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Gin quälendes, zielloses Hciustveh erfaßte ihn. Es war wohl das Heimweh nach dem Verlorenen, Herrlichen, das nie wiederkommt, rind ihm war, als sähen ihn alle, die ihm begegneten, schon so an wie einen, der für immer fortgeht. Er ging an den alten Häusern vorüber mit ihren Giebeldächern, Blumenfensterchen und schwarzem Fachwerk auf weißem Grund, er betrachtete die blauen und schwarzen schmalen Ladenschilder wie ein Frenider, der den Ort zum erstenmal sieht. Um den alten Brunnen auf dem Markt spielten ivie immer Kinder mit Murmeln, und saßen die Hökerinnen mit ihrem Krani. Bier Linden, krumm und knorrig und entsetzlich verstutzt, umstanden bett Brunnen, der nachts so laut und voll rauschte. Trüben ragten die Kirchtürme über die Hausdächer empor, von Dohlen umflattert. Alles das sah er und es schien ihn« zuzurufen: Geh! Tn gehörst ja nicht mehr zu uns!

Er versuchte an den morgenden Dienst zu denken aber dies altbewährte Mittel, jede Verstimmung zu verscheuchen, hatte heute die entgegengesetzte Wirkung. Einschneidender Schmerz burdy fuhr ihn, -daß er erschrak. Unwillkürlich sah er sie alle vor sich, die flotten, strammen Unteroffiziere, die dank ihm als die bester» Reiter imi Regiment bekannt waren, und er stand vor ihnen und sprach: Lebt wohl. Ich gehe und ihr seht mich nie wieder!

In seiner Wohnung fand er ein Billett aus Tobrau, welches ein Bote gebracht hatte. Anne Marie, die er in Wiesbaden wähnte, wo Trotz angeblich eine Badekur brauchte, schrieb ihm:

Wir sind seit drei Tagen in Tobrau. Mehrere größere Jagden stehen auf Edmunds.Programm. Nicht auf dein meinen. Weshalb, wirst Du hiev erfahren. Kannst Du morgen Herkommen? Tn wirst Recknitzens hier vorfinden. Ich erwarte sie heute abend oder morgen früh.

Anne Marie.

Also ritt er am nächsten Tage nachmittags hin. Es patzt gut, sagte er sich mit zusammengebissenen Zähnen, da kann ich es ihnen allen mit einemmal sagen, und auch das wäre überstanden. Je mehr er sich dem altbekannten Waldgebiet näherte, desto wehr war ihm tzu Mut wie jemand, der einer schweren Operation entgegengeht. Heldenhafte Selbstbeherrschung kann das innere 'Grauen nicht bannen. Es wird einen Sturm geben, wilder als der kalte Herbstwind, der ihm entgegenbraust, und diesem Aufruhr wird er standhalten müssen. Ta wird niemand sein, der ihn entschuldigt, geschweige denn mit ihm sympathisiert.

Er ritt in den Tobrauer Schloßhof, in welchem der Wind rin tolles Spiel mit den dürren Blättern trieb, die er den Platanen und Kastanien entriß und imi Wirbel umtrieb. Etwas Düsteres, Bnrgartiges hatte das Schloß,,und ein sonderbarer fahler Himmel, an welchem sich schwarze Wolkengebilde eilend hinschoben, stand Wer den Türmen und Dächern, die ein Viereck bildeten.

Fra Tiavolo stieß ein zufriedenes, murmelndes Wiehern aus, die Begrüßung der gewohnten Raststelle. Er fühlte sich hier ebensozu Hause", wie es sein Herr bis heute getan hatte. Heute, so fühlte dieser, ist auch er äumi letztenmal als einer, der Herren- rechte genießt, hier. Daß übrigens die Trotz' hier ihr Hoflager aufgeschlagen hatten, darüber konnte kein Zweifel sein. Aus dem steinernen Portal kam der elegante Hausmeister grüßend geeilt, stnd in der Halle nahm einer dieser leichtfüßigen Lakaien beim Rittmeister Mantel und Palasch ab. Tie Herrschaft sei im kleinen Salon ßeimi Whist damit glitt er lautlos vor dem Gast her, die flachen, teppichbelegten Stufen hinan.

