Ausgabe 
9.12.1908
 
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. hielt es für iiiederträchtig," so hat er' später in der zweiten Schneede für das englische Volk geschrieben,zu meinem Dergmigen schmahlrch im Auslände zu weilen, derweil meine Nntbürger zu Hanse für ihre Freiheit Knipsen." Ter sensible, rasch begeistcrie^idcaiist liess sich nun ans den hochgehenden Wogen des BoWaufruhrs tra^n und vergaß über politischen und häus­lichen Konflisieu das Schönheitspriestertum, zn dem er sich vor Blem bernfc» gesuhlt hatte. Er widmete sich nun einer ausgc- Schiiten publizistischen Tätigkeit, indcnl er in englischen und la- tcinischen Flugschriften voll glänzender Beredsamkeit und fort- xe,tzender Glut Probleme und Zeitsvagen behandelte, die damals die Gemüter erhitzten. Fast unmittelbar vor Beginn des Krieges hatte er eine Ehe geschlossen,, die nach kurzer Zeit zu einem Zer- würfms der beiden Gatten rührte. Aus jenem Hefen Schmerz- Mützl heraus, schrieb nun Milton seine vier Schriften über die Ehescheidung, in denen er für eine Trennung der Ehe eintrat, falls das von ihm poetisch geschilderte Idealbild eines liebevoll -qnnonischen Ineinander- und yüreinandcrlebrn sich nicht ver­wirklichen lasse. Auch für eine Reform der Knabenerziehung trat der Dichter ein und bekämpfte, ähnlich wie mvderne Pädagogen, den eiuieitigesl sprachlichen linier richt, die BeLorzugung gram- «tatischer Studien, verlangte Anschauungsunterricht und eifrigere Pflege körperlicher Hebungen. Für die Abschaffung der Zensur, für Press- und Gewissensfreiheit trat er in der macht- und IW» ^iten SchrsitAreopagitiea" mit der stolzen Forderung ein: «Gebt mrr die Freiheit zu erkennen, zu sprechen und meine ebr- 1W- Ueberzeuguiig geltend zu machen vor allen übrigen Frei- herten 1649 wurde er von Cromwell in den Staatsrat berufen «nd verfaßte alsLateinischer Staatssekretär" die meisten Roten «nd Schriftstücke des Protektors an das Ausland, schrieb jene Streit- und Gegenfchristen, deren hohe geistige Ueberlegenheit, deren Gelehrsamkeit und sittliches Pathos alle Anschuldigungen der Gegner zu uichte machten.

Ein Anhänger des Hingerichteten Königs, der Bischof Znpon von Exeter, hatte in einem vielgelesenen BuchEikon basilike, das K'ibniS seiner geheiligten Majestät in seiner Einsamkeit und Lina! , Karl I. als einen edlen tugendhaften Märtyrer hinge- stellt; gegen ihn richtete Milton die meisterhafte polemische W-iicht feinesZSonoklasteS", in denk er dies falsche Bild des' Königs in stücke schlug. Noch leidenschaftlicher war seine lateinisch ge­schriebeneSchutzschrift für das englische Bolt", gegen die ge- lehrte.königlich,e Verteidigung" des französischen Humanisten Scil- masius gerichtet. Der Staatssekretär tat mit dieser berühmtesten feiner Brvfaschriften feinem Lande nicht nur einen großen Dienst, er brachte ihm auch ein höchstes Opfer: das Licht seiner Augen. Er hat es in seiner Lebens, kizz« erzählt, daß die Aerztc ihm'die Erblii-dung vvransgesagt hätten, wenn er die Schntzschrist selbst Msarbeite. Aber er habe wie Achilles, der ein kurzes Leben mit ewigem Nachruhm einem langen iinbefungencn Leven int Lande der Väter Vvrgezvgen, das gefahrvollere, aber rühmliche Teil eines schmerzensreichen Daseins erwählt. Er nahm die Ver­teidigung seines Volkes auf sich und erblindete. Als nach Crom­wells Tode die royalistische» Tendenzen immer stärker Wurden mnd schließlich zur Zurückberufung des Königs Karls II. führten, »lieb der blinde Seher seinen rupublikanischen Idealen getreu. Traurig und resigniert klingen nun seine mahnend zürnenden Worte:Ich weiß wohl, das; die Spracheder guten alten Sache" .« noch als eine Stimme in der Wüste gilt, daß ich nur zu Bäumen und Steinen spreche und gleich dem Pröpsten blos die Erde als Zuhörer habe aber mag auch diese Schrift der letzte Hauch der sterbenden Freiheit sein, vielleicht wird Gott einst zaus diesen Steinen und dieser Erde Männer anserwecken, die die Freiheit wieder beleben und der Rückkehr nach Aegyptenlmrd Einhalt Inn." Die Restauration übertönte mit der tollen Schellenilingel ihrer ausgelassenen Lust die Stimme dieses Predigers in der Wüste. Nur durch ein Wunder entging er der losbrechenden Ver­folgung, die alle Anhänger der Republik auf das Schasfott schleppte oder zur Flucht zwang. Einflußreiche Freunde müssen sich für ihn verwandt haben; Karl II. sagte:Ich höre, er ist alt, arm «nd blind; damr ist er bestraft genug." Als die JndentnitÄsafte von 1660 seinen Namen unter den der Strafe Verfallenen nicht M s führte, war ihm ein neues Leben in bescheidener Zurückgezogen- ! heil geschenkt, das die schönsten Dichtungen aus seiner großen' Seele erblühen lassen sollte.

