Ausgabe 
9.4.1908
 
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Sie Bedürfnisse ihrer Mitläufer, wirklich lösen und von allen Studierenden ernste Vertiefung in die Probleme der Wissen­schaft fordern konnte. Im Winter 1846/47 zeigte Prof. Otto an: lieber die lateinische Poesie des Mittelalters nebst Er­klärung von Schmellers lateinischen Gedichten des 11. und 12. Jahrhunderts. Schade, daß er keine Nachfolger gefunden Hat. 1862 erschienen im Vorlesungsverzeichnisse zum ersten Male Uebungen in der Handschriftenkunde, 1870 römische Epigraphik, 1877 Uebungen im Erklären griechischer In­schriften. Uitb in unseren Tagen sehen wir gerade die Gießener Philologie mit in der ersten Reihe stehen bei der Lösung der neuen Aufgaben, die der klassischen Altertnms- wisseuschaft gestellt sind, und die in hohem Maße dem Leben unseres eigenen Volkes zugute kommen, es sei nur auf die vergleichende Religionswissenschaft und auf die Volkskunde hingcwiesen.

Für die neueren Sprachen genügten zunächst noch die Sprachmeister. 1770 schwebten Verhandlungen' auch über Anstellung eines englischen Sprachmeisters. Seit 1772 gab der Professor der orientalischen Sprachen, Schulz, Anweisung in der englischen Sprache. 1775 wurde die italienische Sprachmeisterstelle eingezogen. Wenige Jahre vorher, im Mai 1764, war in der Person des San Severino de San- martino sogar ein Professor für dieses Fach ernannt worden. Er hatte es aber vorgezogen, sein Amt nie anzutreten. Nicht lange darauf, im Jahre 1797, brachte es auch ein französischer Sprachmeister zum Professor, allerdings mit dem Zusatz immerwährender letzter". Das war der bekannte Franz Thomas Chastel, der die Ehrung sich durch die geschickte Vermittlung zwischen den französischen Truppen und der Stadt und Universitär Gießen redlich verdient hatte. Zur Gründung einer nensprachlichen Professur kam es 1823, damals als Extraordinariat; aber schon im folgenden Jahre wurde sie Ordinariat. 1870 begegnen wir einer Gesellschaft für neuere Sprachen. 1879 wurde ein neuphilologisches Seminar eingerichtet, dein seit 1900 zwei Lektoren, je ein geborener Franzose und Engländer beigegeben sind, um den Studierenden Gelegenheit zur Erwerbung der praktischen Sprachfertigkeit zu geben. Daneben trat 1889 ein rein wissenschaftlichen Zwecken dienendes Seminar, bis 1907 ver­bunden mit dem gerinauischen Serninar. Erst 1896 wurde von der neusprachlichen Professur das Englische abgetrennt und einem besonderen außerordentlichen Professor über­tragen. Auch ein eigenes englisches Seminar ist 1907 ge­schaffen worden. Bereits im Winter 1841/42 hatte der da- malige Historiker Schmitthenner über die angelsächsi­schen Sprachdenkmäler gelesen. Neugriechisch wurde 1821 und 1828 gelesen, und im Winter 1824/25 erbot sich der Technolog B l u m h o f zum Unterricht in der schwedischen unb dänischen Sprache.

Die Muttersprache formte sich an allen deutschen Universitäten erst sehr spät zur Geltung bringen, verhältnis­mäßig früh noch in Gießen. Schon 1726 kündigte der da­malige Professor der Beredsamkeit Rhenius ein Kollegium für Bries- und Rebestil in beibeit Sprachen (natürlich für Lateinisch unb Deutsch) an, freilich allzu große Erwartungen wirb man an solche Unterweisung nicht knüpfen dürfen. Am 14. Oktober 1763 gründete der Professor der Eloquenz Bechtold, eine deutsche Gesellschaft, über deren Sitzungen im Gießener Wochenblatte ausführliche Berichte erschienen. Von 17711800 war Christian Heinrich Schmid Professor der Eloquenz und Poesie, der als derGießener Schmid" für lveite Kreise als Autorität auf dem Gebiete der Kritik und Aesthetik, mach für deutsche Dichtung, galt. Goethe und seinem Kreise konnte er mit seinen starren Regeln nicht genügen, aber die berechtigte Kritik, die dieser an ihm übte, hat inoderne Kreise oft auch das Gute und Verdienstliche übersehen lassen, was an ihm anzuerkennen ist. 1813 kün­digte Klein deutsche oratorische Uebungen an. Das nächste Jahr brachte das erste Kolleg über das Nibelungenlied. Dann galt das Deutsche als eine der neueren Sprachen, die wohl einmal der Neuphilologe mit berücksichtigte, die aber int übrigen beit Privatdozenten überlassen blieb. Eine Professur basür erhielt erst Weiganb (a. o. Professor Dezember 1851, o. Professor September 1867). Ostern 1886 erfolgte dann bte Gründung eines germanischen Seminars, von Ostern 1889 bis Ostern 1907 zum germanisch-romanischen erweitert.

