Ausgabe 
9.5.1908
 
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Sie sich 13 Pferde und führen Sie die Patrouille," befahl der Eskadvonschef.

Ich war schon im Sattel, suchte nur die 14 Besten von dem, mas noch da war, aus und fort gings! Beim Wegreiten rief mir der Wachtineister noch nach:Schonen Sie mir ja die Pferde!" Gewiß, dachte ich, das geschieht so lange es eben geht: gilts aber, dann kostet der Gaul keinen Groschen!

Nach erfolgter Meldung" beim Führer der Avantgarde Oberst D. N. beauftragte mich dieser:Reiten Sie gegen Lich vor, be­obachten Sie Anmarsch, Stärke und Richtung des Feindes, und halten Sie schwächere feindl. Patrouillen zurück. Ganz be­sonders suchen Sie den Nordausgang von Birklar so lange wie möglich zu halten. Meldungen schicken Sie direkt an S. Großh. Hoheit den Prinzen Heinrich. Machen Sie Ihre Sache gut!"

Zu Befehl!" >

Ich trabte mit meinen 14 Mann los. Am Ausgange von Birklar nach Lich zu ließ ich einen Gefreiten und neun Mann absitzeu und postierte sic als Schutzen hinter uv.i> in einem sogen. Tickwurzloch, dicht an der Straße. Tie Pferde standen nur wenige Schritte zurück in der nächsten Hofreite, von einem Tragorter und mehreren Torsjungen bewacht. Dem Gefreiten, einem braven, schneidigen Soldaten, gab ich die nötige In­struktion und schärfte ihm besonders ein, nichts in den Ort zu lassen und mich hier wieder zu erwarten.. Nun ritt ich los auf Lich zu in den grauenden Morgen hinein. Jeder Weg und Steg war mir auch ohne Birte bekannt. Die verwegensten Reiter der Schwadron hatte ich bei mir behalten, und heute sollten sie zeigen, was sie konnten. .

Kurz vor Lich tauchten kleinere feindliche Kavallerie-Pa­trouillen auf, jedoch ohne daß sie uns merkten. Am Bahn­übergang bog ich rechts ab und im Galopp gings über Wiesen, um von dieser Seite näheres zu beobachten. Direkt nach. Lich hinein- zuveiten, wäre für uns eine Mausefalle gewesen.

Ta bemerkte ich, daß von der Wetterbrücke etliche Offiziere zurück ritten. Ich biege im großen Bogen bei, reite mit meiner Gesellschaft die seichte Wetter durch und hinter das Rondell an der Straße. Mit einem Einjährigen sitze ich ab und krieche auf allen Bieren mit diesem das Rondell hinauf bis an den Rand nach der Straße zu. Die Helme hatten wir abgenommen. So lugten wir unter den schattigen Kvstanienbäumen hervor, auf das Gewimmel vor uns. Hier hielt ein ganzer Stab von Offizieren: der General, der dabei war, gab bestimmte Befehle für einzelne Regimenter rc. Fast jedes Wort verstanden wir. Im Nu waren einige Meldekarten geschrieben. Der Einjährige rutschte auf dem Bauch wieder zu den Pferden und übergab auf mein Geheiß die Meldung beut Dragoner W, dem Ver­wegensten wohl des gaitzen Regiments, zur direkten Abgabe an den Divisionskommandeur Prinzen Heinrich.

Wie ein Pfeil flog der Mann davon. Er hat seine Sache

gut gemacht; denn wie ich hernach erfuhr, haben ihn mehrere

feindl. Patrouillen verfolgt und versucht, ihm den Weg ab-

zufchneiden. Doch den W. konnte keiner auf demStern",

den besten Läufer und Springer der Schwadron,^ fassen. Er brachte die Meldung sehr frühzeitig an ihre Adresse. Ich hatte ihm vorher versprochen, wenn er seine Sache heute recht gut mache, würde ich mich beim Rittmeister für ihn verwenden, daß seine drei Tage erlassen würden; das mag geholfen haben.

