Ausgabe 
9.7.1908
 
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Donnerstag den 9. Mi

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ä 1908 Nr. M

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John Darrows Tod.

.Roman von Melvin L. S e v e r y.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Er aber griff ohne weitere Bemerkung nach dem versiegelten Umschlag und reichte ihn Florence hin mit den Worten:Nun dies!"

In großer Erregung erbrach sie das Siegel.Soll ich laut lesen?" fragte sie.

Auf ein bejahendes Zeichen von uns begann sie:

Liebe Florence!

Meine Borhersagnng kanr dir sonderbar und unbegründet vor, aber wenn, dies in deine .Hände kommt, wirst du wissen, ob sic grundlos war oder nicht. Eine Episode meines Lebens, die dessen Gefüge bis in die Grundfesten erschütterte, habe ich sorgfältig vor Mr verborgen gehalten. Du mußt sie aber kennen lernen, wenn ich nicht mehr bin; ich habe iie daher diesem Papier anvertraut, das dann in deine Hände kommen wird.

Den ersten Teil meines Lebens, bis zwei Jahre nach der Verheiratung mit Deiner Mutter, verbrachte ich in Indien, und gwar stand ich, seit ich erwachsen !var, in Diensten der Ostindischen Gesellschaft. Ich war Verwalter in ihrem Magazin in Bombay. Dort lebte ich sehr glücklich, bis das Ereignis cintrat, das ich .erzählen will.

Als ich eines Morgens in Berufsgeschäften zu einer Schiffs­werft ging, wurde ich auf ein junges Mädchen aufmerksam, das guf dem Rasen am Strande tanzte. Die gewöhnlichen Bajaderen sind in Indien etwas so Alltägliches, daß ihnen ein Mensch mit feinerem Geschmack kann: Beachtung schenkt, aber dieses Mädchen war nach der keuschen Schönheit ihrer Bewegungen von ganz anderem Schlage. Als mich meine Neugierde näher zog, wandte sie mir ihr Gesicht zn, und in diesem Moment wußte ich, daß meine Stunde gekommen war.

Obwohl ich viel älter war als sie, war sie doch meine erste Liebe die eine große Leidenschaft meines Lebens.

Ihre unsägliche Lieblichkeit versuche ich nicht zu beschreiben; denn wie die Schönheit der Blume läßt sie sich nicht zergliedern. Ich folgte ihr mit den Augen in wilder, nervöser Aufregung, ich weiß nicht wie lange Zeit und Raunr existierten für mich in diesem Zustande der Verzückung nicht mehr! Ich koirnte nichts denken, nichts tim, nur fühlen fühlen, wie das siedende Blut in mein Gehirn drang, um dann in Lavaströmen mein Herz zu überfluten, wobei ich eine Pein empfand, die doch zugleich das süßeste Lustgefühl erregte.

Plötzlich änderte sie ihren Schritt, sie machte eine rasche Bewegung Rückwärts nach dem Wasser zu und hielt an, gerade als sie mit ihrer Ferse den Werftrandstein berührte; dann vor­wärts und wieder eilte schnelle Wendung nach hinten, aber dies­mal täuschte sich das Mädchen in der Entfernung; ihre Fersen schlugen mit aller Gewalt gegen den Stein, und sie stürzte hinten­über ins Meer. Einen Augenblick stand ich wie versteinert, keines Gedankens, geschweige einer Handlung fähig; dann brachten mich

die erregten Stimmen der Umstehenden zur Besinnung. Sie hatten ein Seil ins Wasser geworfen und warteten, bis sie an die Oberfläche käme und es ergriffe. Die Mauer, von der sie hinuntergefallen war, muß mindestens fünfzehn Fnß über dem Wasser gewesen sein, das mit Stücken von Spierstangen, Balken und anderem Holzwerk besät war. Es schien, als wolle sie gar nicht iuieber an die Oberfläche kommen, und als sie schließlich auftauchte, machte sie keinen Versuch, das zugeworfene (Seit zu ergreifen, sondern sank regungslos zum zweitenmal in die Tiefe. In einem Augenblick ging mir blitzschnell die Wahrheit auf. Sie war mit dem Kopfe gegen eins der treibenden Holzstücke ge­schlagen nnd war bewußtlos. Unverzüglich mußte etwas getan werden. Ich ergriff das Tau nnd sprang ihr nach, wobei ich sorgfältig vermied, mit den Hölzern in Berührung zu kommen, und obwohl ich, wie Du weißt, niemals schwimmen gelernt habe, glückte es mir, sie zu erreichen, nnd wir wurden zusammen empor-, gezogen. In meinen Armen trug ich sie in einen nahen Wären- speicher, legte sie aus einen Baumwollenballen und flößte ihr schnell herbeigeholte Stärkungsmittel ein.

Ich kniete neben ihr nnd hielt ihren Kopf in die Höhe, als sie die Augen öffnete und mir voll Verwunderung ins Gesicht sah. Als ihr einen Augenblick später die Erinnerung wieder-, kehrte, machte sie einen schwachen Versuch, sich mir zu entziehen. Meine Aufregung war aber noch zu groß, als daß ich daraus geachtet hätte, und ich hielt ihren Kopf noch länger. Sie wieder­holte die Bewegung nicht, sondern schloß die Augen halb und lehnte sich widerstandslos auf meinen Arm. Könnten sich diese kurzen Minuten in eine Ewigkeit dehnen, dachte ich, so würde das der Himmel für mich sein. Sie erholte sich jetzt sehr schnell und hob sich selbst in sitzende Stellung, indem sie in sehr gutem Englisch sagte:Ich danke, ich kann nun stehen, Sahib." Ich reichte ihr meinen Arm und half ihr anfstehen. Ihre Hand um-, faßte meinen Aermcl, als wollte sie sehen, wie naß er sei, und mit einem Blick auf meine triefenden Kleider sagte sie einfach: Sie sind im Wasser gewesen, Sahib, nnd Ihnen verdanke ich mein Leben. Nie werde ich Ihre Güte vergessen." Ihre Augen begegneten für ein paar Sekunden meinem Blick, während sie sprach, nnd ich fühlte dabei mit unsagbarem Entzücken, daß die Seele des jungen Mädchens mit der meinen von diesem Augenblick an nntrennbar verbunden war. Mein Gefühl ivar so mächtig, daß ich nicht reden konnte, und als ich wieder Herr meiner selbst geworden war, war das Mädchen verschwunden.

Bon dem Gipfel der Seligkeit sank ich nun in den Ab­grund der Verzweiflung. Ich hatte sie ohne ein Wort des Ab­schieds gehen lassen. Ich kannte nicht einmal ihren Namen. Aus dem Meere hatte ich sie gerettet, nur um sie in dem andern Meere der halben Million Einwohner von Bombay nntergehen zu lassen. Was müßte sie von mir denken? Ich fragte den Werftmeister nach ihr, aber er hatte sie nie vorher gesehen. Alle weiteren Nachforschungen erwiesen sich gleichfalls als fruchtlos. Zweifelnd fragte ich mich, ob sie meine Liebe erkannt hätte, wagte aber nicht zn hoffen, daß sie mein bäurisches Benehmen richtig hab« deuten können. Was sollte ich tun? Wenn ich ihren Namen nicht kannte nnd sic nicht den meinen, und wenn sie M.e sch