Ausgabe 
8.8.1908
 
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Gut," rief er,und Wenns so ist, was bann?"

Was dann?" eiferte ich.Was dann? Zu ihr gehen sollen Sie wie ein Mann, ihr sagen, daß Sie sie Lieben, und ihre Hand van ihr fordern. Das würde ich tun, wenn ich liebte" Aber er unterbrach mich, ehe ich zu Ende gesprochen hatte.

Sehen Sie, Doktor," fuhr er mich an,ich liebe Florence Darrow und der Gedanke, das; sie nie die Meine werden kann, bringt mich um. Unterbrechen Sie mich nicht! Ich weist, was ich sage. Sie kann nie die Meine werden! Glauben Sie, ich würde um ihre Hand werben? Glauben Sie, ich würde schani- losen Handel treiben mit ihrer Dankbarkeit? Hat ihr nicht ihr Vater geboten, mich zu heiraten, tvenn ich sie zum Weib ver­lange? Hat sie uns beiden nicht erklärt, sie würde halten, was sic dem Vater gelobt hat, und würde ihr dadurch auch ein Los zuteil, schlimmer als der Tod? lind Sie wollen, ich soll mich durch solch ein Opfer bereichern? Schändlicher Gedanke! Mag die Liebe mir das Herz verbrennen, aber nie, nie soll sie wissen, löte ich sie liebe. Und hier, Doktor, versprechen Sic mir, daß Sie ihr niemals etwas von meiner Liebe sagen wollen wahr­haftig, das müssen Sie!"

Ich nahm eine feierliche Miene an und sagte:Sie wird es nicht zuerst von mir hören, das verspreche ich Ihnen. Aber," fügte ich in verändertem Tone hinzu,das ist auch gar nicht mehr nötig, denn Sie hat es bereits von Ihnen selbst gehört."

Was?" rief er zornig, aber das Wort erstarb ihm im Munde. Denn noch während des Sprechens war ich zur Tür des Nebenzimmers gegangen, wohin Florence durch Alice klüglich gelockt worden war. Sie hatte jedes Wort hören müssen, das ich mit Maitland gesprochen hatte; denn die Tür Ivar nur durch eine Portiere geschlossen, und als ich diese zurückschlug, stand Florence bleich und bebend, aber mit glückstrahlenden Augen auf der Schwelle. Einen Moment noch zauderte sie, dann aber stürzte sie auf Maitland zu und schlang mit dem Ausruf:Georg, .Geliebter!" die Arme um seinen Hals.

Und nun kann ich wohl schliesten, denn meine Erzählung ist aus, und ich höre jemand im Flur kommen, sicher zu mir. Es ist nur Harald, denke ich, und so kann ich wohl noch ein paar Worte schreiben, kamt vom unerwartet raschen Tode des Herrn Latour berichten, kaitn erzählen, wie Jeanette, aber es geht nicht, denn ein übermütiger Mensch hat eine Hand vor meine Augen gelegt und sagt:Rate!" Ich sehe gerade noch so viel durch die Finger, dast ich schreiben kann. Wieder heißt es:Rate!" und so sage ich schlankweg:Alice." Darauf, sollte man's glauben, küstt mich jemand und sagt:Wirst du denn nie mit der Schreiberei fertig? Die Kinder lassen dir sagen, ob du nichts auch ein wenig Zeit für sie hast?" Was bleibt mir übrig? Ich must eben aufhören, und so sage ich als gehorsamer Ehemann: Schon gut, ich will unter einer Bedingung aufhören. Ich habe mich gewundert, wo du in aller Welt wärest. Sage mir, was hast du getan? Ich habe mich eben in der Erinnerung in den ganzen Graus des Junggesellenlebens zurück versenkt."

Mr einen Augenblick wird sie ernsthaft und sagt:Ich war auf deut Friedhof bei Vaters Grabe und dann," ihr Gesicht heitert sich auf durch ein strahlendes Lächelndann bin ich in der Stadt gewesen, um eine Puppe zu kaufen für unsere kleine Jeanette. Aber du tust ja, als wäre ich ein ganzes Jahr fort­gewesen."

