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der bulgarischen Nation", so schilderte der verbitterte, nicht unparteiische Stambuloto den Hergang, „waren nach der Abdankung des Prinzen von Battenberg von Sofia auf- gebrochen, um einen geeigneten Fürsten zu suchen. Man wollte uns einen Prinzen von Mingrelien geben, der sich mit dem Rangs eines russischen Werkzeugs begnügt hätte. Wir brauchten einen Herrscher, der durch seine Verbindungen, durch seine Verwandtschaft und durch seine persönlichen Beziehungen die Anbahnung guter diplomatischer Beziehungen mit den regierenden Könighäusern Europas gewährleistete. Es war'eine schwierige Frage. An wen sollten wir uns wenden? Wer wollte von uns Bulgaren etwas wissen, nachdem Rußland uns gewissermaßen für Europa mit Quarantäne belegt hatte? Wir trafen in Wien ein. Niemand wollte uns empfangen; wir verbrachten uitfere Abende in den Varietes und den Bierlokalen. Das waren freilich nicht die Orte, wo wir den weißen Naben finden konnten, der uns nottat. Eines Abends aber gingen wir in die Hofoper; in Begleitung eines Führers' aus dem Hotel. IN den Pausen erzählte uns der Begleiter, welche berühmten Persönlichkeiten der Vorstellung beiwohnten, und zeigte uns die einzelnen Damen und Herren. Er deutete auf einen jungen Herrn, der in einer Loge saß, und sagte: „Das ist der Prinz Ferdinand von Sachsen-Koburg, der Neffe des letzten Königs von Frankreich." Da sagte ich mir im stillen: „Koburg ist ein schöner Name, und die Familie des Königs von Frankreich ist eine gute Familie: vielleicht wäre dieser junge Mann etwas für uns." Ich sprach darüber mit meinen Kollegen und ivir beschlossen, dem Prinzen Ferdinand Bulgarien anzubieteu. Er nahm an, und so hab' ich ihn „zum König gemacht". Bei dieser Schilderung Stambulows darf sreilich nicht vergessen werden, daß sie vier oder fünf Tage nach der plötzlichen Entlassung des allmächtigen Ministerpräsidenten gegeben lvurde. Er unterbrach oft den Fluß seiner Erzählung mit dem bitteren Zwischenruf: „Und er hat mich fortgejagt". Dann führte er den Journalisten vor einen Glasschrank, in dein er die Geschenke des Fürsten aufbewahrte. Einige nahm er heraus, wog sie in der Hand und schätzte sie dabei ab: „dieses hier ist seine 1000 Fr. wert. . ., dieses hier kaum 10 Napoleons . . ." Und immer wieder glitt zwischen hindurch die bittere Bemerkung: „Und er hat mich fortgejagt." In diesem Augenblick enthüllte Stambulow sich so, Ivie er war. Der Firnis der Bildung fiel ab von ihm, und man sah den alten Barbaren, den Donaufischer, mit der ganzen Brutalität des Nomaden, der in Ziegenfelle gehüllt dahinlebt . . .
* Raubmörder. Der bekannte Schriftsteller Paul Keller teilt iin neuesten Heft der von ihm herausgegebeuen Wochenschrift „Der Guckkasten" nachstehende selbsterlebte Geschichte mit: Auf einer Wanderung durch ein steierisches, einsames Tal setzte ich mich müde aus einen Stein am Wege. Ich war meilenweit von den nächsten menschlichen Behausungen entfernt. Da teilte sich plötzlich das dichte Gebüsch mir gegenüber. Drei Kerle erschienen, verwegene Gestalten. Zerknüllte Hüte, unzählig oft geflickte, schmutzige Kleider, verfilzte Bärte. In der blauroten Rechten trug jeder der Strolche eine mächtige Axt. Und die unheimlichen Gesellen blieben zehn Schritt von mir entfernt regungslos stehen und fixierten mich. „Mach deine Rechnung mit dem Himmel", dachte ich und dachte melancholisch an mein junges Sebett und an den Regenschirm, der meine einzige Waffe war, dachte daran, daß es noch nie erhört worden sei, daß ein Dichtersmann mit einem Regenschirm drei Strolche mit Aexten besiegt hätte. Die einzige Rettung war noch eilige Flucht. Vielleicht konnte ich trotz meiner müden, wunden Füße doch noch schneller laufen als diese drei Mordgesellen zusammen. Also erhob ich mich und ivollte fort. Da aber war mit Riesenschritten einer der Raubmörder an meiner Seite und packte mich mit eisernem Griff am Arm. Es versetzte mir den Atem, Ivie gelähmt war ich —--„Schauns, Euer Gnaden, Ihr Geldwatschkerl
ham's verlorn!" Der Räuber zeigte auf den Stein, da ich gesessen hatte. Da lag wirklich mein Geldbeutel. Er war mir aus der Hosentasche gerutscht sanrt meinem gesamten Reisegeld. Ich erholte mich langsam von meiner vorherigen Angst und nunmehrigen Verblüffung, staminelte allerhand wirre Tankes- und Entschuldigungsworte, rechnete in der Eile 10 Prozent Finderlohn aus, da ich nicht weniger ehrlich
ein wollte als die Raubmörder, und verrechnete mich dabei in der Verwirrung zu meinen Gunsten. Was soll ich sagen: Die Raubmörder lehnten die 20 Kronen mit einem unheimlichen, geradezu grausig anzusehenden Grinsen ab und nahmen jeder mir „10 Kretzer für an Enzian".
