Ausgabe 
9.7.1908
 
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eilt Wiedersehen wünschte, so mußten wir beide auf eine zufällige Begegnung hoffen. Hatte sie bemerkt, welchen Eindruck sie auf mich gemacht hatte, so mußte sie wissen, daß ich suchen würde, ein Zusammentreffen herbeizuführen. Wo anders mußte sie daun aber glauben, daß ich nach ihr ausschauen würde, als an demselben Platze, wo wir uns getroffen hatten, und zur selben Stunde? Es lag sogar für sie nahe, zu glauben, mein Beruf führe mich täglich zu dieser Zeit dorthin. Ich beschloß also, am nächsten Tage zur selben Stunde dort zu sein.

Als ich hinkam, war sie schon trat Platze und musterte eifrig die Vorübergehenden. Sicher wartete sic auf mich das war ein beglückender Gedanke!

Ich will auf die Geschichte unserer Liebe nicht ausführlicher eingehen; es erscheint mir auch überflüssig, liebes Kind, denn ich habe dies nicht zu Deiner Unterhaltung niedergeschrieben, sondern damit Dir bestimmte Ereignisse bekannt werden, von denen Du bisher nichts erfahren hast. Unsere gegenseitige Nei­gung steigerte sich mehr und mehr im Laufe der Zeit, und einige Monate ging alles gut. Aber es stellte sich unserer Verbindung ein ernstliches Hindernis entgegen, nämlich das der Kaste. Wie Lona sagte, würden die Ihrigen niemals znlassen, daß sie einen Mann heiratete, der Nicht der gleichen Kaste angchörte, wie sie, und außerdem lag noch ein anderer Grund vor, der sie zweifel­los ebenfalls zu Gegnern unserer Verbindung machte. Sie hatten bereits für sie gewählt und sie mit einem Manne namens Rama Ragobah verlobt. Das ist der Mann, von dem ich vor allem zu reden habe. Von Geburt ein Mitglied derselben Waisya- Kaste wie Lona, war er in jungen Jahren Fakir geworden und hatte alle geheimen Kenntnisse dieser indischen Fanatiker erworben. Das genügte jedoch seinem Ehrgeiz nicht, er wollte einer von den Rischis oder Jüngern werden und unterzog sich zu diesem Zwecke der schrecklichsten Askese. Seine Unempfindlichkeit gegen physischen Schmerz war geradezu wunderbar. Er hatte seinen nackten Körper üßer Hunderte von Kilometern glühenden Sandest zum heiligen Ganges' gerollt! Er hatte seine Hände geballt ge­halten, bis die Nägel durch die Handfläche hindurch und zum Handrücken herausgewachsen waren. Einmal hatte er wochen­lang ein schwaches Feuer auf dem Scheitel seines Kvpfcs unter­halten, so daß das Fleisch bis auf den Schädelknochen verkohlte.

