Ausgabe 
8.2.1908
 
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ließe Weihnachten"ivinTeit die Signalflagge». Er wird kleiner rind kleiner und nach knapp einer Stunde haben ihn seine 36 000 P.S. unseren Blicken entzogen. Kürz darauf passiert uns in der Ferne der RiesenkoWLusitania".

So geht es weiter, Tag für Tag durch. Regen und Sturnr, wenig oder nichts von Weihnachtsstimmung. Errdlich am 23. abends hat das Wetter ein Einsehen und am .24. locken Sonnen­schein und glatte See auch die totesten Leichen aus den Kabinen. Jetzt erinnert man sich auch wieder der Bedeutung des Tages und das deutsche Gemüt verlangt nach Tannenduft und Lichter- glanz. Fünf große Bäume entsteigen den Tiefen des Gepäckraumes, der Zimmermann stutzt sie zurecht, zimmert für febe» ein Gärtchen und bald stehen sie, des Schmuckes harrend, ein jeder an seinem Platz: je einer im Salon, im Zwischendeck, im Matrosen-und im Heizerlogis, und damit ein Abglanz unserer Weihnachtsfeier auch weithin in die Ferne leuchte, wird ein Baum hoch oben auf die Spitze des Vordermastes aufgepflanzt. Tie Gänge werden mit Tannengrün geschmückt und dcr weibliche Teil der Passagiere macht sich eifrig um den Baumputz verdient.

Um 6 Uhr brennt der erste Bauni, int Zwischendeck; aber Waunc und Lichter sind es hier auch allein, die an Weihnachten erinnern. Tie Schar der Auswanderer, meist polnische und russische Bauern, stehen still und teilnahmslos herum, selbst die Kinder haben nicht viel mehr als ein stummes Staunen. Vielleicht ist beit Leuten unsere Art der Weihnacht fremd, viel­leicht mahnt der Tag sie auch doppelt a» die Ungewißheit des in der neuen Heimat ihrer harrenden Geschicks. Nur ein paar stets lustige Polenmädels trällern ein Lied und streiten sich um das größte Stück Lebkuchen.

Ter Speisesaal vereinigt eine festlich geputzte Gesellschaft. Der Koch hat sein Möglichstes getan und mancher Passagiermagen hält sich an Puter und Plumpuddiug für die Entbehrungen der vergangenen Tage schadlos. Unterdes hat im Salon das Christ­kind geschaltet und bei unserem Eintritt empfängt uns der brennende Banin, auf dem Klavier ertöntStille Nacht, heilige Nacht" und der ewig junge Klang des alten Liedes schlingt um alle die sonst einander so fremden Menschen das einigende Baud deutschen Weihnachtszaubers. Selbst der auf der Amerika- sahrt unvermeidliche polnische Jude hat sich still herein ge­schlichen und genießt omdächtig das ungewohnte Bild.

Plötzlich allgemeines Hallo! In Briesträgeruniform, über und über mit Schnee bedeckt, erscheint der Pikkolo-Steward. Er bringt, eben aus Tentschland eingetroffen, die Weihnachtspost. Jeder findet da ein Scherzwort, viele ein kleines Geschenk, und groß ist die Freude derer, für die sich wirklich ein echtes Paket «ns der Heimat findet, das sorgende Hände heimlich dem Schiff M-itgegeben. Manches altvertraute Lied wird noch gesungen, dann verschwindet Einer nach dem Andern, und viele halten wohl noch eine stille Weihnacht in der Kabine, mit einem letzten Brief von den Lieben daheim, mit trauten Erinnerungen an vergangene und vielleicht auch mit sorgenvollen Gedanken an kommende Feier­tage. Noch ein Besuch auf der Mmmandobrücke bei den Offi- zicren, die unbekümmert um Tag und Stunde ihres angestrengten Treustes walten und über unsere Sicherheit wachen. Die Nacht ist wundervoll ruhig und die endlose See liegt still, als achte sie den feiertäglichen Frieden.

