772
licher Verkleidung zu Sümpfeti und Abenteuern ans zog und nach zwölfjährigem Kriegsdienst ruhmbedeckt in ihre Hei- tntit zurückkeyrte. Mit entern leidenschaftlichen Empfinden für die Schönheiten alter Dichtungen verband die Kaiserin ein Gedächtnis, das selbst die Chinesen, die so hohen Wert auf die Ausbildung des Erinnerungsvermögens legen, iinntet von neuem überrascht wurden. Die klafsischeu Werke, mit benen sie sich beschäftigte, kannte sie zum großen Teile aus- wendig, und mit der Witlve ihres Sohnes verlor sie sich oft in stundenlange Gespräche über einzelne Werke, in denen sie dann oft zu deklamieren begann. „Ich werde nie vergessen," so erzählt die amerikanische Malerin, „wie ich die Kaiserin einmal bei einem solchen Gespräche mit ihrer Schwiegertochter antraf: die Kaiserin saß an ihrem Throntische bei ihren Blumen, die Schwiegertochter stand neben ihr, und beider Gesichter glühten vor innerlicher Aufreguu.g, während sie ohne Unterlaß Strophen und Strophen aufsagte." Wenn die Kaiserin zur Siesta sich in ihre Gemächer zurückzog, folgte ihr fast regelmäßig der Vorleser mit Werken ihrer Lieblingsschriftsteller. Nicht selten hörte man dann während der ganzen Zeit der Ruhepause die Stimme des Vorlesenden in ihren Gemächern erschallen. Wenn ein Werk sie besonders anregte, lieh sie sich das Buch geben und nahm es bei ihrem täglichen Spaziergange durch die Gärten mit. Mer in der Regel kann es dann doch nicht zum. Lesen, die lebhafte Freude der Kaiserin an der bunten Pracht der Natur und dem Farbenreichtum der Blumengärten nahm sie so gefangen, daß das Buch aufgefchlagen, aber unbenutzt auf dem Schoße ruhen blieb. Für das Theater hatte Tsu-Hsi eine besondere Vorliebe, aber sie zog die alten dramatischen Spiele den neueren chinesischen Bühnenwerkeu vor. Schon mehrere Tage vor der Aufführung begann sie sich lebhaft mit dem Werk zu beschäftigen, und bet der ersten Borstellung versäumte sie keine Szene. Mehr als einmal schickte sie dann einen Eunuchen auf die Szene, nm gewisse Äenderungen in der Wiedergabe einzelner Stellen anzuregen. Gewöhnlich beginnt ein solches Theaterfest mit einer leichten tujtigeu Faroe; dann konnte mau. die Kaiserin bei witzigen Worten laut und herzlich lachen hören, und jede Improvisation der Schauspieler fand bei ihr ein Echo. Denn, im Gegensatz zur allgemeinen Anschauung haben die Chinesen sehr viel Sinn für Witz und ein starkes Empfinden für Humor und Komik." Den größten Wert legte die Kaiserin auch im Gespräch auf eine elegante und vollendete Ausdrucks- weise, und man konnte es ihr nm Gesicht ansehen, lute sehr es sie verstimmte, ein dialektisch gefärbtes Chinesisch anzu- höreu. Mau erzählt, daß sie bei der Auswahl mancher Beamten dem Bewerber oen Vorzug zu geben liebte, der die chinesische Sprache am reinsten behandelte; insbesondere bei den Bedienten, die mit ihr persönlich in Berührung kommen mußten, waren die Sprache und auch der Stimmklang oft entscheidend. Wie empfindlich sie darin aber auch war, verdienstvollen Männern sah sie dann lächelnd etwas nach. So schätzte sie Lihung-Schang sehr hoch, wenngleich der berühmte Staatsmann nur ein saloppes und unreines Chinesisch sprach. Die Kaiserin selbst besaß eine weiche, frische, Helle Stimme, deren Zauber und musikalischer Schönheit man sich schwer entziehen konnte. Wenn sie sprach, belebte sich ihr Mienenspiel, bisweilen leuchteten ihre Augen, und oft gaben Gesten den einzelnen Worten besonderen Nachdruck, wobei dann die ausdrucksvolle natürliche Grazie der Bewegungen auch ben faszinierten, der den Sinn der Worte nicht erfassen konnte. Den chinesischen Schreibpinsel handhabte sie mit einer bestechenden Sicherheit; die Festigkeit ihrer auffallend kleinen .Hände mag ihr auch bei ihren Malereien zu statten gekommen sein; sie liebte es, in ihren freien. Stunden insbesondere Blumen zu malen, und diese zierlichen, kleinen Kunstwerke verraten einen außerordentlich verfeinerten Farbensinn. In den letzten Jahren frei- ltch hat sie nur noch selten zum Malpirisel gegriffen, uub auch die Seidenstickereien, die sie früher mit so großer Vorliebe ausführte, waren in den letzten Jahren selten geworden. Aber ihr feines Gefühl für zarte Abtönungen fand noch immer sein Betätigungsfeld: die Kleidung der Kaiserin. Ihre Kostüme pflegte Tsu-Hsi selbst zu entwerfen und offenbarte dabei einen Geschmack, wie nur alte Kulturen ihn hervorbringen. Sie wußte sehr genau, was sie trogen konnte und nur ungern legte sie bei den offi- 1
zielten Gelegenheiten das traditionelle hellgelbe Gewand an, weil diese Farbe mit ihrem Wesen nicht zusammenklang. Dann mußten harmonisch abgetönte Stickereien und Borten den Klang des Gelb abdämpfen. Auch die Juwelen wurden Stück für Stück nach den genauen Einzelangaben der Kaiserin angefertigt. Sie liebte es nicht, Schmnck- stücke zum Geschenke anzunehmen; die einzige Gabe, die ihr wirklich Freude bereiten konnte, waren Blumen, für deren Pflege und Zucht sie sich lebhaft interessierte.
