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Es ist übermächtig, das Empfinden, welche Mühe, welche Anstrengung, welches Kriechen und Kleben es denen da unten kostet, über einen Paß, über eine Wasserscheide zu kommen, und wir hier oben? Herrlich, es ist eilte Souveränität, es ist eine Herrscherkraft; ein Druck: und dieses ungeheure Instrument von Menschenhand steigt über den Grat, zwängt sich in Einsattlungen, taucht nieder an den See, hebt sich über Gipfel und Höhen, mühelos und gehorsam. Das ist zuguterletzt das Wichtigste: gehorsam! Der Mensch ist der Herr; in diesem Sinne besonders war diese Fahrt ein Merkstein für alle Zukunft: gehorsam jedem Drucke der Faust. Nur Eingeweihte können wissen, welche außerordentlichen Anforderungen diese Fahrt an die Steuerfähigkeit des Luftschiffes gestellt hat. Durch einen Talsattel sich durchwühlende, pfeifende Winde oder aus einem Nebental plötzlich hinüberstoßende Luftströmungen, die den kolossalen Körper von der Seite trafen, sie konnten ihm alle nichts anhaben. Herr war der Mensch. Es gab Situationen, wo ge- kämpft werden mußte. Ein Gegenwind von 48 bis 50 Kilometer stand uns einige Male entgegen. Tief unten sahen wir den Schatten unseres Luftschiffes. Trotz der scharf angespannten Leistung beider Mvtore konnten wir an diesem Schatten erkennen, daß sich der Riesenkörper nur ganz langsam vorwärts quälte. Das Klingen der Luftschrauben steigerte sich zu einer infernalischen Musik, an das Trommelfell kam eilt zitterndes Schwingen und trotzalledem: da unten sahen wir, wie der Schatten nur ganz, ganz langsam von einem Baum zum andern glitt, dann wieder sich miihsani über eine weiße Dorfftraße schob. Bis wir aus der Luftenge heraus waren. Plötzlich fchoß der Schatten wieder vorwärts, wie ein Riesenvogel über Dörfer und Wälder, über Täler und Höhen.
Wir kamen an den Züricher See; wir waren von Zürich entzückt — wir konnten es ans dem heraufschallenden Tosen und aus dem Tücherschwenken schließen — die Züricher waren von uns entzückt. Und so ging es bis zum Schlüsse. Es war eine Triumphsahrt. Ter 1. Juli 1908 war ein Abschluß, er ist eine Apotheose und er ist der Tag, an dem eine, nette Zeit beginnt, der Tag, an dem der Begriff „Eroberung der Lust" zur Wirklichkeit geworden ist, Die große 24 Stunden-Fahrt kann nichts mehr bringen, was bestätigt. Wir stehen bereits alle unter der Wucht des Beweises, und an Schwierigkeiten des Manöverierens kann sich die offiziell vorgeschriebene Route Konstanz-Mainz überhaupt nicht mit der Fahrt messen, die Exzellenz Zeppelin für dieses Mal vorgeschrieben hatte. Er hatte allen Schikanen des Luftmeeres — und ihrer sind nicht wenige — die Stirn bieten wollen. Deshalb eine Fahrt durch Engpässe, über Gebirgssättel, mit vollem Dampf an Quer- tälern vorbei; deshalb diese Reihe von Gelegenheiten, Herr zu werden über die Verschiedenheiten des aufsteigenden °wie des horizontalen Luftstromes, der im raschen Wechsel hier vom Tale kommt, hier vom großen Gebirgssee, hier wieder als wirbelnde, kreisende Luftströmung von Wasserfällen herauf quirlt; Herr ist der Graf Zeppelin gewesen. Und er hat die Menschheit souverän gemacht über das Luft- nteer.
mag noch etwas über diesen Edelmenschen gesagt werden. Ich habe noch keinen gesehen, der bei einer besonderen Leistung — und diese hier überstrahlt doch alles, weil aus ihr eine Kulturtat herauswächst — so vollständig wuch Herr über sich bleibt. Das eine Selbstverständliche, daß ein Mensch, der einen großen Erfolg und auch ein großes Glück mit sich herumträgt, den Widerschein dieses Glückes auch nach außen leuchten läßt, das ist auch bei ihm — aber was ,immer wieder in den Bann dieses Mannes schlägt, das ist die Gewalt, die ihm überrageitde innere Große und Abgeklärtheit über sich selbst, und über seine Erfolge gibt. Man kann nicht einfacher sein, als er. Und ittctit kann nicht vornehmer sein in jeder Form und gerechter tut der Abwägung als er, wenn er sich beeilt, aller derer zn gedenken, bereit Mühen auch dazu beigetragen haben, datz wir heute sagen können: dieser Graf Zeppelin hat der Menschheit und ihrer Kultur, ihrem Aufwärtsdrängen und ihrem Aufwärtsstreben zum größten Fortschritt, zur Er- vbernng der Luft, verholfen.
