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Eine halbe Stunde spater stand das Brautpaar Var ihm und dann saßen sie alle zusammen int Hintergrund der Halle, Loyfen und Edeltraut auf deut Rohrsofa, Wilhelm auf seinem gewohnten Stuhl und Anne Marie trotz seiner Bitten auf einer niederen Bank, fast zu seinen Füßen.
Lvysen hatte erzählt, er habe Hochiverth gekauft. — Anfang Oktober ziehe die Familie Ellenheim aus, und wann gestatte Wilhelm, daß er mit Edeltraut bort einziehe? — Er sah den Freund fragend und bittend an. Der dachte eine Weile nach und schien sich das, was er sagen wollte, erst zu überlegen.
„Herzensfreund," sagte er endlich, „daß du Hochwerth kaufst, freut mich von Herzen. Dir kommt es zu. Hättest btt mich gefragt, an welchem Tage ich dir meine Schwester zuführen will fürs Leben, so hätte ich gesagt: Den Tag hat sie zu bestimmen. Und so sei es. Da du mich aber fragst, mt welchem Tage du mit ihr in Hochiverth einziehen sollst, so ist meine Ansicht die, daß es erst geschehen möge, wenn du den Pallasch endgültig aus der Hand legst."
lieber Lohsens Stirn zog ein Schatten, er trollte etwas entgegnen, kurz und herb, aber ehe er Worte fand, fuhr Wilhelm fort:
„Ja, glaube mir nur, es ist so und nicht anders! Um Hochwerth sorge dich nicht —- Anne und ich werden drüber ivachcn, als sei es unser Eigentum — sie kann das und noch einiges mehr! — Du aber mußt mit Edeltraut in das Leben zurück, das dich Pflichterfüllung inib Selbstverleugnung gelehrt hat und in welchem für dich Zufriedenheit und Glück wurzelten. Ich kenne dich doch, Helmuth, und weiß, wie bald es dir ein Stachel im. Gewissen wäre, wiesest du die altvertraute Waffe um persönlicher Kränkung willen zurück. Helmuth, nur mit dieser in der Hand kannst du ganz gesunden. Kämpfe dich durch die Bitterkeit unverständiger Vergebung — cs ist vielleicht schwerer zu tragen, als die verständnislose Verurteilung.... aber es muß dir gelingen. Sie sind ja doch im Grunde alle deine Freunde, du mußt es lernen, zwischen Berufserfüllung und kameradschaftlicher Anteilnahme dich wieder heimisch und wohl zu sühleit — und bist du einst wieder ganz stark befriedigt, ganz ansgesühut — dann kehre hierher zurück. — Tas ist meine Meinung, lieber Freund, aus reiflicher Erwägung hervorgegangen, lind auch um deine Liebste sorge dich nicht, sie sprach einst viel von der Uu- möglichkeit, int haltlosen geselligen Getriebe einer Garnisott- stadt —“
Edeltraut sprang auf und legte ihm beide Hände auf den Mund.
„Aber ich bitte dich," flüsterte sie, „mache ihn doch nicht wieder irre! Du hast ja so recht. Und sein Glück ist mein Glück."
„Tas weiß ich, du tapferer, erprobter Kamerad," sagte Wilhelm.
Eine Weile blieb dann alles still. Lvysen hatte sich abgewandt. In seinen Zügen kämpfte cs noch. Wilhelm beugte sich vor und hielt ihm die ausgestreckte Hand hiir.
„Lieber, guter Helmuth, sich doch, wie ichs meine. Alle Beredsamkeit möchte ich anwenden, um dich zu dieser Entscheidung zu bringen, die dich bewahren würde vor der schrecklichen Vereinsamung der Mcnschenverachtung. Du stehst an ihrer Schwelle."
Ta hellte sich des Zaudernden Antlitz auf. Ein Lächeln und ein Verstehen leuchtete drin und die bargebotene Hand fassend, sagte er:
„Tit hast recht. Ich danke dir, Wilhelm!"
Und Wilhelm hatte recht. Drei Jahre genügten, um im altgewohnten Berufsleben aus Helmuth Lvysen wieder das zu machen, was er einst gewesen war. Mit der Zeit wurde aber der Wünsch, Edeltraut in ihr gewohntes Element zu versetzen und selbst sortan ganz ihr und der Zukunft seiner beiden Kinder zu leben, stark in ihm — seine bevorstehende Versetzung in die Hauptstadt gab deir äußeren Anlaß. Er nahm den Abschied und siedelte mit seiner Fantilie nach Hochwerth über. Sein Kstabe sollte hier im alteit Hause aufwachsen.
Für Edeltraut reihten die Jahre Wunder an Wunder — aber das größte erschien ihr immer, daß auch in Rothaide ein Sohn artswuchs, ein schönes, kräftiges Kind, die Freude und der Stolz der Eltern. In dieseur Sonnenschein ist Anne Marie zu rosiges Frische und Gesundheit erblüht und ihr ganzes Wesen atmet Glück und Liebe. Auch ist der Tag längst gekommen, «n welchem sie zn ihrem Bruder sagte:
Lj „Helmuth, was du getan hast, war gwß und gut."
Eklen Ueq in Berlin.')
(Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl.").
Mutter und Kind.