Arm, alt und blind" war Milton aus seinem Heldenkampf hervorgegangen; das kurze Glück, das er an der Seite seiner zweiten Gattin geftmden, hatte nur ein Jahr gedauert. Seine dritte Fran war ihm eine treue, besorgte Pflegerin, aber ihr ungebildet derbes Wesen stand seinem Herzen fern; seine Töchter aus erster Ehe waren zänkisch und unzufrieden; nur die jüngste, Dorothea, schrieb ihm ttieder, was er ihr diktierte. So hat er im Lehnstuhl seine letzten Jahre verbracht; von dem wüsten Triumpfgeschrei der unheiligen Rotte, die es nm ihn her schlimmer trieb dennie, von der wilden Liederlichkeit der Restauration, die oitf den Theatern tobte, badete er die Seele rein im feierlichen Orgelspiel. Und vor dem ganz nach innen gewandten Blick dieser kichtlosen Augen steigest die Gestalten einer höheren Welt empor; ins Ewige, ins Gcsiasiiose schweifen feine heiligen Visionen, und dasVerlorene Paradies" entsteht, de« lyrische Gesang eines über dem Lebe» schwebenden Propheten, das in reinen Regionen Verklärte Abbild irdischen Streikens, Sündigens uird Siegens. Mau

kann dieses Werk nur mit Dantes göttlicher Komödie vergleichen K nnr den ehernen Terzinen des Floventiners gegenüber ent- hüllt sich der Zertstll dieses Epos, das in seiner einfachen Strenge, dem fo natürlich schlichten Aufbau eher aus dem Gemüt eines ganzen Volkes, als ans der Loeele eines Einzelnen entstanden <ut fein scheint. Milton ist ganz mbjektiv; sein persönliches Erleben dringt immer wieder durch; es istdas Individuum, das Jntereise hervvrbriugt", tote Goethe an Schiller schrieb Man! Vermag lvohl in der Schilderung des Satan Züge Cromwells ,n der großen Geisterschlacht die Kämpfe derKavaliere und Nundbopse" zu erkennen, aber recht real wirken diese Dinae nicht. Menwtvenig vermögen die langen didaktischen' Erkurfe, die gelehrte Vermengung christlicher und heidnischer Mythologie, me V-mfung historisch-geographischer Kenntnisse zu fesseln. Groß ist Milton alletti da, wo er seine innersten Gefühle in. gewaltig hervvrbrecheichen Hymnen aiisströmen läßt, den heroische:! Pnri- tanertrotz seines Satan darstellt, die zarte Jdyllik des Paradieses, das m stiller Seligkeit wie ein uwrgendlicheS Sehnsuchtsland da- kiegt, die unendlich wehmütige Anmut im Leben und Lieben deS ersten Menschenpaares, das in Edens Garten alle Seligkeit, alle Lust und allen Schmerz der Welt durchlebt. Nirgends sind cs greifbare sinnliche Szenen, sondern in nebelhaft wogenden Bildern jagen die Geschicke des Meiischengeschlechts, wundersam persönlich beleuchtet, vorübe/. Ebenso ist cs auch in dem großartig biblische» Samson Agvnistes" die Stimme Miltons, die erschüttert, der letzte gewaltige Aufschrei seines empörten .Herzens gegen die Falsch­heit der Welt, empvrtönend aus der Blindheit tiefstem Danket. Dagegen überwiegen in dem als Gegenstück zumParadiese lost" geschaffenenParadiese regained", das Christi Versuchung durch den Tensel schilde.'t, die Schwächen der Welt- und Kunstaiischauung des gealterten Milton. Er sieht in seinen Versen nur nichtjgs Weltlichkeit; keine Schönheit gibt es für ihn außerhalb 'des Alten Testamentes, und auch die Griechen habenZions Sang nur mühsam nachgelallt". So rächt sich au dem größten Dichter des Puritancrtnnrs die KunUeindlichkeit dieser Richtung. An der religiösen Inbrunst dieser eifernden und verdammendem Schwärmerei hat sich der verwandte deutsche Pietismus berauscht; ans der sittlichen Seelengröße und dem wundersam ergreifende» Pathos des greifen Dulders wird stets ein Licht hoher Schönheit strahlen. Der Engländer wird in Milton den Schöpfer einer Welt- ansicht und eines KunstgefÜUs finden, das ihm nah vertraut ist. Uns Deutschen steht der puritanische Dichter zu fern; uns strömen aus dem evangelischen Glauben von Luther und Vach her Quellen, die wärmer, reicher und lebensfreudiger sprudeln, als dies düster strenge, sittlich starre erhabene Zürnen, das Miltons Herz in ehernen dumpfen Blocken klär tgei» des Gerichts ertönen ließ,

