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paßte ich in mein Elternhaus. Es war dort alles so eng, so eng, eingepreßt in althergebrachte, spießbürgerliche Formen und Begriffe von Recht und Unrecht, Welt und Bigotterie — und in mir brannte eine Flamme unstillbaren Sehnens nach Ruhm, Größe und Freiheit. Verwechseln Sie das nicht mit Abenteuerlust. Ich fühlte mich berufen, kraft meiner Stimme den ersten Platz unter beit musikalischen Großen der Gegenwart einzunehmen. Aber Vorurteile und engherzige Verständnislosigkeit waren die Mauern meines Gefängnisses. Zwar erteilte mir meine Mutter, die Tochter eines Kantors, vorzüglichen Musikunterricht und bildete meine Stimme schulgerecht aus — aber nur für Haus und Kirche, — meine Gabe hinaustragen auf den Markt der Eitelkeit, wie es mein Vater nannte, !var undenkbar. Tas Talent für mimische Darstellung, welches mir angeboren war, wurde, wenn bemerkt, aufs strengste gerügt. Ich paßte eben nicht in den Rahmen des Alltagslebens» das sich um häusliche Arbeit drehte. Meine Familie war glücklich dabei; ich nicht. Meine Schwester kochte, flickte und wusch — ich haßte diese Beschäftigungen. Eltern und Geschwistern hatten recht, wenn sie mir vorwarscn, ich sei immer verdrossen und unwillig, meinen Teil Arbeit im Haushalt zu verrichten, in welchem ein jeder zugreifen mußte. Weshalb ließen sie mich also nicht gehen? Sie brachten Geldopfer, die weit über ihre Mittel gingen, um mich sür den Beruf einer Volksschullehrerin ausbilden zu lassen — warum nicht für den Beruf, zu dem ich geboren war? — Auf die Bühne! Ter Gedanke verfolgte mich. Ich hatte hier in Berlin eine alte Verwandte, die Witwe eines Musikers. Gesehen hatte ich sie nie, aber sie war meine Pate und schickte mir jedes Jahr ein Weihnachtsgeschenk. An diese schrieb ich rückhaltslos und fragte sie, ob ich auf ihren Beistand rechnen dürfe. Schlimmeres konnte ja nicht geschehen, als daß sie meine Eltern von meiner Absicht benachrichtigte ■— Furcht kenne ich nicht. Sie verriet mich aber nicht, sondern lud mich ein, nach Berlin zu Lunmen, um mit ihr incTni Vorhaben zu besprechen. Dem Briefe war das Reisegeld beigefügt. War das ein Gluck, eine Seligkeit für mich! — Es gelang mir, meine wenigen Habseligkeiten, Kleider und Wäsche unbemerkt nach und nach an sie abzuschicken. Als das geschehen war, ging ich zu meinem Vater und teilte ihm meinen Entschluß, zur Bühne zu gehen, mit. Die nun folgende Szene mag unbeschrieben bleiben. Ich ließ alles über mich ergehen, schwieg und ging dann in mein Simmerchen, eine Schlafkammer, die ich mit den Schwestern teilte. Meine Mutter kam und beschwor mich unter Tränen, meine sündhafte Leidenschaft zu bekämpfen. Ich weiß nicht, ob sie annahm, ich werde es tun; sie ging dann und ich blieb wieder allein. Ich legte mich in Kleidern zu Bett und als die Schwestern herauf- kamen, stellte ich mich schlafend. Mitten in der Nacht stand ich unhörbar auf, nahm Hut und Mantel und eine Tasche, die ich im Hausflur verborgen hatte — uttib verließ auf Nimmerwieder- kehr das Elternhaus. Als ich verstohlen um mich blickend, vorsichtig, heimlich den Weg nach der Bahnstation einschlug, dachte ich bei mir: So zieh' ich aus, wenn! ich wiederkehre, wird es vielleicht in einem Wagen mit vier Pferden sein! — Sehr kindisch, nicht wahr? — aber ich sah darin das alles, was meinem Schritt Berechtigung verlieh. Nicht in den Augen meiner Familie, das weiß ich wohl. Für sie war ich eine Verlorene, ich mochte nun siegen oder unterliegen. Ich aber — siegte!" —
Sie hielt inne und holte tief Atem, eine hochgradige Erregung war über sie gekommen!. In der schmächtigen Gestalt und in den kleinen, mageren Händen vibrierte eine fortwährende innere Unruhe und krankhafte Nervosität, aber zu gleicher Zeit lag auch eine sonderbare, stahlharte Kraft in jeder Bewegung. Vor ihr stand jetzt der Teller mit den Fleifchstückchen, die Gabel quer darüber gelegt. Er hoffte immer, die auf dem Tisch herumfahrende, zuckende Hand würde einmal danach greisen, aber sie war leiblicher Pein völlig entrückt.