Oben in dem Loysen so wohlbekannten Jagdsanl brannte ein loderndes Feuer in dem mächtigen Kämin. Ticke Kiefernscheite, Tannenzapfen und Wacholderbüsche ivaren zu einem Berge auf- getürmt, aus welchem die Flammen mit weißem, brodelndem Rauch, prasselnd enchorsuhren. Es duftete nach Harz, und der Feuer­schein verlieh dem Raum, so groß er ivar, eine trauliche Gemüt­lichkeit. Bor deM Karnin standen im Kreise Schaukelstühle und Niedere, altdeutsche Holzschemel. Tie Wände des Saales waren jms dunkelgrünem Grunde mit Jagdszenen aus dem 18. Jahr­hundert bemalt. Tie Wölbung der Decke ward in der Mitte durch enteil umfangreichen, viereckigen Pfeiler gestützt, um diesen lief eine braune Holzbank mit geschnitzter Rücklehne und mit Polstern belegt. Zwei aus Geweihen kunstvoll verschlungene Lampen hingen an Ketten von der Decke. An den Wänden standen steif­lehnige Stühle und dem Kamin gerade gegenüber eine aus dem Mittelalter stammende Anrichte, auf deren Borten und Aufsätzen alte, schöngearbeitete Krüge und Humpen standen und ein kupferner Samowar. Ser Saal hatte vier hohe Fenster, deren quer gestreifte, persische Vorhänge zugezogen waren und in schweren Falten herab­sielen. Eine Türe, deren Flügel weit offen standen, gewährte Wnblick in ein anstoßendes, viel heller erleuchtetes Zimmer. Tas Licht glänzte auf der srifchpvlierten Tielentäfelung und auf den schweren Gvldrahmen der Gemälde an den lichten Wänden. Das itoU -dezr UeiM Sflte in welchem die Herrschaft beim, Whist sitzen

sollte. Loysen kam leise näher. Er wollte weder angemeldet noch gleich gehört werden. Ungesehen wollte er sie sich erst alle betrachten, denn so zufrieden, heiter und seiner mit liebe­voller Ungeduld harrend, wird er sie wohl nie imi Leben wieder vor sich sehen. Er trat auf die Schwelle, und, sich etwas vorneigend, spähte er rechts um die Ecke, dorthin, woher Stimmen-! gemurmel klang. Sie hatten sein Kdmmen nicht gehört, son­dern saßen uM den grünen, zierlichen Spieltisch, die Karten in den Händen. Die kleine Gesellschaft gab ein sehr anmutiges Bild ab auf dem Hintergrund dieses in Goldbronze und zarten, lieblichen Farben leuchtenden Gemaches. Zuerst Anne Marie mit dem feinen hochfrisierten Kbps, in kupferrotem, schlank von der Büste herabrieselnden Modekleide, dessen spitzengefütterte Schleppe sich auf denn glatten Parkett kräuselte und fächer­förmig ausbreitete. Sie hatte zwei weiße, silberflockige Chry­santhemen vorgesteckt. Ihr eben fast ausdrucksloses Gesicht er­schien durchsichtig, wenn man es mit dem der Schwester ver­glich, die ihr gegenüber saß, ganz rosige Frische, das blonde Haar zu festem, glänzendem Knoten verschlungen. Sie trägt ein dunkelblaues Seidenkleid und hat auch zwei weiße Stern­blumen angestcckt, aber bei ihr sieht das alles ganz anders aus, eine frauenhafte, mütterliche Stattlichkeit charakterisiert sie daneben Conrad Recknitz, das Bild des wohlgemuten Familien­vaters, und dem gegenüber Edmund Troß der sieht schlaff und geknickt aus. Man weiß bei ihm freilich nie, ist das kör­perliches Unbehagen oder eine neue Pose, die er einem greisen­haften jungen Lord abgelauscht oder gar selbst freier! hat. Er spielt stumm und starrt, ehe er zugibt, lange in feine Kar­ten, während Recknitz jede Karte zwar bedächtig, aber mit Ener­gie auf den Tisch wirft. Auf einer Kvnsole au der Wand steht eine Uhr, deren Gehäuse aus Rosen und Amoretten in Meißner Porzellan ausgeführt ist. Sie schlägt fein und mit silbernem Wang und beide Schwestern blicken hin, sthen sich dann an und zucken die Achseln. Natürlich, sie erwarten den Bruder, sie freuen sich beide auf ihn. Es hatte einen so sonderbares Reiz für ihn, das noch etwas zu belauschen

