1908
Mittwoch den 9. September
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Der Dorfkömg.
Roman von Karl Böttcher- Chemnitz.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Drin lag ein Fiebernder. — Die blinde Frau legte kühlende Tücher auf seine Stirn, doch das half nicht viel. Mit dein linken WvM schlug er um sich und der Stummel an der rechten Seite zuckte. Der Krankenpflegerin ward es angst. Sie beugte sich Über den Verwundeten und redete ifynt gut zu wie eine Mutter dem' kranken Kinde.
Das schien ihil zü beruhigen. Der Atem' flog wicht mehr, die Glieder lagen schlaff.
Er öffnete die Lippen, lallte unverständliches' Zeug'. . Unermüdlich legte die Janken Kompressen auf, bis ihr die alte, Welke Hand zitterte.
„Mutter--bist du's?"
»Ach Gott!" —--:
„Nun wirds wieder hell. — — Wie die Mühle stampft!"
Die alte Frau zuckte zusammen. —'
„Bei Waterloo wars auch so — — nicht wahr, Elan?!" •= Die alte Frau fuhr auf.
»Und zu Silvester hat die Totenglocke geheult!"
Die alte Frau ächzte schwer und stierte mit den toten Augen püf den fieB entbot Krieger.
Der fing jetzt an M singen:
„Maikäfer flieg!'— Der Sohn, der ist int Krieg,
Die Mutter war 'ne Schankm'amsell, Der Vater mahlt das weiße Mehl!"
Dann lachte jemand gellend auf. Es war ein wahnsinniges Lachen.
„Murle — Murle!"
Der Kater sprang über den Tisch weg, der Janke in den Schoß.--
„Das ist er--Murle — das ist er!! — Den soll
ich gesund Pflegen, — ihren Sohn,--der Schenkmamsell."
Und wieder das Wahnsinnsgelächter.
Plötzlich verstummte sie. — Sie duckte sich nieder. Das dlte, welke Gesicht verzerrte sich zu teuflischer Grimwasse. Sie schob sich ganz nahe ans Bett, zog die Decke zurück und tastete nach dem Verbände.
- „Ja, — ich will dich gesund pflegen — — für die Schenkmamsell. --Das ist dein Blut, — — das will ich fließen
lassen, 22 Jahre sind eine lange Zeit!"----
Ihre Finger krallten sich um den Verband, ihn herunter zu zerren.--- Da spürte sie seinen Herzschlag. Wie das lustig
pochte, das mwntere Ding da drinnen. Wenn das aushörte, war er tot — — und die Schenkmamsell hatte keinen Syhn mehr.
„Mutter — — bist du's?" lispelte der Kranke wieder. — Das stieß ihr ans Herz. Er hob seine Hand und senkte sie langsam nieder. Sie lag gerade auf ihrem Haupte. Das machte sie weich. — Sie weinte. —
Da trat der Arzt herein.
„Nun, Frau Janke! >. — Wie ich höre, 'S — ist der
Patient in guten Hättden." —
„In guten Händen? — —- Vielleicht!" — —
„Hoffentlich bringen wir ihn durch. — Das wird Ihr Schaben' nicht sein, — sein Vater ist ein schwerreicher, Mann; der wir^ Ihnen lohnen!"
„Der??? — Ja!"
„Kennen Sie ihn denn?"
„Etwas.--So —' — nur so!" — —e
„Also nicht vergessen: .Dreistündlich das Pulver!" —; s-5
* * *
Zwei Tage später. Am' Eiugang der Thontasgasse stand der Trödler Leuchtenberg und beobachtete dest großen, steifen Herrn, der mißtrauisch in die Gasse blickte.
„Suchen Sie was, Herr?" —
Der Fremde mißt den Trödler mit verächtlichem Blick, mit einem Hervscherblick.
„Wohnt hier eine Frstu Janke?"
„Seit langem, — seit langem, Herr! — Da hinten rechts, das grüne Häuschen." — —
Kein Blick weiter trifft den Gesprächigen. Der Fremde geht mit langen, steifen Schritten die Gasse entlang. Bei jedem Schritte klirrt etwas. Das ist die schwere goldene Uhrkette, die an die Metallenen Knöpfe schlägt.
IM „bilenden Haus" noch immer dasselbe Bild. Ein Bett und ein Kranker, ein Stuhl und darauf die Janken und der Kater daneben.
Die Haustür geht, — einen Augenblick später die Stubenttst.
Am' Bett steht ein großer, fremder Manit.
„Otto!" — Das' war die trockene, hungrige Stimme des Dorfkönigs. — ■— Da wächst vor ihm im Halbdunkel eine Gestalt auf. Er taumelt.zurück und stützt sich schwer' auf die Bettstatt.
„Guttermann!---Gu--tter — — mann!!" =5
Erst cüt Ruf--dann ein Schrei!
Der Kranke stützt sich hoch, und vier Augeir starren auf bett alten Guttermann, zwei fiebrige uttb zwei tote.
„Guttermann, was willst btt in meinem Hause?"
Er antwortet nichts, — er sieht nichts. — — Nur trübe Schleier ziehen in wildem Rasen an ihm vorüber, und sie stoßen und drängen sich und formen sich zu Bildern. — Uttb jetzt ist's Schneetreiben, und jetzt eine Steinbrücke rind jetzt ein Weib, das ihm flucht, — — und jetzt erhebt sich eine wimmernde Stimme in seiner Seele.'
Wer hat ihm' die Dotenglocke in die Seele gehängt?! Das jamMert und schreit und es drückt ihn in die Kniee, und er liegt vor seiner ersten Frau und vor seinem ältesten Sohne.
Und die Kehle preßts heraus, wie sie sich auch sträubt:
„Otto--das ist die Talfrau!"--
Der Kranke bäumt sich hoch. Er kennt seinen Stammbauuü — Nun sinkt er hinüber auf das Bett, auf ein großes, wollenes, gestricktes Tuch, das ihm die Jankeu untergeschoben hat. — Darauf stirbt er,
„Das Tuch!!" — ,Der .Alte crkeunts.


