Ausgabe 
8.2.1908
 
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tii' sich an 'unseres' guten Pastors Predigten gewöhnen, dir hat wohl alles zu unfroh geklungen, er meint eS aber gut."

Er war früher anders," sagte Edeltraut,fröhlich und ein guter Redner. Das ist allmählich so mit ihm geworden, aber gerade Ivie er ist, würde die Gemeinde ihn nicht hergeben. Sie kennt ihn und nimmt ihn wie er ist."

Vor der Kirche ward noch mancher Gruß getauscht. Ter Rollstuhl kam nicht mehr zum Vorschein.

Er ist ein Luxus, den ich mir gestatte, um nicht in der Kirche durch Schmerzen belästigt und zerstreut zu werden," sagte Wilhelm,jetzt gehen wir durch daS Dorf zurück, wenu cs der recht ist, und ich überlasse dich bald Edeltrauts Führung, denn ich must bei zwei bettlägerigen Alten vorsprechen."

Sie gingen nun zu dritt, Lohseu hatte dem Freunde den Arm geboten, und der schritt wie immer energisch daher. Die Großmutter war auf kürzestem Wege und schon vor Schluß des Gottesdienstes in die Häuslichkeit zurückgeeilt. Wilhelm war in sehr heiterer Stimmung, cs freute ihn, daß Loysen alle die kleinen Höfe, Hütten und stattlichen Bauernhäuser beachtete und Fragen stellte, die Teilnahme verrieten. Er machte ihn daher scherzhaft auf dieMonumente und öffentlichen Bauten" aufmerksam, als da sei die Siegessäule von anno 1870/71 in Gestalt einer Eiche aus dem Dorfanger, dieWasserkünste in. Form "eines sprudelnden Röhrbrunuens", dieHochschule oder Akademie der Wissenschaften", in welcher Lehrers Rute eine heil­same Rolle spiele, derAusstellungspalast für Maschinenbau", zu deutsch: Spritzenhaus.

Edeltraut, die schweigend daneben ging, fiel jetzt lebhaft ein:Ja, blicken Sie sich nur nm in unserem Reich, ob Sie wohl ahnen, wie groß die kleine Welt ist, in der wir leben? Ob ein Mensch, der cs gewohnt ist, im Gewühl einer Großstadt zu leben und sich inmitten all der vorbeihastenden fremden Gesichter einsam zu fühlen, verstehen kann, um wieviel größer solch eine begrenzte Welt ist, die wir aber kennen, lieben und beein- flusfen, in der es für uns kein gleichgültiges Gesicht, keinen unbekannten Namen gibt?" sie war ganz warm geworden und ihre Augen glänzten.

Ich begreife vollkommen," sagte Lohseu,und fühle ähn­liches selbst in meinem Regiment."

Ah! Richtig!" versetzte sic nachdenklichdaran dachte ich nicht."

Wilhelm war in ein kleines Häuschen getreten und die beiden gingen zusammen toeiter, sie nicht, ohne sich einigemal umzusehen.

Möchte cs ihm nicht zu viel werden," sagte sie,der Sonn­tag ist für ihn ein anstrengender Tag."

Sie führte Loysen dann nach Hause und direkt in die Garten- Halle, wohin die fürsorgliche alle Dame schon einen Imbiß hatte stellen lassen, Wein und sehr delikate belegte Brötchen.

Das war nun ein Tete-a-tete, toie er cs sich nicht schöner hätte wünschen können und er hätte cs gern benutzt, nnti seinem Ziele näher zu kommen, aber er wußte nicht recht toie. Fast wäre es ihm leid gewesen, wenn ihn diese unbefangenen, klaren Augen nicht mehr so ruhig angeblickt hätten. Sie ging heiter plaudernd in dem lichten Raum hin und wieder, alles für des Bruders Empfang ordnend, dem sie mit llngeduld entgegensah. Hier schob sie die Rohrmöbel zurecht, stellte eine Blumenvase auf den Tisch neben Wilhelms Ruhelager und ging in den Garten hinab, von wie sie bald mit einer Gießkanne und einem großen Strauß Nar­zissen wiederkehrte. Tann begoß sie die auf den Stellagen und in Ampeln blühenden Topfgewächse, gab den Vögeln in den Käfigen frisches Futter und Wasser und stellte die kleinen Sänger dem Gast vor. Auf ihre Bitte hatte sich Loysen eine Zigarre an­gebrannt und saß, fein Weinglas neben sich im bequemen Schaukel­stuhl. Sie sprachen über Singvögel, Pferde und Hunde und als er einige Geschichten von Schnadewitz' dickem Filou zum besten gab, lachte sie herzhaft.Aber weshalb mästet er ihn so ent­setzlich? Das ist ja häßlich."

.Er steht völlig unter Filous Pantoffel, und da der Köter so gefräßig ist wie ein Krokodil, bekommt er, was er haben will. Mein guter Freund ist ein Sonderling, müssen Sic wissen, dazu ein Weiberfeind. Er will nie heiraten."

Weshalb sollte er auch, wenn er ohnedem' glücklicher ist?" : fragte sie leichthin. Sie stand auf einer niederen Stufenleidcv und rückte einige blühende Azaleen auf dem Wandbrett, dabei wandte sie den Köpf zurück und sah lächelnd auf Loysen herab. Der strich die Asche seiner Zigarre ab und sah sie an und gestattete -um erstenmal seinem Blicke Bedeutsamkeit:

Wenn er es nicht besser haben will oder kann, der arme Narp, so nrag er es freUidj bleiben lassen."

