gegenüber, und es ist zumindest auffällig, daß diese Beispiele von außerordentlicher Lebensdauer sich meist in Ländern ereignet haben sollen, die eilt genaues Zivilstandsregister nicht führen oder wenigstens nicht mit jener Zuverlässigkeit, die allein die ungewöhnlichen Behauptungen stützen könnten. Immer sind es unbekannte Persönlichkeiten in abgelegenen Ländern, und weder unter den bekannten Gelehrten, Aerzteu, Künstlern, noch unter den Fürsten und Päpsten hat man je Beispiele einer ungewöhnlichen Lebensdauer feststellen können. In einer umfangreichen Untersuchung, die im „Journal des Devats" soeben veröffentlicht wird, wird darauf hingewiesen, daß auch vom Altertum uns manche Beispiele außerordentlicher Lebensdauer übermittelt werden, aber auch hier ist das Beweismaterial kaum von unanfechtbarer Ueberzeugungskraft. So wird berichtet, daß die Schauspielerin Lueeia in Rom noch im .Alter von 112 Jahren auftrat und von der Tänzerin Ga- leria Capiala wird erzählt, daß sie noch 90 Jahre nach ihrem Debüt ihre Kunst öffentlich ausübte. Plinius beschäftigt sich im 7. Bande seiner Historia naturalis mit dem Ergebnis der großen Volkszählung, die Vespasian und sein Sohn im Jahre 74 vornehmen ließen und er gibt dabei eine Reihe interessanter Nachrichten über Falle von Makrobie, aber auch sie entbehren der letzten Beweiskraft, da sie sich im Grunde nur auf die Angaben der Beteiligten selbst stützen. Von größerer Bedeutung dagegen sind die Resultate, die sich aus der vergleichenden Zusammenstellung altrömischer Gräberiuschriften ergeben haben. Da sieht man denn zunächst, daß die Langlebigkeit in den einzelnen Gebieten des römischen Reiches stark variiert. Während in Rom selbst die Lebensdauer verhältnismäßig beschränkt bleibt, häufen sich insbesondere in den Gebietsstrichen von der Kyrenaika bis zum Atlantischen Ozean, also in Tunis, Algerien und in Marokko die Fälle von Makrobie in auffälliger Weise. Die Untersuchungen von Renier haben bei 482 Grabplatten, die Altersangaben enthielten, nicht weniger als 23 Fälle ergeben, in denen die Verstorbenen ihr 100. Lebensjahr erreicht und überschritten hatten; ja es finden sich sogar Platten, die von 125, 137 und selbst von 170 Jahren reden. Diese Angaben freilich geben der Forschung ein Rätsel auf und lassen es nicht unmöglich erscheinen, daß bei der Gravierung der Steine Irrtümer unterlaufen sind. Jedenfalls ist es zweifellos, daß die afrikanischen Provinzen des römischen Reiches weitaus die meisten Fälle von außerordentlicher Lebensdauer zu verzeichnen haben. In seinen römischen Inschriften aus Algerien konstatiert Renier unter 4000 Grabsprüchen 3 Fälle von über 90 Jahre, 10 von 100 Jahren und 21, die zwischen 101 und 132 Jahren variieren. Dagegen zeigen die in Rom gesammelten Inschriften nur sehr wenige besondere Fälle von hohem Alter; die 4213 Inschriften des Berliner Corpus z. B. enthalten ■2 Fälle von über 100 Jahren und 16 Fälle zwischen 80 und 97, von denen wiederum nur drei über 90 hinausgehen. -Jetzt ist eine neue Untersuchung erschienen, die über die Römerzeit zurückgreifend einen interessanten Vergleich zieht zwischen den Sterblichkeitsverhältnisseu im alten Aegypten und der Gegenwart. Der englische Statistiker Pearson hat seine Forschungen auf das zweite vorchristliche Jahrhundert beschränkt und diesen die gegenwärtigen Verhältnisse in England gegenüberstellt. Seine Untersuchungen basieren auf 141 Mumien, die einer genauen Prüfung unterzogen wurden; die kleinste war eine Kindermumie von 18 Monaten und die älteste eine männliche Mumie von 86 Jahren. Auf Grund dieses Materials hat Pearson die Kurve der Lebenswahrscheinlichkeit gezogen und ihr eine moderne gegenüberstellt. Er hat dabei die soziale Rangklasse der Verstorbenen entsprechend in Rechnung gesetzt und kam schließlich zu außerordentlich interessanten Resultaten. Es hat sich gezeigt, daß die Lebeuswahrschein- lichkeit des Aegypters vor 2000 Jahren wesentlich geringer ivar, als die des modernen Menschen. Die ägyptische Kurve ist flacher und weniger hoch, besonders in der Phase der Kindheit und der Jugend. Im höheren Alter