Ja, liebe Jeanette," -erwidere ich;mir ist's, als wär's so lange gewesen," und ich ziehe sie sacht nieder auf meinen Schoß und küsse sie immer und, immer wieder, um sie von der Wahrheit meiner Worte zu überzeugen. ,

Man sieht, ich habe seit meiner Junggesellenzeit etwas ge­lernt.

Leihgestern.

Altes und Neues zur Geschichte des Dorfes von L u d w i g S t r a ck.

(Originalbeitrag derGieß. Fam.-Blätter".)

Nachdruck verboten.

III.

Von der Einführung der Reformation bis zur

Gründung der Pfarrei Leihgestern (15 74).

Leihgestern stand vor der Reformation in kirchlicher Be- ziehung unter Triererischer Jurisdiktion. Der Trierische Archi- diakonat S. Lubentii zu Dietkirchen bei Limburg umfaßte sechs .Ruralkäpitel, darunter Wetzlar, zu welchem Schiffenberg und Leih­gestern gehörten. In politischer Beziehung war Leihgestern eines der 14 Dörfer des Hüttenbergs, eines Gebietes südlich von Gießen, das in alter Zeit den Grafen von Gleiberg gehörte und seit 1333 von Nassau und Hessen gemeinschaftlich verwaltet wurde. Diese gemeinschaftliche Verwaltung hat sehr viel Streitigkeiten Znd Prozesse zur Iolge gehabt. . Erchlich wurde im Satire 1703

durch einen Vertrag zwischen Landgraf Ernst Ludwig von Hessen- Darmstadt und Graf Johann Ernst von Nassau-Saarbrücken der Hüttenberg geteilt. An Hessen kamen die sieben Dörfer Allen- dorf a. d. L., Annerod, Hansen, Kirchgöns, Langgöns, Leihgestern, Pohlgöns; an Nassau die übrigen, nämlich Dornholzhausen, Dutenhofen, Groß-Rechtenbach, Hochelheim, Hörnsheim, Lützel- linben und Niederkleen.

Den Grafen Johann von Nassau sahen wir 1355 als Schieds­richter zwischen Leihgestern und Schiffenberg auf seinem Schloß Gleiberg, ganz im Anfang hörten wir von der Gräfin Clemen- tia, der Stifterin des Augustinerklosters Schiffenberg. Sonst werden bis jetzt weder weltliche noch geistliche Obrigkeit erwähnt. Leihgestern und Schiffenberg heißt das Thema, von dem die vorreformatorische Geschichte des Dorfes handelt. Anders nach der Reformation. Die geistliche Behörde entspricht jetzt in ihrer Organisation ganz der weltlichen. Die Gemeinschaft Hüttenberg untersteht in kirchlicher wie politischer Beziehung dem Landgrasen von Hessen und dem Grafen von Nassau. In den Dörfern der Gemeinfchaft erscheinen jedesmal die beiden Superintendenten, der von Hessen und der von Nassau, und zwar meist mehrmals im Jahr. Ein förmlicher Wetteifer scheint sich in den ersten Jahr­zehnten nach der Reformation zwischen beiden entwickelt zu haben.

Philipp der Großmütige hat, wie in den Ländern, über die er allein herrschte, so auch im Hüttenberg der Reformation Eingang verschafft. Es geschah dies nach der Hornberger Sy­node 1526 und dem Religionsgespräch in Marburg 1529. Phi­lipps Hofprediger Adam Kraft bereiste mit andern Männern ganz Hessen und führte die neue Kirchenordnung ein. Näheres über die Einführung der Reformation in Leihgestern wissen wir nicht.

