Ausgabe 
9.5.1908
 
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Samstag den y. r?tal

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Wirket, so lange es Tag ist.

Roman von Maximilian Böttcher.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Fünftes Kapitel.

Am Nachmittag sprang der Wind, der so lange aus Süd- westen geweht hatte, nach Norden um, und aus dem feinen, rieselnden Regen wurde Schnee. In dichten Massen, wie ausge- schiittet, tarnen die Flocken in wildem Gewimmel durch die Lust daher ruch lagerten sich eine zur anderen auf Feld und Wald, Baum uub Strauch, Haus und Hütte, das schmutzige Grau der trüben, verregneten Spätherbstlandschaft binnen einer Stunde in die lichte Reinheit eines großen, großen weißen Tempels verwandelnd.

Heinz Vollrath, der am Vormittag in seinen beiden Kirchen gepredigt, um zwei Uhv in Fichtenhöhe Kndergvttesdienst ad- gehalten und um vier in Blanitz. dem dritten Dorf seines Spvengels, einen Toten zur letzten Ruhe geleitet hatte, saß gegen die Dämmerstunde hin, von einem Gefühl der Ab­spannung und Müdigkeit befallen, in seinem Studierstübchen anr Fenster und blickte in den stillen Garten hernieder, auf dessen verschneite Beete uud Gezweige die Flocken noch immer fielen und fielen.

Er hatte diesen Tag über wieder und wieder an Isabella denken müssen; und obgleich er sie in der Kirche ganz gewiß iveder öfter, noch mit größerem Interesse angeblickt hatte als jeden anderen seiner Hörer, so stand ihre schlanke Gestalt in dem schwarzen, pelzverbrämten Samtniantel, ihr blasses, schönes, von dem Ausdruck tiefer Mdacht verklartes Gesicht doch unab­lässig vor seinen: geistigen Auge.

Unwillig strich er sich mit der Hand über die Stirn; doch das holde Bild blieb und ließ sich nicht verwischen.

War wirklich die große Leidenschaft über ihn gekommen, vor der er sich schützen und bewahren, gegen die er, wenn sie dennoch hercmbräche, ankämpfen wollte mit aller Gewalt, da­mit nicht ein Teil seiner Seele und seiner Kraft einem Ein­zelwesen anheimsiele zum Schaden der vielen, die. Gott, wo und wie immer, unter den Schutz und in die Sorge seines Amtes stellen mürbe?

Heinz stand auf, nahm Hut und Stock und verließ das Haus nach der Gartenseite zu. Die starke Sanftigerin all seiner Ginpfindungsstürme war ihm von Jugend auf die Natur gewesen, weil ans ihrem Werden und Weben die göttliche Wunderkraft ani deutlichsten, am unmittelbarsten zu seinem Bewußtsein sprach.

Auch jetzt, während er durch den Garten, am Kirchhof vor­bei, den alten, lieben Weg zum Buchenberg dahinschritt, der die einzige Erholung war in seinem von amtlicher und frei­williger Arbeit überbürdeten Leben, fielen seine Sorgen und Qualen von ihm ab Ivie ein lästiges Gewand. Der Schnee schwebte nur noch in vereinzelten, leichten Flocken hernieder, im Norden und Westen hatte sich der Himmel bereits aufgeklärt.

und blutrot stand das letzte Segment der untergehenden Sonne über der klaren Zackenlinie des Hochwaldes.

Heinz war es, als bade sich seine Seele in der unbe­schreiblich tveißen Klarheit der endlosen Schneeweite, in dem lichten Blau des schimmernden Acthermeeres von allem Erden- staub rein und flöge mit sehnenden Schwingen der Sonne zu.

Als er, durch silbernen Winternebel heiinlvärts schreitend, schon dicht beim Hause luar, sah er, daß sich nebenan im Barti- kowschcu Garten jemand zu schaffen machte. Die Dämmerung lag schon tvie eine blauschwavz« Wolke über dem mattleuchtenden Schnee, und erst, nachdem Heinz ein paar Schritte gegen die Grenze des Nachbargrnndstückes zu getan hatte, erkannte et deutlich die Umrisse einer gebückt dastehenden weiblichen Ge­stalt, die sich jetzt sie hatte sein Näherkommen ivvhl 6c» merkt mit rascher Betvegung aufrichtete.

Martha, bist du's?" fragte Heinz.

Ja", klang die Antwort, halb beklommen, halb lustig zurück.Aber du brauchst nicht zu denken, daß ich geheime Schatzgräberei treibe. Ich schneide nur Grünkohl zu morgen mittag. Die Mädchen haben's wieder mal vergessen, und jetzt sind sie zum Tanz, zu dem sie ja nie früh genug kommen können."

Heinz ging die paar Schritte hinüber und bot Martha die Hand.

Bist du denn nie von Wirtschaftssorgen frei, du Un­ermüdliche ? Selbst nicht am Sonntag abend?"

Martha strich sich das" schneenasse Haar ans der Stirn.

Arbeit ist der beste Zeitvertreib", antwortete sie festen Tones.Und dem, der den Kopf mit kleinen Sorgen voll hat, können die großen nicht so hart zusetzen. . . . Du hast noch immer nicht mit Wilhelm gesprochen?" fragte sie nach einem tiefen Atemholen.

Tu weißt ja, Martha, daß er sich nicht von mir sprechen läßt. Zwingen, mir Rede und Antwort zu stehen, kann ich ihn nicht. Und wenn ich's könnte, es möchte mir am Ende wenig helfen. Er begegnet mir, als wenn ich sein Todfeind wäre. Wie sollte er also auf mich hören? Habe ich doch nicht einmal Einfluß aiif die, die meine Freunde sind", setzte er mit leiser Bitterkeit hinzu.

Martha schwieg eine Weile. Was in ihren Zügen vorging, konnte Heinz bei der zunehmenden Dunkelheit, die alle fei­neren Linien^ verwischte, nicht sehen. Dann sprach sie:

Verdrießt cs dich so sehr, daß du den Dannenbornschen Kindern keine Pflegeeltern schaffen kannst?"

Soll es mich nicht verdrießen?" fragte er zurück.Wer hat dir übrigens gesagt, daß ich mich für die beiden Waisen bemühe?"

Wilhelm sprach davon."

Hm . . ." Heinz biß sich auf die Lippen. Lebhaft konnte er sich vorstellen, wie der junge Bartikow über dieEinslnß- losigkeit der Geistlichen" hämisch triumphierte.

Ich möchte die Kinder zu mir nehmen", brach Martha das dumpfe SchweigernDas heißt, vorausgesetzt natürlich, daß du sie bei mir für gut aufgehoben hältst. Da du gerade;