe festzustellen.
Er war übrigens schnell fertig geworden und hatte auf dem Jeitungsblatt eine Handvoll schwärzlichen Staubes gesammelt. Er teilte dies Häufchen in zwei Teile, von denen er den einen in ein Stück Papier wickelte und in die Tasche steckte, den andern reichte er dem Direktor mit den Worten:
Ich bitte Sie, Herr Direktor, dies aufzubewahren, nachdem Sie es vor den Äugen des Angeschuldigten versiegelt haben, er darf nicht später behaupten können, das; dieser Staub vertauscht
worden sei. L
Der Direktor kam dieser Bitte nach, und wahrend er da^ „Beweisstück" in einem kleinen Säckchen verschnürte und versiegelte, zuckte der Mörder die Achseln und grinste. Lecoq glaubte jedoch hinter dieser zynischen Heiterkeit eilte wachsende Angst zu
bemerken. ~ -
. Dies war indessen nur ein kleiner Triumph für ihn, denn die weiteren Vorfälle bei der Durchsuchung warfen alle seine Erwartungen über den Haufen. Ter Mörder sagte kem Wort, alv mau ihm befahl, sich auszuzieheu und anstatt seiner blutbefleckte Kleider das von der Gefängnisverwaltung gelteserte Kostüm anzulegen. Keine Muskel in seinem Gesicht verriet, was tui seiner Seele vorging, während man an seinem Leibe die schmachvollen Rachsuchungen vornahm, die sogar hartgesottenen Verbrechern das Blut in die Wangen treiben. Er blieb völlig stumpf, als die Wärter ihm Bart und Haare kämmten, als sie m seiner Mund- höhle uachsahen, ob er dort ctiua eilte jener winzigen Uhrfedern
versteckt hielte, womit man die stärksten Eisenstangen durchsägt, oder eines jener mikroskopisch kleinen Stücke Reißblei, dessen sich die Gefangenen zum Schreiben von Zetteln, sogenannten „Postillonen", bedienen, die in Brotkügelchen befördert werden.
Die Einlieferungsformalitäten waren erledigt, der Direktor klingelte einem Wärter nnd sagte:
Bringen Sie diesen Mann in die Einzelzelle Nummer 3.
Man brauchte gegen den Mörder keine Gewalt anzuwenden. Er ging hinaus, wie er eingetreten war, dem Wärter vorausschreitend, wie ein alter Kunde, der seinen Weg kennt.
WaS für ein Bandit! rief der Sekretär aus.
Sie glauben? fragte Lecoq, durch das Gesehene verwirrt/ aber nicht in seiner Meinung erschüttert.
Oh, daran ist nicht zu zweifeln! erklärte der Direktor. Der Kerl ist ganz gewiß ein gefährlicher Nebeltäter. Es kommt mir sogar so vor, als 'hätte er schon mal bei mir gewohnt... ich möchte beinahe darauf schwören!
Diese in ihrem Fach durch und durch erfahrenen Leute teilte» also Gövrols Meinung; Lecoq stand mit seiner Ansicht allein. Er versuchte aber nicht, darüber zu streiten; was hätte das für einen Zweck gehabt? Uebrigens hatte man gerade eben die Witwe Chupin vorgeführt.
Die Reise hatte ihre Nerven beruhigt, sie war sanfter geworden als ein Lamm. Mit schmeichelnder Stimme und mit Tränen in den Augen rief sie „die guten Herren" zu Zeugen auf für die himmelschreiende Ungerechtigkeit, womit man sie behandelte, sie, eine anständige, auf der Polizeipräfektur wohlbekannte Frau. Ohne Zweifel hätte man was gegen ihre Familie, weil mau schon ihren Sohn Polytc, eine so gute Seele, unter der Anschuldigung eines „Gelcgenheitsdiebstahls" hinter Schloß und Riegel hielte. Was sollte aus ihrer Schwiegertochter und ihre,» Enkelchen Toto werden, für die sie die einzige Stütze wäre!
Aber als man sic, nach Eintragung ihres Namens und der Vornamen, wieder abführte, gewann ihre Naturanlage die Ober- hand und man hörte sie, kaum auf dem Korridor angekommen, auf den Wärter schimpfen.
Vorläufig war nichts mehr zu tun; Lecoq war frei bis zur Aukituft des Untersuchungsrichters. Er ging zunächst tu den Korridoren und verschiedenen Zimmern herum, da man ihn aber überall mit neugierigen Fragen belästigte, so ging er auf bett Quai und setzte sich auf einen Prellstein neben der Torsahrt. ,
Er war sicherer denn je, daß der Mörder seinen wahren Stand verhehlte, andererseits aber ivar klar erwiesen, das; der Mann mit. bent Gefängnis und dessen Gebränchen vollkommen Bescheid wußte, daß er außerdem schlauer, tausendmal schlauer war, als Lecoq gedacht hatte. Welche Selbstbeherrschung! Welche vollkommene Berstellungskunst! Er hatte bei den unangenehmsten Untersuchungen nicht mit der Wimper gezuckt, und die besten Augen voll Paris getäuscht. ,
Ter junge Beamte wartete seit beinahe drei Stuudcn, trotz oec Kälte, so uitbeweglich wie der Prellstein, auf dem er saß, al? eine Halbkutsche vor der Torsahrt hielt und Herr d(Escorvas nebst seinem Protokollführer ausstieg. Lecoq sprang auf und Ue- auf ihn zu.


