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Werden. Und um den Zukunftsmenschen zu gestalten, so wie er in stillen Stunden in unseren Träumen lebt, soll die Mutter Bruckenbaueriu werden und eine Brücke schlagen von der Gegenwart bis hin zu ihren Ahnungen von Kindesglück und Menschenwürde.
Mit dieser großen Perspektive schloß der erste Vortrag.
Das Vereinsleben.
Am 11. April folgte der zweite Vortrag, der sich „Gegen das Vereinsleben" richtete. Ellen Key geißelte es in seiner heutigen schädlichen Wirkung auf die Selbstkultur. Sie verwarf das Vereinsleben in seiner jetzigen Form, ohne dabei den Einfluß zu übersehen, den dieses auf die Bildungsbewegung des Arbeiterstandes ausübt. Darum trat Ellen Kep für die Schaffung eines neuen Vereinstypus ein. Bei diesem muß vor allen Dingen die Paragraphenherrschaft aufhören. Denn nur der Verein kann in vollem Maße seinen Zweck erfüllen und sein Ziel erreichen, wo sich ein Einzelner an seine Spitze stellt und die Leitung übernimmt. Selbstherrscher sind es imnier, die die großen und kleinen Welten mit Erfolg regieren. Sie gleichen dem Genie, das keine Machteinschränkung kennt und frei sein muß, um Großes zu leisten. Diej Vcreins- mitglieder würden nur durch Geldbeiträge sich zu betätigen brauchen.
Ellen Key's Mahnruf gegen das Vereinsleben galt besonders der Jugend, die, früh hineingerissen, keine Zeit findet zur Sclbst- entwicklung rind Selbstvertiefung und dadurch allmählich zu einer großen Oberflächlichkeit gelangen muß. Nicht die Gemeinsamkeit ist es, die einem jungen Menschen nottut, sondern die Einsamkeit. Erst wenn er sich selbst zu einer Persönlichkeit durch- gerungen, kann er der Allgemeinheit nützen. Der einzige Weg, um sich und anderen ein glückliches Leben zu schaffen, führt vom Idealismus zum Sozialismus. Das Familienleben aber ist die Basis, auf der sich das Glück der Zukunft für einen jeden Menschen ausbaut. Wie sehr aber dieses gerade durch das Vereinsleben zu leiden hat, ist bekannt. War das Familienleben früher vergleichbar mit einem dumpfverschlossenen Landhause, wo kein Lichtstrahl eindringen konnte, so ist es heute gleich den: .Hause, das alle Fenster geöffnet hat und seine Wärme hinauslüßt in einen kalten Wiutertag.
Und dennoch kann ein Familienleben nicht schön genug gestaltet werden, um die Seele eines Kindes mit Reichtum zu füllen, den es nötig hat, wenn cs ins Leben hinaustreten soll. Und wieder entwarf Ellen Key in kühnen Strichen das Bild des Znkunftsmenschen. Ihre Stimme nahm dabei einen tiefen Klang.an und ihre Ausführungen rissen die Hörer fort. Sie schilderte die Sehnsucht des Menschen als sein Bestes. Und so erhofft sie von der Zukunft, daß Jndividualisnnrs und Sozialismus sich vereinigen werden, wie die rechte und die linke Hand zu ge- ru infamer, heilbringender Arbeit für des Glück der Menschheit.
Unter Beifallsstürmen verabschiedete sich Ellen Key. Sie verließ Berlin etfl kurz nach Ostern, um in Hamburg und anderen Orten für ihre Ideale zu spreche!! und zii werben.
Vermischies.
"Die Stadt der Pillendreher. Wie es in Deutschland bekanntlich eine Stadt des Bieres und der Mettwürste gibt, so hat Amerika eine Stadt der Pillen aufzuweisen. Es ist dies die Stadt Detroit. 6 Milliarden Pillen in allen Farben und Größen werden alljährlich von dort verschickt, und dabei ist das nur ein Drittel der dort hergestellten Pillen, der größte Teil bleibt in Amerika selbst. Der Verbrauch an Arzneimitteln in Pillenform geht in Amerika ins ungeheuerliche; man hat ausgerechnet, daß pro Jahr auf den Kops 60 Pillen kommen. Dabei ist die „Pillengewohnheit" noch unaufhörlich im Wachsen begriffen, vor allen: beim weiblichen Geschlecht. Ein Grund dieses enormen Verbrauches dürfte in der unhygienischen Lebensweise der Amerikaner, in dein übermäßigen Verbrauch von Eiswasser zu suchen sein. Zu den reichlich 2000 verschiedenen Sorten Pillen werden jedes Jahr noch ungefähr 200 neue „hinzuerfunden", deren Rezepte meist weniger Eigenart als Geschäftssinn verraten. Die Pillenindustrie beschäftigt nicht nur viele Tausende von Arbeitern innerhalb Detroits, sondern sie veranlaßt manchen Fabrikbesitzer auch zu kostspieligen Expeditionen, um die nötigen Rohmaterialien gxi beschaffen. Auf diese Weise werden mcht selten tatsächlich neue und wertvolle Arzneimittel für den Markt gewonnen. Natürlich wird die ganze Fabrikation in allergrößtem Maßstabe betrieben. Der Teig wird in gewaltigen Maschinen gerollt und klein
geschnitten, dann weiter mit der Hand verarbeitet. Bei dieser Art der Herstellung ist eine gewandte Arbeiterin imstande, täglich mehrere tausend Pillen zu drehen, aber eine Maschine liefert heute schon 200000 Pillen pro Tag, das bedeutet 10 000 Schachteln zu 20 Stück.
