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die Schwertgänger der Neurvmantik erhoben sich. Mit Begeisterung grüßte die gallische Jmpressionistenart des modischen Hermann Bahr die Anfänge des jugendlichen Hofmannsthal, der gleichfalls den stark romanischen Zusatz im Empfinden und Blut der Tonaustädter offenbarte. Den Kritiker von Wien dünkte, daß den zarten Alexandriner eine Stimmung nicht an den Frühling, den Mond oder das Gewitter, sondern an einen alten Dolch oder einen reich verwerten Becher erinnere. Abgeklärtheit und die Schwermut alter Völker zeigte der an Hypertrophie leidende Dichter. Er gebietet über die Schätze seltener Geister und kennt die purpurnen Traumkräfte des Südens. Orientalische Sinnlichkeit, die ihm die Plastik der Vision erblühen ließ, überwuchert den spärlichen nordischen Gemütstrieb im Naturell dieses blassen Uniprägcrs. Er träumt von silbernen Alhambranächten, hat schwärmerische Augen und den Pomp der Rhapsoden, die mit feierlichem Antlitz goldene Harfen- stränge schlagen. Spätlingswehmut brennt in ihm, der Zweisel hüllt ihn in tragische Gloriole, fängt den Sklaven der schönen Rede mit Goldketten. Von überladenen Renaissancesarkophagen, aus den Alkaden der Venetianerpalüste eilt er zu antiken Stoffen, über die er unstete Flammen lodern läßt, über der Grazie des Rokoko schluchzen Kadenzen des Schmerzes. Auch Heroengewalt und Barbarenverruchtheit erscheinen aus dem Prunktheater dieses Dramatikers. Vor seinen Dekorationen stehen Figuren mit Aristokratengebaren und italienischem Geschmeide, fahle Renaissancetypen, Abenteurer mit atlasblitzenden Seladon- fräcken, ime verzerrte Altertumskönige, und pathetische Rachemegären aus dem griechischen Mythos. Den wuchtigen Basreliefs der Ueberlieferung gab er neue Tünche.
Unter dem Pseudonym Theophil Morrenz bescherte Hofmannsthal 1891 der Oeffentlichkeit das Miniaturendrama „Gestern", das in Mendröte und flehenden Petrarca- sehnsüchten verklingt, ein Adagio auf klagenden Amatisaiten, voll Gram, Schwermut und Entsagung. Vor dem Abe^d- himmel zu Imola, unter den Lorbeergewinden und Zephyr- düfteu der Paradiese von Bologna, der Augenweide von Carraci und Guido Reni, ertönt Andreas' Schwanensang. IN eine inbrünstige Anbetung des Lebens versunken, hat er endlich nur noch Seufzer und Tränen.
Um diesen Turchkoster höchsten Lebens und sensitiven Hüter lichter Vergangenheiten schwebt das Weibchen Arlette, das ihn unter Fliederdolden betrügt und kokett den feisten Kardinal umgaukelt. Zu ihrer Gruppe gesellen sich der hakennasige Condottiere Vespasiano, Mosca, der Parasit mit den Schnabelschuhen, der Komödiant Corbaccio in buntem Kostüm, Maler und Musiker. Dahinter züngelt der brennende Scheiterhaufen um den hageren Bußprediger von Florenz und heult dessen blutrünstiger Pöbel.
Dann steigen in Sonnenröte die Adlerantlitze der sagenhaften Idealisten des Cinquecento aus, schwärmerische Jünglingsköpfe, wie sie in der Pracht der Medicäerzeit leuchten. Zu Böcklins Gedächtnis ward 1892 das Stück „Der Tod des Tizian" geschrieben, daß sich unter Damastgehängen, vor dem trauernden Rosenflor von Tizians Terrasse abspielt. Versonnene Jünger erlauschen des großen Cadoresers letzten Hauch, der in fieberischer Seligkeit hinstirbt.
Der Renaissancedramen Reihe wird dann abgebrochen. Um erst im Vorspiel zum „Theater in Versen" wieder üuszuglänzen. Es folgt das Stück „Der ^or und der T o d". Claudos sentimental verdüstertes Selbstgespräch ist ein faustischer Mondlichtmonolog, in der Biedermaiertracht, im Empiregemach. Ter verwunschene Dekadent bricht beim Violinensang in Verklärungspathos aus, wie Goethes silber- bärtiger Uebermensch bei des Osterchors Akkorden, hat, wie dieser beim Anblick der Erdgeister, einen Laut des Entsetzens, als er den Tod mit der Fiedel erblickt. In Marionettenstarre durchwandeln Verblichene das Gemach, die Mutter, die Geliebte, der Freund. Claudio bricht, im Sterben das Sein fühlend, zusammen; der Tod verschwindet hinter den Kulissen. Ter Akt duftet nach Lavendel und hat konstruktive Härten. Tann sei das „Kleine Welttheate r" erwähnt. Tie wirre Symbolik des Puppenspiels, das von wunderbaren Versen getragen wird, ist Maeterlinck abgelauscht. Ueber einer Uferlandschaft mit einer Brücke verblaßt der Abendhimmel. Sinnende Gestalten, der Dichter, der Gärtner, der junge Herr, der Fremde, das Mädchen erscheinen. Ju der Ferne bläst ein Bänkelsänger, die bleiche Larve eines | Irrsinnigen wird in Träumen von grünen Mondesstrahlen •
bespielt. Sein Gelächter beschließt das Poem, das Auf- und Ahwandelu reflektierender Glücklicher.
