Ausgabe 
9.5.1908
 
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im mir mit deiner Bitte vorbeigegangen bi ft, iixiß ich ja nicht, tote du darüber denken magst."

Martha!" Mit beiden Händen griff Heinz nach des Mädchens Hand und drückte sie voll inniger Wärme.Wie ich dir danke. Aber nein ... ich darf's nicht annehmen. Du hast es ja schon so schwer, es liegt ja schon so viel Last aus dir, viel zu viel für deine jungen Schultern. Und wer weiß, ob's deinem Vater recht wäre."

Martha warf den Köpf zurück.

Das soll mich wenig kümmern. Ich bin nicht aus ihn, er ist auf mich angewiesen. Wenn ich für ihn arbeite immerzu und immerzu, so werde ich auch wohl mal einen Wunsch haben können. Es ist so still und düster bei uns, nirgends klingt ein warmer Herzenston an, nie scheint ein Sonnenstrahl frohen Le­bens in unsere Stuben. Darum möchte ich die beiden Kinder haben', von denen ich weiß, daß sie gut sind und daß sie mir Licht und Freude iii§ Haus bringen werden. Und dann will ich auch nicht, daß . . . daß. . ." Sie brach ab und beugte sich nieder, noch einige Kohlstauden zu schneiden und in ihren Kvrb zu legen.

Heinz aber ergänzte sich im Geist ihren unvollendet ge­bliebenen Satz:

Ich will nicht, daß du glauben sollst, dein Wirken ginge spurlos an den Menschen vorüber. Ich will nicht, daß die Feinde der Kirche über deine Einflusslosigkeit spotten können," Und es war ihm, als ströme von Martha eine Welle warmen Lichtes aus und ergösse sich über sein Herz. Nicht in der wilden, atembeklemmenden Sturzflut, mit der die Flammen über ihm zusanrmenschlugen, wenn er in Isabella Friedheims Nähe kam, sondern in sanftem Fließen, mild und beseligend, einer gütigen Liebkosung vergleichbar.

Jhni kani der Gedanke: Wenn du dich an diese bändest, die an Güte und Treue nicht ihresgleichen findet, wenn du dich ihr vereintest für dein Leben, du hättest eine Weggenossin, die neben dir ginge Schulter an Schulter, als wäre sie an dich ge­schmiedet . . . eine Gefährtin, die dir deine Sorgen leicht und deine Freuden groß machen würde, an der du nie irre werden könntest. Und wenn du zu ihr fprächest in dieser Stunde, in diesem Augenblick, so hättest du die andere, die Frcnldc, damit überwunden und vergessen. Nie mehr könnte der Zauber ihrer betörenden Schönheit dich berücken und quälen.

Doch wieder schwoll in seinem Blute der zähe Widerstand aus, der den erleuchtenden Gedanken nicht zunr erlösenden Willen werden ließ.

Martha hatte ihren Körb ausgenommen.

Ich muß gehen", sagte sie.Kömmst du nicht bald wieder einmal nach Vater sehen? Er fragt täglich nach dir/'

Geht's ihm noch nicht besser?"

Die Wunde ani Knie will und will nicht heilen." Sage ihm, daß ich ihn heut' noch besuchen werde." Und wie ist's? Soll ich die Dannenbornschen Kinder haben?" Wieder strich sie sich mit der Hand über das Haar das untrüglichste Zeichen dafür, daß das Herz ihr beklommen Ivar.

Wenn du sie wirklich willst... ich wüßte niemand, dem ich sie lieber gäbe!"

Ich danke dir, Heinz!" Sie nickte ihm noch einmal zn und schritt mit ihrer Last dem Tor entgegen.

Heinz sah ihr nach, bis ihre Gestalt in der Dunkelheit ver­schwunden war, und ging danil heim, ein seltsames Gentisch von Beklemmung und Frvhgefühl in der Brust,

Am folgenden Tage brachte ihtn ein Reitknecht vom Fichten­höher Schlosse ein Billett, in bent Isabella und Werner Fried- Heim fünfhundert Mark für seine Armen sandten, mit der aus­drücklichen Bitte, den Ursprung der Gabe gegen niemand offen­baren zu wollen.

Seine Freude an dem Geschenk wurde doppelt, als er die beiden Spender ain nächsten Sonntag wieder in der Kirche sitzen sah, diesmal ohne Herril von Bannemann. Und wenn er sich auch sofort nach Empfang des Geldes schriftlich bedankt hatte, so war es ihm nun doch Bedürfnis, auch tioit der Kanzel herab noch einmal mündlich Dank zu sagen. Er tat cs dadurch, daß er fitt einer geeigneten Stelle seiner Predigt davon sprach, wie zwei großmütige Geber ihm ermöglicht hätten, an eine größere Weihnachtsbescherung für die Armen denken zu können. Er bat. es möchten noch viele ein jeder nach seinen Kräften den: hochherzigen Beispiel nacheifern und mithelfen, daß allen Bedürftigen der Gemeinde diesmal auch im irdischen Sinne die Sonne des Christfestes leuchtete.

