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entdecke, intb dann sage ich: „Ta!" Ich will wich hängen lassen. Wenn all die eingebildeten Geschichten des Rapports anderswo existieren, als im Gehirn des Verfassers. Lauter Unsinn!
Vielleicht war dies wirklich seine aufrichtige Meinung, denn cs gibt Leute, die die Eitelkeit so blind macht, dass sie die offen--- bare Wirklichkeit leugnen.
Indessen, da sind doch die Frauen, deren Fußspuren existiert haben, bemerkte der Richter. Ter Komplize, der diese Woll- slocken auf einem Balken hinterlassen hat, ist ein lebendiges Wesen. Dieser Ohrring ist ein greifbares Indizium.
Gsvrol nahm sich zusammen, um nicht bei jedem Wort des Richters die Achsel zu zucken.
Tas alles, sagte er, läßt sich erklären, ohne daß man die ganze Welt auf den Köpf zu stellen braucht. Taß der Mörder einen Komplizen gehabt hat, — das ist möglich. Tie Anwesenheit von Frauen ist ganz natürlich; überall wo solches Gesindel verkehrt, findet sich Weiberpack ein. Nun der Tiamant! Was beweist er? Einfach, daß die Spitzbuben einen guten Fang gemacht hatten, daß sie hierher gekommen tvaren, um die Beute zu teilen, und daß es bei der Teilung Streit gegeben hat.
Tas war eine Erklärung und sogar eine so wahrscheinliche, daß Escorval eine Zeitlang nachdenklich schwieg.
Nein, erklärte er endlich, ich entscheide mich für die Hypothese des Berichtes. Wer hat diesen abgefaßt?
Gsvrol wurde vor Zorn röter als ein Ktebs.
Der Verfasser, antwortete er, ist einer von meinen hier anwesenden Beamten, eilt schlauer und geschickter, „Herr" Lecoq . . . Vorwärts, Bursche! Kömm heran, daß man dich sehen kann.
Ter junge Beamte trat vor, auf den Lippen ein mühsam verhaltenes Lächeln der Befriedigung.
Ter Bericht, «mein Herr, ist nur oberflächlich, begann er, aber ich habe gewisse Ideen . . .
Sie werden mir diese sagen, wenn ich Sie danach frage, unterbrach ihn der Richter. Und ohne sich um Lecoqs Enttäuschung zu bekümmern, nahm er aus der Aktenmappe seines Sekretärs zwei gedruckte Formulare, die dieser ausfüllte und Gävrol reichte, indem er sagte:
Hier sind zwei Formulare für das Untersuchungsgefängnis. Lasseir Sie den Angeschuldigten und die Wirtin dieser Kneipe abholen und sie nach der Präfektur bringen, wo sie in strenger Einzelhaft zu halten sind!
Nachdem er diesen Befehl gegeben, wandte d'Escorval sich zu den beiden Aerzten, als der junge Beamte, auf die Gefahr, noch einmal angefahren zu werden, sich aberntals an ihn wandte und fragte:
Dürfte ich die Bitte an den Herrn Richter wagen, diesen Auftrag mir anzuvertraueit?
Unmöglich! Ich könnte Sie hier nötig haben.
Es wäre mir nur deswegen außerordentlich erwünscht gewesen, weil ich gerne gewisse Indizien gesamnielt hätte und die Gelegenheit dazu sich nicht wieder bieten wird. . .
Ter Untersuchungsrichter begriff vielleicht Lecogs Hintergedanken und antwortete:
Meinetwegen denn; aber in diesem Falle werden Sie mich aus der Präfektur erwarten, wohin ich mich sofort begebe, sobald ich hier fertig bin. Gehen Sie!
Lecoq ließ sich die Erlaubnis nicht zweimal sagen: er nahm die Befehle und eilte hinaus. Er lief nicht, er flog über das 'freie Feld hin. Bon den Anstrengungen der Nacht verspürte er nichts mehr. Niemals hatte er seinen Körper so kräftig und geschmeidig, seinen Geist so klar und hell gefühlt.
Er hoffte, er vertraute und er wäre vollkommen glücklich gewesen, wenn er mit einem anderen Untersuchungsrichter zu tun gehabt hätte. Herr d'Escorval genierte ihn in einem Grade, daß es seine Tatkraft lahmte. Mit welcher hochmütigen Miene hatte er ihn von oben bis unten gemessen, mit welchem gebieterischen Ton hatte er ihn schweigen geheißen, und das, nachdem er eben Vorher seine Arbeit gelobt hätte!
Aber bah! sagte <r zu sich selber. Hat man hienieden denn iewals eine ungemischt Freude?
Und er lies \
11. Kapitel.
Als nach zwanzig Minuten scharfen Laufes Lecoq bei der Polizeiwache an der Barrisre d'Jtalie ankam, ging gerade der Wachtmeister, mit der Pfeife zwischen den Zähnen, vor dem Ge- häude auf und ab. An seiner nachdenklichen Miene, an dem unruhigen Mick, womit er fortwährend nach einem' kleinen ver- tzitterten Fenster sah, konnte man erkennen, daß er in diesem Augenblick einen seltenen Vogel in seinem Käfig hatte. Ms er he» jungen Polizisten erkannte, heiterte seine sorgenvolle Stirn ,WÄuf,sM.u,iüerbrach seinen Spaziergang und fragte:
Na? gibt's was Neues?
