Ausgabe 
8.1.1908
 
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schweren, feuchten Grase sitzt oder eine Eule, die mit funkeln- den Augen starr vor sich hinbrütet, sind ihnen kostbare Modelle und nach denen formen sie auch liebevoll köstliche Abbilder. Auch die tvuchtigen Zweige oder Verästelungen scharf geformter Bäume rind Sträucher, ein wenig plumpe Beereir oder Blüten treffen sie gut. Ich sah einen der vor­geschrittenen Schüler an einem Bilderrahmen mit Verzer­rungen dieser Art arbeiten und blieb überrascht stehen.Ja," sagt mir der Lehrer,das können sie, denn das sehen sie; sie sehen, wie sich so ein dünner Ast biegt, wie er sich ineinander­schlingt und iöie die Frucht schwer herniederhängt. Das ahnen sie auch gleichsam mit ihrem Bauerninstinkt, in beit sich künstlerische Feinfühligkeit mischt. Doch nordische Linienornamente ioerden ihnen immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben." Wenn den Holzschnitzern in der Rhön geholfen iverden soll, und dem arbeitsamen, mäßigen und so kärglich bedachten Wölkchen ist das von Herzen zu gönnen, so müßte es denn wohl in anderer Weise geschehen, als in der Zuweisung fremdblütiger Modelle. Die Rhön­schnitzereien eignen sich in ihrer ruhevollen Lebendigkeit außerordentlich für die Ausschmückung von Möbeln, zur Dekoration von Speisesälen, für Türfüllungen oder zum Schmuck anderer großer Flächen. Aufträge würden mehr Nutzen als Modelle stiften. Wenn der Ehrgeiz erst auf- tzernttelt wäre, könnte unter den Händen dieser Holzschnitzer manches sehr Schöne erstehen; aber nie ist zu hoffen oder auch nur zu wünschen, daß ihre Begierde, sich hervorzutun, sie etwas wollen läßt, was vollständig außerhalb ihres Gesichts- und Empfindungskreises liegt.

tterMeschtes.

* M i l l i o n ä r a d r e s s e n. Ein findiger Berliner Kopf Hat einen neuen Erwerbszweig entdeckt. Er verkauft nämlich Millionäradressen, und zwar verkauft er sie zu ziemlich teuren Preisen. 7400 Stück aus ganz Deutschland für 100 Mr. Dafür bekommt man sie aber auch, wie er in den Tages­zeitungen annonciert, zuverlässigst fix und fertig zum Auf­kleben oder auf Kuverts geschrieben. Dieser Spezialkünstler findet in Berlin und Vororten 2269 Adressen von Leuten mit siebenstelligen Zahlen, die er schon für 30 Mk. abgibt. In der Provinz und im übrigen Deutschland gibt es weniger Millionäre, die Adressen sind infolgedessen billiger. In Schlesien, Pofen, Ost- und Westpreußen find es 704, in Hannover und Hessen-Nassau 466, in den Hansastädten, Schleswig-Holstein und Mecklenburg 450, in Bayern und Württemberg 844. Die Provinzen Brandenburg und Pom­mern müssen sich mit 456 Millionären begnügen, preußisch Sachsen, Anhalt und Braunschweig mit nur 349. Hingegen fliBt es im reichen Rheinland und Westfalen 939 dieser Glück- ichen, im Königreich Sachsen und Thüringen 615 und schließ­lich in Baden, Hessen und Elsaß-Lothringen 383. Nach einer oberflächlichen Schätzung besitzen die deutschen Millio­näre ein Gesamtvermögen von ca. zwölf Milliarden Mark.

* Die letz ten Tage eines zum Tode Verur­teilten. Von den seelischen Martern und Qualen eines zum Tode Verurteilten wird uns aus New York berich­tet: Vor drei Wochen war ein Mörder, Sawerio di Gio­vanni, zum Tode verurteilt ivorden mit der Anweisung, daß das Urteil im Laufe des folgenden Monats vollstreckt werden solle. Da der Verbrecher über Tag und Stunde seines Sterbens im Unklaren geblieben war, ergriff ihn eine wahnsinnige Angst, so daß er jede Stunde sich "in einem furchtbaren Paroxismus des Schreckens befand. Wenn sich Schritte seiner Zelle näherten, so sprang er von seinem Lager auf und lief heulend durch die Zelle; vor dem Wärter siel er in die Knie und stammelte wahnsinnige Gebete. Jedes leise Geräusch, jedes Rascheln an der Kerkertür brachte ihn in fieberhafte Erregung, denn immer glaubte er, daß er Mm Tode geholt iverden solle, und seine namenlose Angst brach in wilden Schreien, in gräßlichem Jammern und heulendem Winseln um Gnade durch. So blieb er mehrere Tage lang, ohne irgend ivelche Nahrung zu sich zu nehmen, nur gefoltert und gemartert von den Dämonen seines entsetz­lichen Angstgefühls. Die Opiate, die ihm vom Gefäuguis-

