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Handlungen gehen hin und her. 1569 vergleicht man sich so, Has; der Pfarrer von Großen-Linden an jedeni Sonntag — Feiertage ausgenommen — in Leihgestern eine Predigt haltend solle, außerdem eine am Werktag. Hierfür bekommt er vonr Schifsenberg 40 fl. Die Sakramente jedoch sollen nur in Großen- Lindrn empfangen werden können. Hiermit gab man sich in Leihgestern aber nicht zufrieden. Bon Hessen und dem Pfarrer Stockhausen von Großen-Linden, der sich von Hessen allein abhängig fühlte, hatte man allerdings, wie die Erfahrung gelehrt hatte, wenig zu erwarten; letzterer schreibt z. B. „die von Leigestern, welche understehen, eine Hemmung und absvnderung zu machen mit hnlffe und rat der Nassauischen". So war es aber in der Tat. Graf Albrecht von Nassau nahm die Leihgesterner in Schutz. In einem Schreiben an seine Räte nennt er ihr Vorhaben christlich und billig und er befiehlt, solch christlich Werk zu befördern.
Doch hierbei blieb es einstweilen. Als aber von der Kanzlei zu Marburg der Bescheid kam, daß der Komthur vom Schiffenberg Leihgestern der Pfarrei Großen-Linden ganz als Filial übergeben, aber die Ländereien im Werte von 4000 fl. behalten wolle, protestierten die Leihgesterner und sandten 1572 eine Bittschrift an den Landgrafen von Hessen und den Grasen von Nassau. Hier heißt es u. a.: „Es ist unser der ganzen gemein underthenigst und unuffhörige bitt. Euer fürstliche Gnaden und Euer Gnaden wollen als unsere angeborene landesfürsten und Hern die gnedige Versetzung thun, damitt unsere gemein, welche zott lob 400 Menschen, so die predig hören können, volkreich ist, nicht allein an leib und gittern (wie bisher ganz löblich beschehen) von allerlei Unglück und schaden beschützt, sondern auch (welches mer viel! hoher ehren) unser und unser weib und linder und gesind seelen mitt der geistlichen speiß des heilsamen Göttlichen Wortts versorgett werden mögen. Und also beim Commenthur zu Schiffenberg, daß er uns; einen füglichen Pfarhern, so unß wie vielmals yngerürtr alle sontag morgens eine und die Wochen über die ander predig nicht zu Schiffenberg noch zu Linden oder anderswo, sondern in unser Kirchen zu Leygestern, in welcher alles, so zum Gottesdienst nottwendig, vorhanden, halten und mitt dem hochwürdigen Sacramentt zu geburhlrchen Zeitten versehen könne, bestellen müsse, ernstlichens insehens haben und ordnen." Die Leihgesterner Angelegenheit wird auf dem Lollarer Amtstage in demselben Jahre verhandelt, dessen Protokoll im Darmstadter Archiv aufbewahrt wird./ Man kommt zu keinem entscheidenden Resultat. „Letztlich, heißt cs, ist denen von Leygestern untersagt worden, daß sie sontags die Pfarr zu Linden besuchen sollen bis uff weitere Vergleichung."
Immer noch kein befriedigendes Resultat. . Schon vier Jahre lang hatte sich die Sache hingezogen. Doch in Leihgestern läßt mau nicht nach. In den zahlreichen Schriftstücken aus dieser Zeit heißt es gewöhnlich: „es ist der Leygesterner höchste beg-.er, Gottes Wortt zu haben".