Als er um Lona warb, hatte er in seiner starren Askese be­deutend nachgelassen, aber er fstlegte das Mädchen noch damit zu unterhalten, daß er sich Messer in den Leib trieb, bis ihr vom Anblick des Blutes schwach wurde, was ihm, !vie sie er­zählte, großes Vergnügen bereitete. Ragobah war ein Mann von riesigem Körperbau und gewaltiger Kraft, seine Züge hatten einen finsteren, abschreckenden Ausdruck. Mit diesem Menschen hatte man Lona verlobt, obwohl ihre Eltern wußten, welchen Abscheu sie vor ihm empfand. Sie erzählte mir dies alles in einer Nacht bei unserm gewöhnlichen Stelldichein auf dem Malabar- hügel. Wir hatten uns gerade diesen Platz wegen seiner land­schaftlichen Schönheit und seiner Abgeschiedenheit ausgesucht. Dort in mondhellen Nachten, mit der See und der Stadt zu unfern Füßen, während vomTurm des Schweigens" auf der Begräbnis­stätte der Parsen ein gewaltiges Feuer emporlohte, und die Blätter einer majestätischen Banane in der sanften Seebrise leise über uns rauschten flogen selige Stunden wie Pulsschläge dahin. Ein- oder zweimal war es Lona vorgekommen, als folge ihr je- mand auf ihrem Wege zu unserem Lieblingsplatze, und sie zeigte eine sonderbare Abneigung gegen dne höhlenartige Vertiefung gerade hinter dem Baum, unter dem wir saßen. Einmal suchte ich sie zu beruhigen, indem ich ihr sagte, die Höhle sei so wenig tief, daß man beim Scheine des hineindringenden Mondlichts genau die Rückwand erkennen könnte; als ich aber ausstand, um hinein- zugehen und sie zu überzeugen, daß niemand braut sei, hing sie sich schreckerfüllt an mich und sagte:Geh nicht! Verlaß mich nicht! Es war töricht von mir, davon zu reden. Ich kann keinen Grund für meine Furcht angeben, und doch, weißt du," fuhr sie mit leiser, angstvoller Stimme fort,die Höhle mündet in einen Schacht, der, wie man sagt, bodenlos ist und tief, tief hinunterführt, Hun- derte von Fuß bis in die See!"

Es ist, wie du weißt, umsonst, mit Vernunftgründen gegen eilt Vorgefühl anzukämpfen, und so suchte ick; lieber ihre Furcht zur Ersüllung meines teuersten Wünsches zu benutzen.Wozu and)?" sagte ich.Komm her. Warum wollen wir noch länger diese heim-- Ischen Zusammenkünfte fortsetzen? Wir wollen tapfer sein in unsere« Liebe. Deine Familie hat einen anderen Gatten für dich 'gewählt, aber wir lieben einander, und es ist unsere heiligste Pflicht, an unsere«'Wahl festzuhalten und.sie zur schönsten Er- Mlung bringen. Teuerste, wir wollen uns in vier Tagen wieder hie« treffen und bis dahin alles für eine Reise vorbereiten. Wir nehmen den Nachtzug nach Matheron, wo vertrauenswürdige MmM von mir wohnen. Wir lassen uns sofort nach unserer

Ankunft trauen und können mit unseren Familien in brief­licher Verbindung bleiben, bis sie bereit sind, uns versöhnt zu empfangen."

Die wenigen Einwendungen und Besorgnisse, die sie geltend machte, konnte ich, da sie mich wahrhaft liebte, teils mit Bcr- nunftgründen, teils mit Küssen beseitigen, und wir trennten uns mit unseren Seelen auf den Lippen. Das letzte, was ich zu ihp sagte, es ist mir, als wäre es gestern geschehen, war:Denke, teures Herz, dich ist der letzte Abschied, den wir voneinander nehmen," und sie erwiderte Itteine Worte dadurch, daß sic sich inniger an mich anschmiegtc und ihre Arme um meinen Hals! schlang. So trennten wir uns in dieser unvergeßlichen Nacht vor mehr als zwanzig Jahren.

