Äuch im Hause, den FreuudiuNen gegenüber nimmt sie eine bevorzugte Stellung ein, und gar manche hat eine „Star"-Existenz hinter sich, noch bevor sic einen Schritt auf der Bühne tat.
Anfängerinnen! Ja, ivann hat sie denn angefangen? Auf dem Stuhl stehend im Salon ihrer Mutter, und wenn cs keinen Salon gab, auf der Schulbank, beim Aufsagen der „Kraniche des Jbykus"? Der Himmel verzeih' ihr die falschen Betonungen, die die Lehrerin gedankenlos überhört, weil die Zensur doch nur für die richtige Wortfolge ausgestellt wird. Das Fünkchen persönlichen Temperaments wird entweder streng unterdrückt oder über Gebühr bewundert.
• Die Kleidung tut das Ihrige. Ein Talent kann nicht ungezogen und frisiert sein wie andere Kinder. Da, wo die Mittel beschränkt sind, ersetzt eine nicht immer geschmackvolle Originalität das luxuriöse Raffinement.
Natürlich hat so ein kleines Fräulein auch frühzeitig ihre eigenen Ansichten, hauptsächlich über Kunst; sie stehen vor allem mal im Gegensatz zu den Ansichten ihrer Eltern, „denn eben, luo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein".
Nach der Einsegnung wird studiert — nicht gelernt. Bewahre! Daß ihnen noch dies und jenes fehlt, geben die meisten gern zu, hauptsächlich iveint sie einen Sprachfehler haben. Aber das sind Kleinigkeiten; wichtig ist nur das Engagement, zu dem einem der Meister eben verhelfen muß. Darum werden auch mit Vorliebe jene Meister und Schauspielschulen ausgesucht, die mit ihren idealen pädagogischen Zwecken auch praktische Agenturen verbinden. Diese Brutstätten junger Talente sind zugleich oft deren erstes Verderbnis. Da werden bei halb öffentlichen Aufführungen mit ganz öffentlichem Entree die ersten Erfolge gemacht. Die Familien sind vollzählig beisammen; je größer die Favnlie, desto größer der Erfolg. Die Quintessenz der Künstlerlaufbahn drängt sich nun machtvoll für die junge Novize in drei Stunden zusammen: Ehrgeiz, Hoffnung, Mißgunst, Kabale, Neid, Applaus, Blumen, Schmeicheleien, verliebte Blicke, nur eines fehlt — die Kritik, Gott sei Dank, Gott sei Dank! Und so getragen von den Wolken des ersten Erfolges, stürmt sie die Agenturen.
•_ Anfängerin? Oh, nein! Hunderte haben ihr zu- 'gejubelt! Ihr Fach? Madame Sansgtzne, Herzogin Cre- vette und — Nora!
„Arme Nora, wie hast du dir verändert!"
Endlich der erste Kontrakt. Bißchen iveit von Berlin. >,Pah, mit der Eisenbahn!" Und nun gibt's zwei Möglichkeiten: entweder sie spielt wirklich die Nora, oder sie meldet an: „Gnädige Frau, es ist serviert!" Damit ist meist für sie die Saison entschieden.
Und wühl ihr, wenn ihre Karriere urit diesenr einen Satz beginnt. Das „Große-Rollen"-Fressen ist das größte Verderben für eine — man verzeihe mir das harte Wort — Anfängerin. Von einer eingehenden Ausarbeitung einer Rolle kann bei dem überhasteten, durch steten Repertoire- Wechsel bedingten Einstudieren in der Provinz nicht die Rede sein. Es werden Worte gelernt, und man merkt sich Stellungen: links — rechts — sitzen — aufstehen — rübergehen — ab- und eintreten. Dazwischen wird ein bißchen gelacht, ein bißchen geweint, und zehn Bogen sind heruntergerasselt. Man wird routiniert, ohne etwas zu können, und wenn's dann gilt, an anderem Orte, an ernsterer, ruhiger Stelle etivas zu zeigen, dann ist man erst am Anfang und kann noch gar nichts.
Die bemitleidete Kollegin aber, die immer „das servierte Diner" anmeldete und schon bei einiger Begabung langsam von Rolle zu Rolle sich die Bühne eroberte, hat die wahre Schule durchgemacht. Ob sie diese als erste oder als letzte verläßt, hängt von ihrem Talent ab.