Isabella schlug bei seinen Worten die Augen nieder, und über Werners träumerisches Jünglingsantlitz ergoß sich dunkle

Röte. Heinz aber hatte die Empfindung', daß da ivirklich zwei edelmütige und hochherzige Menschen vor ihm säßen, nicht zwei, denen ihr Geben nur ein Opiat für ihr Gewissen ge­wesen sei. Ihm war, als wäre er zu zweien, die aller Liebe wert, in -enge Berührung getreten, als hätten sich von hüben nach drüben zarte, feine Fäden angesponnen, die Seele zu Seele ziehen mußten; und fast ohne das; er's wollte, traten ihm Worte auf die Lippen, in denen ganz leise ein persönlicher Klang an- klang.

Als er am Mittivvch darauf nach Schluß der Koufirmandeu- stunde die Schule verließ, sah er, daß vor der Gartenpforte, durch die man zu seiner nnd des Kantors Wohnung gelangte, ein elegantes Coups hielt. Im Flur trat ihm attch schon Lene mit allen Anzeichen übler Laune entgegen und sagte:

Oben in Ihrer Studierstube sitzt der Herr vom Schloß, der Sie sprechen,möchte. Daß er auch gerade kommen muß, wenn andere Leute Mittag essen wollen. Halten Sie ihn man nicht so lauge fest, damit die Kartoffeln nicht wieder blau iverben!" Weg war sie.

Eine Minute fpäter stand Heinz bent Kommerzienrat ge­genüber, der seine kleine, zierliche Gestalt langsam sogar etwas schwerfällig, wie cs Heinz Vorkommen wollte von dem einfachen Rohrsessel am Fenster erhob, eine weltmännische Verbeugung machte und mit großer Verbindlichkeit sagte:

Mein Name ist Friedheim. Ich mar so frei, hier auf Sie zu warten, Herr Pastor. Hätten Sie wohl einen Augenblick für mich Zeit?"

Mit Vergnügen", gab Heinz zurück, lud den Gast, der den kostbaren Pelz aufgeknöpft, Zylinder und Stock neben sich in die Ecke gestellt hatte, mit einer Handbewegimg ein, wieder Platz zu nehmen, und fragte, indem er sich selbst vor seinen Schreibtisch setzte:Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Kvm- merzienrat?"

(Fortsetzung folgt.)

(Ein Patwuillenritt.

M anöverer innerung eines Oberhessen.

Bei unserem er st eit Preisausschreiben mit dem zweiten Preis ausgezeichnet.

(Nachdruck verboten.)

Schönes Manöverwetter und gute oberhessische Bauernquar- tiere! Alles, was ein Soldatenherz erfreuen kann. Auch unsere guten Pferde kamen in jenem Jahve nicht zu kurz; denn die Heuernte war gut gewesen und auf einen Wurf Heu mehr oder Weniger kam cs meistens nicht an. Und luo die Quartiergeber cs nicht freiwillig gaben, da hatten wir Dragoner gute Nasen.

Die Brigademanöver tooren zu Ende, und mir hatten Ruhe­tag. In dem wohlhabenden Berstadt lag meine Eskadron int Quartier.

Morgen beginnen die Divisionsmanöver gegen die prenß. 21. Division: da will ich sehen, daß die Schwadron tadellos herauskommt!", sagte der Wachtmeister beim Früh-Rappvrt zu uns, den Beritt-Unteroffizieren. Vom Ruhetag war denn auch, nicht viel zu spüren. Da hieß cs, lahme und gedrückte Pferde vorführen, dann Umschläge machen, kühlen, neu beschlagen, und nicht zum Letzten Appell im kompletten Anzug, mit Karabiner, gerollten Mänteln und abgebtmdenett Futtersäcken. Alles mußte der Wißbegierige sehen. Wir waren das von ihn« gewohnt. Aber wie alle anderen, ging auch dieser Tag vorüber. Beim Abendappell hielt dieBlmueschcrb" (der Spitzname des Wacht- nteisters) noch eine große Rede wegen des Wirtshausbesuchs, des Poussierens und ganz besonders wegen des pünktlichen Feier­abends.Jeder Dragoner, der nach 9 Uhr noch aus der Straße betroffen wird, den melden Sic mir! Verstanden, llnteroff. btt jonr!?"Zu Befehl, Herr Wachtmeister!" erscholl cs zu­rück.

Früh, sehr früh, giitgs am andern Morgen heraus und von der blitzblanken Schwadron merkte man nicht viel, denn cs Ivar noch ziemlich duster. Kaum war der letzte Beritt eiurangieri, da kam auch schon der Rittmeister, und feinGuten Morgen, Dragoner" wurde schallend erwidert. Nun sprengte der Wacht- meistcr vor und machte seinen Rapport. 11. a. meldete er, daß Dragoner W. noch nachts um 1 Uhr auf der Straße hcrmn- gebnmmelt sei.So!" sagte der Rittmeister,da werden mir ihn drei Tage einsperren, vorläufig zieht er im nächsten Quar­tier auf Wache. Das weitere später, Wachtmeister! Eskadron zu zweien rechts brecht ab, Marsch und Eskadron Teraab!"

Wir hatten über eine Stunde bis zum Rendezvous-Platz zu reiten. Alsbald gingen von da Patrouillen und Ordonnanzen ab. Wir brachten noch unser Sattelzeug in Ordnung, da sprengte unser Regimentsadjutant - heran mnd rief:Herr Rittmstr., sofort eine Offiziers-Patrouille von ca. 14 Pferden beim Avantgarden­führer melden!"

Ja, woher Offiziere nehmen? Ich habe keine mehr; schon alle kommandiert. Sergeant F., fitzett Sie sofort auf, nehmen