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Sofaccke, blinzelte noch cinigemal freundlich und überließ dann das junge Paar seinem Schicksal. UnwilWrlich'zog Lovscu seinen Stuhl etwas näher an den seiner Nachbarin nut» stieß seine Zigarre in den Aschenbecher. Flüstern war geboten, also flüsterte er: „Wilhelm hat sich hingelegt?"
Sic war sofort bei der Sache.
„Ja, Sie „Ässen ihn schon entschuldigen. Er schläft nicht etwa, er bereitet sich vor aus seine sonntägliche RachnnttagS-Unter- Haltung. Sie müssen wissen, daß sich d-ie Äartenhallc jeden ©01111= tagnachmittag mit Gästen stillt, die jungen Burschen aus dem Tors, die alle gern kommen. Wilhelm liest ihnen vor, meist Selbst- versas-tes, und unterhält sich mit ihnen. Es ist merkwürdig, wie Viele sich immer einfinden, obwohl wir ihnen absichtlich weder Bier noch Kvffoe vorsetzen. Sein ganzes Wesen übt eben eine solche Anziehungskraft auf die Jugend aus, und dann versteht er es so, die Lektüre zu wählen. Etwas derber Humor darf dabei sein, der Bauer liebt es, auch Belehrung, und praktische Ratschläge. Ganz wundervoll ist, was er selber für diesen Zweck geschrieben hat und noch immer schreibt —" die Augen der Sprecherin glänzten — „da kommt immer ein Stück zum andern, und eine dicke Mappe ist schon voll, mit der Aufschrift: „Bauernpredigten". Es sind nicht Andenken in« gewöhnlichen Sinn, sondern scheinbar praktische Betrachtungen über alltägliche Bor- konimnissc des Landlebens und Handwerkerstandes, Ackerbau, Obstkultur, Biehzncht, Tischlerei und Schmiedearbeit, alles wie es ihm cinfällt und alles bald mit so schöner Nutzanwendung auf geistliches Gebiet hin überspielende . Es geht wohl ein jeder bereichert fort. Die Darbietung frommer und nützlicher Gedanken in so ganz landläufiger Form' geht auch in den dicksten Schädel. Auf jeden Fall ist es eilt Bergungen, die jungen Leute zu beobachten, wenn er vorliest."
„Tun Sie dies?" fragte er schnell.
„Gewiß. Ich bin oft dabei."
„Ja, bringt das nicht diese Schar junger Dorsmännlichkeit in einige Nuruhe?" fragte er lächelnd,
„Lieber Herr von Lohsen, unsere Rothaider, alt und jung, sehen mich viel zuviel, um durch meinen Anblick in Verlegenheit gesetzt zu werden. Sie sind übrigens unartig — zur Strafe führe ich Sie jetzt mal in den Hof und zeige Ihnen in den Ställen alle meine kleinen und großen Lieblinge."
Damit sprang- sie auf und ging neben ihm her. Sie nahm im Borsaal ein leichtes Tuch vom Mantelhalter und warf cs sich nur, die Schultern, so schritt sie in den Hof hinaus und die Sonne schien auf die mattgelbe Flechtenkrone. Sie besuchten einen ’ Stall nach dem andern, sie stellte ihm Kälber und Kühe, junge Fohlen und kräftige Ackerpferde, den „Milchesel" und die Zugochsen vor, brachte ihn auch in den tzühnerhof und in einen Hvlzvcrschlag, woselbst in stillen« Dämmerlicht einige Hennen brütend in verschiedenen Abteilungen saßen. In der eilten klang Piepsen und Glucken, und Edeltrant bückte sich rasch, hob ein krabbelndes Etwas aus den Heuhalmen und hielt es ihm hin — »sehen Sie nur," sagte sie, die Hände ein wenig öffnend, daß das goldbraun flaumige Tierchen sichtbar ward, „ein kleines Kunstwerk der Natur! Haben Sie schon je darüber nachgedacht, wie vollkommen solch ein Küchlun vom ersten Atemzuge an ist? Fix und fertig, mobil, und im stände, sich das Futter selbst zu suchen. Ist das nicht schön? — Wollen Sie es einmal nehmen?"
Seine Hände umschlossen die ihren, welche sie vorsichtig öfsngir, und nun blickten sie beide herab auf das kleine verwunderte Wchlcin, das aus seinem' warmen Toppelgehanse aufschaute.
So standen sie eine Weile, und ihm' ward wohl und siegessicher zu Mut. Er hatte Mühe, nicht ganz läut und fest zu sagen: siehst du, wie ich eben deine Hände fasse und halte, so ergreife ich von Stund au Besitz von deinem ganzen Sein und Denken und sehe auf dich als mir angehörig!
Durch eine kleine Luke über der Holztür siel ein Sonnen streifen und in ihm tanzten.tausend aufgescheuchie Staubkörnchcu, gleich Mkrofkopischen, vielfarbigen Edelsteinchcn funkelnd. Es duftete nach Heu und eine fast sommerliche Wärme erfüllte den kleinen Raunt'.
Loyscn ^fürchtete, der heimliche Zauber dieses Eckchens und längeres Schweigen könnten ihm Worte entlocken, die noch verfrüht waren, so machte er. selbst der Situation ein Ende, indem er die Hände des Mädchens sreigab, und sie ließ das Küchlein ins Nest zurückgleiteit.