Am 27. langten wir in Baltimore an. Ich will nicht von Land und Leuten erzählen. Nur was ich noch von Weih- uachten sah und erlebte sei mitgeteilt. Ich schreibe davon um so lieber, als ich meine schönsten Eindrücke einem Haus verdanke, das zu unsrem Gießen in engsten Beziehungen steht, und weil ich mit Freude und Stolz ein Stück gesunden und kräf­tigen Deutschtums kennen lernte, das sich um einen Sohn der Lndovieiana als Mittelpunkt schart.

Ter Amerikaner hat im allgemeinen unsere deutschen Wcih- uachtsbränche übernommen. Jede Familie, in der Kinder sind, hat ihren christmastree, und in den sonst so entsetzlich monotonen Straßen Baltimores sieht man fast üt jedem der kleinen roten Ziegelhäuser eine geputztebalsamfir" durch die Fenster schimmern. Wer es sich leisten kann, hat wohl auch eine echte, importierte, deutsche Tanne. Biele Fenster zieren Mistel- und Stechpalmen­kränze, und der frühlingswarme Sonnenschein hat Baltimores Jugend in Scharen auf die Straßen gelockt, wo die Ernte an Geschenken präsentiert, probiert und ruiniert wird, tont comme chez nvus. Mächtig stolz läuft ein kleiner Bengel in einer richtigen deutschen Kürassieruniform herum. Baby amüsiert sich mit seinem VenenTeddy-Bär", dessen Wiege gewöhnlich in Deutschland gestanden hat, und wenn man schon etwas größer geworden ist, dann erblickt man sein Ideal in ein paar neuen Rollschuhen. Diesem Sport, den unsere Väter auf besonderen Bahnen pflegten, hat der Asphalt die Straße erschlossen, und die amerikanische Jugend hat ihn mit Begeisterung ausgenommen: Der Newyorker Straßenjungeskatet", sich hier an eilten Wagen, dort an eilt Auto anhängend, mit fabelhafter Geschwindigkeit durch das Gewühl der Großstadt, und das Töchterlein aus dem vornehmen Viertel Washingtons gleitet graziös über das wohlgepflegte Trottoir der Villenstadt. Bekommst du nicht auch Lust deutsche Jugend? Ehe du dir aber nächstes Jahr beim Christkind Rollschuhe bestellst, frage lieber einmal die Polizei, das Vergnügen dürfte sonst viel­leicht ein plötzliches Ende finden. ,

Sonntags ist in .Amerikanichts los". Alle Läden und 1

Restaurants sind geschlossen und die Welt geht teils ans Nebers zeugung, teils weil es zum guten Ton gehört, teils ans' langer Weile in die Kirche. So behaupten wenigstens böse Zungen.

Mein eigner Eindruck in der deutschen Zionskirche in Bal­timore war dagegen der, daß sich hier eine zahlreiche und stolz« Genreinde wirklich gern versammelt, daß sie in ihrem kleinen schmucken Tempel ein wirkliches Heim erblickt, und daß hier unter der tatkräftigen, genialen Leitung unseres Landsmannes, Pfarrer H v | m a n it ,*) in vorbildlicher Weise deutsche Art die richtige Pflege findet. Zu Anfang des Gottesdienstes brachte der vorzüg­lich geschulte Kirchenchor mit künstlerischer Vollendung ein Jubilate zum Vortrag. Ter Kultus überrascht durch feine schlichte Einsach- ijeit. Allmonatlich erscheint, von Pastor Hofmann redigiert, das Gemeindeblatt". In der Oktobernummer fand ich darin auch des Gießener Universitätsfestes gedacht.

Mittags harrte meiner im Pfarrhause als köstlicher Sonntags­braten der unvermeidliche Turkey, der hier in der Küche dieselbe dominierende Stellung einnimmt, wie bei uns die Gans. Mit Behagen läßt sich der Bagabond einmal wieder am Familien­tisch nieder und er genießt die Freude doppelt, wenn cs zur Seite einer so liebenswürdigen Frau Pfarrer, inmitten so char­manter Pfarrerstöchter und urgesunder blondköpfiger Pfarrer­babys geschehen darf.

