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nicht alsbald wieder zu bannen- waren. In dem Augenblicke in dein Preußen seiner nationalen Aufgabe und zugleich dem Koustttuttonaltsmus sich zu versagen schien, sehen wir einen guten Teil der Mitglieder jenes Geheimbundes in leidepschnftlichcr Ver- mtterung einer radikalen demokratischen Richtung sich zuwenden, für die der Keim in der politischen Stimmung dieses von den Ideen der französischen Revolution tiefgehend beeinflußten Kreises ohne­hin vorhanden war. Am schärfsten spitzte sich die Gegnerschaft gegen die durch die Deutsche Bundesakte geschaffenen politischen Zustande Deutschlands in dem Kreise der GießenerSchwarzen" zu, die mit jener Grupps radikaler Politiker, namentlich den beiden Brüdern Wilhelm und Ludwig Sncll, bcnt Advokaten Karl Hein­rich Hofmann aus Darmstadt und dem Butzbacher Konrektor Weidig enge Beziehungen unterhielten. In den von den Führern der GießenerSchwarzen", den Brüdern August und Karl Follcn, im Jahre 1818 entworfenenGrundzügen für eine künftige Reichs- Verfassung" wurde geradezu grundsätzlich jede Anknüpfung an das hrstorrsch Gegebene abgelehnt; das einzige Heil wurde vielmehr von der Verwirklichung der Theorien des Contrüt social und von der Durchsetzung der republikanischen Staatsform erwartet. Das war die Antwort der heißblütigen Jugend auf die Fest­setzung derDeutschen Bundesakte",der unwürdigsten Ver­fassung, die je einem großen Kulturvolk von eingeborenen Herr­schern auferlegt worden war"?)

Am 23 März 1819 ist der in den weitesten akademischen Kreisen als Werkzeug des russische» Despotismus verhaßte August von Kotzebue unter dem Dolche des Jcnaischen Burschenschafters Sand gefallen. Karl Fallen und seineUnbedingten" erwarteten damals mit Zuversicht, daß diese Tat das Zeichen zu einer all- gemernen Volkserhebung nnd zur Aufrichtung des dentsch-christ- lrchen rj-rcrstaats geben werde- Um so grausamer war die Ent- tauschung derSchwarzen" und ihrer alteren Verbündeten, als es sich zeigte, daß die breiten Volksmassen nach wie vor in voll- standlger Apathie verharrten. Als dann im Gefolge der Karls­bader Beschlüsse die Knebelung der Presse, die Unterdrückung der akademischen Freiheit und die Verfolgung der hervorragendsten Patrioten durch die Mainzer Untersuchungskommission ohne Wider­spruch der Volkskreise im ganzen Bundesgebiet vor sich ging, da konnte anch Karl Füllens eiserner Starrsinn sich der Erkenntnis nicht lamger verschließen, daß seine und seiner Gesiiluungsge- nossen Rolle in Deutschland ausgespielt sei. Ein merkwürdiges Zeugnis dafür besitzen wir in einer unter den Papieren von Follens Vertrautem, dem Wetzlarer Gymnasialdirektor Ludwig Suell, beschlagnahmten Denkschrift, die uns mit Follens Plan bekannt macht, durch die gemeinsame Auswanderung der deutschen Demokraten nach Nordamerika die Grundlage für die Bildung eines deutschen Jdealstaats auf dcnl Boden der Neuen Welt zu Waffen. Von düsterer Resignation diktiert, stellt die Einleitung dieser zu Ende des Jahres 1819 verfaßten Denkschrift fest, daß eine Gesundung der deutschen Verhältnisse in absehbarer Zeit nicht zu erhoffen sei:Statt Volkseinheit und allgemeiner gleicher Freiheit ist uns Volkszerstückelung und allgemeine gleiche Knecht­schaft geworden. Ackerbau und Gewerbe sind durch übermäßige Steuern und Mauten niedergedrückt, die Geistesfreiheit ist nahezu vernichtet, Unabhängigkeit der Gerichte, Sicherheit des einzelnen, alle Rechte des Menschen nnd des Bürgers werden verhöhnt, und dieser ganze Inhalt des gemeinen Elends, das durch die Bundes- tagsbeschlusse vom September vollendet worden, wird durch eine Form zusammengehalten, die nur zur Unterdrückung jeder innerhalb derselben aufkeimenden Freiheit wirken wird." Steht somit fest, daß das Schicksal des Vaterlandes vom Lichte zur Finsternis und zum allgemeinen Verderben sich abgcwendet hat, so kann doch dieses Verhängnis den deutschen Patrioten weder im Glauben au stul Bott wankend machen noch in seinem Entschlüsse,das Urbild der Menschheit im eigenen Volke zu retten und aufrechtzuer­halten . Da nun aber ein Wirkeil zum ivahren Wohle des Vater- landes auf deutschem Boden unmöglich gemacht worden, so gilt es, cm Auslande eine Freistätte zu suchen, für die nur die nord- amerikanischen Freistaaten in Betracht kommen können. An die Grniidung emeralle Zweige des Wissens umfassenden deutschen Bndungsanstalt rn Amerika knüpft Fallen die weitgehendsten Hoffnungen. Sie soll erstlich den politisch Verfolgten eine Zu­flucht gewähren, ferner unter den Deutschamerikanern die Liebe zu ihrer vaterländischen Art, Sprache und Bildung stärken und dadurch der Erhaltung des Deutschtums dienen. Wenn es ferner Follen als die höcknte Aufgabe des amerikanischen Gemeinwesens gilt, me »j,bee der Freiheit und Gleichheit in reinster Form ru verwirklichen, so mußvon Teutschland als dem Mittelpunkte der ganzen neueren Bildung auch für Amerika der tiefe geistige Gehalt ausgehen, der allein die Grundlage seines Weltstrebens ausmachen kann". Aus diesem Grunde wünscht denn Fallen auch, daß der nach Amerika auswanderndenLehrergemeinde" sich auch andere aeutsche Auswanderer anschließcn und für die Zwecke der deutschen Bildungsanstalt" tätig sind.Auf diese Weise kann cs die Teutschen in Nordamerika zu einem auf dem Kongresse ^vtrcteneu Staate zu verbinden, der ein Vorbild für das Mutter- vielfacher Beziehung für seine Befreiung wichtig ®te Begründung und Erhaltung der geplanten