Doch weiter. Noch eine Meldung machte ich fertig von Lich her kamen schon Feinde genüg. 9hin passierte aber ein kleines Malheur. Um das Rondell zog sich ein ziemlich breiter Graben, der mit Wasser und Schlamm angefüllt war. Als mich meine Leute zurückkommen sahen, ritt der, den ich zum nächsten Meldereiter bestimmt hatte, heran. Nun weiß ich viel, wies geschah: Als ich hinsehe, liegen Roh imb Reiter tnt Schlammgraben. Und wäre cs im bittersten Kriegsernst ge­wesen, wir hätten lachen müssen. Die Beiden sahen aus, daß Gott erbarm und nach Döringsseife und Apfelsinenschalen rochen sie auch nicht. Ein Anderer brachte nun die Meldung weg. Ich mit meinen zwei Leuten machte mich auch auf und es war höchste Zeit. Oberhalb des Bahnhofs Lich überritt ich die Bahn und dann hieß cs aber reiten!

Wie ich durch die feindlichen Patwuillen durchkam? Heute weiß ichs nicht mehr. Was daSRiemenzeug" halten wollte, so gings bis Birklar. Mit schaumbedeckten Pferden kamen wir an; mein braver Gefreiter hatte tapfer Wache gehalten, auch tüchtig zuknallen" gehabt, daß die feindl. Dragoner-Pa­trouillen fern blieben. Die meldeten, wie ich später erfuhr, stets zurück:Der Eingang Birklar von einem Zuge feindlicher Infanterie besetzt." Eine verlaufene 115 er Infanterie-Patrouille hatte sich der Besetzung des Dickwurzlochs angeschlossen und wacker d'rauf gepfeffert, wenn s gatt. Not hatte die Besatzung nicht gelitten, denn mit Zwetschenkuchen und dem nötigen Kurzen" ivar sie von den Bewohnern reichlich versehen worden.

Ich ritt zur Hofreite, gab mein Pferds ab und lief zum Dickwurzloch zurück. Bon weitem. trabte ein Zug, preußischer 5 er Dragoner heran. Ich ließ einzelne feuern bis auf etwa 300 Schritt. Dann kommandierte ich zur Salve fertig Feuer!" undGeladen!" undFeuer!" Doch dieBlauen hatten schon Kehrt gemacht. Ich ließ aufsitzen; die Infanteristen batten sich verduftet, wohin weiß ich nicht. Kaum trabten

wir an, da ritt eine ganze Schwadron auf uns an, um uns abzufassen. Ich hörte das aus den Zurufen des Eskadron­chefs. Aber wir ließen uns nicht imponieren. Glaubten die pveuß. Dragoner, sie könnten besser reiten, wie wir Hessen, dann hatten sie sich schwer geirrt. ImMarsch-Marsch" gings zur Neumühle hinein, die zwei Vortesten wie der Blitz von den Pferden herunter, und hinter dem letzten Pferdeschweif flog krachend das Tor zn. So! Bor diesen Verfolgern hatten wir genügend Borsprung und wir ritten gemütlich weiter.

Ich konnte nun noch einige gute Meldungen über den Vormarsch der Preußen auf Münzen berg abfchicken, die Dank der schneidigen Meldereiter alle zeitig in die Hände un­seres Divisionärs gelangten. Ich zog mich mit meiner Pa­trouille seitwärts über Bettenhausen zurück, um so nach und nach zu meiner Schwadron zu kommen. Das Gefecht war in vollem Gange, wir konnten das von der Flanke aus sehr schön beobachten. In Bettenhausen ließ ich Roß und Retter der bei Lich in den Schlamm Gefallenen mit Wasser behandeln, so daß Beide wieder menschlich aussahen.

Als wir so gemütlich dahin traben, kommt wie aus der Erde gewachsen aus Obbornhofen ein« feindliche Husaren- Patvouille auf uns zu. Ich war int Begriff auszuweichen, da höre ich das Kommando:Zur Attacke, Marfch, Marsch." Na, denke ich, wie Ihr wollt, Ihr Bindfäden! Undformiert ein Glied!" kommandiere ich,Zur Attacke, Marsch, Marsch!"