Ich bringe den Befehl, die Gefangenen nach der Präfektur z» schaffen.
Sofort rieb der Wachtmeister sich die Hände, als wollte er die Haut cntzwcischeuern und rief:
Meinen Segen haben Sie! Ter Zellenwagen kommt binnen einer Stunde vorbei, wir werden sie fein säuberlich hineinpacken, und dann: Hüh, Kutscher!
Lecoq mußte diesen Gefühlsausbruch unterbrechen. Er fragte: Sind die Gefangenen allein?
Mutterseelenallein! Die Frau auf der einen Seite, der Man» auf der anderen. Tie Nacht hat keine Gäste geliefert ... für eine Faschingssonntagsnacht sehr überraschend. Allerdings ist ja eilte Jagd unterbrochen worden.
Sie haben aber doch einen Betrunkenen gehabt?
Richtig, ja! Heute morgen, ganz früh. Ein armer Teufel, der dem Gsvrol eine Flasche vom besten bezahlen sollte.
Vom allerbesten sogar!
Ja, das steht fest, obgleich Sie darüber zu lachen scheine». Ohne Gsvrol wäre er überfahren worden.
Und was ist denn aus diesem Betrunkenen geworden?
Der Wachtmeister antwortete achselzuckend:
Ach, du lieber Gott. Ta fragen Sie mich zuviel. Es war ein braver Mann, der die Nacht bei Freunden verbracht hatte; als er an die frische Lust kam, packte ihn sinnlose Betrunkenheit. Er hat uns das auseinandergesctzt, als er nach Verlauf einer halben Stunde wieder nüchtern geworden war. Nein, ich habe niemals einen Menschen gesehen, der sich eine derartige Kleinigkeit so zu Herzen nahm. Er weinte darüber. Er wiederholte! immerzu: „Ein Familienvater! in meinem Alter! das ist beschämend! Was wird meine Frau sagen? was werden die Kinder denken? . .
Er sprach viel von seiner Fran?
Bloß von ihr! Er muß uns sogar ihren Namen gesagt haben: Eudoxie, Läocadie, sowas Aehnliches war's. Der arme gute Kerl glaubte, er hätte sich was zu schulden kommen lassen, und ma» würde ihn im Gefängnis behalten. Er bat einen Dienstmann ih seine Wohnung zu schicken. Ms man ihm sagte, er wäre frei, glaubte ich, er würde vor Freude verrückt, er küßte uns die Hände! Und er machte sich aus dem Staube! Nicht umgesehen hat er sich!
Und Sie haben ihn mit dem Mörder zusammengesetzt? fragte Lecoq.
Selbstverständlich.
Die beide» haben miteinander gesprochen?
Gesprochen! Na womit den»? Der gute Mann war voll, ich wiederhole es Ihnen; so voll, daß er nicht mal mehr hätte „Baff" sagen könne». Ms man ihn ins Loch brachte, bums! siel er hin wie ein Sack. Sobald er auswachte, hat man ihist geöffnet. Nein, gesprochen haben sie nicht miteinander.
Der junge Beamte war nachdenklich geworden. Meine Annahme stimmte ganz getimt! murmelte er.
Sie sagen ?
Nichts!
Lecoq lag nichts daran, seine Gedanken dem Machtmeistep mitzuteilcn. Sie waren nicht gerade heiterer Art.
Ich hatte es gewußt, dachte er, dieser Betrunkene, natürlich lei» anderer als der Komplize, ist ebenso geschickt, wie kühn und kaltblütig. Während wir seine Fußspuren verfolgten, belauerte er uns. Wir entfernen uns, er wagt, in die Kneipe einzudringem Dann läßt er sich hier verhaften, und cs gelingt ihm, dank einem Kniffe von kindlicher Einfachheit — wie alle erfolgreichen Kniffe sind — de» Mörder zu sprechen. Mit welcher Vollen,- düng hat er seine Rolle gespielt! Alle Schutzleute auf der WachH sind daraus hineingefallen, und sie verstehen sich doch wahrhaftig auf Betrunkeite. Absrich weiß, daß er eine Rolle spielte — und das Gegenteil von «lieht, was er sagt, halten muß. Er hat vost seiner Familie, feiner Frau, feinen Kindern gesprochen: folglich hat er weder Kinder, noch Frau, noch Familie.
Er unterbrach sich, er hatte ganz vergessen, wo er war, und daß dies nicht der Augenblick war, sich in Mutmaßungen zu verlieren.
(Fortsetzung folgt.)
Die menschliche Lebensdauer einst und jetzt.
Hin und wieder dringen Nachrichten in die Oessentlich- keit von Greisen, die ein außerordentlich hohes Lebensalter erreicht haben und noch mit 110, 120 oder gar noch mehr Lebensjahren einer verhältnismäßig guten Gesundheit sich! erfreuen; die Wissenschaft steht diesen Fällen skeptisch