LitevaVrsches-
— Kleine Bibliothek Langen Band 100. Ludwig Thoma, Moritaten, wahrheitsgetreu berichtet. Umschlag- zeichunng von O. Gulbransson. Preis 1 Mk. Verlag von Albert Langen in München. Das Titelblatt dieses lustigen Bändchens zeigt, von Olaf Gulbranssons Hand gezeichnet, eine komische Karikatur von Ludwig Thoma als Bänkelsänger. Bänkellieder sind denn diese „Moritaten" auch, in denen der Dichter Ereignisse der Zeitgeschichte in Knittelversen „wahrheitsgetreu berichtet". Die Drastik, der trockne Humor, der scharfe, manchmal auch klobige Witz, der hie und da hervorbrechende Zorn Ludwig Thomas, — das alles gibt dieser scheinbar so leichten Ware trotz ihres zeitgeschichtlichen Inhalts einen dauernden Persönlichkeitswert.
Kunst.
— Madonna Sixtin a. Aesthetischc und religiöse Studien von Theodor Lessing. Mit 6 Farbendrucktafeln und 12 Textabbildungen. 8°. 91 Seiten. Kartoniert 3 Mark. Verlag von E. A. Seemann in Leipzig. — Das berühmteste und am häufigste nachgebildete Gemälde der Welt ist ohne Zweifel die Sixtinische Madonna von Raffael, lieber keines ist auch wohl so viel geschrieben und gesagt worden; ganze Bücher wurden darüber verfaßt; Goethe und Hebbel haben das Meisterwerk besungen. Winkelmann, der Vater der Kunstgeschichte, hat es nicht geschätzt; zu dem tausendfachen Lobe gesellen sich auch absprechende Urteile. Der Verfasser dieses Buches will in seiner Analyse dieser Madonna ein Musterbeispiel ästhetischer Bilderanalyse überhaupt geben. Er will bartun, „wie man durch vollkommenes Ausschöpfen eines konkreten Kunstwerkes die wichtigsten theologischen Gesetze der bildenden Kunst klarlegen kann." Er teilt diese Analyse in vier Kapitel: Das, Bild, der Gehalt, das Gesetz, der Mensch. Das Buch erweist sich als eine Art Anleitung zur ästhetischen Betrachtung eines Kunstwerkes und damit der Kunstwerke überhaupt. Gründlich, meisterhaft, vielseitig und allgemein verständlich: das sind die Eigenschaften, die diesem kleinen Werke zukommen.
Reise».
— Soeben erschien: „I ch weiß B e s ch e i b t it Berli it'< (380 Seiten auf dünnstem Papier in bequemem Taschenformat, mit Pharuspläne,t und 24 Illustrationen.. Preis 1,— Mk. B> Behrs Verlag, Berlin W. 35). — Unter der Mitarbeit von Georg Bernhard, Friedrich Dernburg, Dr. v. Erdberg, Julius Hart. Anselm Heine, v. Friedrich Naumann, Geheimrat Ernst Schur u.„a., ist hier ein ebenso praktischer wie literarisch wertvoller , Führer entstanden, der in 30 Kapiteln ein schier unerschöpfliches Material an allem Sehenswerten und Wissenswürdigen tu Berlin bietet. Die Wünsche der Vergnügungs- und „Schncll- veisenden", wie die der Studienreisenden jeder Art sind in gleicher Weise berücksichtigt.
— Thüringen und Frankenwald. Neunzehnte Auflage 1908. Große Ausgabe. Mit 17 Karten, 11 Plänen und 2 Panoramen. Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig. —• An Ausführlichkeit, Genauigkeit und splendider Ausstattung mit vorzüglichen Karten und Plänen hat dieses vortreffliche Bändchen es nie fehlen lassen; wir können uns daher auf den Hinweis beschränken, daß in der neuen Auflage alle int Laufe der Zeit eingetretenen Veränderungen gewissenhaft berücksichtigt sind. Durch' die Mitwirkung des Ttzüringerwald-Vereins hat auch die Neubearbeitung eine wertvolle Förderung erfahren.
A»- und Einsichten.
Armselig ist daZ Los dcS Begabten auf der Welt: er irrt be- stimmungsloS zwischen Himmel/und Erde; er ist den dumpfen Hütten der Masse entflohen und darf die lichten Gefilde der Genies nicht betreten.
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Nach dem ersten schweren Verlust haben tiefer veranlagte Naturen keine ivahrhast einschneidenden äußerlichen Erlebnisse mehr; sie erleben nur noch innerlich Bedeutsames.
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Kompromisse sind unsere früh gestorbenen großen Taten. FuS Alasberg.
Rätsel.
Ter Maler sucht?, es suchls der Krieger Schar, Dort macht e§ Freud, hier aber bringt? Gefahr. Gießen. P.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Nameu-Ziffernrätsels in voriger Nummer: 1. Lukretia, 2. Alexander, 8. Magdalena, 4. Berthold, 5. Elisabeth, 6. Richard, 7. Sheodora, 8. Urban, 9. Sophie.
1—9 — lambertus.
Redaktion: P. W ittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