Wie doch die Zeit verfliegt, wenn manvon daheim schwätze kamt", und was das alte Gießen doch eine Fülle lieber Erinne­rungen birgt. Man könnte wirklich meinen, der Lokalpatriotismus wachse im Quadrat der Entfernung. Es bedarf wiederholter Mah­nung, bis die beiden Gießener wieder Interesse für die Allgemein­heit gewinnen, die den Hausherrn jetzt energisch verlangt: der Abend bringt noch mehr Gäste, unter ihnen den deutsch-ameri- kanisclMt Dichter Hildebrand, der jetzt mit unserem Schiss wieder zur alten Heimat zurückkehrt.

Mir zu Ehren brennt noch einmal der Baum, eine echte bis zur Decke reichende deutsche Tanne, und von schönem Bariton und dem hellen Diskant der Töchter gesungen klingt es eilt letztes mal:Stille Rackst, heilige Nacht".

Dies Bild trat mir wieder lebhaft vor Augen, als ich am folgenden Tag in Washington den Weihnachtstisch einer stark amerikanisierten Familie bewundern mußte, eines Dauses, in dem man sich wohl zu fühlengut fühlt", in dem die Kin­der sich nicht erkälten, sondernein kalt kätschen". Auch hier steht ein in all-n Farben prangender christmas tree, ein Truck auf einen Kiiopf und er erstrahlt im Glanz grüner und roter elektrischer Birnen. Um ihn herum läuft, ebenfalls de&i irisch betrieben, eine Eisenbahn, elektrisch dreht sich ein Ka­russell, schaukeln Puppen und heizt der Puppenherd.^ Taz» strampelt die Tochter auf dem PianolaO du fröhliche ,. Armes Christkind wie hast du dich verändert!

Auf See 10. 1. 08. ( Tr. M. Z.

*) Pfarrer I. Hofmann aus Baltimore veröffentlichte int vorigen Sommer eine kleine Sammlung seinerGe­dicht e" im Verlage von Adolf Ebel in Marburg, seiner Gattin gewidmet, schlichte Verse voll Gottvcrtrauen, innigen^ Naiurgeftihl und treuer Heimatliebe. D. Red.

Verkitschtes.

* Ei n e An fst ell u n g d er e rm o r d e t en Sta a t Häupter seit 1800 wird in einem englischen Blatt ge­geben. Nicht weniger als zehn Präsidenten, zwei Zaren, zwei Sultane, ein Schah und eine Kaiserin sind im verflossene» Jahrhundert als Opfer von Mörderhand gefallen, und in den acht Jahren des neuen Jahrhunderts haben die Staats­feinde noch fürchterlichere Ernte gehalten. Seit 1900 sind drei Könige, eine Königin und ein Präsident gefallen. Im Juli 1900 starb König Humbert in Bresci als Opfer einer Kugel und jetzt hat der König von Portugal denselben Tod gesunden. Ain 5. September 1901 wurde in Bnffalo Prä­sident McKinley von Leon Czolgosz durch eine Kugel ver­wundet nnd starb nenn Tage später. In frischer Erinnerung stehen noch die furchtbaren Ereignisse von Belgrad, denest im Juni 1903 König Alexander nnd seine Gemahlin, Kö­nigin Draga, zum Opfer sielen. Die Liste der im 19. Jahr­hundert ermordeten Staatshäupter beginnt init Zar Paul I., der in der Nacht vom 23. zum 24. März 1801 von russischen Edelleuten erwürgt wurde. Sieben Jahre später, am 8. Mai, wurde Sultan Selim III. auf Befehl Mustaphas IV. im Gefängnis erdrosselt. Dauu tritt eine längere Pause eilt; die 1831 durch die Ermordung des Grafen Capv d'Jstria, des Präsidenten von Griechenland, und 1854 durch den gewaltsamen Tod des Herzogs Karl von Parma unterbrochen wird. Am 13. August 1860 fällt Fürst Danilo I. von Monte­negro, eine Woche nach seiner Thronbesteigung, als Opfer der Blutrache, und am 14. t-lpril 1865 wird Abraham Lin­coln, der sechzehnte Präsident der Vereinigten Staaten, im Ford's Theater in Washington von dem Schauspieler John Milkes erschossest. 1863 folgt die .Ermordung des