„Ja, ich siegte. Sehen Sie, das mußte ja auch so kommen. Was kümmerte mich Not und Entbehrung? Ich habe einen zähen Willen und kämpfte mich durch. Um ein Unterkommen brauchte ich nicht zu sorgen. Meine alte Verwandte nahm mich bei sich auf. Sie lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen, aber ein Nachtlager konnte sie mir bieten. Als sie meine Stimme gehört hatte, geriet sie in Aufregung und zweifelte nicht länger an meiner Zukunft. Sie half mir, so gut sie konnte, Fuß zu fassen. Unter den Musikern der Theaterkapelle hatte sie noch viele Bekannte, und so gelang es, eine maßgebende Persönlichkeit für meine Stimme zu interessieren. Ich durfte vor einem kleinen Kreise von Künstlern singen und eine einst berühmte Opernsängerin erbot sich freiwillig, mir Unterricht zu erteilen. Das war ein Glück. Sie lobte meine Vorbildung und machte sich ein Vergnügen Ham ns, da sie meinen maßlosen Ehrgeiz sah, mich auch in der
Schauspielkunst zu fördern. Meine alte Verwandte, völlig sür meine Theaterlaufbahn gewonnen, versprach mich nach besten Kräften zu unterstützen. Ich nahm das alles hin als Darlehen. Keinen Augenblick zweifelte ich daran, daß ich es ihr in kurzem mit Zinsen würde zurückrstatten können. Immer mein Ziel vor öligen, habe ich nicht geruht noch gerastet, bis es mir gestattet wurde, als Solistin aufzutreten. Meine Stimme hatte beim Intendanten eben über alle mir noch etwa anhaftenden Unvollkommenheiten der Schulung gesiegt. ■ Ich errang Triumph, wonach andere mühevoll streben. Etwa ein Jahr nach meiner Flucht aus dem Elternhause sang ich hier im Opernhause die Margarete."
Sie konnte nicht weiter. Wild und hastig hatte sie gesprochen, bis ihr ein würgendes Schluchzen Atem und Sprache nahm und ein Hustenanfall den ganzen Körper erschütterte.
Ter Leutnant sah sie mitleidig an. Er hatte ein gutes Herz und das „arme häßliche Ting", tote er sie bei sich nannte, jammerte ihn. Sowie sie sich erholt hatte, fuhr sie ebenso leidenschaftlich fort:
„Spotten Sie meiner nur — Ihnen, die Sie meine tote Nachtigall nie hörten, klingt es natürlich albern, wenn ich so sage: Mein Platz war aus der Höhe der Kunstwelt! Ich besaß alles, alles, was dazu eriorderlich ist, die Stimme, das Talent, die Schönheit! — Zu Fuß ging ich in das Opernhaus, dem: ich hatte nicht das Geld, um einen Wagen zu bezahlen — aber kbine Königin konnte sich stolzer fühlen. Ich wußte es, von dem Augenblick an, wo ich die Bühne betrat, war ich eine Herrscherin. Was anderen erst langsam kommt, das völlige Versenken in die Rolle, mir war's Natur. Als ich in dem historischen altdeutschen Kleide, welches ich mir geliehen hatte, aus der Kirche trat, war ich nicht „Fräulein Luisanne a. G.", als welche ich auf dem Zettel stand, sondern ich war Gretchen. Als ich auf der Büßerbank kniete in Verzweiflung und Grauen, verschmolz mein ganzes Sein so mit der Rolle, daß ich mich des Todes schuldig fühlte. Tie Zeitungskritik sprach denn auch schon am nächsten Tage mit Anerkennung vom Spiel der Debütantin, was aber meine Stimme betraf, so ward ich „die jüngste Patti" genannt. Begreifen Sie, was das für mich hieß? In denk elenden Verschlag, den ich bei meiner Muhme bewotzitte, habe ich laut gejauchzt und das Zeitungsblatt ans Herz gedrückt. Meine Bahn war frei!" . . .
(Fortiel-ung folgt.)
Waukriikunk.
Bon Julie Jolowicz.
lNachdruck verboten.)
Das Kleid, das sich die Natur in seiner Heiiuat an- zieht, ist dem bäuerlichen Künstler, der Impuls sür sein Schaffen. Als geistiger Einfluß macht sich in der Hauptsache das religiöse Bekenntnis geltend. In evangelischen Gegenden beschränkt sich die Bauernkunst fast ausschließlich auf Pflanzen- und Tierdarstellungen, in katholischen dagegen legt der kirchliche Kult die Figurendarstellung nahe, und ein Bruchteil der künstlerischen Begabung findet Ausdruck und Betätigung int Hervorbringen von Weihegeschenken, Heiligenbildern, Kruzifixen und Marterln. Aber mag nun der kunstbegabte Bauer schaffen, was immer es sein mag, er hält sich an die konkrete Form, die abstrakte Linie ist ihm fremd, nicht recht begreiflich, und wo allzu sorglos zufassende Hände, allzu heißblütige hilfsbereite Köpfe bäuerlichen Kunstbestrebungen gewaltsam eine Neigung zur abstrakten Linie aufzwingen wollten, hat der Mißerfolg stets den Helfern Vorsicht gepredigt. Denn das unverstandene Neue wucherte wie ein krankhafter Fremdkörper im ge- sundeu Blute und brachte mißgestaltete Verzerrungen hervor, wo es an die Oberfläche trat.
Der Bauer gibt seinen Kunsterzeugnissen gern einen Zweck, sie müssen irgendeiner Bestimmung dienlich sein und durch ihre Stutzbarkeit, die sie seinen Genossen, auch Wohl Fremden, begehrbar machen, auch ihm einen greifbaren Nutzen bringen. So ist reine Kunstausübung, nur um der Kunst willen, in ländlichen Bezirken kaum zu finden, dagegen oft eine große manuelle Kunstfertigkeit/ die richtig Erschautes und Gefühltes wahr und überzeugend zum Ausdruck bringen kann. Die enge Zusammengehörigkeit auf dem Lande hat es dabet wohl so gefügt, daß an Orten, wo einmal der Kunstsinn in einem Kopfe oder Herzen