(Fortsetzung folgt.)

Die geplante Gründung einer dsutsch-ameritanischen RepuM m der KeMon§Zeit?>

Nach imgedruckten Quellen?)

Nach dem Zusammenbruche der französischen Fremdherrschaft hatte der gemeinsame leidenschaftliche Wunsch nach Erhaltung und Stärkung der im großen Befreiungskriege bewährten nati­onalen Eigenart einen größeren Kreis von Patrioten im west­lichen Mitteldeutschland zu enger geistiger Bundesgenossenschaft zusammengeführt. In Ausführung eines von Christian Gott­fried Körner und E. M. Arndt ausgesprochenen Gedankens bildete sich in den Landschaften am Mittelrhein und unteren Main eine Reihe vonDeutschen Gesellschaften", die es sich znin Ziele fetzten, deutsche Art, Zucht und Frömmigkeit zu pflegen und der besonders in den früheren Rheinbundsstaaten noch fortbestehenden Hinneigung zu. französischer Sprache und Geistesart entgegen­zuarbeiten. Je weniger bie. Verhandlungen des Wiener Kongresses dazu angetan waren, die im Kreise Arndts und seiner Gesinnnngs- genossen auf die Neugestaltung Deutschlands gesetzten Hoffnungen zu verwirklichen, in desto entschiedenere Gegiierschaft wurden die in jenen Gesellschaften vereinigten Deutschgesinnten gegen die leitenden Mächte des Kongresses-, namentlich gegen Oesterreich gedrängt. Als feit dem Ende des Jahres 1814 der Gegensatz zwischen Oesterreich und Preußen sich in der Art verschärfte, daß die Möglichkeit eines kriegerischen Zusammenstoßes recht nahe- gerückt schien, da reifte im Schoße jener Gesellschaften der Plan zur Gründung eines großen Gehcimbiindes, der sich über ganz Deutschland erstrecken und die Einigung Deutschlands unter Preußens Führung zu seinem Wahlsprnche machen sollte, lin- mittelbar nach der Begründung des Bundes ist dessen Leiter, Justizrat Karl Hoffmann in Rödelheim, mit dem Fürsten Harden­berg in Verbindung getreten, der die Pläne in vollem Umfange billigte und seine Ausbreitung in Süd- und Mitteldeutschland eifrig förderte. Die unglückliche Wendung der preußischen Politik nach dem Abschlüsse der Heiligen Allianz hat jedoch den intimen Verbindungen des preußischen Staatskanzlers mit dem Hosf- maunschen Geheimbunde ein jähes Ende bereitet. Als es int Herbst 1815 zu der von Berlin aus angeordneten Auflösung des Bundes kommen sollte, zeigte es sich aber auch, daß die Geister, die man zur Stärkung von Preußens Stellung gerufen,-

!) Für die nachstehenden Mitteilungen konnten verschiedene im Berliner Geheimen Staatsarchive anfbewahrte Aktenbände der Mainzer Zeiitralnntersuchungskonnnifsion benutzt werden. Heber Karl Jollen und die Gießener Schwarzen" wird der Verfasser ui einer in allernächster Zeit in Buchform erscheinenden, mit Quellen­nachweisen versehenen ausführlichen Darstellung handeln.

2) Dem Juliheft derDeutschen Revue" entnommen,