Ausgabe 
9.4.1908
 
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Fettiger Silberfaden. Sie fühlte feinen Blick, warm unb treu» herzig auch dies wehmütige Wiedersehen feiern unb lächelte wieder bitter, während sie sagte:

Ich säge gleich hinzu, daß Hclmuth bei uns nichts zu ü& tvärtigen hat als Schwesterliebe und Vergebung."

Ein Schatten flog über des Mannes Helles, freundliches Gesicht.

Ich wünschte, ich dürste jetzt etivas sagen, gnädige Frau/' Oh, tvas dürften Sie nicht sagen? Ich bitte also darum." Halten Sie für den Bruder nicht zu viel Vergebung bereit!" Sondern?" fragte sie kühl.

Ein klein wenig Verständnis."

>,AH! Äm Ende gar auch Bewunderung?" Gewissermaßen ja aber ich sage nur Verständnis," Ist das ein Fehdehandschuh?"

Er schwieg hierzu und sie richtete sich endlich ans ihrer lässigen Stellung auf und seufzte resigniert.

Ach nein," sagte sieich zanke mich nicht, dazu fehlt mir heute jede Lust. Ich lasse die Streitfrage auf sich ruhen und feiere eine stille Umschau. Wie ist hier doch alles so unverändert, von der Braunen Holzverschalung der Wände bis zu den Blumenampeln an der Decke und denVorspiegelungen falscher Tatsachen", wie Herr von Wahreudorf einst die beiden Landschaften in den Fensterrahmen nannte. Wissen Sie das noch? Nein. Sehen Sie, mein Gedächtnis ist besser. Alles uu= Verändert nur die Krücken dort in der Ecke fehlen und jener braune Eckschrank birgt wohl auch keine Medikamente und Ge- snndheitsweine mehr für plötzliche Anfälle ohnmächtiger Schwäche .....denn Sie selbst sind verändert, das heißt, Sie sind gesund geworden. Ja, das Annchen von damals hätte nichts mehr zu pflegen, wenn sie jetzt käme" sie lächelte mattkeine Eis- kompressen mehr auf eine heiße Stirn, kein abscheulich riechender Baldriantee mehr, den niemand gern buchen mochte, nur Annchen! Am Gartentor wurde die Eselequipage angebunden und dann kam sie eilig gelaufen benu sie war immer tu Sorge um ihren Patienten und immer froh, wem: sie etwas tun konnte die Kissen rücken oder die Krücken holen oder Medizinen und Limo­naden mischen, oder iuenit es heiß war und er Schmer zerr litt, die Fliegen wegtreiben, die ihn störten. Lang, lang ist's her! Nicht wahr?"

Seine Erregung wuchs mit jedeut Wort, das sie sprach. Jetzt erhob er sich heftig.

Um Gottrswillen, Anne Marie, weshalb sagen Sie mir das alles so in diesem Ton? So, als spotteten Sie dessm, was mir, solange ich lebe, die liebsten, schönsten Erinnerungen sein iverbeit, die ich heilig halte, die mich mit eiviger Dankbarkeit M Ihre holde Güte erfüllen werden?"

Sie zuckte die Achseln.

Weshalb soll ich es'nicht sagen? Daß es spöttisch geklungen hat, ist mir nicht bewußt. Kränken fann es Sie doch auch nicht, daß ich die Bilder heraufbeschwöre, Sie haben sich doch nichts vor- zuwersen? Sie handelten ja immer wie der weise, edle, über­legene Mann handeln soll. Sie opferten sich selbst."

Das sagen Sie!" stammelte er tiefergriffendas haben Sie gewußt erraten?" Er nahm ihre Hand in seine beiden, küßte sie und streichelte sie dann ganz sanftwenn Sie meine Gefühle errieten, bann wissen Sie auch, daß ich meine Pflicht tat. Ein Krüppel ein Siecher muß entsagen. Sie sollten mich loben. Also noch einmal, weshalb die Ironie?"

Sie sah erst empor in sein herabgeneigtes, gerötetes Gesicht, bann herab auf seine Hand, die noch die ihre umschloß, und dann fragte sie immer in demselben trocken spöttischen Ton:

Als Sie sich selbst opferten, Wilhelm, kam Ihrer Selbst­losigkeit nie der Gedanke, daß Sie mich mit opferten? Ihnen ist die Entsaguitg vorzüglich bekommen. Mir nicht. Wer von uns beiden heute der Krüppel und Sieche ist, steht noch in Frage."

Dabei stand sie auf und ging, ohne ihn anzusehen, in den Hintergrund der Halle, wo sie vor einer BHrmenstellage stehen blieb und durch ihr Augenglas die Blüten einer, köstlichen Gloc- cinie musterte. Ihr Gesicht war kreideweiß und die Hand, die das Lorgnon hielt, zitterte, aber sie hielt sich kerzengerade und ihre Füge blieben unbeweglich.

Hinter ihr blieb es still für eine, für zwei Minuten, dann hörte sie ein polterndes Geräusch, ein Stuhl, der im Wege stand, ward beiseite geschleudert und im nächsten Augenblick stand Wil­helm dicht neben ihr. Seine Stimme klang ganz verändert, er war wieder fassungslos:

Anne ! Wine! Sie hätten gelitten? Und um mich? Aber daZ kann ich ja gar nicht glauben, das ist ja nicht denkbar ich, ein elender, hilfloser Kranker damals und Sie in aller Ihrer jungen Kraft unb Anmut . ... mit dem ganzen schönen Leben vor sich, . .

