Ausgabe 
10.6.1908
 
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der Flammen. Die blinkenden Harnische und Waffen werden sonst zum Verräter. Und wirklich wurde der Trupp von den Wachen erspäht. Doch an eine Verfolgung war nicht mehr zu denken. Jni nächsten Augenblick schon hatte sie die Nacht verschlungen. Und als die Sonne am nächsten Morgen blutigrot im Osten aufstieg, war für Friedberg der bittere Kelch geleert. Nur hie und da noch eine leichte Rauchwolke aus den leergebrannten Stätten.

In den öden Fensterhöhlen Wohnt das Grauen, Und des Himmels Wolken schauen Hoch hinein."

Hunderte ohne Obdach, ohne Mittel.. Für die Stadt ein todbringender Schlag.

Der Kuß. '

Einst herrschte zu Bagdad ein Kalife, der einen sehr klugen und witzigen Großvezier hatte. Dieser verstand cs, durch seinen guten Humor seinem Herrn manche träne Laune zu verscheuchen und ihn täglich durch seine lustigen Einfälle zu erheitern, und stand deshalb bei ihm in hoher Gnade.

Eines Morgens saß der Kalife mit finsterer Miene auf seinem Divan und sagte zu dem eintretenden Großvezier: Soeben erfahre ich, daß mein Oberjägermeister gestern meiner Tochter Fatme, als sie unverschleiert über den Korridor schritt, einen Kuß gegeben hat. Er ist einer meiner liebsten Diener, und es betrübt mich sehr, daß ich ihn wegen dieser Frechheit bestrafen muß. Was rätst Du mir zu tun?"

Er hat nur eine ungeheuere Torheit begangen", ant­wortete lächelnd der Großvezier. »Diese verdient keine Strafe!"

Wie?" rief der Kalife erzürnt aus,Du nennst es eine Torheit, Fatme, dem Sterne meines Schlosses, einen Kuß zu geben?"

Verzeih', o Herr!" erwiderte der Vezier.Zunächst ging Fatme unverschlciert über den Korridor, und daß der Oberjägermeister, der ihr begegnete, der Versuchung nicht widerstehen konnte, dem schönsten Mädchen von Bagdad einen Kuß zu geben, kann ich ihm nicht zum Verbrechen anrechnen. Dennoch beging er eine unverzeihliche Narrheit!"

Und worin besteht diese Narrheit?" fragte der Kalife.

Daß er Fatme nicht zwei Küsse gegeben", entgegnet der Großvezir lächelnd.Wenn Einem die Gelegenheit ge­geben ist, ein schönes Mädchen zu küssen, und er sich mit einem Kusse- begnügt, scheint er mir einer der größten Narren zu sein, die es auf dein Erdboden gibt. Deshalb meine ich, erhabener Gebieter, solltest Du den Oberjägermeister bemit­leiden und ihm verzeihen!"

Du hast Recht", rief der Kalife lachend aus.Es sei ihm verziehen. ----------- A. Ammann.

Literatur.

DerSchipkapaß. Roman Von Karl Hans Strobl. Verlag F. Fontane & Co., Berlin. Preis brosch. 5 Mark. Der Schipkapaß Strobls ist ein Wirtshaus, nicht das in Gießen, sondern eins über den Bergen hinter Prag, das, gleich dem Gießener, zu einer Zeit gegründet wurde, da der russisch-türkische Krieg alle Gemüter in Auf­regung versetzte. Die ersten Prager Studenten, die da hinauszogen, fanden eine Aehnlichkeit der Landschaft mit den Balkangegenden, eine Aehnlichkeit des hünenhaften Wirtes mit dem Verteidiger von Plewna. Seit jener Zeit führte auch das Wirtshaus Strobls den Namen Schipkapaß, der Wirt hieß Osman Pascha, und um im Stil zu bleiben, nannte man seine Gattin Suleika und seine Köchin Zoraide. Dieser Schipkapaß war wie auserlesen zum Schauplatz der toüstesten Kneipereien und zur stillen Zurückgezogenheit für solche, denen dasBalkanbier" lieber war als das Studieren. Das Buch Strobls behandelt in der Hauptsache die Geschichte des Studenten der Rechte Hans Schütz, der nach langem Bummelleben endlich den Entschluß faßt, zu arbeiten und seine Examina zu bestehen. Es schildert seine Erlebnisse mrt den berden Frauen, die seinem Handeln die Richtung geben. Die erste, die er gerade an dem Tage kennen lernt, ££..?i:,arifan9cit töiW M arbeiten, ist der Typus dessüßen Madels", das, hübsch und oberflächlich, alle Opfer verlangt