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dagegen erhebt sie sich, der Unterschied verkleinert sich und bei 68 Jahren stoßen die Linien aufeinander. Daraus ergibt sich, daß vor dem 68. Jahre die Lebenschaueeit int heutigen England ungleich besser liegen, als im alten Aegypten. Unter 100 zehnjährigen Engländern erreichen heute 39 das 68. Lebensjahr, während in Aegypten von 100 Individuen kaum 9 das Ziel erreichen. Besonders interessant aber ist es, daß sich hinter dieser Grenze die Verhältnisse verschieben: von nun an erhebt sich die ägyptische Kurve über die englische. Das zeigt, daß in Aegypten die Lebenschaneen eines Greises, war einmal das 68. Jahr erreicht, ungleich günstiger waren, als int heutigen England. Die höchste Sterblichkeit zeigt die ägyptische Kurve zwischen dem 4. und 5. Lebensjahr, zwischen dem 26. und 27. und dann beim 70. Offenbar waltete hier eine Art natürliche Auslese, die heute durch die Heilkunst beeinflußt wird. Die moderne Hygiene rettet Individuen das Leben, die vor 2000 Jahren gestorben wären; aber sie gibt ihnen nicht die Kraft, die Lebensdauer zu verlängern. So sterben die meisten in einem gewissen Alter, das früher nur die: ganz Gesunden erreichten und dann auch noch weit überschritten. Der Fünfundzwanzigjährige kann heute auf 15 Lebensjahre mehr rechnen, als der Aegypter im gleichen Alter; aber andererseits wiederum ist der ägyptische Greis ausdauernder als der moderne. So ist der Mensch int Verlaufe der Jahrtausende nicht stärker und robuster, sondern eher schwächer geworden. Und damit ergibt sich auch, daß die Fälle außerordentlicher Langlebigkeit sich immer mehr verringern; nimmt man die vom Altertum überlieferten Beispiele von Makrobie als bewiesen an, so muß man hiuzusügen, daß sie mtwiderruflich der Vergangenheit an» gehören und sich in Zukunft gar nicht oder immer seltener wiederholen werden.
Die Zarin zu Hause.
Von dem Leben der russischen Kaiserin und ihrer Kindesi entwirft eine mit den Verhältnissen vertraute Persönlichkeit in der letzten Nummer des Munsey Magazine ein fesselndes Bild, das erhöhtes Interesse gewinnt durch dis jüngsten Nachrichten über den besorgniserregenden Gesundheitszustand der Zarin, die kürzlich in die Oeffentlichkeit gedrungen sind. Die Kette bitterer Ereignisse, die Rußland im letzten Jahrzehnt heimgesucht hat, ist an der jugendlich fröhlichen heiteren hessischen Prinzessin, die voll froher Erwartungen ihren Mädchennamen Alice mit dem Ueber- tritt zur russischen Kirche gegen das volltönende Alexandra Feodorowna vertauschte, nicht spurlos vorübergeglitten. Ditz kühle Haltung, mit der die Kaiserin-Witwe der jungen Schwiegertochter gegenübertrat und bald darauf die Wirrnisse, die ihr neues Vaterland erschütterten, haben dem einst so weichen lebensfrohen Gesicht ihren Stempel anfgedrückt. Die Wucht der Ereignisse zerstörte die anmutigen Umrisse ihres Mädchenweseus und ihr einst freier sorgloser Blick hat die harmlose Fröhlichkeit von ehedem verloren. Wts eine dunkle Wolke lagern die politischen Geschehnisse über dem russischen Kaiserhofe und auch das innige reine Familienglück, das die junge Fürstin an der Seite ihres Gatten und im Kreise ihrer heranblühenden Kinder gefniiden hat, gewann nie vollkommene Macht über die düsteren Schatten, die von fern her unfaßbar sich auftürmten. Die Sorge um ihre Kinder ward der Inhalt ihres Lebens. Daß die ersten vier von ihnen Mädchen waren, weckte im abergläubischen Volke manches bedenkliche Kopfschütteln; aber seitdem der kleine Großfürst Alexis geboren ward, find die alten Befürchtungen vergessen. Wenn die heimliche Sorge über das Gesicht der Mutter den trüben Schleier heimlichen Grams ausgebreitet hat, so strählt die harmlose Fröhlichkeit gesunder Jugend aus dem Wesen der Zarenkinder und trägt einen Quell sonniger Heiterkeit in das stille Familienleben des russischen Herrscherpaares. Drs älteste Tochter, die Großfürstin Olga, ist ein anmutiges fröhliches Mädchen von 13 Jahren und in ihr schemr Mer frische Humor und jene ursprüngliche Freude gn der Setter-.