Ich hatte noch viel zu ordnen für die bevorstehende Flucht, und so war cs mir eine fast unangenehme Ueberraschung, daß ich gerade in diesen Tagen bett Besuch meiner Eltern erhielt. Sie kamen in Begleitung bes jungen Mädchens, mit betn sie mich gern' verheiratet hätten, in der Tat ist es ja später deine Mutter ge­worben, meine liebe Florence, doch setzte ich bamals ihrem Plan die gleichgültigste Ablehnung entgegen. Trotzdem mußte ich in jenen Tagen die wahren Gefühle meines Herzens verbergen, damit meine Absicht nicht vereitelt würde, und so erfüllte ich die Pflichten der Gastfreundschaft mit scheinbarem Eifer, zeigte meinen Be­suchern die Sehenswürdigkeiten der Stadt und machte ein paar Fahrten mit ihnen zu schönen Punkten der Umgebung. Meine Gedanken waren stets bei Lona, meine Lippen sprachen mit äußerer Freundlichkeit zu dem Mädchen, das ich heiraten sollte. Zum Glück dauerte der Besuch nur drei Tage, und an dem für unsere Flucht festgesetzten Abend war ich wieder allein. Endlich kam die ersehnte Stunde, und mit einem Gefühl der Glückselig­keit, wie ich es nie zuvor empfunden hatte, machte ich mich auf nach dem Malabarhügel. Es war schon völlig Nacht, aber der Mond schien so hell, daß ich aus einer Entfernung von drei- bis vierhundert Meter deutlich alle Blätter an ttnserem Bananen­baum unterscheiden konnte. Als ich näher kam, trat Lona hinter dem Stamm hervor und erwartete mein Nahen. Ihre Unge­duld ist noch größer als meine, dachte ich, und mein Herz schlug wilder als je.O, du Süße, Habe ich dich warten lassen?" fragte ich, als ich ihr auf Hörweite nahe war. Sie lehnte regungslos am Baum und schien mich offenbar nicht zu hören. Ich wartete, bis ich nur noch zehn Fuß von ihr entfernt war, und wiederholte die Frage, aber obgleich sie ihre unergründlichen Augen voll aus mich heftete, gab sie keine Antwort und tat, als habe sic nichts vernommen. Ich stand wie versteinert. Ein namenloses Ent-, setzen ergriff mich und drohte, mir das Bewußtseitt zu rauben. Sonst war sic mir bei meinem Anblick immer entgegengesprungenj und hatte sich mit einer bezaubernden Wirbelbewegung in meine Arme geworfen, und jetzt, in dieser unserer Hochzeitsnacht, stand sic kalt, schweigettd und regungslos da! Ich wartete auf ein' Wort der Erklärung, aber es kam kein Ton. Die Spannungi wurde unerträglich ich stürzte vorwärts, um sie am Arme zn fassen, und rief:Nm Gotteswillen, was ist denn geschehen?" Da hob sie ihre Hand und stieß mich zurück, daß ich taumelte.- Ich nahm mir nicht die Zeit, nur einen Augenblick zu überlegen, was dies liebevolle Geschöpf fo jäh verwandelt hätte, obwohl! mir blitzartig der Gedanke durch den Kopf fuhr, sie halte mich aus irgend einem Mißverständnis für treulos und habe sich von ihrem heißen indischen Mut fortreißen lassen das ließ sich alles aufklären, wenn ich fie mit meinen Händen umschlungen hielt. Ich neigte mich zn ihr, sie zn umarmen, da schlug sie mir ins Gesicht und floh davon! Einen Augenblick stand mein Herzj still. Ich dachte, es würde nie wieder anfangen zu schlagen, aber bald begann es von neuem zu klopfen, jedoch als wäre es mit bleierner Last beschwert, und das Blut, das es ausströmen ließ, war kalt, als hätte der Minter es erstarren lassen. Die Elastizität meines Lebens, die Spannkraft de« Seele, die uns über die Lasttiere erhebt, war für immer dahin. Es blieb nur ein Automat, der auf das Materielle des Lebens eingestellt war, aber der Geist folgte der Gestalt, die flüchtig den Hügel hinab­eilte. Mehr als zwanzig Jahre sind vergangen, und immer noch setzt sich die nutzlose Jagd fort.

(Fortsetzung folgt.) _

Generalseldmarschaü v. £oe f.

Wie' uns ein Telegramm aus Boün meldete, ist dort de« Generalfeldmarfchall Freih. v. Los im 80. Lebensjahre gestorben-

Mit dem Tode Löss hat eine glänzende Soldatenlanfbahn ihren Abschluß erreicht. Arn 9. Sept. 1828 auf Schloß Allner im Siegkreise geboten, trat Walther v. Los 1845 als Einjährig- Freiwilliger beim 5. Ulanenregiinent ein; seit 1848 Offizier/ machte er als Leutnant des 2. Dragoner-Regiments der schlesw.- tzolst, Armee 1848 den Feldzug in Schleswig mit und widmete sich