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Kelmuih von Loysen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Zwischen den Erlen glänzte das Wasser eines kleinen Teiches und während der junge Bauernsohn mit einiger Mühe den Rollstuhl zur Anhöhe hinaufschob, blieben die beiden stehen und sahen über das Wasser hin. Schilfbüschel steckten schon ihre spitzen lichtgrüneil Sprossen hervor, die schwarzweißen und schwarz- grauen Stämme spiegelten sich in der klaren Flut. Eine Ente führte ihre Jungen auf dem Wasser spazieren. Das Ganze,, ein- gerahntt vom jungen Frühlingsgrün, war ein ganz unerwartetes Idyll nnd eine passende Staffage für die Gestalt des Mädchens. Ueber ihnen klangen die Kirchenglocken und schien der Himmel durch die Baumzweige. Sie sprachen beide nicht, aber Edeltrant sah ihn ganz unbefangen mit einem sehr lieblichen Lächeln an. Dann wandte sie sich zum Wege zurück und ging wieder voraus: „Das wird ein lieber, schöner Tag für Wilhelm!" — sagte sie.
Oben mündete der Weg auf einen kleinen vor der Kirche befindlichen Platz. Von rechts und links kamen die Kirchgänger aus den Dorfgassen herbei. Tie Männer zogen die Hüte und die Frauen grüßten, als Wilhelms Rollstuhl mitten durch die noch zögernde Gemeinde geschoben wurde. Loysen trug tjcittc Zivil und so kam es, daß er tveniger Aufsehen erregte wie sonst, aber doch sah er manch beifälliges Schmunzeln und manchen heimlichen Rippenstoß, als er so neben den: Fräulein in die Kirche schritt.
Zum Kirchenstuhl des Gutsherrn führte eine Treppe hinauf, welche Wilhelm immer sehr beschwerlich war, die er aber stets heroisch erklomm, weil er dort sitzen wollte, wo schon seine Eltern nnd Großeltern gesessen hatten. Die Torfleute liebten es, ihn dort oben sitzen zu sehen, wo sein herzgewinnend gütiges Gesicht den Alten und Siechen besser Geduld in Leiden predigte, wie der Herr Pastor dies vermocht hätte.
Das Orgelspiel begann, die ersten Lieder wurden gesungen, der Geistliche stand unten am Altar und verschwand endlich, während das sehr lange Hauptlied angestimmt wurde. Loysen machte das alles ziemlich mechanisch mit, während er im stillen seine Umgebung musterte, Vor allem sie, um deretwillm er hier war. Wie sie jetzt artssah, wie sie da saß, wie sie den Kopf senkte, wie sie sang, alles beschäftigte und fesselte ihn, nirgends kam ihre große Natürlichkeit so zur Geltung, wie hier m der Kirche. Mit einemmal erschrak er ein wenig — der Geistliche stand bereits auf der Kanzel und sprach. Der Gelang war verstummt. Er nahnl sich vor, seine Gedanken im Zaum zu halten und sah unverwandt auf ben Prediger. Der war em alter, kranker Mann, der an Kurzatmigkeit litt und in müdem, cr- gebungspollent Ton sprach. .Manchmal stockte er, verlor den Faden nnd blickte sich dann hilflos verwirrt in der Kirche um, bis sich der Zusammenhang wieder einstellte. Er hielt lerne lange, hagere Gestalt vornüber gebeugt, als trüge er eilte. Last. Um' das blasse resignierte Gesicht fiel ihni das graue Haar bis
auf die Schultern herab. Der Rittmeister betrachtete ihn mit vorübergehender Verwunderung, denn .ihni fiel die lamentable Ziegentragödie eilt. Der Mann sah gar nicht so aus, als vermöge er ein Strafgericht zu verhängen. Verstohlen blickte er auf Wilhelm. Der saß da mit einem Ausdruck mitleidiger Nachsicht im Gesicht und schien sich über nichts zu wundern. Er hörte der uwnotonen Predigt mit Aufmerksamkeit zu. Edeltraut saß still, ruhig vor sich hinblickend, mit gefalteten Händen, Sie trug keine Handschuhe und, was Loysen jetzt erst bemerkte, auch feilte Ringe. Das erweckte eine plötzliche Gedankenverbindung. Seine Phantasie zauberke mühelos den glatten, breiten Ehering air den schlanken Goldfinger und dabei kam ihm plötzlich der Gedanke: „Hier wird es sein!" Er begriff nicht, daß ihm dies jetzt erst eiufiel. Mit einem Schlage verwandelte sich diese ganze kleine schlichte Kirche, die er noch keines Blickes gewürdigt hatte, in die Wiege seines zukünftigen Glückes und gewann für ihn mehr Bedeutung und Interesse, wie es die schönste Kathedrale je haben konnte. Denn natürlich wird es hier sein! — Dort vor jenem Altar werden sie beide knieen, das Mädchen in bräutlichem Schmuck, er im Glanze der vollen Uniform, umgeben von den getreuen Kameraden. Das ganze Regiment hätte er hergewünscht, um Edeltrant von der Haide das Ehrengeleit zu geben an den Traualtar. Er bog sich über die Brüstung, unk besser sehen zu können, ihm wurde ganz ernst nnd feierlich! zu Mut. Wird das ein großer, über das ganze Leben entscheidender Augenblick! — Ungefragt gelobte er Gott schon jetzt das jsunge Weib an feiner Seite hoch zu halten, zu lieben und zu ehren, wie sein Vater einst seine Mutter hochgeehrt unds geliebt hatte.
In tiefen Gedanken ließ er den Blick durch die ganze Kirche gleiten und bemerkte nicht, daß seine blonde Nachbarin ihn forschend von der Seite ansah.
Mit einemmal überkam ihn eine Verstunmung. Wie ent ekles Gefühl stieg es in ihm auf, ihm war, als habe er da unten etwas sehr Häßliches gesehen, etwas ganz Unerklärliches/ was aber seine Gedanken in Verwirrung brachte, ihir beunruhigte, die gehobene Stimmung niederschlug. Was mar es nur? — Es kam und ging Ivie ein körperliches Unbehagen und wie ein solches lähmende Mattigkeit zurückläßt, so blicü ihm eine widerliche Empfindung. Er wurde ganz teilnahmslos nud^ versuchte nur noch, aber völlig vergeblich, in oder außer sich die Ursache der seelischen Störung zu sindeit.
Der Pastor hatte seine Predigt längst mit einem Smizer geschlossen, der hörbar durch die Kirche zitterte, die Gemeinde stimmte unentwegt mit kräftigen, wenn auch etwas schartigen Stimmen, die Schlußverse an.
Endlich war der Gottesdienst beendet, die Orgel verklang. Von den Emporen polterten die Männer mit schweren Stiefeln herab, unten schob sich das Häuflein der Weiber ans der ge- öfsneten Tür. Loysen half dem Freunde die Treppe herab uNÄ wie er sich einmal umsaü, stand Edeltraut dicht hinter ihm: Tanke!" — flüsterte sie, „das war ein guter Griff, er muß dm listken Arm fest anfstützm können." — Beim Klang ihrer Stimme zerrann feine Verstiinmilng. Wilhelm bemerkte: „Ma»


