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aufflackerte, die Flamme, stetig sich ausbreitend, weiter züngelte und noch, wenn die Bevölkerung aus ihren Aectern uno Wiesen nur kärglichen Ertrag erzielte, durch die Aussicht auf Gewinn genährt itnrcbe. So entstanden wohl die meisten kunstgewerblichen bäuerlichen Industrien. Aus dem Keime emporwachsend wie die Frucht ihres Ackers, tote der Baum auf ihrem Felde, wuchsen sie und breiteten sich über die einzelnen Orte und Bezirke aus, wurden gepflegt und langsam entwickelt. Sogar die äußere Form der Erzeugnisse wurde meist Tradition; das Material schrieb die Bodenbeschaffenheit vor. In erzreichen Gegenden fertigte man Zinngefäße, Tonerde legte die Herstellung von Vasen, Urnen und Töpfen nahe; wo beides mangelte, erblühte in kunstbegabten Landstrichen meist die Holzschneidekunst. In solchen Orten kann man am Fachwerk der Häuser, an Gerätschaften, Betten und allem bäuerlichen Hausrat den Spuren der Entwicklung ihrer Kleinindustrie nachgehen. Die Herrgottsschnitzer der Tiroler Berge haben Oesterreichs volkstümliche Achter zu poetischen Ehren gebracht; die kleinen Schnitzereien, die in der Schweiz, in der Gegend um Luzern herum, entstehen, sind recht bekannt, aber von anderen Gebieten in deutscher Sprache, die abseits vom Touristenstrom eine gleiche Künstindustrie pflegen, weiß man wenig. Und zu diesen stiefmütterlich behandelten gehören auch die Bezirke im Rhöngebirge, in denen die Holzschneidekunst gepflegt wird, und denen man erst neuestens einiges Interesse zuwendet. . . .
Die Rhön hat weder Reichtum an Erzen noch Ton aufzuweisen, der Boden ist mager und trägt nur kärgliche Frucht. Die Bauern ernten wenig und ihren Gehöften ist der Stempel der Dürftigkeit aufgedrückt, mühselig erraffen sie ihren Unterhalt, sie sind verschlossen und trotzig und gegen Fremde wenig zugänglich. Schlecht gepflegte Straßen verbinden die kleinen Weiler, in denen sie sich zu fünf bis sechs Familien angesiedelt haben; selbst die größeren Dörfer, die meilenweit voneinander entfernt liegen, werden nicht vom Eisenbahnnetz berührt und man muß Stunden lang wandern oder im holprigen Postwagen über die Berge fahren, bis man ein Wirtshaus trifft, in dem man den einfachsten Imbiß haben kann. Bom nahen Fulda aus streuten die Geistlichen den Samen inbrünstiger Frömmigkeit über dieses arme Land, und die Bauern gaben jederzeit bereitwilligst ihren letzten Heller für den Schmuck ihrer bunten Kirchlein und die Marterln und Heiligenbilder am Wege. Ueber der Tür ihrer kleinen Häuser lächelt von Blumen umduftet die Jungfrau mit dem Jesuskuabeu im Arm, und in manchem der dürftigen Gärten steht, int Grün halb versteckt, die farbig leuchtende Figur des Schutzheiligen. Und das ist wohl das einzig Farbenfrohe in ihrer Umgebung, und darum hängen sie so fest daran, «u dem einzig Hellen, das sie mit der Lebensfreude verbindet.
Die armen Bauern im Rhöngebirge sind sehr fromm. Vielleicht hätte sich ihr Kunstsinn auch damit begnügt, ihren lieben Heiligen Bildsäulen zu errichten, wenn ihnen nicht die Einflüsse von außen andere Wege gewiesen hätten. Und sie folgten dieser Weisung um so lieber, da sie ihnen keine Opfer auferlegte, sondern ihre schmalen Einkünfte vergrößerte. Diese Einwirkungen, die von Würzburg ausgingen, konzentrieren sich in der Holzschnitzschule zu Bischofsheim, einem kleinen Städtchen jenseits der daher. Grenze, in der die begabten Bauernkinder in der Kunst des Holzschneidens unterrichtet werden.