®.r- P " n l Lauda u.

Vrs Ahmst bn rsbey einer chinesischeu Heidin.

Die verstorbene chinesische Kaiserin-Witwe war mehr als eine klage Regentin, die mit klarem Mick und starkem Willen über ein Riefenreich geherrscht hat; sie war auch eine Frau, die mit harmonischer Bewußtheit der Vervoll- kommntmg des eigenen Wesens zustrebte, ein Mensch, in dem das Harte mit dem Feinen sich paarte, imb eine Persönlich­keit, in der die Früchte jener wundersamen uralten Kultur des Ostens ein Wesen geschaffen hatten, dessen fremdartigen zanbervvllen Reizen sich niemand entziehen konnte, der mit ihm persönlich in Berührung kam. Die Schilderungen von der kraftvollen, zielbewußten und unerbittlichen Regentin, die im zähen Kampfe tausend Widerstünde ringend über­wand, gibt nur eitie Seile dieses eigenartigen Menschen, der von der breiten Oeffentlichkeit sich abzuschließen liebte und von den Aufregungen des Herrscherttims Erholung suchte im weiten Reiche des Geistes, in den bunten Gürten! altchinesischer Kunst oder in beschaulichen Spaziergängen in den kaiserlichen Gärten. Nur wenigen Europäern ist es vergönnt gewesen, diese vielverleumdete Frau persönlich kennen zu' lernen. Die amerikanische Malerin Katharine A. Carl, die Tsu-Hst gemalt hat, verlebte längere Zeit im äiserlichen Paläste in unmittelbarer Umgebung der Kai- eriu, und in ihren Erinnerungen au diese Tage vermittelt re uns ein lebendiges Bild von der Persönlichkeit der Herrscherin. Nicht viele Personen mag es am chinesischen Miserhofe geben, die ihren Sprachsinn so verfeinert und geläutert haben, wie die verstorbene Tsu-Hsr. Ihr chiuesicher Stil ist berühmt, die stete Vertiefung in die Schätze der alten östlichen Literatur trugen dazu bei, ihn immer mehr zu einer für eine chinesische Frau ganz einzigartigen Klar­heit und Abrundung zu fIrren und eine Anzahl form­vollendeter bildkrciftiger Gedichte zeugen davon, wie mit der verfeinerten Form eine eigenartige Kraft der Anschauung Hand in Hand geht. Ihre Lieblingslektüre waren meist altchinesische Heldengedichte, und eine besondere Vorliebe hatte sie für die Gestalt der chinesischen Jungfrau von Orleans, der kriegerischen Whar-Mou-Lcrhn, die in wann»