Ausgabe 
7.3.1908
 
Einzelbild herunterladen

1908

w-

II"

XVIII.

Loysen stand tot? seinem Oberst und meldete ihm seine Ber-^ lobung mit Fräulein Becker, Tochter des Pfarrers Becker und Mitglied destheaters in Berlin. Zu gleicher Zeit teilte er dem Vorgesetzten seine Absicht mit, aus dem Dienst zu scheiden.

Damit war für ihn das Schwerste gesagt und überwunden, das, was immer tote ein Schreckgespenst vor ihm gestanden hatte, den «ganzen Sommer hindurch. Was besagte die Veröffentlichung seiner Verlobung in Freundes- und Familienkreisen gegen das schwere Wort an dieser Stelle. Er schied sich damit freiwillig von dem, was schrnes Lebens Inhalt bisher gewesen war! Jedoch die Szene und was sich in ihr abspielcn.musste, hatte er in ntonatelangen Vorkämpfen so oft durchgekostet und durch-, gedacht, das? seine Schmerzfähigkeit abgestumpft war und er durch die Verwirklichung des Gefürchteten ging: ohne äußerlichen Affett. Kurz und dienstlich war die Meldung und fest die stimme, die solches hervorbrachte. 1

Der ältliche, griesgrämige Kvmmandeur,, welcher nun mal von jeher für diesen Offizier ein warmes Winkelchen in tomeM verknöcherten Herzen reserviert hatte, stand wie verdonnert, steif und ftumlm. Das kam ihm tote ein Blitz aus heiterem Himmel. Niemals hätte er das für möglich gehalten. Was er jedem anderen im Regiment wohl zugetratit, bei diesem hier schien es zu W Undenkbarsten zu gehören, weil er so mit Leib unb Seme Soldat tDQt unb ihm tiic Uniform bas EhrenUeib nmv, in tvclctycm rv leben wollte und einst zu fallen hoffte...

Als er 'dann endlich Worte fand, waren es erst beschwörende, als gälte es, eilten Irrsinnigen zum. Bewußtsein zu bringen, und dann sehr harte, sehr bittere Worte. , .

Endlich war das überstanden und Lohscn stand wieder auf der Straße. Alles ringsum schien ihm verändert, weil er selbst als em anderer aus dem Hause kam, darinnen sich der Riß vollzogen, der mitten durch sein Leben ging. Er sah auf des Königs Rock herab, feiert er trug, und fühlte bereits kein Recht mehr darauf.

Bruder ! Ich sage dir, wie eine Last hat dies alles auf mir gelegen, das fühl' ich jetzt erst, wo mir zu Mut wird, als hätte ich Flügel,.

Er konnte noch nicht weiter lesen, stand auf und ging tn großer Bewegung im Zimmer hin und her. .

Für dich« hätte ich ihn mir gewünlcht, für dich! K-men andern wie ihn. Aber cs sollte nicht sein." ,

Mit einem Satz war sie an seiner Seite, das eben noch sroh erregte Gesicht tief enttäuscht. Sie nahm seinen Arm und hielt ihn zurück: , n _

Was? Für mich? Und das hättest du gewollt? Sage mir, Bruder, lvas tat ich dir, daß du mich aus dem Hause stoßen. ^"Darüber müßte er lachen, strich ihr über die Wange und sah sie gerührt (an. In innigem Einverständnis gingen, ste dann, Lohsens Brief gemeinschaftlich weiter lesend, im ßtrnmer hm und her, und als.sie mit lesen fertig waren, standen ste noch lange schweigend im Fenster. Tas eben Durchlebte hatte einen erhebenden Einfluß auf ihre Lebensgeister, unb sie empfanden ihre Einigkeit und ihre schöne, starke Geschwisterliebe als etwas, das ihnen nichts rauben könne.

Keürmth von Lovsen.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Fraii Jahn unterdrückte eilt Schluchzen. Sie hatte natürlich jedes Wort gehört und den Zusammenhang erraten. Es gab noch brave Männer in der Welt ... , ,

Ehe Loysen wieder auf den Bahnhof fuhr, schrieb er einest langen Brief an Wilhelm dieser Brief war die erste Woyltat, die er genoß seit langen Tagen. Ihm war, als fielen Ketten Von ihm ab. Bon nun an ging er seinen Weg mit festem Schritt, ohne rechts und links zu sehen. -

Eimen Tag später erblickte Wilhelm von der Haide unter den eingelaufenen Briefschaften zum erstenmal nach langen Jahren wieder das große, weiße Kuvert und die martialischen Buchstaben. Sinnend wog er bett Brief in der Hand.

Helmuth hat geschrieben," sagte er.

Edeltraut, welche am Abend vorher aus Berlin hetmgekehrt war, saß am großen Arbeitstisch und rechnete. Sie wandte den

^Lies doch erst die anderen Briefe, laß diesen noch liegen," bat sie. 1

Weshalb?"

Sie stand auf und kam neben ihn.

Was soll er dir denn Erfreuliches schreiben? Es kann dich ja nur verstimmen. Ich habe dir gesagt, wie mich, das Wieder­sehen bedrückt hat. Diese unaufgeklärte, trübe Sttmmung wird auch von seinem Briefe auf dich übergehen."

Ja, liebe Edel, gerade deshalb durch! und zuerst.

Er -nahm das Falzbein, schnitt auf und zog zwei Bogen heraus. Sie waren eng beschrieben. Edeltraut wandte sich av und seufzte: , . o (

Wer so viel Worte macht, versucht etne un voraus verlorene Sache zu rechtfertigen."

Ihr Bruder aber las mit stockender Stimme:

Lieber Wilhelm! Als erstem teile ich dir hierbei nut, daß Luise Becker heute abend meine Verlobte ward und zu Anfang des menen Jahres meine Gattin wird. Ich bitte dich, ihr als^solche seinen Platz in deinem großdenkenden Herzen einzuräumen.'

Tas Papier entfiel der Hand des Lesers. Auf seinem aus­drucksvollen Gesicht wechselten Röte und Blässe, er war zu er­schüttert, um gleich sprechen zu können. Schneller faßte sich Edeltraut und ergriff des Bruders Hand in freudiger Aulwallung:

Wilhelm, Wilhelm! Ich schäme mich vor diesem Mann!

Ich habe ihm Unrecht getan!" , e r .

Bon der Haide hob den Bogen auf und strich tote liebkosend

Über das Papier. , , , o

Tas ist mein Helmuth!" sagte er tief aufatmenb,das ist ganz er selbst. Ahnst du wohl, was er damit tut?"

Ein Großes, Gutes!" rief sie lebhaft.

Er hat sich selbst geopfert."

Sie setzte sich ganz nahe herbei und umfaßte ihn.,

>,Siehst du, Wilhelm, heute ernenne ich ihn zu meinem zweiten