VeNMißchtes.
* Der wasserscheue Großfürst. Boul Großfürsten Alexis von Rußland, der vor einigen Tagen in Paris gestorben ist, erzählt mau jich, daß er niemals Wasser getrunken habe. An diese Eigenschaft des Großfürsten knüpft sich eine hübsche Anekdote. Eines Tages, Loubet war noch Präsident der französischen Republik, speiste der Großfürst bei diesem in Rambouillet. Loubet hatte auch den Bürgermeister und einige Magistratsbeamte eingeladen und mit größtem Erstaunen bemerkte der Großfürst, daß einer der Gäste während der Mahlzeit sich nur ejner Wasserflasche bediente und Wein und Sekt unberührt ließ. Er konnte sein Erstaunen nicht unterdrücken, und während einer Gesprächspause wandte er sich an den Abstinenzler mit folgenden Worten, auf die Wasserflasche weisend: „Sie trinken nur das, mein Herr? Warum trinken Sie das? Das ist doch nicht zum Trinken, mit Wasser wäscht mau sich doch bloß!''
* Der Bor mag ec? des Menschen. Den Magen des Menschen hielt man bisher für einen einfachen Fleischfressermagen. Das trifft, wie neuere Untersuchungen ergeben haben, nicht zu. Der menschliche Magen ist vielmehr, wie zum Beispiel bei Pflanzensresserik und Säugetieren, aus mehreren Abschnitten zusammengesetzt, er besteht aus Vormagen und Magen. Als Vormagen ist beim Menschen das Heine Darmstück anzusprechen, das im Bauchraunt vor dem Magen gelegen ist. Man sah in diesem bislang den Banch- tetl der Speiseröhre. Dr. Fr. Strecker teilt nun -in der Frankfurter Wochenschrift „Umschau" (.Herausgeber Dr. H. Bechhold) mit, es sei ihm gelungen, nachzuweisen, daß die Speiseröhre beim Menschen mit dem Bauchraume nichts zn tun hat, sondern bei dem Zwerchfelldurchtritt endet. Der Bauchabschnitt der Speiseröhre ist also der Vormagen. Auffällig ist auch bereits seine Gestaltung, sie ist nicht zylindrisch, wie die Speiseröhre, sondern mehr trichterförmig; ja, ev kann sich sogar ampullenförmig darstellen und durch eine mehr oder minder stark ausgeprägte Mngfurche von dem eigentlichen Magen abgegreuzt sein. Der Vormagen ist mithin bei den menschlichen Magenpräparaten keineswegs überall in gleicher Weise ausgebildet. Er besitzt eine recht beträchtliche Variationsbreite und kann anscheinend fehlen. Er kann aber attch in Ausnahmefällen eine ansehnliche Ausbildung erreichen und zu einer bemerkenswerten Abnormität führen, nämlich ztt Wiederkäuererscheinungen, Immer wieder werden, wenn auch selten, Fälle berichtet, wo dieses Nebel spontan, aber auch familiär und erblich auf- getreten ist. Die große Variationsbreite und die Art der Merkmale des Bormagens lehren nun, daß wir in dem menschlichen Bormagen die direjte Anknüpfung an den ursprünglichen Typus bei der Säugerentwicklung vor uns haben. Alle Merkmale hierzu sind vorhanden, luentt auch in keiner Weise differenziert. Diese Tatsache ist als neuer unabhängiger Beitrag zur Frage der Menschwerdung, der Stellung des Menschen im Tierreich und besonders innerhalb der Säuger anzusehen. Die Anlage des Magens beim Menschen ist uralt, sie knüpft direkt an die Wurzel des Ursprungs der Säugetiere an.
Französische Stadt.
Ein Fahrzeug.
Ein Schwimmvogel, in nächster Nummert
2.
3.
4.
Auflösung
Magisches Quadrat.
In die Felder nebenstehenden Quadrats sind die Buchstaben ABBEEEELLNNOO OUT derart einzutragen, das; die magrechteu u. senkrecht. Reihen gleichlautend iolgendes bedeuten:
1, Einen Strom.
Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nlnnmer: Sch w eigen ist auch eine Antwort.
tztedaktionr E. Auderjon, — Rotationsdruck und Verlas dri Brüht'schcv UntversttätS-Buch- und Slemdruckeret» 81. Lange, (Liegen.