. Tann gingen sie in den Garten und durch denselben aus die Wiese. Ihm gefiel dieser Platz mit der lieblichen Aussicht auf den Kirchhüacl und in dte ferne Ebene hinein. Eine Holzbank stand unter einem blühenden Kirschbaum, da setzten sie sich drauf und wollten hier Worten, bis es Zeit war, in die Gartenhalle zu gehen. Loysen hatte den Wunsch geäußert, bei den Vorlesungen dabei zu sein. Mittlerweile wollte er seine Zeit auch nicht un-
Senützt verstreichen lassen und das feine Band, welches ihn mit ihr fürs Leben verbinden sollte, fester ziehen. Er fing von ihrer Kindheit an zu reden, fragte sie nach allem, was zu wissen ihm am Herzen lag, nach ihren Neigungen und Spielen, nach ihren Studien und allerlei Erlebnissen. Sie sprach ganz willig und freundlich, aber ohne besondere Lebhaftigkeit, bis er eilte Frage tat, die auf Wilhelm! frühe Jugend Bezug hatte. Da veränderte sich ihr ganzes Wesen, sie wurde mitteilsain, ihre Wangen-färbten sich. jSie wurde nicht müde zu erzählen, ihm die Lücken auszufüllen, die sein langes Fernbleiben hervorgerufen, alles zu berichten, was sein Freund in der Zeit erlebt und erlitten. Dabei wurde sie wieder so vertraulich, als spräche sie zu einem, der ihr schon lange eilt guter Freund gewesen. Sie bemerkte nicht, wie die Zeit hinging und daß die Stunde vorüber war.
Als sie dann, ausgeschreckt durch den Schlag der fernen Kivchenuhr, auf die Rückkehr drang, sahen sie im Garten die Torfburschen schon wieder aus der Halle strömen. Manches ein- sättige und stumpfsinnige Gesicht war darunter, aber die meisten blickten hell und schienen von ehrlicher Dankbarkeit und Freude erfüllt.
Wilhelm verließ als letzter die Halle. Er sah nicht ermüdet, sondern erfrischt nnd angeregt aus.
Man saß noch ein Stündchen zusammen, dann ward Loyfens Pferd gemeldet und er ritt von dannen, mit sich, und der ganzen Wett gar sehr zufrieden.
(Fortsetzung folgt.)
Dämsmfche Naturen.
Von A. Kelch (Berlin). (Nctchdr. Verb.)
Wer die Triebfedern des menschlichen Handelns einigermaßen kennt, wird beim Lesen der ersten Nachrichten von' dem schaurigen Drama, das sich vor wenigen Wochen in All en st ein zugetragen hat, sofort vermutet haben,, daß hier weibliche Einflüsse int Spiele gewesen sein müssen. Erscheint nun auch durch die inzwischen erfolgten Meldungen manches in der geheimnisvollen Begebenheit weniger dunkel, so bleibt doch noch genug des Rätselhaften übrig. Man fragt sich- wie es möglich war, daß ein Offizier aus' einer ciitaiigesessenen Familie- dem von allen Seiten das' beste Zeugnis ausgestellt lvird, sich zu einer solchen Tat hinreißen lassen konnte.
Es gibt Gelehrte, die sich unterfangen, alle Geheimnisse des Lebens zu ergründen, und die dunkelsten Vorgänge mit der Brandfackel der Wissenschaft zu durchleuchten. Nicht selten sind es in sich gekehrte Naturen, die' das Leben nicht kennen, weil sie sich nicht selber in seinen Strudel gestürzt haben. Sie mögen imstande sein, in der Stille ihrer Laboratorien unfern Körper in seine Bestandteile zu zerlegen, die mannigfaltigen Kolonien von Mikroben. wahrzunehmen, die in unserem Organismus ein! mehr oder weniger selbständiges Dasein führen oder ihn aufbauen, ja das Leben selbst zu beeinflussen, indem sie neue Tier- und Pflanzenarten oder wenigstens Spielarten! züchten, vielleicht sogar künstliches 'Eiweiß erzeugen, das, wie eilt namhafter Biologe gemeint hat, eines Tages an- fangen wird, zu krabbeln, wenngleich es ihm diesen Gefallen bisher noch nicht getan hat. Aber wird es der Wissenschaft jemals gelingen, uns die verborgensten Geheimnisse . des Menschenherzens zu enthüllen, uns zu erklären, wie es kommt, daß ein Wesen von einem andern! Besitz ergreift, es sich unterwirft und wie einen Sklaven beherrscht?
Während die meisten weiblichen Wesen auf die Männer, die zu ihnen in Liebe entbrennen, keinen so tiefen Ein- driick machen, daß der Liebhaber seine Selbständigkeit des Entschließeits und Handelns einbüßte, gibt es andere, die es verstehen, sich den Mann vollständig zn eigen zu machen) sich so fest in alle Fasern seines Herzens und seines Hirns cinzubohren, daß sie ihn in geradezu despotischer Weise beherrschen. Wer hätte derartige geheimnisvolle Einflüsse noch nicht beobachtet? Ein Weib kreuzt den Lebensweg eines Mannes. Vielleicht sieht er sie in einer Gesell- schaft, vielleicht geht sie auf der Straße an ihm vorüber. Sofort erleidet sein ganzes Wesen einen schweren Stoß. Mit ihrem Blick entfacht die ihm bis dahin völlig Uu- bekannte sofort einen heftigen Brand in seinem Innern, den nichts zu löschen vermag. Alle Bande der Anhänglichkeit Ivie der Pflicht werden zerrissen. Ein solches Weib kann den Manu zu dem Höchsten begeistern, aber auch zu den abscheulichsten Handlungen verleiten.
Zuweilen liebt das Weib den, den sie auf diese Weise!