Drei Jahre sind vergangen, seit Ellen Key in Berlin zum erstenmale vor ihr deutsches Publikum getreten ist. War auch damals schon die Zahl ihrer Verehrer und verständnisvolles Leser eine große, so konnte es doch nicht ausbleiben, daß viele lediglich durch die Sensationslust herbeigelockt worden waren. Die Menschen aber, die diesmal, in den ersten Tagen des April, den Klindworth-Scharweuka-Saal füllten, bildeteit im wahrsten Sinne des Wortes ihre Gemeinde: (Sine würdige Zuhörerschaft, die fast ausschließlich atts Frauen bestand. Auch mt Tages- größen fehlte cs nicht. Alle harrten erhobenen Sinns der nordischen Denkerin. Als der Vortrag um 8 Uhr beginnen sollte, flutete eine Welle der Erregung durch den Saal. Man fühlte, wie ein jeder auf den Moment wartete, Ellen Key begrüßen zu können. Und da erschien sie — ein Bild edelster. Frauenwürde. Unter weißem Haar ein lebhaft frisches Antlitz, in dem sich reinste Menschengüte spiegelt. Ihre stattliche Figur umschloß ein schwarzes Gewand, an ihr herunter wallte ein zarter lihg Schal. In der Hand trug sie einen Fliederstrauß, der ihr überreicht worden war und in schönster Weise mit den Farbentönen ihrer Gewandung harmonierte. Mit einer Schlichtheit, die aus jedem Zuge ihres Wesens spricht, trat sie aus das Podium, breitete ihre Manuskripte aus, legte die Uhr zur Seite und begann. Sie hatte das Thema „Mutter undj Kind" gewühlt. Ueberaus treffend waren ihre Darstellungen der jetzigen fehlerhaften Zustände int Verhältnis von Mutter und Kind. Armut, Erwerbsleben sowie der Reichtum mit fernen zahllosen gesellschaftlichen Verpflichtungen tragen die Schuld, daß die Mutterpflichten oft nur in geringem Maße erfüllt werden. Auch wo Ideale vorhanden sind, werden sic meistens zertreten durch die Macht, die starre Gesetze und Vorurteile heute noch ihr entgcgenstellen. Die Kluft zwischen ehelichen und unehelichen Kindern ist noch immer nicht überbrückt. Da heißt es denn, neue Wege suchen. Hierzu machte Ellen Key ihre Vorschläge. Die Steigerung des Verautwortlichkeitsgefühls , itt jedem Menschen gegen sich selbst und die künftige Generation sei die Grundbedingung einer Reform. Nicht, vom Pfarrer, sondern vom Arzt solle der Jugend das 6. Gebot gepredigt werden über alle Gefahren des Sexuallebens für sie selbst und ihre Kinder und Kindeskinder. Ilm die Rechte der unehelichen Kinder zu heben, schlug Ellen Key vor, auf eine alte Sitte ihres Landes zurückzugreifen und gleich bei Eingehung eines. Verlöbnisses einen Kontrakt unter Zeugen zu schließen. Int Falle, daß Kinder aus solchem Bündnis hervorgingen, ohne daß die Ehe geschlossen würde, so sollten diese dieselben Rechte auf Vater und Mutter besitzen wie jedes eheliche Kind.
Als eine weitere Reform schlägt Ellen Key die Einführung einer Art von Wehrpflicht für jede Frau vor. Ebenso wie der Mann soll die Frau verpflichtet sein, ein Dienstjahr durchzumachen und in diesem die Erziehung zur Mutter erhalten, welche die Erlernung der häuslichen Wirtschaft, Gesundheitsund Krankenpflege sowie Kindererziehnng in Theorie und Praxis umschließt. Solchen Frauen, die diese Erziehung genossen, wird im Falle, daß sie Mütter werden, ein Mutterlohn gewährt, der zusammeuzubringeu ist durch Kommunalsteüer und besonders durch eine progressive Vaterschaftssteuer. Durch diesen Mickterlohu soll jede Frau freie Pflege nach der Geburt und mehrjährige Unterstützung für die Erziehung des Kindes erhalten, um auf diese Weise ihre Lasten zu erleichtern und ihr die Möglichkeit zu geben, das Kind bei sich zu behalten. Denn die bescheidenste Häuslichkeit sei für ein Kind wertvoller als das Großziehen in den Krippen, Kinderhorten und sonstigen Anstalten, wo für Herz- und Gemütbildung wenig geschehe. Bier Abschnitte unterschied Ellen Key bei der Erziehung des Kindes und stellte diese, einem deutschen Meister folgend, unter das Symbol der vier Evangelisten: Löwe, Ochs, Adler, Mensch!. In den ersten Lebensjahren ist das Kind das kleine wilde Tier, das sich tummeln will und dem man seine Freiheit lassen foll. Denn gar bald muß es schon lernen die Lasten anderer zu tragen und wird so das Herdentier. Schule und! Kirche treten in ihre Rechte, und cs wird so lange an betrt Kinde gebildet, bis der fertige Ochs dasteht. Eltern und Erzieher blicken bann stolz darauf, in der Meinung, ihre, Pflicht getan zu haben. Doch nun treten in Wahrheit erst die wichtigsten Ausgaben an sie heran: Flügel dem Kinde zu geben, auf daß fein Geist sich entfalten kann zum stolzen Ädlerfluge. Hier aber versagen die Kräfte der meisten Eltern. Als Stellvertreter aller gewesenen und zukünftigen Generationen, die sie sein sollen, haben sie nur geringe Anrechte auf ihre Kinder und dürfen fie nicht an sich fesseln. Sie sollen die höchsten Ziele ihnen weisen, damit die Kräfte, die sich in ihnen entfalten, beitragen mögen zur Steigerung des ganzen Lebens. Nur so kann die höchste Stufe erreicht werden, das Mensch-
*) Infolge technischer Umstände gelangt dieses Referat etwas verspätet zum Abdruck.