8) Treitschke, Deutsche Geschichte, I S. 708.

deutschen Lochschule sollte von vornherein durch eigene Miller sichergestellt werden, deren Gewinnung Fallens Denkschrift in erster Linie dienen wollte. Als Mitgliedes derLehrergemesild^" waren außer Karl Fallen und seinen Genossen aus dem Kreise der Schwarzen wohl zunächst die um ihrer freisinnigen Haltung willen verhängten Universitätslehrer, wie Oken, Fries und de Wette und die Brüder Wilhelm und Ludwig Sncll, in Aussicht genommen. 1 1

Sm Gießener Kreise rüstete man sich zu Beginn des Jahres 1820 schoil ernstlich zur Reise in die Neue Welt Ein unter den Papieren eines derSchwarzen" gefundenes Gedicht gibt den Empfindungen, die Fallens Freunde damals erfüllten, stMmungsvollen Ausdruck. Wenigstens die Schlußstrophe dieses Abschieds voin Baterlande" sei hier mitgetcilt:

Emneues Vaterland geh' ich zu finden. Wo Vater Franklins frische Seele baute. Die münd'ge Welt der eignen Kraft vertraute. Der Freiheit junges Licht sich !oill entzünden! Da drüben wächst sie auf zur jungen Eiche. Wir bringen Zunder zu den regen Flainmen, Zum neuen Kreuzzug, zum gelobten Reiche. Rom ist, wo freie Römer stehn zusammen!"

Wenige Tage, nachdem Karl Fallen seine Denkschrift an y«£img Snell in Wetzlar gegeben hatte, wurde diese am 9. Januar 1820 bei.Snells Verhaftung mit dessen übrigen Papieren be­schlagnahmt. Karl Fallen, der in Gießen über die Verfasserschaft der Denkschrift vernommen werden sollte, ergriff die Flucht und fand gleich zahlreichen andern freisinnigen deutschen Gelehrten ein Asyl in der Schweiz, wo er an der Baseler Universität von 1821 bis 1824 als Lektor der Rechtswissenschaft wirkte. Als Oesterreich und Preußen wegen seiner neuen politischen Umtriebe 1824 von der Schweiz die Auslieferung Follens forderte!!, flüchtete er nach Nordamerika und ist hier durch seine glänzenden Vor­lesungen über deutsche Literatur fiir die Einbürgerung deutscher Wissenschaft '»mb Dichtung in den amerikanischen Kreisen tätig geiüefen.