Bischofsheim hat nur von der bayrischen Seite her Bahnverbindung, von der anderen Seite geht die Eisenbahnlinie bis Gersfeld, etwa eine Stunde hinter Fulda, von dort aus muß man sich der wackligen Postkutsche auvertrauen, wenn man die zweistündige Wanderung zu Fuß durchs Gebirge scheut. Einmal werden an einer Hilfspoststelle Briefschaften mitgenommen, dann hält die Kutsche mitten in einem Dorfe vor einer besorgniserregenden Schenke, der Rosselenker klettert vom Vock und verkündet eine halbe Stunde Aufenthalt. Und er verschwindet in der
niederen Tür des Wirtshauses, aus dem allerhand wenig verlockende Düfte herausdringen auf die Dorfstraße. Da hineinzubringen schauderts mich; eine halbe Stunde in dem still stehenden Wagen zu verbringen, ist auch keine angenehme Aussicht. Wenig erfreut, fast mit einem leisen Anflug von Verstimmung über diese neue Beschwerlichkeit halte ich Umschau nach irgend etwas, das mich über die unerfreuliche halbe Stunde fortbringen könnte. Und mit aufleuchtender Freude sehe ich au einem Hänschen auf der gegenüberliegenden Seite der Straße mit unbeholfenen Buchstaben angemalt: Heinrich Mack, Bäcker, und darunter, ein wenig formvoller: Stefan Mack, Holzschneiderei. Und ich klettere erfrischten Mutes über das hohe Trittbrett auf den schmutzigen Weg hinunter, drüben die ausgetretene!'. Stufen hinauf, die zuerst in die Bäckerei führen. Durch den Einkauf von zwei Butterwecken erwerbe ich mir das Vertrauen des backkundigen Bauern und er geleitet mich auf meinen Wunsch in die Werkstatt des Bruders, beim Stefan selbst ist durch kein Rufen herbeizulocken. So beschaue ich mir denn die Sächelchen, die sauber, mit einem Tuche überdeckt, auf den Tisch gebreitet sind. Alles mit viel Wirklichkeitssinn und Formgefühl gebildete Kleinigkeiten; Tiere, Pflanzen, sogar die Holzschuhe der Bauern sind nachgebildet, zur Zierlichkeit des Spielerischen verkleinert. Aber es ist nichts da, was nicht zuerst mit körperlichen Augen gesehen wurde, keine Linie, kein Ornament. Und als ich wieder im Wagen sitze, der auf der Landstraße weiterkriecht, sinne ich kopfschüttelnd darüber nach, wie es einem in den Sinn kommen könne, der Kunstfertigkeit dieser bodenständigsten Bauern durch Aufpfropfung moderner Linearkunst neue Schwungkraft geben zu wollen.
In der Holzschneideschule zu Bischofsheim teilt man dieses verwundernde Befremden. Da ist gar nichts, weder innen noch außen, was abstrakten Einflüsterungen geneigt schiene. Ein wenig abseits vom Städtchen liegt das Schulgebäude frei und weithin sichtbar zwischen Wiesen und Aeckern, von der Sonne prall beschienen oder vom Wind« umsaust, unabhängig und selbstgenügsam. Ein Würzburger Architekt leitet den Unterricht, indes der eigentliche, in Bischofsheim ansässige Lehrer auf Urlaubsreisen ist. Und er lächelt und schüttelt den Kvpf, da ich ihn um seine Meinung wegen der Pläne frage, die van de Velde mit den Holz- schnitzschulen der Rhön hege. „Nein", sagte er, „diese Modelle würden nur Unheil anrichten. Die abstrakte Sink, das geht unseren Bauernkindern nicht ein; was wir brauchen, das ist ein Zeichenunterricht, der die Jungen lehrt, das in der Natur Erschaute im Ornament ober in anderen Formen zu nutzen. Das Lebendige, das sie draußen sehen, das erfassen sie." Und mit dieser einzig möglichen künstlerische!! Belebung der Holzschnitzerei wurde auch schon begonnen. Unter den geschickten Fingern der Jungen formen sich die Blätter und Blüten, die Beeren und Trauben, die sie natürlichem Laube und natürlichen Früchten nachschufen.
Die meisten der Lernenden stehen noch am Ausgang des Knabenalters, denn die Schulordnung enthält die Bestimmung, daß die Schüler bei der Aufnahme das 15. Lebensjahr noch nicht vollendet haben dürfen; drei Jahre müssen sie in der Anstalt verbringen, ehe ihnen ein Reifezeugnis ausgestellt wird, und so fällt ihr Aufenthalt dort gerade in die für ihre Ausbildung günstigste Lebenszeit, da sie schon für feinere Eindrücke und Eingebungen recht empfänglich sind und doch vollkommen unverbraucht. In den Grenzen ihrer Begabung kann man noch alles aus ihnen machen. Aber die Schranken sind ziemlich eng gesteckt: Pflanzen und Tiere . . . Tiere und Pflanzen ... In diesem Kreislauf werden sich immer ihre besten Leistungen finden. Besonders die Tiere, die sie im Stillstand beobachten können, gelingen ihnen. Die zarteren Pflanzen sind vielleicht schon zu fein geartet, bergen in ihrer Natur schon zu viel geheimnisvolle, mystische Tiefe und den Tieren im Laufe oder gar im Fluge zu folgen, fehlt ihrer Beobachtungsgabe die intellektuelle Beweglichkeit. Aber ein dicker Frosch, der in klebriger Trägheit lange vor sich hinglotzend int