Sie sprang leicht die Stufe herab und klopfte sich einige I Erdkrümel vom Roch dann setzte sie sich ihm gegenüber:Bassen. I

Sie mal auf, Herr von Loysen, jetzt lverdeu wir uns gleich zanken!" sagte sie vergnügt sprang aber int nächsten Au­genblick wieder auf und horchte in die Tannenkulissen, hinter denen ein unregelmäßiger Schritt und das Aufstampfen des Stockes erklang; zu gleicher Zeit fuhr der gelbe junge Schäfer­hund aus dem stachligen Unterholz und kam wedelnd in die Halle gestürmt.

Dingo meldet seinen Herrn", sagte sie froh erregt und Loysen ging dem Freunde entgegen und führte ihn herein.^ Er tat es gern, aber er wußte auch, daß es ihm ihr Wohlge­fallen eintrug. t

Wilhelm streckte sich, tief ausatmend, lang hin auf die Ruhe- bauk und schob sich ein Polster unter den Kops:Verzeiht die Trägheit," sagte er fröhlichich hatte den kleinen Hügel zum alten Lehmwerk unterschützt."

Aber Liebster!" rief sie erschrockendu warst doch nicht bei beit Webers?"

Wohl, Liebchen, dort war ich."

Er trank daS Glas Wein ans, welches sie ihm eingescheukt hatte, und nickte Loysen zu, die Schwester beugte sich über ihn, sie strich mit der Hand über sein Haar und sah auf ihn herab mit Blicken voll zärtlicher, stolzer Sorge. Er aber zog ihren Kopf zu sich herab und küßte sie,sorget nicht!" sagte er dabei liebevoll.

Sie sind wie ein Liebespaar, dachte Loysen etwas ärgerlich, was soll ich eigentlich dabei?

Laut sagte er scherzend:

Wie sich Geschwister so gedankenlos mit Kvseuamen nennen, die nnsereinem förmlich den Atem rauben."

Es geschieht gewiß nicht gedankenlos, wie. Edel? Ob es 'zwar eine alte Angewohnheit zwischen uns ist, so wissen wir wohl, was wir uns damit sagen."

Sie antwortete nichts und zog sich nur einen Sitz dicht neben die Ruhebank, setzte sich, so, daß sie den Bruder ansah und Loysen bemerkte, daß während der ganzen nun folgenden Unterhaltung, an welcher sie gar keinen Anteil nahm, obwohl sie aufmerksam zuhörte, ihr« Hand in der des Bruders lag.

Wenn Wilhelm durch seinen Gang zu leiden hatte, so ließ er sich das nicht merken. Er sprach lebhaft und aus Fragen und Anttvvrtcn entspann sich bald ein Gespräch, welches auf geistige Fragen überging. Glaubensfragen, Ansichten, Erfahrungen wur­den erörtert.

Ter Gast gab sich 'zuerst etwas zurückhaltend, er wollte hören, nicht Mitteilen, aber Wilhelm hatte eine liebenswürdige Art, Wort­karge zum Reden zu bringen. Er wußte, >vas seines Freundes zurückhaltendes Wesen barg an Ernst und Wahrheit und unbestech­lichem Pflichtgefühl, und es lag ihm daran, diese seine Freundes­liebe vor der Schwester zu rechtfertigen, die in Loysen nichts anderes sehen konnte, wie den angenehmen Gesellschafter. Er ruhte daher nicht, bis der andere sich erwärmte und auf alles einging, was Wilhelm zu erörtern wünschte.

(Fortsetzung folgt.)

Line WeihnachLsreise.

Original-Artikel derGieß. Familienblätter".

Wohl sind die Weihnachtsglockeu längst verklungen und Pflichten und Lasten des neuen Jahves haben wohl bei weitaus Leu Meisten die Erinnerung an die feiertägliche Ruhe ver­drängt, aber ich darf meine Landsleute vielleicht trotzdem noch durch feite Erzählung eines Stückes fremder Weihnachtsfeier unterhalten. Grade Weihnachten ist ja so sehr ein Fest des Hauses und der Familie, daß jeder, der es am eigenen Herd genießen darf, wohl gern einmal hört, wie sich dasfahrende Volk" zu helfen weiß, das das Christkind nicht unter eigenem Dach und Fach emp­fangen kann.

Wir waren am 12. Dezember mit 400 Passagieren von Bremer­haven weggesahren.Fröhliche Weihnachten" klang es uns von der Landungsbrücke nach.Fröhliche Weihnachten" schallte es zurück und hinaus ging es in den dunstigen Tezembertag.

Ter Binnenländer verbindet mit dem Gedanken an eine Amerikafahrt gewöhnlich die farbenfrohen Bilder einer im Salo» oder auf Teck versammelten eleganten Reisegesellfchaft. Wer das genießen will, soll nicht im Winter fahren. Er lernt dann den Ozean nur von seiner ungastlichsten Seite kennen. Heute weht es, morgen bläst es und übermorgen stürmt es und loche dein, der nicht seefest ist, er hat von der sonst so schönenLloydkost" wenig oder gar keinen Genuß. Auch uns setzten Wind und Wetter schon vom zweiten Tage an tüchtig zu. Tie braveBran­denburg" ächzte und stöhnte und bei Tisch sah man meist leere Plätze. Am 19. überholte uns der SchnelldampferKronprinz". Er muß ebenfalls hart gegen die haushohe See ankämpfen und zu­weilen verschwindet er bis an die Schornsteine im überkommenden Wasser. Mft den Sirenen heulen W uns einen Gruß zu,froh-