und nimmt und keine Dankbarkeit FenttL Für sie ruiniert sich der Mann, bringt ihr pekuniäre und seelische Opfer und vernachlässigt seine Studien mehr denn je. Aber die lustige Midi mokiert sich über seine Schwerfälligkeit tmb verläßt ihn sehr bald um eines anderen willen. Schütz zieht hinauf nach dem Schipkapaß und bleibt dort wider Willen haften. Wunderbar schildert Strobl den Zustand des Armen. Die Bücher sind ihm fremd und furchtbar geworden, wie Berge stehen sie drohend vor ihm, die er niemals erklimmen, wie Riesenhindernisse, die er nie überwältigen kann. Sein Willen ist erkrankt und gelähmt, die völlige Lethargie scheint für ihn das einzig Mögliche. Da tritt fast unmerklich die zweite Frau in sein Leben, die arbeitende, verständige Gefährtin, die kluge, beratende Freundin, die ihn langsam weiter auf den rechten Weg führt, den Weg der Arbeit und der Ge­sundheit. Was dem Buch den besonderen Reiz verleiht ist zweierlei: das bunte Studenteilleben mit Lust und Freud, das Strobl meisterhaft zu zeichnen versteht, und der grelle Kontrast zwischen Deutschen und Tschechen. Dieser gibt beut Buche den kulturgeschichtlichen Hintergrund, von betit sich die Einzelschicksale desto schärfer abheben. Strobl ver­steht es, mit gleicher Meisterschaft die burschikosen über­mütigen Szenen auf demBalkan" zil schildern wie ein kluges, feinsinniges Gespräch zu führen, oder den Seelen­kampf des müden nervösen Menschen zu malen, der sich auf dem Schipkapaß wie gefangen fühlt und nicht die Kraft hat, sich aufzuraffen. Der Leser lebt, leidet und liebt mit dem Helden, wahrlich das Beste, was ein Roman uns bieten kann!

Erziehung.

Jugend-Universum. Monatsschrift füp Knaben zur Pflege eigentätiger Selbsterziehung. Geleitet von F. A. Miiller in Würzburg, Schießhausstraße 15. Verlag von Wolstein u. Teilhaber G. m. b. H. Frankfurt a. M. DasJugend-Universum" sieht seine Arbeits-Basis in der Tatsache, daß die Erziehung der Jugend zur Selbständigkeit nur durch intensive Selbsttätigkeit erreicht werden kann. Es sucht ein System aufzubauen, dessen Durchführnng geistige und leibliche Förderung der Jugend anstrebt. Daß sich die Monatsschrift an die zu Erziehenden, allerdings unter Bei­hilfe der Eltern und Erzieher wendet, kann aus praktischen und ideellen Gründen gutgeheißen werden. Eine stattliche Reihe pädagogischer Schriftsteller hat sich zur Lösung dieser Aufgabe vereinigt. So bietet gleich die Nummer des 3. Jahr­gangs eine Fülle guter und anregender Stücke: Einer in- strnktiven Arbeit, in welcher Johannes Forschdas Ge­heimnis des Kinematographen" offenbart, folgt Paul Lang mit einemhartnäckigen Problem", während H. Schreiber überErbsenarbeit", schreibt. E. Weber bringt ein Gedicht Burg und Dorf", C. Schmitt eröffnet eine Reihe Pflanzen­betrachtungen mit einem Aufsatz überBlumenlist". Man bezieht die Monatsschrift durch den Buchhandel für 4 Mark pro Jahr. ___________

An- und Einsichten.

Man muß an die Möglichkeit be-3 Glückes glaube», um glück­lich zu sei». * Markus Aurelius.

Was nur de!» Meister der Kunst begreiflich ist: die Notwendig- keit, das Wesenilichste o?t ganz beiläufig zu sagen, um den schöne» Schein der Freiheit nicht ansznheben!

Das Sprechenlernen der Kinder durch's Hören ist und bleibt mir geheimnisvoll. Wem> ein Erwachsener es sollte, er ivürde schlecht bestehen, er muß sich, um eine neue Sprache zu erobern, immer aui eine ihm schon geläufige zurückbeziehen können. Be­sonders verwundere ich mich darüber, daß Kinder schon so früh die Partikeln richtig zu brauchen ansangen.

Wer ein Kunstwerk in sich ausnimmt, macht denselben Prozeß durch wie der Künstler, der es hervorbrachte, nur «»»gekehrt und unendlich viel rascher.

AusTagebuchlütter" von Friedrich Hebbel.

Gleichung.

a - (b + c) + 7, d 4- (e i) = x.

a Musikinstrument,

b Vokal,

c weibl. Vorname,

d = mythische Königin,

e = Tageblatt,

f französischer Ausdruck für einen Zeitabschnitt, x geistliche Würde. bb.

Auflösung in nächster Nummer.^

Jicbmiio». P. Wittko. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.