arzt zur Beruhigung gereicht ivurbeif, wirkten nur un­vollkommen, aber bie Erschöpfung bemächtigte sich allmäh­lich des wie von Furien gepeinigten Rasenden und er sank erschöpft in einer Ecke seiner Zelle zusammen, nur noch sinn­lose Worte herausstoßend. Endlich nahte bie Qual ihrem Enbe. In einer hämmernden Morgenfrühe traten bie ge­fürchteten Diener ber Gerechtigkeit vor den zusammenge- vrochenen Mörder, der stumpfsinnig und blöde bie Verlesung bes Urteils anhörte. Nur als man ihn ergriff und auf ben elektrischen Stuhl schleppte, stieß er noch ein paar gellenbe Schreie aus. Dann ivar mit seinem Leben all seine Not auf immer geendet. Die amerikanischen Blätter, die diese Ge­schichte in den brennendsten Farben schildern, verbinden damit zugleich heftige Angriffe gegen ben Ur­teilsvollzug, der mit unerhörter Grausamkeit ber zu- biktierten Strafe noch eine entsetzliche seelische Folterung hinzufüge. ______

Medizinisches.

Nasenatmung und Schnupfen b e kämpf» u g. Tie Schulärzte haben im Lause her letzten Jahre die gesundheitliche Bedeutung der Nasenatmung Betont und wiederholt gefordert, daß der Lehrer die Kinder darüber aufklärte. Gut durch die Nase zu atmen, ist für die Gesundheit wichtig. Tie Erfahrung lehrt, daß Kinder, die ständig mit offenem Munde atmen, nicht gesund sind. Tiefe Kinder müssen daher vom Schularzt untersucht werden, ebenso wiederholt solche, die einen chronischen Schnupfen oder Anlage zu Polypen in der Nase haben. Die Zuführung der zum Leben not­wendigen Luft darf auf ihrem Wege nach den Lungen hin keine Einengung erfahren. Tie natürlichen Zuführungswege aber fütb die Nasenlöcher. Diese müssen also frei sein. Kinder, die durch den Mund atmen, pflegen auch nachts zu schnarchen. Durch das Atmen mit dem Munde trochtet die Kehle aus und eine Anlage zu Hals- und Kehlkopfleiden wird gefördert. Insbesondere sind, wie Tr. Ensch imZentralblatt für allgemeine Gesundheitspflege" ausführt, Ohrensluß und Schwerhörigkeit bei Kindern meist eine Folge des Mundatmens. In einzelnen Fällen konnte der Arzt sogar Taubheit auf jahrlange Mundatmung znrückführen. Ein hatnäckiger Schnupfen, wie ihn viele Menschen das ganze Jahr nicht los werden können, sollte niemals unterschätzt, sondern als eine immerhin bedenkliche Erscheinung angesehen werden, die so­fortigen ärztlichen Rat erheischt. Tröltsch behauptet, daß bei Leuten im Alter von 2030 Jahren unter dreien stets einer sei, der nicht normal höre. Im Säuglingsalter ist der Schnupfen stets energisch zu bekämpfen, Weit er die Grundlage zu vielen Hals- und Rachenkrankheiten im späteren Alter bildet.

Goldene Worte.

Wir leben in einer Welt, wo ein Narr viele Narren, aber ein weiser Mann nur wenig Weife macht. Daß am Menschen nicht viel Sonderliches ist, beweist am besten die Weitläufigkeit der Jurisprudenz. * Lichtenberg.

Standhaft und treu und treu und standhaft, Die machen ein recht tentsch Verwandschaft; Beständige Treuherzigkeit

Und treuherzige Beständigkeit, Wann die kommen zur Einigkeit, So widerstehen sie aflem Leid. Fischar t.

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Keuschheit ist Liebe zum Tode. M a i n l ä n d e r, *

Da? Fehlen großer Laster ist die kleine Tugend gar vieler Leute. Petit-Senn.

Charade.

Mein Erstes ist in schönem Land gelegen.

Mein Zweites findet man mit allen Wegen, Das Ganze wird gesucht am Meeresstrand Und ist als Schmuck den Damen wohlbekannt. Gießen M. B.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Zahlensp'els in voriger Nummer:

11

24

7

20

8

4

12

25

8

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17

5

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21

9

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2

15

Redaktion: P. Wittko. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen it»mo>nfA't§-93u(fi- und Steiadruckerei, R. Lange, Gießen.