Vücherschau.
— Eine in französischer Sprache verfaßte Geschichte der französischen Literatur ist von den Professoren Camille Cury und Otto Bverner herausgegeben worden. (Histoire de la littorature francaiise ä l'usage des ötudiants. Leipzig 1908, Verlag von B. G. Teubner. 387 S. Preis geb. 5 Mk.) Von den beiden Verfassern, von denen der erstere in Charlottenbura, der letztere in Dresden-Blasewitz wohnt, spricht auch der letztere, der Osficicr d'Acadsmie ist, trotz seines deutschen Namens als Franzose: wo in dem Buche von „unserer Sprache", „unserer Dichtung", „unserer Geschichte" die Rede ist, kann das „unser" rmmer durch „französisch" ersetzt werden. Tas Buch beginnt mit einem Ueberblick über die Grundlagen und die Entwicklung der franz. Sprache, der so treffend und klar und bei aller Küavpheit so vollständig ist, daß man sich mit Vertrauen in das Buch einliest. Eigentümlich sind die Ncbersichten, die vielen Kapiteln vorgedruckt sind und das Wiederholen und Behalten erleichtern. Biographien sind nur bei den Autoren mitgeteilt, deren Werke gleichsam die „Resultante" ihres Lebens sind. Besonders aus- führlich find bic großen Dramatiker behandelt, Corneille, Racine, Moliove. Von ihren wichtigsten Dramen ist nicht nur der Inhalt angegeben, sondern cs sind auch die Hauptpersonen charakterisiert: Vorzüge und Mängel des Stückes werden hecvorgehoben, die Handlung und Wandlung wird zuweilen durch die einzelnen Akte hin verfolgt, auf einzelne ausgezeichnete Szenen wird hingewicsen; eine treffliche Parallele zwischen Corneille und Racine füllt allein acht.Seiten. Fesselnd und lehrreich ist der trotz seiner Kürze erschöpfend zu nennende Vergleich, der zioischen dem 17. und 18. Jahrhundert gezogen wird. Den Großen des 18. Jahrhunderts ist ebenso viel Platz eingeräumt wie denen des 17. In der Schilderung des 19. Jahrhunderts, die fast ein Drittel des Buches einnimmt, ist der Vergleich zwischen der klassischen und der romantischen Schule besonders einleuchtend und lesenswert, ebenso die Kennzeichnung der realistischen und der naturalistischen Schule, sowie die Uebergänge zwischen beiden. Wenn es von Flaubert heißt, zwei oder drei Romane von ihm, in erster Linie „Madame Bovary", seien die besten Romane des Jahrhunderts, so scheint uns das zu viel gesagt. Im ganzen genommen aber ist diese Literaturgeschichte nur zu empfehlen, und nicht etwa den Studenten allein, für die sie freilich zunächst bestimmt ist: sie !vill die Lektüre der französischen Schriftsteller nicht überflüssig machen, sondern erleichtern und fördern: außerdem ist sie so fesselnd geschrieben, daß jeder Kenner des Französischen gern darin lesen, wird.
Goldene Worte.
Was man scheint, hat jedermann zum Richter, Was man ist, hat keiner.
Ein hohes Kleinod ist der gute Name,
O, der ist noch nicht König, der der Welt gefallen muß. Nur der ist?, der bei seinem Tun
Nach keines Menschen Beifall fragen muß.
Gehst du furchtsam und zart mit deinen Leiden um, so siechen sie heißer ivie Brennesseln, ivenn man sie nur leise berührt. Aber gleich ihnen verletzen sie wenig, wenn du sie herzhaft und derb handhabst. Jean Paul („Levana").
Rätsel.
Zwei Silben hab' ich: du schaust mich Zu Wasser und zu Land.
Doch dreifach ist meine Bedeutung lind jedein wohl bekannt.
Ich ivohne in des Wassers
Kristallenen! Revier, Und ost kannst du erblicken Blich als der Tafel Zier. Doch zu gewissen Zeiten Treibt mich der Wandersinn; Ich gleit über die Wogen Mit Kameraden dahin.
Und wenn im Frühlingszauber
Du wanderst über das Land, Siehst du mich in langen Reihen Durch des Landmanns Fleiß gebannt. A. Ammann.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Bilderrätsels in voriger Ntnnmer: Not bricht Eisen.
Redaktion: P. Witt ko. — Rotationsdruck und Berlaa der Brübl'fchen Universitats-Buch- und Stemdruckerei, R. Lange, Gießen.


