Ausgabe 
7.10.1908
 
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Mittwoch den 7. Oktober

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Alle Anwesenden waren von brennender Neugierde erfüllt, und der Kommissar drückte daher das allgemeine Gefühl aus, als er sagte:

Herr Untersuchungsrichter Haden ohne Zweifel den Schuldigen verhört und wissen jedenfalls. . .

Ich weih nichts! unterbrach d'Escorval, über die Frage an­scheinend sehr überrascht.

Er setzte sich an den Tisch und begann, während feilt Sekretär die üblichen Eingaugsformcln des Tatbestandprotokolls nieder­schrieb, den von Lecoq verfaßten Bericht zu lesen.

In eine dunkle Ecke gedrückt, bleich, fieberhaft aufgeregt, bemühte sich der junge Beamte, auf dem Gesicht des Richters zu lesen, welchen Eindruck seine Arbeit auf diesen machte. Es han­delte sich itm seine Zukunft, die von einem Ja oder Nein abhing.

Wenn ich doch, dachte er, selber meine Sache vortragen könnte! Was ist denn ein geschriebener Satz, int Vergleich mit dem leben­digen, mit Begeisterung und Ueberzeugung vorgetragenen Wort!

Bald fühlte er sich aber beruhigt.

Tas Antlitz des Untersuchungsrichters bewahrte seinen starren Ausdruck, aber er nickte zum Zeichen der Zustimmung mit denk Kopf, und zuweilen entlockte ihm sogar eine besonders gut dar­gestellte Einzelheit einNicht übel!" oderSehr gut!"

Als er fertig war, sagte er zum Kommissar:

Ties alles sieht sich aber ganz anders au, als Ihr Bericht von heute früh, worin diese dunkle Angelegenheit als eine Schlägerei zwischen ein paar elenden Vagabunden dargestellt war.

Tiefe Bemerkung war nur zu richtig, und der Kommissar selber bedauerte es jetzt anstervrdentlich, daß er sich so ganz und gar auf Govrol verlassen hatte und ruhig im warmen Bett ge­blieben war. Er antwortete daher ausweichend:

Heute früh hatte ich meinen Bericht gemäß den ersten Ein­drücken anfgesetzt; diese haben sich infolge späterer Nachforschungen bedeutend geändert, so daß...

Oh! unterbrach ihn der Richter, ich habe Ihnen durchaus keinen Vorwurf zu machen, sondern kann Ihnen int Gegenteil nur meinen Glückwunsch aussprechen. Es konnte gar nicht besser und schneller verfahren tverden. Tiefe ganze Untersuchung zeugt von großem Scharfsinn, und besonders sind die Ergebnisse mit einer seltenen Klarheit und Bestimmtheit dargcstellt.

Lceog wurde ganz wirbelig vor Freude.

Ter Kommissar zögerte eine Sekunde lang. Er fühlte sich versucht, das Lob einzustecken. Aber er war ein anständiger Mann, außerdem tvar eS ihm nicht unangenehm, wenn Gevrol zur Strafe für seine anmaßende Leichtfertigkeit sich ein wenig ärgern mußte.

Ich muß gestehen, sagte er daher, daß nicht mir die Ehre dieser Untersuchung zu kommt.

Tann also dem Kriminalinspektor, sagte d'Escorval, nicht ohne Ueberraschung, denn er hatte schon mit Gevrol zu tun gehabt und traute ihm den km Bericht hervortretenden Scharfsinn und vor allem den Stil desselben bei weitem nicht zu. .

Also haben Sie, fragte cv Gsvrol, diesen Fall so geschickt angefaßt? , r

Ich, ganz gewiß nicht, nein! antwortete dieser, ^ch W nicht so viel Geist! Ich begnüge mich damit, zu melden, was ich

Herr Lecoq.

Kriminal-Roman von E. G a b o r i a u.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.) 10. Kapitel.

Sämtliche in derPfefferbüchse" Anwesenden kannten wenig­stens von Ansehen den eintretenden Untersuchungsrichter, und Gevrol, der seit so langer Zeit int Justizpalast verkehrte, flüsterte seinen Namen: Maurice d'Escorval.

Er war ein Sohn des berühmten Barons d'Escorval, der im Jahre 1815 seine treue Anhänglichkeit an das Kaiserreich beinahe mit dem Leben bezahlt hätte, dem Napoleon auf Sankt Helena das prachtvolle Lob zuteil werden ließ: Es gibt wohl, ich will es glauben, ebenso ehrenwerte Männer wie Escorval, aber ehrenwertere nein, das ist unmöglich!

Schon in jungen Jahren in die Beamtenlanfbahn eingetreten, mit bemerkenswerten Fähigkeiten ausgerüstet, schien d'Escorval zu den höchsten Ehrenstellen bestimmt zu sein. Er machte indessen alle derartigen Voraussagungen zuschanden, indem er hartnäckig alte ihm augetragenen Beförderungen ansschlug, um seine be- iiheidene, wenngleich nutzbringende Tätigkeit beim Seinegerichts­hof bcizubehalten. Trotz seinen glänzenden Verbindungen, und feinem, seit dem Tode eines älteren Bruders sehr beträchtlichen Vermögen führte er die zurückgezogenste Existenz» aus der er nur durch seine große Wohltätigkeit hervortrat. Er war ein Mann von 42 Jahren, der indessen jünger aussah, obgleich die Haare über seiner Stirn sich bereits zu lichten begannen. Sein Gesicht wäre bewunderungswürdig schön gewesen, wenn nicht eine furcht­einflößende Unbeweglichkeit es entstellt hätte. Auch waren seine zu dünnen Lippen durch einen sarkastischen Zug verunschönt, und seine hellblauen Augen hatten einen toten Ausdruck.

Ihn als kalt und ernst zu bezeichnen, wäre zu wenig gesagt gewesen. Er war die verkörperte Kälte und Ernsthaftigkeit.

Gleich bei feinem Eintritt in das Schaukzimmer, von dem grauenvollen Anblick betroffen, richtete Herr d'Escorval kaum an die Acrzte und den Kommissar einen zerstreuten Gruß. Tic übrigen zählten nicht für ihn. ... ,

Sofort begab er sich mit Aitspannung aller seiner Geistes­kräfte an die Arbeit. Er prüfte den Schauplatz der Tat und be­trachtete die geringsten Gegenstände, mit jener Aufmerksamkeit des Richters, dec die Bedeutung der Einzelheiten kennt, und weiß, wie beredt ziiweilen äußerliche Anzeichen sein können.

Ein schwerer Fall! sagte er endlich. Ein sehr schwerer Fall!

Ter Polizeikommissar hob zur Antwort nur die Augen zum Himmel, als ob er sagen wollte: Wem sagen Sie das?

Ter würdige Kommissar fand in der Tat seit etwa zwei Stunden seine Verantwortlichkeit außerordentlich drückend, und er segnete die Ankunft des Bcamten, der ihn davon entlastete.

Ter Herr Staatsanwalt hat mich nicht begleiten tonnen, sagte Herr d'Escorval, er besitzt nicht die Gabe überall zu sein, und ich bezweifle, daß es ihm möglich sein wird, Mir hierher Nachzukommen. Wir wollen daher einstweilen anfangen.