Die Geschichte entwickelte sich allmählich von kritik­loser Zusammenstellung von Notizenkrain zu wahrer kritisch prüfender und abivägender Wissenschaft. Eine ZeitlanL

von 1809 bis gegen 1848, mußten die Studenten aller Fakul­täten ein Kolleg über Geschichte, ebenso über Logik, Psycho­logie und Mathematik gekört haben. 1836 wurde Hinzug daß jeder, der das versäumt hatte, sich in diesen Fächern einer besonderen Prüfung zu unterziehen habe. Ties lvar das letzte Mal, daß der alte Gedanke, die philosophische Fakultät zu einem allgemein verbindlichen Kurse zu machen, wieder auflebte. Bereits 1817 kündigte Professor Dieffenbach eine Geschichte der europäischen Völkerkriege von 1812 bis zum neuesten Pariser Frieden 1815 an. Eben­falls aktuell war, daß Hillebrand bereits int Winter 1848/49 sich als Thema wählte: Die Weltgeschichte und die Revolutionen, historisch-philosophisch betrachtet. 1875 wurde eilt zweiter Lehrstuhl der Geschichte errichtet. 1876 folgte die Begründung des historischen Seminars. 1904 wurde diesem eine Mteiluug für alte Geschichte angegliedert und für diese ein neuer außerordentlicher Professor berufen. Alte Geschichte war natürlich schon früher behandelt worden, namentlich auch von den klassischen Philologen. Im Winter 1870/71 finden wir z. B. zuerst das auch für unsere Gegend besonderes Interesse bietende Thema angezeigt: Die Ansiede­lungen der Römer in den Rheinlanden mit Berücksichtigung der erhaltenen Monumente.

Recht jung ist die Geographie als eigene Wissen­schaft. Früher wurde sie in der Geschichte und Stattstik mit abgetan; denn das ist wohl für die Durchschnittsbehand­lung der rechte Ausdruck. 1834 behandelte der Mathematiker Schmidt die physische Geographie. Als der bekannte For- schungsreisende Robert von Sch lagt ntweit sich 1864 hier niederließ und geographische Vorlesungen hielt, bekam er den Titel außerordentlicher Professor. Freilich las er seiner Reisen wegen nur mit großen Unterbrechungen. Wirk­liches Heimatrecht bekam aber die Geographie erst 1891 durch Gründung einer wirklichen Professur (zunächst außer­ordentliche, seit 1903 ordentliche) und eines geographischen Institutes. Letzteres erhielt 1906 in bett Räumen ber alten Bibliothek ber" Neuzeit entsprechende Räume mit geräu- migen Zeichen- und Arbeitsjälen.

(Schlug folgt.)

Dstereier.

In diesen Tagen sehen wir sie wieder in vielen Schau­fenstern prangen, die Ostereier aus Glas und Porzellan, aus Pappe und Zucker.unb Schokolade, aus Metall, Holz und Korbgeflecht. Das wirkliche, natürliche Osterei sieht man dagegen selten, das hat sich in beit Schoß ber Familie zurückgezogen. In vielen Beziehungen vermag es ja seinen künstlichen Miteiern nicht das Wasser zu reichen; es wird von ihnen nun auch selten nicht an Pracht des äußeren Ge- wandes, so doch an Kostbarkeit des Inhalts übertroffen, dennoch aber ist es schade, daß der alte, hübsche Brauch, sich mit wirklichen Eiern zu beschenken, die man eigenhändig gefärbt, gemalt ober sonstwie ausgeputzt hatte, von dem ntoberneit Luxusbedürsnis in bett Hintergrund gedrängt wird. Früher, als mau sich nur mit Hühnereiern beschenkte, kannte mau die merkwürdtgsteit Verfahren, um ihr weißes Kleid in ein farbiges oder gar bunt gemustertes zu ver­wandeln, man pflegte sie selbst mit hübschen Mustern, mit Blumen und Gtrlanden zu bemalen, ober sie mit Hilfe von allerlei kleinen Tricks zu Tier- unb Menschenköpsen um­zugestalten, was Gelegenheit zu manchem Scherz gab. Viel­leicht sind jedoch einige Fingerzeige in dieser Richtung auch heute noch lvillkommen. Um z. B. einzelne Köpfe aus Eiern herzustellen, bläst man diese durch zwei sehr kleine Löcher je am spitzen und runden Ende aus. Bei einem Studenten köpf bildet der runde Teil das Gesicht, bas ziemlich bierfröhlich aussehen unb natürlich mit ein paar tüchtigen Schmissen versehen sein muß. Das obere spitze Ende des Eies verbirgt man unter einem schief aufgesetzten Cerevis. Für ein Babyköpfchen wird das runde Ende des Eies mit einem Puppenhäubchen bedeckt, ein paar blonde Löckchen und ein Kindergesicht gemalt und das spitze untere Ende durch ein Lätzchen verdeckt. Aehnlich lassen sich noch unzählige andere Köpfe Herstellen, und zwar müssen die Gesichter stets nur mit ein paar charakteristischen, auch wohl karikierenden Strichen hingeworfen, die Kopfbedeckung be­sonders genäht und dann aufgeklebt werden. Schließlich zieht man durch die beiden Löcher an bett entgegengesetzten Enden ein Bändchen und hängt die Eier daran ans. Künst­lerischer und freilich auch weit schwieriger herzustellen sind z. B. zwei ober drei Silhouetten auf dem unteren Ende des