Es ist dies die glänzendste Zeit, die Leihgestern erlebt hat. Ohne Beamte steht die damals itod) kleine Gemeinde ganz für sich und erreicht das erstrebte Ziel, trotzdem die hessische Obrigkeit sich durchaus nicht geneigt zeigt.. Das Jahr 1574 bringt endlich den Pfarrer und die selbständige Pfarrei. Und da der Staat nicht bereit ist, irgendwelchen Zuschuß zur Pfarrei zu Ikeseru, so bringen die Leihgesterner die Mittel hierzu lelber auf. Es verpflichtet sich jeder Hausbesitzer zu einem hohen Geldbeitrag. Das Verzeichnis der einzelnen Beiträge ist uns erhalten geblieben. Es haben 67 Personen beigcsteuert und im ganzen ein Kapital von 750 Gulden aufgebracht. Die Zinsen dreies Kapitals bildeten mit den 40 fl. zu denen der Schiffenberg verpflichtet war, die Pfarrbesoldung. War diese auch bescheiden, so dürften die Leistungen der Leihgesterner • Einwohner nnd ehre Bemühungen um die Gründung der Pfarrei doch ihr Gegenstück suchen. Außer den Geldbeträgen stifteten sie noch 8 Achtel und 5 Westen Korn und 15 Mesten Weizen.
Nach solchen Opfern von feiten der Gemeinde konnte die Reaierung nicht umhin, die Gründung der Pfarrei gut zu heißen. Die Zustimmung der Pfarrei Großen-Linden wurde dadurch erzielt, daß man sich bereit erklärte, ihr den Beichtgulden, den Leihgestern als Filiale zu geßeit hatte, auch weiterhin zu entrechten. Die Pfarrei wurde gegründet. Am Sonntag nach Ostern lo74 ist Samuel Wollenhaupt, seitheriger Schullehrer und Kaplan zu Großen-Linden, als Pfarrer in Leihgestern eingeführt worden. Er hat dort eine segensreiche Tätigkeit entfaltet und 25 Jahre lang gewirkt. Gestorben ist er am 15. März 1599. Sein Grabstein ist erhalten geblieben. Man hatte ihn in die Giebelmauer der alten Kirche-über dem Portal eingemauert; jetzt befindet er sich an der Ostwand des, neuen Kirchenschiffes unmittelbar lmks neben der Kanzel.
Ich kann diese Glanzperiode Leihgesterner Kirchengeschichte nicht verlassen, ohne wenigstens zweier der Männer zu geben rett, die an den geschilderten Erfolgen ein Hauptverdienst haben. <?ch meine Antonius Henkel und Dix (Benedix) Borck (Burck). Bon beiden melden uns außer den Akten zwei Sandstemmichrifien, die in den Turm eingemauert sind. Die eine war schon früher sichtbar -und bekannt, sie lautet:
Hochheim und Vurgesi.
(Original-Artikel der Gießener Familienblätter.)
Der Name R h e i u g a u ist für viele ein weiter und unklarer Begriff. Gar mancher läßt ihn bei Hochheim beginnen und rechnet wohl noch das linke Rheinufer dazu. Indes hat mnn unter Nheiugau nur den Teil des rechten Rheinufers zu verstehen, der sich von Niederwalluf bis Lorchhausen hinzieht, also von drei Gewässern, der Walluf, dem Rhein und der Wisper umschlossen ist. Da verschiedene angrenzende Ortschaften daS so schön klingende „im Rheingau" geru ihrem Namen htnzu- sügen, so seien hier die Namen der Weinorte genannt, die allein auf diesen historisch-geographisch begründeten Zusatz ein Recht haben: Nieder- und Oberwalluf, Frauensteiu, Rauenthal, Kiedrich, Eberbach, Eltville, .Neudorf, Erbach, Hattenheim, Hallgarten, Schloß Vollrads, Johannisberg, Oestrich, Mittelheim, Winkel. Geisenheim, Elbingen, Rüdcsheim, Presberg, Aßmanns- hausen, Aulhausen, Lorch und Lorchhausen.
Der mit Recht vielgerühmte Hochheimer wird häutig zu den Rheingauer Weinen gezählt, ist aber ein Mainwein. Er gehört indes zu den vorzüglichsten deutschen Weinen. Sem Bouquet und Geist werden nur in ausgezeichneten Weinjahrcn von Rheingauer Weiuen übertroffen. Er ist ausgezeichnet durch Milde und Haltbarkeit; allerdings fehlt ihm die echte Rheingauer Gäre.
