Ausgabe 
10.2.1908
 
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Kelmuti) von Ponsen.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Edeltraut achtete anfangs nur auf das, was der Bruder sprach, und freute sich, ihn so angeregt zu sehen, aber allmählich gewann ihr des Gastes ruhige, ernste Sprechweise Beifall ab. Er war nicht so genial wie Wilhelm, aber alles, was er vorbrachte in knapper Kürze, zeigte ein ehrliches Streben und eine sonder­bare Entschlossenheit, das Rechte zu tun. Auch überraschte es sie, daß er so viel mehr gelesen und nachgedacht zu haben schien, wie sie ihm zugetraut hatte.

Wilhelms Wünschelrute schien nötig, um ans Licht zu ziehen, was in der Tiefe ruhte, vor allem ein von treuen Eltern über- konmiener Schatz schlichter Gottesfurcht, au dem nie ein Zweifel gerüttelt zu haben schien. Anfangs war von einer Meinungs­verschiedenheit zwischen den Freunden nicht die Rede, aber endlich! glaubte Loysen, widersprechen zu müssen. Er tat dies mit einem Blick auf Edeltraut, der um Entschuldigung zu bitten schien. Tie hörte mit wachsendem Interesse der Debatte zu und begriff, welcher Genuß und welche Erfrischung für den so ganz einsam Lebenden darin liegen mußte, sich einmal mit einem geistig Ebenbürtigen zu meisen. Daß der andere dies lvar, nrußte sie bald mit Verwunderung zugeben. Nun freute sie sich noch mehr, daß er gekdmmen. Sie hätte ihm die Hände hin- streckcn mögen und ihn bitten: bleibe doch bei uns!

Tenn hier war, was Wilhelm so sehr brauchte, Aussprache mit einem, der ihn verstand!

In der Nachbarschaft galt er für einen Schwärmer und einen sozialistischen Sonderling, in seinem Torfe aber, in seiner kleinen großen Welt", war er immer der Gebende, immer nur bestrebt, von seinem Reichtum an Herzens^- und Geistesgaben mit- zutcilen.

Tie Zeit war im Fluge vergangen, und als das Läuten einer Glocke im Hose Edeltraut an die auch Sonntags unerläßlichen, wirtschaftlichen Pflichten erinnerte, ging sie zögernd.

Tie Unterhaltung ward dadurch unterbrochen und der Ritt­meister schien sich jetzt erst zu besinnen, daß ein junges Mädchen Zeuge des Gespräches gewesen war.

Ich fürchte," sagte er etwas beunruhigt,ich bin in manchem zu weit gegangen. Es wurden Kapitel verhandelt, die durchaus nicht vor die Ohren der jungen Tamen gehören . . . ich hatte das bedenken sollen." _

Lieber Helmuth, mach dir darüber keine Sorge. Meine Edel ist ein ganzer Mensch. Ich habe sie absichtlich so erzogen, daß. sie mit offenen Augen in das Leben hineinsieht, wie es eben ist und lvie es sich rings um uns täglich abspielt. Sie steht ja mitten darin und soll sich nicht in unnahbarar Entfernung halten, sondern teilnehmen an den Schicksalen ihrer ärmeren Mit- menschen, um nach besten Kräften zum Guten zu wirken, wo es immer angeht. Ich könnte dir von manchem jungen Torfmädchen erzählen, welches durch das energische und wohlmeinende Ein­greifen meiner jungen Schwester vor Schande und Elend bewahrt

wurde, und von mancher hadersüchtigen Frau, welche durch sie zur Einsicht kann Du siehst, Naivität wirst du bei ihr nicht finden, sie spricht oft ruhig und unumwunden über Tinge, bei welchen sonst die wohlerzogene Tochter des Hauses sich verpflichtet fühlt, zu erröten. Ich sage dir dies absichtlich, damit du dich bei einer solchen Gelegenheit nicht wunderst. Du wirst es auch begreiflich finden, da du weißt, daß ein Manu sie erzogen hat."

Ich finde, sie ist in jeder Beziehung ein herrliches Mädchen geworden!"

Loysen sagte das unbefangen und der andere nahm es auch so.

Siehst du, manchmal frage ich mich, ob ich ganz recht tat, ihr nicht zu mehr weiblichem Umgang behilflich zu sein aber so wenige passen zu ihr. Es ist seltsam. Sie hat zwei Freun­dinnen, mit denen sie in Briefwechsel steht, das sind die Töchter der verwitweten Frau von Wahrendorf, die früher in Jarowitz lebte. Leider zog sie nach Berlin. Ihre Töchter sind beide älter als Edellraut, aber durch die Nähe der Nachbarschaft sahen sie sich schon als Kinder häufig und harmonierten gut. Tie beiden Mädchen sind hochgebildet, ernst erzogen, widmen sich ganz dem Dienst der inneren Mission, es ist für Edeltraut ein anregender Briefwechsel und Verkehr, denn ich halte darauf, daß sie die Wahrendorss in jedem Winter besucht wenigstens auf vierzehn Tage. Sie sieht und hört immer soviel Neues, davon auch ich nachher profitiere, aber ich sage dir, wenn ich dies letzte Argument nicht immer ins Treffen führte, wäre sie schwer von hier fort- zubekommen."

Mein Himmel, dachte Loysen, da war sie nun jeden Winter in Berlin und ich habe nichts davon gewußt. Ter Gedanke war ihm ganz neu und merkwürdig.

Sodann," fuhr der andere fort,ist sie mit den Töchtern des Pastors hier befreundet, die aber auch im Alter gar nicht zu ihr passen. Aber cs ist ihr auf jeden Fall ein lieber Verkehr, den sie jede Stunde und in nächster Nähe genießen kann. Was aber die jungen Damen in Hochwcrth, Lobwitz und so weiter betrifft, so sind die Lebens in ieressen zu verschieden und Edeltrauts Zeit zu knapp bemessen, als daß ein Verkehr sehr genußreich wäre. So bleibt es schon wie es ist, und was unser Glück und unsere Zufriedenheit betrifft, so erleidet beides durch unsere Abgeschieden­heit keinen Abbruch. Nun komm', mein Lieber, machen wir einen Gang durch den Garten, ich stelle mich dir als Obergärtner vor und gedenke dich meinen duftenden Lieblingen vorzustellen!"

Trr Mittag vereinigte bald darauf alle int- Eßzimmer, wo Frau von Tahlen Triumphe feierte. Wilhelm liebte einen fest­lich geschmückten Sonntagstisch, und trenn cr nicht viel, so würdigte er desw mehr mit anerkennenden Worten die kulinarischen Aufmerksamkeiten der alten Dame. Er sah an der Spitze der kleinen Tasel als Hausherr so stattlich und frisch aus, und fein ganzes Wesen war so durch uitd durch frohgemut, daß Loysen mehr denn einen verständnisinnigen Blick mit der Schwester tauschte.

Nach dem Essen blieb man noch ein Weilchen beisammen, Kaffee wurde serviert und dem Rittmeister Zigarren angeboten. T-ann zog sich Wilhelm zurück. Frau von Dahlen nickte in ihrer