1908
■I
I
III
Kelmuih von Loysen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Wirklich?" — fragte sie zögernd, dann griff sie zu, brockte sich die ganze Semmel in den Kaffee und löffelte diesen Brei hastig aus. In großen Stücken schluckte und schlang sie das Ganze herunter mit Heißhunger.
Ihm schnürte dieser Anblick die Kehle zu. Weshalb ließ sich das dumme Geschöpf aber auch nicht ordentlich füttern? Bodenlos albern. Vielleicht gelang es aber doch noch, ihr etwas Fleisch beizubringen, man mußte es mir schlau anfangen. Brachte er sie zum Erzählen, so wurden ihre Gedanken abgelenkt und der hungernde Mensch sucht unbewußt Befriedigung. Also knüpfte er an das Gesagte: „Eine Anstellung nennen Sie das? — Na ja, aber so eine Art Martermühle scheint mir, oder wollen Sie behaupten, daß Ihnen diese Beschäftigung sehr angenehm ist?"
Sie schob die geleerte Tasse zurück und zuckte die Achseln.
„Ich suchte mir die Stellung selber aus, also muß ich zufrieden sein, aber ich gebe zu, daß ich leide. Entsetzlich sogar. Doch nicht durch die mechanische BeschästiguNg, noch weniger durch Hunger" — sie lachte bitter — „es gibt Schlimmeres!"
Den Kopf mit dem zerzausten Haar in die mageren Hände stützend, starrte sie vor sich hin in die leere Tasse, nicht mehr mit dieser tödlichen, stumpfsinnigen Gleichgültigkeit wie bisher, sondern mit wilder Verzweiflung, die unter den belebenden Einflüssen von Wärme, Licht und Nahrung gleichsam aufgewacht und fühlbar geworden war. ,
Loysen ward es unbehaglich, aber sein menschenfreundliches Ziel vor Augen, sprach er teilnehmend weiter: „Gewiß mag es noch Schlimmeres geben. Sie haben wohl irgend ein scheußliches Pech gehabt im Leben? So mir nichts, dir nichts geht man doch nicht ins Wasser."
„Pech. Jawohl. Das stimmt."
„Haben Sie denn niemand, der Ihnen helfen könnte?"
„Jawohl!" sagte sie ironisch — „ich hatte einen, der mir geholfen hätte .... und von dem haben Sie mich getrennt. Sie! — Und jetzt fragen Sie wehleidig: Haben Sie denn keinen Helfer! —'Ohne Sie wäre mir nun schon seit einer Stunde geholfen." '
„Tas meinte ich nicht. Ich meinte einen Freund, einen Verwandten, was weiß ich . . ."
„Mir kann nur der Tod helfen. Mit Geld, wie Sie wohl denken, wäre mir schon gar nicht zu helfen. Keine Million könnte mir wiedergeben, was ich verlor — mein Leben, meine Seele, mein Bestes . . . einen Schatz, um den mich, hätte ich .ihn noch, Tausende beneiden würden! — Jawohl, solch ein elender, halber Mensch, das bin ich!" — Ihre Stimme versagte, mit zuckenden Händen strich sie sich das Haar aus dem blutleeren, elenden Gesicht.
Lochens Unbehagen wuchs. Was meinte sie nur? dachte er und hätte am liebsten nicht weiter gefragt, aber sie sollte ja sprechin und die Gegenwart vergessen.
„Sehen Sie, Fräulein, nun haben Sie so viel gesagt, daß ich doch wohl fragen darf: Was ist's denn? — Reden Sie sich's 'mal von der Leber 'runter, das ist viel besser, wie einen Kummer in sich hineinfresseu. Ich habe auch ein gewisses Recht auf Ihr Vertrauen. Sie tun mir aufrichtig leid, denn Sir sehen so gottserbärmlich elend und unglücklich aus."
„Das weiß ich", sagte sie gleichgültig, „es kommt nicht drauf an. Wenn Sie aber wirklich Bedauern und Teilnahme für mich haben, so will ich Ihnen erzählen, löte ich so heruntergekommen bin."
Hier brachte der Kellner das bestellte Essen. Loysen zog die Schüssel zu sich herüber und machte sich scheinbar eifrig ans Essen. In Wirklichkeit zerschnitt er das Fleisch nur: „Erzählen Sie doch!" bat er. Im Grunde interessierte ihn die vermutlich sehr fragwürdige Geschichte der armen Probiermamsell sehr wenig — er konnte sich die Stufenleiter so deutlich vorstellen/ die von leichtgläubiger Liebe zum Sprung ins Wasser führt — aber während sie ihm das vorjammert, ißt sie vielleicht unbewußt, was er ihr hinschieben wird.
„Meine Geschichte läßt sich in vier Worten erzählen" —. begann sie und lachte dann wieder verzweifelt auf — „nur vier Worte sagen alles'! — Aber groß kann Ihre Teilnahme nicht sein, sonst merkten Sie es doch selber. Fällt Ihnen denn nichts an mir auf? Hören Sie mir denn nichts an? Muß ich es wirklich e rst sagen: Ich — verlor — meine — Stimme!"
Darin, wie diese spröde, schwache Stimme im leidenschaftlichen Affekt in heiseres Fauchen umschlug, lag die Bestätigung des Gesagten.
Loysen war sprachlos. Er fühlte sich erschüttert, ohne selbst recht zu wissen, weshalb. An so etwas hatte er gar nicht gedacht. Ganz verwirrt sah er sie an, die wieder mit toten Augeit des Leere stierte. Tann fragte er, töricht genug:
„Ihre Singstimme? — Sind Sie denn Sängerin?"
Sie verzog den blassen Mund in bitterer Selbstverhöhmmgr „Ich wars. Einen Abend lang! — Und dann wars ans,"
„Am Theater?" —
„Ja."
„Im Chor?" fragte er zögernd.
Das armselige, dürftige Geschöpf im fadenscheinigen schwärzen Kleidchen sah ihn mit diesem freibigeit, hungrigen _ Gesicht plötzlich unsagbar hochmütig an. „Solistin!" — gab sie scharf zurück und das schmale Näschen reckte sich in die Höhe.
Ganz unwillkürlich erhob er sich ein wenig auf seinem Sitz und neigte den Kopf: „Erlauben Sie, daß ich mich vorstelle, mein Fräulein. Leutnant von Loysen."
„Mein Name ist Luise Becker. Mein Theateruame Wae Luisane."
Sie sagte das wieder ganz gleichgültig, und et bat sie, ihm mehr zu erzählen. Dabei schob er ihr den Teller mit dem kleingeschnittenen Fleisch näher und näher. Sie beachtete es nicht, sondern sprach, oft vom rauhen, häßlichen Husten unter» brachen, weiter:
„Es gibt eben Unglücksvögel in der Wslt, und ich bin deren einer. Mir scheint, ick passe nirgends hin — am Wenigsten