*Das Mitleid der Hunde. Ein Kaufmann namens Romanow in Bialystock hatte seit 20 Jahren eine Hündin, die schließlich so altersschwach geworden war, daß er sich ihrer entledigen wollte. Romanow nahm die alte Hündin eines Tages aufs Feld und band sie dort an einem Pfahl fest, um sie verhungern zu lassen. Nach einigen Tagen kamen Leute vorüber, die die Hündin noch lebend antrafen. Als sie sich dem Tier näherten, fanden sie einen Hansen abgenagter Knochen vor ihm liegen. Eine Beobachtung ergab, daß andere Hunde ihrer gefesselten Gefährtin im Maule Futter angeschleppt brachten.
* Geruch sinn der Schmetterlinge. Im letzten Frühjahr fanden ivir, so schreibt Prof. Jaeger in seinem bekannten Monatsblatt, int Gebirge die Puppe eines „Tannenpfeils" (eines größeren Nachtschmetterlings) und nahmen sie mit nach Stuttgart. Nach einigen Wochen kam eines Abends in unser beleuchtetes Schlafzimmer ein größerer Schmetterling hereingeflogen, ein Tanueupfeil. Als matt nachsah, war vott der Puppe, die im Zimmer daneben untergebracht worden war, nur noch die leere Hülle vorhanden. Der Schmetterling war ausgeschlüpft und fortgeflogen. Ohne Zweifel war es derselbe Schmetterling, der imfer Haus wieder aufsuchte. Es hatte ihm draußen in der Fremde scheints tticht allzugut gefallen. Darum kehrte er in die Nähe des Orts zurück, wo er das Licht der Welt erblickt hatte. Es ist ohne Zweifel der Geruch, der die Tiere an ihre Heimat bindet. Da in unserem Fall die eigentliche Heimat des Schmetterlings zu entfernt war, so mußte er sich eben mit seiner zweitett Heimat begttügen.
* Ein Schildbürger st ückchen. In dem oberpfälzischen Marktort Massing gerieten nach dem Ausbruch eines Brandes zwei Feuerwehrleute in Streit, weil jeder die Prätnie für das zuerst herbeigebrachte Spritzengespanu verdienett ivollte. Zuerst prügelten sich die beiden Konkurrenten, dann entstand eine allgemeine Rauferei — und das Haus 5rannte inzwischen nieder.
Literatur.
— sA u f ein Jahrhundert des Weltruhms darf nunmehr der allbekannte Badeort Marieubad zurückblicken. Bor allem wird matt Goethes gedenken, der dort in der reizendeit Ulrike vott Levetzow seine letzte Liebe fand. Aber auch andere große Namen tauchen auf: Friedrich Hebbel schuf dort seinen; „Ghges", Richard Wagner den ersten Entwurf des „Lohengriu", und Friedrich Nietzsche hat manches später heiß umstrittene Problem tznerst durch die Einsamkeit der Marienbader Wälder getragen. Eine eingehende, schön illustrierte Würdigung des Badeortes. bringt in ihrer neuesten Nummer (Heft 2, Jahrgang 1908/09) die beliebte „Sonntags-Zeitung fürs Deutsche Haus". Eitt anderer Artikel unterrichtet über die Entstehung der Münze. Außerdem bringt die weitverbreitete Zeitschrift einen Romait von Hanns von Zobeltitz, Novellen und Gedichte, Kutistbeilagen, Bilder aus aller Welt, Vorlagen zur Anfertigung von Damen- und Kindergarderobe, Handarbeiten usw. Die Hausfrau findet vielfache Anregung und Ratschläge für Küche und Hans, Gesundheitspflege und Erziehung. ___________
Rätsel.
Drei Buchstaben bilden mein ganzes Wort, Es ist ein kleiner, idyllischer Badeort.
Doch stellst du noch ein Zeichen voran, Ztnn Tragen man es benutzen kann. Wenn matt es in and'rer Bedeutung nimmt Macht es den Empfänger oit mißgestimmt. R. R.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Kreuzrätsels in voriger Nummer: H H S e a c 1 1 h
Hellsehen Halseisen Scheideck h s e e e e n n k
Redaktion: E. Anderson. - Notaliottsdruck und Verlag der Brühl'jchen Unwersstäts'Buch. und Slemdruckeret, N. Lange, Gieße«.