Die Deutsch-Ordenskommende war zur kirchlichen Versorgung der Gemeinde verpflichtet, hatte aber. offenbar nach der Refor­mation nicht mehr die nötigen Geistlichen. Deshalb kömmt sie mit deut Schulmeister von Großen-Linden dahin überein, daß dieser für jährlich 16 fl. zwei Wochenpredigten in Leihgestern hält. Darüber, wie sich das kirchliche Leben der Gemeinde in dieser Zeit int einzelnen gestaltet hat, wissen wir leider wenig. Wir erfahren nur aus einem Schreiben vom Jahre 1568, daß die Leihgesterner vor dieser Zeit Sonntags die Kirche in Großen- Linden besuchten. Die nächste urkundliche Nachricht haben wir vom Jahre 1564 in Gestalt der (Kirchen-) Kastenrechnung. Die Junam" dieser bescheidenen Rechnung beträgt 31 fl. 22 alb. 1 h., dieAusgifft" 37 fl. 24 alb. 1 h. Die Ausgabe über­trifft also die Einnahme um 6 fl. 2 alb. Die Einnahmen be­stehen zum größten Teil aus Naturallieferungen (Korn, Hafer, Wachs, Oel), die bann in Geld umgesetzt werden. Der Haupt- ausgabeposten von 1564 sind 15 fl. 3 alb. 3 h.vor 242 dielen zu benl in die kirch und 2 fl. vor ttehle (Nägel) an die benke"; ferner der Schreinerlohn voll 2 fl. 8 alb. Offenbar ist, diese Anschaffung auch noch ein Stück Reformation. Ent Posten fei noch erwähnt, der auch in den Rechnungen der folgenden Jahre immer wiederkehrt, nämlich 2 fl.gen Linden in die schulen". In Großen-Linden existierte demnach schon eilte Volksschule, die auch von Leihgestern aus besucht wurde.

In dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts nimmt Leih­gestern einen ungeheuren Aufschwung. Die Gemeinde war wohl­habend, es hat aber auch, und dies ist die Hauptsache, nicht an den führenden Persönlichkeiten gefehlt, die in uneigennütziger Weise die Gemeindesache vertraten. Und zwar waren diese nicht etwa Beamte, Pfarrer ober Lehrer, sondern sämtlich Einheimische, mit einer Ausnahme Bauern, aber Leute,. die auch eine weite Reise, wie z. B. nach Marburg oder Weilburg nicht scheuten, wenn es die Interessen ihres Heimatsdorfes galt.

Der Aufschwung der Gemeinde zeigt sich einesteils in ihrer Stellung zum Schiffenberg. Der Deutsch-Ordenskomthur wap eigentlich nur noch der Hüter von Wald und Feld. Die Kommende bewirtschaftete das Feld nicht mehr selbst, sondern es wurde verliehen. Den Ländereien in Leihgesterner Gemarkung, von denen die Schenkungsurkunden des 13. Jahrhunderts berichten. Begegnen wir wieder in Pachtverträgen des 16. Jahrhunderts.^ Die Pächter sind meist Leihgesterner Gemeindeglieder. Die Be­amten des Schiffenbergs genießen kein Ansehen mehr. Ans dem Jahr 1568 wird folgender Fall erzählt:Johann Leuberth, Schuhards Sohn, ein Schäfferjung von Leygestern wird mit 3 fl. bestraft, darum, daß er nach bemeldtem (dem Schiffenberger) Zinsmeister mit einem Dolchen werfen wollen und darnach auf ihn geschlagen hat." Wurde dem Zinsmeister auch nicht immer mit dem Dolche gedroht, so war doch sein Los kein beneidens­wertes. Nicht der Schiffenberg hatte die Macht über Wald und Flur, sondern die Gemeinde.

Vor allem aber interessiert uns die Selbständigmachung der Pfarrei Leihgestern, die nur unter schweren Opfern zu erlangen war, und von der wir jetzt hören werden. Leihgestern wird, hierauf ewig stolz sein können.

1568 wendet sich die Gemeinde an die hessische Obrigkeit um einen eigenen Pfarrer. Doch ergeben sich die mannigfachsten Schwierigkeiten. Es wird von Pfarrer Stockhausen aus Großen- Linden, einem um die Reformation im Hüttenberg hoch­verdienten Mann, auf eine Anfrage hin geltend gemacht, daß Leihgestern von. alters ein Fi.li.al von Linden sei. Die Ker-