Alle Anfängerinnen haben einen Traum: die große Rolle in Berlin. Daß sie sich der großen Rolle gewachsen fühlen, ist selbstverständlich, denn Furchtlosigkeit ist eine ihrer reizendsten Eigenschaften. Sie haben die Sicherheit
der Nachtwandlerin, die Man nur nicht anrufen darf. Sie ivürden Cake-Walk tanzen am Rande eines Abgrundes, denn sie haben ein Unbesiegbares, Unleugbares: ihre JUgend. Und das sind nicht die schlechtesten, diese dick-, häutigen Frischlinge, die eine Jungfrau von Orleans und eine Maria Stuart ohne Bedenken „hinlegen" würden und vorn Regisseur per „der Kaffer" sprechen, wenn er ihnen an der kleinsten Rolle demonstriert, daß sie noch nicht gehen und steh-n können. Schlimmer sind die Sensitiven. Sie haben immer Tränen in den Augen, sie säuseln und nuscheln, sie sind die ewigen Opfer der Ungerechtigkeit und Verständnislosigkeit ihres Regisseurs und ihrer Kollegen. Aber die Allerschlimmsten: die denkenden Anfänge-, rinnen.
Das sind meist junge Damen mit guter Schulbildung —„geduldete" junge Damen. Sie erklären dem Regisseur sofort ihre psychologische Auffassung der Rolle.
„Diese Zehne"---
„S-—zene", verbessert der Regisseur.
„Na ja. Also die Zehne verlangt eine ganz intense Stimmung", belehrt die junge Dame.
„Erst lernen Sie mal sprechen! Und dann kommen Sie mir mit „Stimmung"!" faucht der Regisseur, der natürlich ein „ungebildeter Knote" ist.
Keine Probe ohne Geplänkel. Das junge Fräulein wundert sich, daß es nicht weiter kommt. Man denke doch: die Bildung, die Intelligenz, die psychologische Schärfe! Und da kommt so eine ungebildete Gans und spielt ihr alle Rollen weg! — Auch die Frau Mama ist entrüstet und macht Besuche, führt ihre Beziehungen ins Treffen: Pro-, fessoren und sogar Regierungsräte! Aber das Theater ist ei» verflucht demokratisches und vor allem ein — antifamiliales Institut. Beziehungen, die Mama ins Treffen führt, nützen nie etwas; da muß sich das Fräulein schon selbst bemühen.
Und manch eine bemüht sich redlich. Gleich beim ersten Besuch in der Agentur oder beim Direktor macht sie Anspielungen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Der gesamte Inhalt des Juwelenkästchens blitzt an Ohren, Armen, Fingern der Debütantin. Eine Wolke; von Wohlgeruch umhüllt ihre Gestalt. Es raschelt und knistert nur so von Seide und Samt, und den holden, trotz der Jugend meist schon gefärbten Lippen entströmen temperamentvolle Schilderungen eines schier fabelhaften Repertoires — feenhafter Toiletten und Kostüme. Wer könnte dem widerstehen? Die wenigsten der Direktoren tun es. Als Zugabe bringt die hoffnungsvolle „Anfängerin" noch eilt paar befrackte Fremdenlogen-Abonnenten ins Haus. Besitzt sie nun gar die Genialität, dem Direktor einen „stillen Teilhaber" zuzuführen, dann ist ihre Karriere gemacht, wenigstens für eine Saison, solange das „stille Kapital" reicht. Große Anforderungen an ihre Tätigkeit werdest nicht gestellt, aber sie kann int nächsten Fahr einen fabelhaften Kontrakt mit einer glänzenden Gage vorzeigen, und die Bogen, die sie nicht vor den Kulissen gesprochen, hat sie hinter den Kulissen geredet.
Nur wenigr Jahre dauert's, und dann gibt es nur Schauspielerinnen — gute und schlechte. Aber die gute und die schlechte denken mit Wehmut zurück an die Zeit ihrer ersten Anfänge — Pardon, ihrer ersten Erfolge.
(Ein Hauslehrer vor M Jahren.
Im Jntelligenzblatt für Schmarzburg - Sondershausen Nr. 36 vorn 8. September 1802 findet sich folgendes köstliche „Dien sterbietcn", das uns als eine Satire anmutet. WaS wurde doch damals von Einem Kandidaten der Theologie nicht alles verlangt! Unsere Zeit hat ihre Ansprüche doch gegen anno dazumal bedeutend heruntergeschraubt. Die Offerte, wie wir jetzt leider sagen würden im Zeitalter Alldeutschlands, hat folgenden Wortlaut:
„EZ wird in einem angesehenen Hause ein Hofmeister gesucht, der seinen Dienst sogleich antreten kann. Vor der Hand braucht derselbe nur vier Zöglingen Unterricht zu geben, aber sowie bie