Sie ließ das Augenglas fallen unb wandte sich zu ihmr Seid Ihr wirklich so blind?" fragte sie jetzt ohne allen Sport mit müdem, trübem Lächeln,möglich. Ich will's glauben. Es ist ja nun auch alles langst vorbei und mir können drüber reden, wie es Alte tun, die in ferne Vergangenheit blicken. Siebzehn Jahre sind's her und siebzehn Jahre luar ich dazumal . . . rechnen Sie's zusammen. In 17 Jahren lernt man es ja wohl, ruhig und kühl über das zu reden, was einst iveh tat. Und da ich nun einmal hier bin, hätte ich Wohl Lust, mir einmal vom Herzen zu reden, was so lauge als stumme Last drauf gelegen hat, bis es ein Stück von mir selbst geworden luar. Wenn Sie diesen Wunsch umveiblich finden, so erinnern Sie sich daran, daß es eine herzlich alte Fran ist, die zu Ihnen spricht."

Liebe Anne Marie, bitte, reden Sie!" bat er, seine Stimme schwankte vor Bewegung, er führte sie zur Ruhebank und beide setzten sich.

(Fortsetzung folgt.)

Aus der Geschichte der Luösvmana.

Philosophische Fakultät.

(Fortsetzung.)

Die klassische Philologie, für die ältere Zeit die Philologie überhaupt, legte auch nach 1707 das Haupt­gewicht noch aus das Latein und auch da mehr aus das moderne Latein, dessen sich die Studenten bedienen sollten, als ans die alten Autoren selbst, die mehr als Beispiel- sammluug als um ihrer selbst willen gelesen wurden. 1737 wurden die beiden Professuren der Poesie und Eloquenz ver­einigt, die sich mit ihren gegenseitigen Ansprüchen doch oft nur im Wege gewesen waren. Einen wesentlichen Fort­schritt bedeutete die Anzeige einer Geschichte der lateinischen Sprache, wohl besser Literatur, die 1749 zuerst erscheint. Und bald kam eine Reihe von Juterpretationskollegs dazu. Am 19. Juni 1772 erfolgte eine Verordnung, dahin gehend, daß jedes ©mefier eine Vorlesung über lateinischen Stil stattsinden solle. Aut 19. März 1777 wird verlangt, baß dieses Kolleg sechsstündig sein solle, von denen zwei und das ist nicht ohne Bedeutung zu praktischeu Aus­arbeitungen und Uebuugen bestimmt waren. Daß 1787 sogar der Mediziner Baumer lateinische Stilübungen ab­hielt, ist bei der medizinischen Fakultät schon erwähnt.

Inzwischen fing aber eine neue Zeil an sich bemerkbar zu machen, das rein Formelle wurde überwunden itub man ging daran, die Gesetze des äußeren und inneren Aufbaues der Schriftwerke zu studieren: aus der Eloquenz und Sti­listik wurde Aefthetik und literarische Kritik. Horaz, Homer und andere wurden auch inhaltlich dem Hörer nahe zu bringen versucht. Und um die Wende des Jahrhunderts lvar dank der Bemühungen von Heyne und F. A. Wolf die Philologie zur klassischen Altertumswissenschaft erweitert. Das machte sich auch in Gießen bald bemerklich. Die Be- zeichmmg Professor poesiae et eloquentiae verschwand und am 16. Oktober 1809 wurde neben dem Latinisten ein Pro­fessor der griechischen Literatur und Archäologie angestellt, eine Bezeichnung, die hier zum ersten Male austrat. Und der, dem sie verliehen wurde, war Friedrich Gottlieb Weläer, der seine Studenten mit sich fortriß in der Be­geisterung für all das Große, Edle und Schöne, was uns die Betrachtung antiker Kunst und Literatur bieten kann. Zu schade, daß bereits 1816 politische Kurzsichtigkeit ihn zwang, seine Schritte weiter zu lenken. Bereits am 25. März 1817 erfolgte die Stiftung des philologischen Seminars mit eigner Bibliothek und einem Fonds zu Prämien für Lösung von Preisausgaben. 1827 erhielt das Seminar neue Sta­tuten, die Bibliothek wurde mit der Universitätsbibliothek vereinigt, als Preise wurden drei Medaillen verschiedener Größe gestiftet. 1857 erschienen sogar Abhandlungen von den Mitgliedern des Seminars. Zu Beginn des Sommer- semesters 1878 wurde dem Seminar, dem Vorbitde anderer Universitäten folgend, ein Proseminar angesügt. 1874 wurde die zweite philologische Professur, die im Lause des Jahr­hunderts recht wechselvolle Schicksale gehabt hatte, defi­nitiv Ordinariat. Noch tat Sommer 1839 hielt Osann ein lateinisches Disputatoriüm für Angehörige aller Fakultäten, aber bald ivar es damit vorbei. Es sand immer mehr eine Scheidung statt, so daß nur die Philologen von Fach Griechisch und Lateinisch trieben. Und diese Ausscheidung heterogener Elemente, insbesondere der Theologen, die nur nebenbei Philologie trieben, war ein Segen, da erst so die Philologie ore ihr gestellten Aufgaben, nicht gehemmt durch