Samstag den 7. November
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Herr Lecoq.
Krimiiial-Ziomau von E. Gabor tau.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
28. Kapitel.
Wenn eine Kriminaluutersuchuug ein Kampf zwischen der Gerichtsbehörde und dem Angeklagten ist, so luirb jedenfalls dieser Kampf mit sehr ungleichen Waffen geführt, und zwar liegt der Vorteil bei Weitem auf feiten der Behörden. Gewöhnlich endet denn auch der Kampf zu ihren Gunsten. Und doch trägt, trotz dem furchtbaren Mißverhältnis der Kräfte, zuweilen der von der Außenwelt aufs strengste abgeschlossene Angeklagte den Sieg davon. Wenn er ganz sicher ist, daß durchaus kein Beweis des Verbrechens vorliegt, wenn nicht etwa seine Vorstrafen gegen ihn zeugen, so kann er durch uubeirrtes grundsätzliches Leugnen, aller Anstrengungen der Justiz spotten.
Dies war genau die Situation, deren sich Mai, der geheim- Nisvolle Mörder, erfreute. Segmüller und Leeoq gestanden es sich denn aitch mit schnrerzlichem Bedauern ein. Sie hatten hoffen können, ja müssen, daß Polyte Chupin oder dessen Frau ihnen die Lösung des Rätsels geben würden — diese Hoffnung war zu schänden geworden.
Ich möchte wetten, rief plötzlich der Richter, aus seinem Nach- denken, auffahrend, ich möchte wetten, daß die beiden Leute etwas wissen, und wenn sie wollten. . .
Sie werden nicht wollen.
Aber warum nicht? Welches Interesse leitet sic dabei? Ah, um diese Frage dreht sich alles. Wer weiß, durch was für blendende Versprechungen man das Schweigen eines elenden Schurken wie Polhte Chupin erkauft hat! Auf was für eine Belohnung rechnet er, daß er sich durch sein Schweigen einer tatsächlichen Gefahr aussetzt?
Lecoq antwortete nicht, aber man sah an seinen zusammcnge- Mgcnen Augenbrauen, daß. er mit Anspannung aller seiner Geisteskräfte nachdachte.
Eine Frage, Herr Richter, sagte er endlich, setzt mich noch mehr in Verlegenheit, als alle anderen zusammen; wäre diese Frage gelöst, so hätten wir einen gewaltigen Schritt vorwärts getan.
Und was ist das für eine Frage?
Sie fragen sich, Herr Richter, was man dem Chupin versprochen hat? Ich nbev frage mich, wer ihm etwas versprochen hat.
Wer? Offenbar der Komplize, der unfaßbare Mensch, von dem alle Jntriguen ausgehen, die uns umstricken.
Gewiss! antwortete Lecoq. Ich erkenne auch hierin seine Hand. Aber welchen Kniff hatte ev sich diesmal ausgedacht? Daß er sich auf der Polizeiwache mit der Witwe Chupin verständigt hat — Nichts einfacher als das! Wir wissen ja, wie er es gemacht hat. Aber wie hat «er es angcsangen, mit Polyte in Verbindung zu kommen, der int Gefängnis so scharf überwacht ist?
Lecoq sagte nicht alles, was er dachte; er schwächte im Go« genteil seine Ansicht ab, aber Segmüller verstand ihn und fuhr? von seinem Stuhl empor, indem er rief:
_ Was sagen Sie mir da? Wie, Sie denken, einer von ben Gefängnisbeamten hat sich bestechen lassen?
. Leeoq wiegte mit ziemlich zweideutigem' Ausdruck den Kopf. Endlich antwortete ev:
Ich glaube nichts. Bor allen Dingen verdächtige ich niemand. Aber ich suche. Hat Chupin etwas vorher gewußt oder nicht?
Ja, ganz gewiß!
Das steht also für uns fest. Mm denn, so muß man, tiuü sich dies zu erklären, aunehmeu, daß er entweder Beziehungen zum Gefängnispersonal unterhält, oder daß er einen Besuch nst Sprechzimmer bekommen hat.
Eine dritte Möglichkeit ließ sich allerdings kaum annehnre«. Segmüller war von denr Gedanken sichtlich stark beschäftigt. Er schien zwischen mehreren Entschlüssen su schwanken; plötzlich aber entschied er sich, stand auf, nahm seinen Hut und sagte:
Ich will mir diese Ungewißheit vom Halse schaffen; kommen Sie, Herr Lecoq.
Sie gingen hinaus und waren in zwei Minuten vor dem Nn- tersuchungsgefäugnis. Cs wurde gerade eben das Essen aus- geteilt; der Direktor hatte sich zur Ueberwachung dieses Dienstes ringefunden und ging im ersten Hofe mit Govool auf und ab. Sobald er den Richter bemerkte, eilte er ihm mit sichtlicher DienAp beflissenhrit entgegen.
Ohne Zweifel, mein Herr, begann er, kommen Sie wegen! des Untersuchungsgesaugkuen Mai?
Allerdings.
Da von einem Angeklagten die Rebe war, so glaubte Gewvol keine Indiskretion zu begehen, titbent er sich ben Herren näherte. Ich unterhielt mich gerade mit Herrn Kriminalinspektor über ihn, fuhr der Direktor fort, und erzählte ihm, wie sehr ich Ursache habe, mit dem Betragen des Mannes zufrieden zu -seist, Wir brauchten ihm nicht nur nicht die Zwangsjacke wieder an- zulegen, sondern seine Stimmung ist sogar völlig umgeschlagen. Er ißt mit gutem Appetit, ist lustig wie ein Spatz und scherzt mit den Wärtern.
Na, ja, rief der General; als er sah, daß man ihn erwischt hatte, kau: die Verzweiflung über Hut. Nachher hat er sich über legt, daß er wahrscheinlich seinen Kopf durchbrmgeu wird, daß das Leben im Zuchthaus immerhin ein Leben ist, rtnd daß außerdem aus dem Zuchthaus heraustemnten kauu.
Der Richter und Lecoq hatten einen unrnhigen Blick ge* wechselt. Diese Lustigkeit des angcblichett Akrobatett gehörte vielleicht zu seiner Molle; vielleicht aber rührte sie daher, daß er bestimmt wußte, allen Nachforschungen eilt Schnippchen schlage« zu können, oder gar — wer konnte es wissen? — daher, daß er eine Nachricht von draußen empfangen hatte.
Diese letztere Mutmaßung drängte sich unwillkürlich bcitt Geist des Untersuchungsrichters ans und er fragte:
Sind Sie sicher, Herr Direktor, daß durchaus keine Mibi