Hieraus ist Hosmannsthal unter den Einfluß der schillernden Phrasentragödic d'Annunzios und seiner betörenden Technik geraten. Ter „Traum eines Herbstabends", die Eifersucht her Gradeniga unter vergoldeten Laternen, türkischen Teppichen und Fackelhaltern, die blassen, von Spangen klirrenden Arme dieses Weibes, die späten Medea- flammen ihres Herzens, ihr Wüten unter Zypressen und Purpurwolken bestachen seinen enipfänglichen Aesthetensinn. Von per Szene dieser Zaubertat am schmälenden Kohlenbecken, von dem zischelnden Haß der Dogaressa über dem mit Goldnadeln zerstochenen Wachsbild, dem Akt im roten Licht, in dessen Panorama die Prunkbarke „Bucentaur" mit der Leiche der Buhlerin Pentea lodert, hat er gelernt. Die Fabel von der Madonna Dianora, welche in d'Annnnzios „Sogno d'un mattino di primavera" die unglückliche Isabella, die schlafend im Blut ihres erdolchten Buhlen lag, dem Arzt erzählt, ist von Hosmannsthal zu dem Einakter „Die Frau am Fenster" umgearbeitet worden. Knappe Tragik ist das Geschick der wimmernden Ehebrecherin, der Tochter Eolleonis, die vom finsteren Gatten mit der seidenen Strickleiter erdrosselt wird, worauf Palla dagli Abbizzi in ihr Gemach gestiegen, war. Der unruhige Schluß läßt sie in bleichen Aengsten blicken, niit dem Lachen des Grausens und trunkener Mänadengeste. Die milde Trauer der Grill- parzertragödie ist im orientalischen Stück „Die Hochzeit der So beide" enthalten, in dem beim Glanz der Mondsichel vom Nachthimmel das Weib des alten Krämers, der es freigibt, zum Geliebten eilt. Wie phantastischer Spuk flimmert der zweite Akt, in dem Sobekde über den Scherben ihrer armen Liebe schluchzt; ein geiziger Lüstling hockt unter den Ampeln, während ein musizierender Zwerg und weibische Sklaven über die Szene gehen und eine Buhlerin perlende Wassertropfen aus ihrem Haar streicht. An Sobeldens Leiche spricht der um die Hochzeit betrogene Gemahl von des Lebens Bitterkeit. Tann sei des dritten Bühnenspiels aus dem „Theater üt Versen" Erwähnung getan, das seiner Darstellung bedarf, eine Plauderei vom holden Augenblick. Intim müßte das Theater sein, mit barocken Logen, silbernen Rampenlichtern vor des Vorhangs Scharlachdraperie. Es ist das Stück „T erAbenteurerunddieSängeri n", ein Spiel von lächelnden Amoretten und vergeudeten Lüsten, in Parfümwölkchen, int rötlichen Halb licht der Boudoirs des venetianischen Rokoko. Interieurs tun sich auf, in denen Ambrakerzen auf reichen Kandelabern brennen, sublime Figürchen in Atlasfräcken plänkeln, mit Lockeutoupets, von Brillanten berieselt, mit zarten Grandseigneurmienen und schmaler Hand, die mit verzierten Galauteriedegen tändelt. Nickende Silhouetten, dazwischen girrende Kourtisanen iin Spitzenschmuck, vor verschwiegenen Spiegeln, über denen sich Baldachine von violetter Seide bauschen, klappernde Pantöffelchen und etwas Tragödie. Ter abenteuerliche Casanova, einer Wollustkultur vergötterter Erotiker, durcheilt als holländischer Baron Weidenstamm die Szene. Tas Menuett seines Lebens stirbt ab. Die Jagd begehrlicher Sinne scheuchte die Skrupel von ihm, der frivol zwinkernd der tausend Seidenbünder gedenkt, die er von Damenknien streifte. Ueberschwang und Eleganz hat er noch, aitch etwas. Wehmut über verwirkte Jugend und zertretene Perlen, darüber die zerknitterte Maske verrauchter Leidenschaften. Ter Abenteurer sitzt in der Oper zu Venedig, plaudert mit Lorenzo Venter, dem Gatten der Sängerin Vittoria, seiner, Geliebteit vor fünfzehn Jahren, die auf der Bühne erblaßt. Er drechselt Kapriolen der galanten Zeit, küßt den Arm der! Tänzerin Corticelli und windet schwärmerisch einen Goldschmuck um den Hals der Redegonda. Vor grünem Vorhang zaubert ein konzertierendes Quartett graziöse Melodien. Der Abenteurer wandelt am Arm Cesarinos, seines Sohnes, und spielt in versäuselndem Duett mit Lorenzos Gattin das Spiel der Täuschung. Auf schaukelnder Gondel nimmt er Abschied. Die Sängerin betritt die Galerie, Cesarino schleicht über die Bühne, lauscht irud ruft bebend nach Venier, Vittoria sänge das große Lied der Ariadne, „das sie seit Jahren nicht hat singen woll'n".
Wie der Wiener Beer-Hofmann in seinem „Grafen Che- rolais" Massingers „Fatal dowry" nacherzählte, hat auch Hofmannsthal auf ein von Blitzen erhelltes Nachtreich ohnmächtiger Größe zurückgeblickt. Er bemächtigte sich der Phantasie eines englischen Dichters, der nach den Elisabetha- nern kam, er wählte des . Thomas Otway „Venice preserved


