1908
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Herr Lecoq.
Kriminal-Roman von E. Gaborlaü, Nachdruck verboten.
(3ortfeßung.)
Ein einzigcsmal »uv habe ich sie in jener Zeit gesehen, unterbrach der Herzog sie. Aber das war wegen des alten Barons d'Escorval.
Ich weiß, ich Weik. . . Chnpin hatte mir diese Unterredung nicht gemeldet, er hatte mir evoas vorgelogen. Ich befahl ihm, am selben Abend die Borderie schars zu betvachen und mir genauen Bericht über jede Bewegung zu machen, die in dem Hause vorginge. Aber ich mißtraute ihm und ging deshalb in später Abendstunde selber nach der Borderie, um das Haus der Nebenbuhlerin zu beobachten, und um zu sehen, ob Chnpin auf seinem Posten wirre. Chnpin war noch nicht da, aber es war auch noch früher, als er kommen sollte. Während ich, in den Schatten des nahen Gebüsches gedrückt, wartete, öffnete sich plötzlich die Tür der Borderie. Eine weibliche Gestalt erscheint auf der Schwelle. Ich erkenne sie, es ist Marianne. Sie späht in die Nacht hinaus, sie scheint ungeduldig zu sein. Offenbar wartete sie auf jemanden. Auf Iven? Mir war es nicht zweifelhaft: sie wartete auf ihren Geliebten, auf meinen Gatten.
Sie geht nach- dem Wege hinunter, der an dem Hause vorüber- führt; sie geht diesen Weg entlang, ich sehe sie um die Biegung desselben versehwinden.
Sic hatte die Tür hinter sich weit offen gelassen; ich konnte dem Drangt nicht widerstehen, ich mußte sehen, wie sie wohnte; ich glaubte bestimmt, ich würde meinen Verdacht bestätigt finden. Und in der Tat, wie ich in Acn ersten Stock hinaufgestiegen war, dessen Fenster ich von unten hell erleuchtet gesehen hatte, da fand ich einen luxuriös eingerichteten Salon, daneben ein Kabinett mit einem prachtvollen Bett mit seidenen Decken.
Mit einem Schlage war mein Verdacht Gewißheit geworden. Wer konnte ihr einen solchen fürstlichen Glanz in einem Bauernhause bieten, als ein freigebiger, ein vornehmer Geliebter? — Und es schrie in mir nach Rache! ,
Da fällt mein Blick auf einen Kasten, der auf einem Stuhl neben dem Kamin steht. Deo Deckel ist zurückgeschlagen, es sind eine Menge Schächtelchen und Fläschchen darin. Ich nehme eins von den letzteren in die Hand: es trägt einen Zettel, worauf ein Totenkopf abgebildet ist.
Ich sehe mich int Zimmer um. Auf dem Kaminsims steht eine Schale mit einer dampfenden Flüssigkeit. Ich koste; es ist Fleischbrühe. Hatte sie sie für sich selber oder für den erwarteten Besucher zurechtgemacht? Was gcht's mich an! Und, ohne mich weiter zu besinnen, schütte ich den ganzen Inhalt des Fläschchens, ein Pulver, in die Schale hinein. _ „ ,
Im selben Augenblick höre ich unten ein Geräusch. Marianne kommt zurück. Ich gehe leise in das Kabinett nebenan und lehne die Tür nur an. Denn ich wollte alles hören und sehen; ja! ich wollte mich an ihren Qualen weiden!
Marianne tritt ins Zimmer. Sie ist heiter und fröhlich? geschäftig gcht sie ab und zu und deckt ein kleines Tischchen!. Sie deckt es für zwei Personen. Kein Zweifel mehr möglich; sie erwartet Martial.
Wer warum trinkt sie denn ihre Fleischbrühe nicht? Doch! plötzlich fällt ihr's ein, daß sie die Tasse auf dem Kaminsims vergessen hat. Sie nimmt sie in die Hand, sie setzt sie mt di« Lippen, sie schlürft den ganzen Trank hinunter.
Es war geschehen...
Schon nach wenigen Minuten fing das Gist^ augenscheinlich an zu wirken. Marianne wurde bleich, Schweißtropfen traten ihr auf die Stirn, ihre Lippen färbten sich blau, sie sank auf einen Sessel und sah mit einem ratlosen Ausdruck um sich.
O mein Gott, mein Gott! Wie leide ich! flüsterte sie.
Ich in meinem Versteck — ich freute mich! Marianne Ivars früher meine Freundin gewesen, als ihr Vater noch Schloß Sair- meufe bewohnte. Wir hatten uns sogar sehr gerne, gehabt. Aber daran dachte ich nicht mehr. In mir jubilierte es: ich habe meine Rache!
Ich trat ans dem Kabinett heraus; sic sollte wissen, daß sie an Gift starb, sie sollte wissen, wer es ihr gereicht!
Du? rief sie mit weitaufgerissenen Augen. Du, Blanche?
Ja, ich! Ich habe dir das Gift gegeben, du sollst wisse»/ daß man mir nicht ungestraft meinen Gatten raubt!
Deinen Gatten? Aber du bist rasend. Ich habe den seit einem Jahr vor wenigen Tagen zmn erstenmal wieder gesehen, und nur auf die paar Minuten.
Gewiß. Und das genügt auch. Ihr habt euch verabredet, für dieses niedliche Liebesnest!
Liebesnest! Aber was sagst du? Ich erwarte hier den alten Baron d'Eseorval, den Vater meines Gatten Maurice.
Oh! In jenem Augenblick war mir's, als fchwände die Erde unter mir. Mörderin! Mörderin, um nichts, um ein Phantom l Ich stürzte Marianne zu Füßen, ich flehte sie an, mit zu sagen, wie ich ihr helfen könnte. Ich zeigte ihr das Fläschchen, das ich wieder in den Kasten geworfen hatte; sie müßte doch ein Gegengift kennen . . . ' 3u spät. Zn spät. Nur einmal öffnete sie noch die Augen, als ich immer wieder rief, sie dürfe nicht sterben, sie solle mir verzeihen.
Blanche, flüsterte sic. Ich verzeihe dir — aber unter einer Bedingung. Ich habe einen Sohn von Maurice. Er weiß nicht, wo er in Pflege gegeben ist. Schwöre mir, daß du das Kmd seinem Vater zuführen lassen willst.
Ich schwöre cs dir, bei der Liebe Gottes. Mo ist das Kmd, sprich, sprich!
Aber sie antwortete nicht mehr. Sie war tot.
Ein Geväilsch an der Tür jagte mich empor. Um Gotteswillen, wenn man mich als Mörderin ergriff! Ich wollte fliehen, da steht der Chnpin in der Tür und grinst mich an. Aber das haben Sie gut gemacht, Fran Marquise, sagt er. Dann zieht er mich fort; wir müßten schnell verschwinden, ehe Leute kämen.
Kaum find wir ein paar Schritte von der Borderie entfernt, da springt aus dem Gebüsch eine Gestalt ans uns los, ich sehe ein Messer blitzen, und Chnpin stürzte getroffen zu Boden. Am an-


