Ausgabe 
9.1.1908
 
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Donnerstag den 9. Januar

1908

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Kklmutß von Lonlen.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.) , ,

Wiede- schwieg sie und preßte beide Hände an die Stern, nach Atem ringend, und Loysen wartete geduldig bis sie fortfuhr:

Und dann der Sturz ins Nichts herunter! Und so um nichts, so ein schwarzer, böswilliger Zufall. Während ich noch glaubte, gefeit zu sein gegen alle Not und alles Unglück in meinem überschävmenden Glücksgefühl, faßt mich eine elende Influenza ein nichtiges Unbehagen eine lächerliche Nerveir- verstimmung. Ich spottete ihrer, übte, probte, strafte das wach­sende Unwohlsein mit Verachtung und ward doch schließlich von dem heimtückischen Gespenst niedergeworfen. Ta lag ich nun in der kalten kleinen Kammer in heftigem Fieber, ganz von der Pflege meiner Muhme abhängig, halb wahnsinnig vor unge­duldiger Verzweiflung. Ehe ich ganz genesen war, erkrankte meine alte Verwandte und ich sah sie nicht mehr. Nun war ich ganz allein, zu schwach, um aufzustehen, in elender Verfassung. Eines Tages sagte mir die Aufwärterin meiner Muhme, diese sei gestorben. Dieser Schreck hatte bei mir einen schweren Rückfall zur Folge und als ich endlich genas, war meine Stimme vernichtet! Nach Art dieser hinterlistigen Krankheit, hatte sie das überanstrengte Organ als Beute gefordert. Ver­zweiflung erfaßte mich,, ich wollte das verlorene Kleinod zurück­zwingen. Fortwährend versuchte ich, der toten Kehle Töne zu entreißen und verschlimmerte damit ba§, Uebel. Der Arzt warnte, drohte, zuletzt erklärte er mir, ich hätte jede Aussicht, meine Singstinmie wicderzuerlangen, versck-eizt. Ich wollte es nicht glauben, fing an, dieses und jenes Mittel zu brauchen. Nichts half. Je mehr der Winter vorrückte, rauh und kalt, desto mehr mußte ich einsehen, daß alles vergeblich war. Was nun be­ginnen? Bis zum ersten Januar durfte ich in der kleinen Woh­nung bleiben. Die Erben meiner Base, ein Neffe und eine Nichte, nahmen mit, was ihnen zufiel. In einer drei Tage vor ihrem Tode gemachten Aufzeichnung fand sich, daß sie mir das Bett, den Tisch und die Kommode vermacht hatte, welche das Mo­biliar meines Gelasses ausmachten, auch hundert Taler in barem. Da mir das Geld mit scheelen Blicken ausgezahlt ward, hätte ich es den beeinträchtigten Erben am liebsten vor die Füße ge­worfen, aber damals hatte der Gedanke an den Hungertod noch Schrecken für mich. Auch lebte unverwüstlich ein Hoffnungs­funke in mir . . . ich hatte es noch nicht aufgegeben, die ent­flohene Nachtigall wieder einzufangen.

Eine Zeitlang arbeitete ich für ein Weißwarengeschäft, aber ich vertrug das anhaltende Nähen nicht, ich war noch zu schwach. Ich dachte daran, mich als Dienstmädchen zu verdingen: . ich kann kochen, tvaschen, plätten, nähen was kam jetzt dabei in Betracht, daß mir die Beschäftigungen einst zuwider waren? Während ich noch darüber nachdachle und die nötigen For­malitäten erwog, las ich eine Anzeige: Junge Person mit schlanker Figur findet Anstellung in der Handlung Fuchs und Gansel. Ich ging hin und ward angestettt, .Aus der rüngsten

Patti ward ein lebender Keiderhalter. Man weiß mich als solche», sowie als Rechenmaschine zu schätzen, denn ich soll meinePflichten" tadellos erfüllen. Kein Automat könnte es besser ... ja, und sehen Sie, so kam er denn heute zum hmchertstenmal, der einzige Gedanke, den ich tagsüber noch fühle in diesem toten Hirn: Wozu lebst du eigentlich? Und lebst du denn überhaupt noch? Nein, du gehörst ja schon lange zu den Schattenwesen. Kehre doch zurück in dein Reich, da du hingehörst. Und ich ging!"

Sie schwieg und lange sprach keines. Loysen zerkrümelte sein Brot und räusperte sich, sie starrte über ihn weg nach der Wand, wo auf einem gegen die braune Holztäfelung baumelnden Plakat mit roten Buchstaben stand: .ff. Biere frisch vom Faß". Ihr Auge folgte stumpfsinnig den verschnörkelten Linien.

Na, also!" sagte der Leutnant endlich,vor allem danke ich Ihnen, daß Sie mir Ihr Vertrauen geschenkt haben und dann mal Kvpf hoch! Tos ist ja alles gar nicht so schlimm, wie es aussieU. Sone Stimme, wie Sie gehabt zu haben! scheinen, die ist doch nicht plötzlich futsch auf Nimmerwiederkehr. Nur abwarten! Wenn der Sommer kommt, entsteht sie wie der Phönix aus der Asche und bei Ihrem zweiten Debüt stifte ich Ihnen einen Lvrbecrkranz erster Güte!"

Es war, als glitten seine zuversichtlichen Worte wie warme« Sonnenschein über ihr vergrämtes, vertrvtzies Gesicht. Ohne ihn anzusehen, aber weit tot geneigt, trank ihr Ohr den Labetrunk der zuversichtlichen Tröstung ein.

Wenn ich mir das sagen dürfte! . . . Aber es ist ja nicht möglich!"

Ja, wenn Sie sich freilich so wenig schonen und so leicht­sinnig mit der geschätzten Gurgel umgehen . . . haben Sie denn gar nichts Warmes anzuziehen?"

Ich bin sehr abgehärtet", sagte sie kurz.

Tun Sie mir den einzigen Gefallen, Fräulein Becker, und suchen Sie sich in Ihrem Höllenbasar die wärmste Jacke aus, auf meine Rechnung. Seien Sie jetzt mal vernünftig. Wie?

Sie sah ihn groß an. ., ,,r

Was fällt Ihnen ein? Geschenke nehme ich nicht. Ob ich verhungere oder erfriere, soll immer meine Privatangelegenheit b^Tabei schob sie den noch vor ihr stehenden Teller mit den erkalteten Fleischsttickcknn hestig zurück, stand auf, warf ihr altes Tuch um die Schultern und sagte kurz:

Adieu!"

Im nächsten Augenblick war der grüne Friesvorhang hinter, ihr zusammengefallen.

Ter Leutnant sah ärgerlich auf die im Luftzug bewegten Stoffalten. Ihr Stolz erschien ihm albern und theatralisch. Ueberhaupt doch eine vertrackte Person. Ihm war, als erwache er ans einem Traum, der ihn in ganz ungekonnte Regionen geführt hatte. Er klingelte nach dem Kellner, bezahlte und verließ eilig das Lokal, den Hut in die Stirn drückend. Draußen blies der eiskalte Wind, er atmete tief auf.

Bon dem Mädchen war natürlich nichts mehr zu sehen. Auch