Donnerstag -en y. April
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1908 — Nr. 57
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Kelmuth von Lonlen.
Noma» von Ursula Zöge von Manteuffel.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Jetzt führte der Weg ganz schmal zwischen den grün stacheligen Tannenzweigen hindurch — noch drei Schritte und sie übersah die Hall«. Diese war leer. In ihren bunten Käfigen zwitscherten die Bogel, aus den Tonampeln wucherten die blauen und weißen Hängepflauzen, im Hintcrarund der Halle leuchteten die Alpenlandschaften durch die aufgcmalten Fensterrahmen — da standen die Bänke und Tische und in der Mitte die langgestreckte Ruhebank, nebeir dem mit Büchern bedeckten Tisch Rechts davon ein Schaukelstuhl, in welchem eine Stickerei lag, über die ein Buch gelegt war.
Anne Marie stieg die Stufen hinan, sah sich in dein Raum um und um, sah hinaus auf die durch die Tannen gebildete Lichtung, den grünen Rasenplatz mit'den Blumenbeeten, deren Duft bis hierher wehte. Sie sah ganz geisterhaft blaß und elend aus, und das ironische Lächeln ging unter in einem sonderbaren Zucken der Lippen. Ohne viel zu zögern, nahm sie die weibliche Handarbeit und das Blich aus dem Schaukelstuhl und setzte sich selbst hinein. Sie lehnte den Kops zuriick, schloß die Augen, öffnet« sie wieder, und so kam nach und nach etwas wie träumend« Verwunderung über sie. Es war, als müsse sie sich immer wieder vergegenwärtigen, daß sie wirklich hier sei.
Mit ernemmal fuhr sie auf. Schritte und Stimmen nahten.
„Eine Dame?" — sagte Wilhelms Stimme fragend — „und hier, Marten?"
„Ja, hier, dort ist sie, gnädiger Herr, der Kutscher sagt« mir, sie sei hierhergegangen."
Aus den Tannen traten Wilhelm von der Haide und der alte Diener, dieser zog sich sofort zurück und Haide kam heran. Er hielt den Stvohhut in der Hand, der Sonnenschein lag auf seinem Gesickst.
„Gnädige Frau" . . . begann er fragend und etwas verleg«, „ich habe wohl die Ehre . . ."
„Natürlich kennen Sie mich nicht. Das dachte ich mir. Ich bin Anne Marie Troß."
Er fuhr zurück — ganz verstört, fassungslos. Purpurglut überzog sein Gefielst und ebbte zurück, bis tödliche Blässe cm die Stelle trat. Er griff nach dem Geländer, als müsse er sich halten. Der so klare, stillheitere Mensch war eilte Beute schreckens voller Bewegung, seine Lippen formten ganz unwillkürlich ihren Vor- namen, aber er vermochte keinen Laut hervorzubringen. CtlvaS Gewaltiges schien ihn plötzlich gefaßt und seine Kraft gelähmt zu haben.
Ihn so erschüttert zu sehen, schien die blasse Frau mit einer gewisseir Befriedigung zu erfüllen und ihr all die ins Schwanken gevomnieue Ruhe wieder zu geben.
„Jawohl, Herr von Haid«, ich bin's, — eine etwas geisterhafte Auslage jener Anne Marie, deren Sie sich ivvhl noch erinnern, was!"
Endlich sand er schwur atmend Worte:
„Anne Marie! Liebe, liebe Baronin — Sie sind cs wirklich? Und Sie wieder hier in dieser alten Halle?" — er nahm ihrs Hand und führte sie in tiefer Bewegung ehrerbietig an die Lipp« — „das ist mir wirtlich — so überraschend — so — so" er suchte wieder vergeblich ein Wort, schob ihr ganz mechanisch einen bs- quemen Rohrstuhl hin und vermied es, sie anzusehen. Sie hingegen sah ihn voll und forschend an, während sie sich in den Sessel setzte.
„Jawohl, Herr von Haid«, so seh« ich jetzt aus und ich sehr, der Anblick tut Ihrem guten Herzen weh. Sie hingegen sind j« frisch und blühend geworden — stark und kräftig — beinah robust. Ich wünsche Ihnen Glück! Wir machen die entgegen» gesetzten Ueberraschungen durch."
Endlich war es ihm gelungen, Herr seiner großen Bewegung zu werden: sich mit der Hand auf die Tischplatte stützend, stand er vor ihr und wagte nun auch sie anzusehen, aber nicht lange . . . er hatte vielleicht doch nur zuviel wiedergefunden, was an vergangene Zeiten erinnerte. Bor ihm saß eine bleiche Frau mit kühlem Blick und herb geschlossenen Lippe», und von ihm war einst ein rosenwangiges, fröhliches Mädchen geschieden — und doch verschmolzen die beiden bereits in eins. Sie sah die dunkelblauen, gütige» Augen so bcivvffen und kummervoll auf sich gerichtet und zuckte die Achseln:
„Ja. mein Freund, von dem kleinen Annchen ist nichts mehr übrig. Das hat das Leben weggefressen. Und nun ein Wort drüber, weshalb ich gekommen bin ... es gilt" — sie lächelte, eilt wenig — „es gilt, Ihnen Helmuth abspenstig machen. Himz dies ist meine offene Kriegserklärung."
Nun fand er sich ganz wieder. Sich einen Stuhl herbeiziehenl» setzte er sich ihr gegenüber.
„Meine teure, verehrte, gnädige Fran — weshalb Kriegserklärung ? Sie können sich doch denken, daß ich keine» sehnlicheren Wunsch habe, als diesen Riß geheilt zu sehen!"
„Also, Sie haben doch iwch einen Wunsch . , . ich hab« Sie für einen völlig wunschlosen Mann gehalten."
„Eben, da ich Sie vor mir sehe, gnädige Frau, möchte iih mich beinah auch dafür halte»," sagte er einfach und mit einer herzlichen Ritterlichkeit, die ihm gut stand.
Sie neigte nur ein wenig das Haupt.
„Also um bei der Sache zu bleiben — kommt Helmuth zn uns oder zu Ihnen?"
„Darüber hat er mir nichts geschrieben, doch nehme ich an> er kommt zu Ihnen."
„Sie würden das also befürworten?"
„Sicherlich, in der Hoffnung, daß mich für mich ein häufiges Sehen abfällt. Wie nah« wir uns stehen, brauche ich wohl nicht erst zu sagen."
„Oh, ich weiß es. Er könnte wohl noch Aergeres tun, als er getan hat, und würde doch in Ihnen seinen Fürsprecher finden."
Sie hatte den Reithut abgenommen und strich sich mit dev Hand das Haar aus der Stirn — dies Haar, das einst in zwei dicken blonden Zöpfen über den Rücken gehangen hatte. Jetzt war es dunkler und die gesunde Nebcrfülle war geschwunden —> durch das bräunliche Mond aber zog sich hier und da ein vsrx