Wir ritten scharf aufeinander an und es setzte feste Hiebe. Einer meiner Leute konnte den Karabiner (die Patrouillen ritten damals alle mit Karabinern auf deem Lande) nicht an rOt bringen und attakierte mit diesem in der Faust. Er hieb damit dem Husaren-Unteroffizier auf die Pelzmütze, daß sie bis über die Ohren saß. Wer weiß, wie lange die Keilerei noch gedauert hätte, wenn nicht ein Schiedsrichter, ein preuß. Oberstleutnant, der die Geschichte wohl schon eine Weile mit angesehen haben mochte, die Husaren, die wir, nebenbei gesagt, nicht schlecht verhauen hatten, zurückgeschickt hätte. Den Husaren-Unteroffizier, der stark aus der Nase blutete, und mich fragte er nach Namen und Eskadron und stellte die beiderseitige Pferdezahl fest. Ich hatte 11 und die Husaren-Patrouille 8 Pferde. Von meinen Meldereitern waren einige wieder zurückgekommen. Sie hätten also uns aus dem Wege reiten müssen.

Nun machte ich mich stracks auf den Marsch, die Schwadron zu suchen. Unterwegs richteten wir uns wieder einigermaßen her. Schrammen hatte es auch auf unserer Seite gegeben; ich selbst blutete am rechten Handgelenk. Als ich die Schwadron er­reichte, hatte cs gerade dasGanze Halt" und Offizier-Ruf geblasen. Die Preußen hatten Münzenberg gestürmt, aber ohne Erfolg. Beim Wachtmeister meldete ich mich; der Empfang seitens derBlnmeschcrb" war nicht sehr freundlich, als er unser Aus­sehen musterte. Ich berichtete ihm den Vorfall mit den Husaren, und seiner Meinung nach waren mir drei Tage oder noch mehr sicher. Die anderen Unteroffiziere foppten mich auch nicht wenig und meinten, wir hätten Hiebe gekriegt. Vor Aerger und Zorn konnte ich fast nichts erwidern und hatte nur die Genugtuung in mir, meine Pflicht getan zu haben. Ausreißen vor einer schwächeren Patrouille, das macht ein Hess. Dragoner-Unteroffi­zier nicht. Wir Hattens diesen Husaren gezeigt, was wir konnten.

Als wenn ich es geahnt hätte, daß mir noch etwas bevorl- stände, machte ich mich, Pferd und Gepäck in die Reihe.

Und es kam. Der Rcgimentsadjutant kam zum Wachtmeister gesprengt und rief diesem zu:

Sergeant % . soll sofort zu Sr. Grotzh. .Hoheit dem

Prinzen Heinrich kommen und sich direkt bei diesem melden."

Da haben wir die Bescherung, denke ich, und dos Herz stand mir fast vor Schreck stell. Was da dieBlumenscherb" schimpfte, ich hörte es nicht. So 35 Tage fühlte ich mich schon int Trockenen bei Wasser und Brod. Ich saß auf und ritt venire ä teure mit dem Adjutanten zur Kritik. Im Galopp. Vor Sr. Großh. .Hoheit parierte ich kurz meinen Braunen und meldete stramm:Sergeant F., Patrouillenführer von der 5. Eskadron. Drag.-Regts. 23 zur Stelle!"

Grüßend dankte mir der hohe Herr und winkte dem Divisivns- abiutantcn, mich aus die Seite zu nehmen. Diesem mußte ich nun genau den ganzen Patrouillen-Ritt und meine Dispositionen hierbei berichten, was ich genau tat, bis auf das Husaren-Jnter- mezzo. Darnach fragte er mich ja auch nicht. Unterdessen war die Kritik weiter gegangen. Während einer kleinen Pause be- richtete der Divisions-Adjutant Sr. Großh. Hoheit über die Pa­trouille, worauf mich der Prinz heranwinkte und zu den Offi­zieren gewendet etwa folgendes sagte: ,

Meine Herren, das Gelingen der heutigen Aistgabc ist zum großen Teil den vorzüglichen Meldungen zuzuschreiben, die mich imausgesetzt über alle Bewegungen des Feindes vom ersten Mo­ment an unterrichteten. Ganz hervorragend waren es die ersten Meldungen dieses Unteroffiziers hier, der die Patrouille an Stelle eines Offiziers führte. Er hat seine Ausgabe so exakt und gut ausgeführt, rote ich noch selten die Gelegenheit hatte, zu beobachten."

Zu mir gewendet:Ich hab« Sie deshalb hierher rufen lassen, weil ich Ihnen persönlich meine Anerkennung sur ^jhre schneidige Patvsuillenfühvung aussprechen wollte. Solche Leute kann man im Felde brauchen! Ich danke Ihnen!"