Während Karl Fallen, soweit wir sehen, auf den Plan einer deutschen Massenauswanderung nach Amerika nicht mehr zurück­kam, nahm im Jahre 1833, als abermals jede Aussicht auf eine freiheitliche Gestaltung der deutschen Verhältnisse geschwunden schien, Karl Follens jüngerer Bruder Paul, damals ein viel­beschäftigter, in Gießen hochangcsehener Advokat, jenen Gedankest wieder auf. Eine vou den drei ehemaligen GießenerSchwarzen", dem Pfarrer Friedrich Münch, dem Advokaten CH. von Burig, Paul Follcn, sowie des letzteren Schwager, Universitätsprofessor Vogt (dem Vater Karl Vogts) unterzeichnete Denkschrift vom Jahre 1833 gab der Ueberzengnng Ausdruck,daß uns die Verhältnisse in Teutschland weder jetzt noch für die Zukunft gestatten, die Anforderungen, die wir als Menschen nnd Staatsbürger für uns und unsre Kinder an das Leben machen müssen, zu befriedigen." und daßnur ein Leben, luic es in den freien Staaten Nord­amerikas möglich ist, uns und unfern Kindern genügen könne". Die geplanteAuswanderung im großen" solle die tüchtigen deutschen Elemente zusaiMnenhalten und in Nordamerika ein echt volkstümliches Leben, ein von Kastengeist, Standesdünkel nnd dem Zwange kleinlicher Modesucht und- Verwöhnung freies, auf den wahren Geist des Christentums gegründetes verjüngtes Teutsch- land erflehen lassen. Das Ziel der Auswanderung sollte das damals noch nicht staatlich organisierte Territorium Arkansas sein. An die erste, von Münch und Paul Follcn geführte Aus- wanderungsgcsellschaft, die 1834 in einer Stärke von etwa fünf­hundert Köpfen abging, sollten sich alljährlich neue deutsche Kolo­nien anschließen, bis diese endlich als ein eigener deutscher Freistaat an die Union angegliedert werden könnten. Die Verfassung der ersten Kolonie war bis ins einzelne festgelegt: namentlich war die Haltung von Sklaven bei Strafe der Ausschließung verboten. Der deutsch-amerikanische Mnsterfreistaat sollte, so hoffte man, auch auf die freiheitliche Entwicklung des alten Vaterlandes eine wohltätige Rückwirkung ausüben.

Das mit so hochfliegendem Idealismus ins Werk gesetzte Unternehmen schlug infolge unzweckmäßiger Vorbereitung und unglücklicher Zwischenfälle völlig fehl. Paul Fallen sah seine Auswandererschar, von der er in Unfrieden geschieden, sich nach allen Richtungen hin zerstreuen und hatte eilte Reihe weiterer schmerzlicher Enttäuschungen erlebt, als er 1844 auf seiner Farm in Missouri dem Tropenfieber erlag. Friedrich Münch, zu dem sich bald auch sein jüngerer Bruder Georg, gleichfalls ein alter GießenerSchwarzer", gesellt hatte, kämpfte sich tapfer durch. In hartem Ringen in der Wildnis von Warren County am Missouri gelangte er zu Wohlstand und Ansehen, wurde zum Staatsseuator gewählt, wirkte in erfolgreicher Weise für die Skla- venemauzipation und entfaltete daneben eine ungemein rührige literarische Tätigkeit. Als einer der volkstümlichsten und ange­sehensten Vertreter der alten Generation des Deutsch-Amerikaner- tums hat sich der tapfere Pionier den Unabhängigkeitssinn und den Idealismus seiner stürmischen Jugendzeit bis ins hohe Greisenalter und bis zu seinem Tode (1881) bewahrt.

Hermann Haupt (Gießen).