Ganz interessant ist der Besuch Hochheims, dieses auf freundlicher Anhöhe gelegenen Mainstädtchens. Wer von Frankfurt kommt, sicht schon bald hinter dem gewerbreichen Flörsheim die Landwirtschaft und ganz besonders die Geflügelzucht hier im unter- ftcit Maintale gedeihen. Kurz vor Hochheim aber erst tritt bte Bahn ins Rebengelände. Während das User jenseits, entsprechend der Lage an der Innenseite einer Flußkrümmung, sanft ist, ist das dres- scitige hoch, und die Gehänge liegen nach Süden, also der Sonne eutgegengeneigt, vor Nordwind geschützt. „
Der erste der Weinberge ist der V i et o r i ab er g; er tragt ein zur Erinnerung an einen Besuch der alten engliichen S’örttgtn, der Großmutter des Kaisers, errichtetes Denkmal. Der Berg rechts unterhalb der Kirche ist als Hochheimer Domdechauet weltbekannt. Diese Weinlage ist die ausgezeichnetste^,Hochheims. Sie faßt nur 250 Ar, und der Ertrag wird in günstigen Jahrgängen zu 12 000 Mk. das Stück (= 1200 Liter) verkauft. Der Domdcchanei fast gleichwertig sind Stein und Kirchenstuck. Der Rebsatz besteht übrigens nahezu durchgehends aus Riesling und österreichischen Reben. Die gesaiuten Hochheimer Weingclaude umfassen ca. 1300 Morgen.
Langhin zieht sich vom Bahuhose drunten ttn Tale der Weg zum Städtchen. Man darf die Landschaft nicht mit der rheinischen vergleichen; sie fiele allzusehr zu ihren Ungunsten aus. Wie herrlich z. B. ist eilte Wanderung am Rhetne von Eltville nach Walluf oder bis Schierstein, wie zaubervoll farbenreich, von welcher sprühenden Mannigfaltigkeit! Von welcher bescheidenen Anmut dagegen ist hier das Mamtal! Doch auch dieses hat seine Reize. „Vergleichung nt der Dinge Tod ist einer der weisesten Aussprüche des naturseligen, weltandachtigcn Leopold Schefer. . . , . „ .
Nahezu jedes der niedrigen cinsormigen, treuherzig kleinbürgerlichen Häuschen des sauberen, übrigens uralten Städtchens — es ist einer der ältesten Orte Nassaus — tragt fern Mutter- gottcsbild im blank geputzteit Glaskästlein — ein Zeichen dafür, daß die etwa 4000 Einwohner fast allesamt katholisch smd. Das Wahrzeichen Hochheims ist ein großes, barockes Madonnenstandbild auf dem „Plan", dem Hauptplatze des Städtchens em höchst charakteristisches Werk jesuitischen Zopfstiles von lächerlicher Sun- terbuntheit. Entzückend dagegen ist unmittelbar dahinter die Aus- sicht.auf Main und Rhchr und den Zusammenfluß beider.
Antouius Heukel des Gerichts ein Glied Auch im Ämpt der Landsetzer mit Ist auch dieser Pfarr Mittler gewesen Die Helfen bringen in Baw und Wesen Da er aus Frankreich kam gezogen Tat sich in heilgen Ehstand wagen Laegt 50 Gulden in dies Pfarrstift Aus Lieb zu Gott und heiliger Geschrift Verhofft auch in Glaubens Sinn Sein Sterben komm ihm zu Gewinn.
Die andere Inschrift wurde erst neuerdings entdeckt und von dem über ihr lagernden Bewurf befreit. Sie befindet sich im Innern des Kirchenschiffes rechts von dem Triumphbogen und hat den Wortlaut:
Dix Borck der alte greife Manu Hat 14 Jahre mit gereget ahn Daß Gottesdienst allhie verbracht Und diese Kirch in Pfarr geacht Daz» auch Geld und Erbgut geben Zu Underhald der Pfarer Leben Starb hie im 75 Jahr Des 20 Oktobris zwar Beriet im Got und uns daneben Zum jüngsten Dag das ewig Leben. (Fortsetzung folgt.)


